Leonid Heller, Michel Niqueux. Geschichte der Utopie in Russland. Ostlidern: Edition Tertium, 2003. 377 S. ISBN 978-3-930717-56-9.
Reviewed by Margarete Vöhringer
Published on H-Soz-u-Kult (November, 2005)
L. Heller u.a.: Geschichte der Utopie in Russland
Auf 300 Seiten eine Geschichte der Utopie in Russland zu schreiben, wie es sich Leonid Heller und Michel Niqueux vorgenommen haben, ist an sich schon ein nahezu utopisches Unterfangen. Es gibt bereits zahlreiche Beiträge zur Utopieforschung in Russland, die sich allerdings entweder auf einen kleineren Zeitraum beschränken Stites, Richard, Revolutionary Dreams. Utopian Vision and Experimental Life in the Russian Revolution, New York 1989; Wolter, Bettina-Martine; Schwenk, Bernhart (Hgg.), Die Grosse Utopie. Die Russische Avantgarde 1915-1932, Katalog zur Ausstellung, Frankfurt am Main 1992. oder einen theoretischen und weniger historischen Zugang wählen. Groys, Boris, Die Erfindung Russlands, München 1995. Heller/Niqueux versuchen, beides zu vereinen. Vom 10. Jahrhundert bis zur Perestroika werden religiöse Heilsversprechungen, volkstümliche Träume, Aufklärungsversuche der Intelligenz und Staatsutopien als Inspiratoren oder Indikatoren für Utopien untersucht. Dabei geraten neben den konkreten literarischen Utopien auch andere Genres in den Blick: so genannte „anarchistische Utopien“, ferner „Quasi-Utopien“ (Texte, die nur einige utopische Motive aufweisen), „fiktionale Utopien“ (Prosa, Poesie, Drama) und „argumentative Utopien“ (politische Werke, Publizistik, Abhandlungen, philosophische Essays), sowie „Anti-Utopien“ (negative Entwürfe) und „Gegen-Utopien“ (Reaktionen auf Utopien) (S. 16). Wie aber können all diese unterschiedlichen Materialien und Ereignisse produktiv unter dem Begriff des Utopischen zusammen kommen? Lässt sich noch etwas festmachen, das nicht utopisch ist, wenn schriftlich verfasste Utopien, utopische Vorstellungen und sogar praktisch (verwirklichte) Utopien gleichermaßen berücksichtigt werden?
Heller/Niqueux überfordern sich nicht aus Versehen. Ganz im Gegenteil erklären sie die Offenheit ihres historiographischen Zugriffs zur Methode: Die Geschichte der Utopie in Russland soll als komplexes Ganzes und „ohne vorgefasstes Interpretationsraster in halb analytischer, halb essayistischer Form“ dargestellt werden (S. 11). Dies macht die Lektüre anspruchsvoll und scheint den vielfältigen Verflechtungen utopischer Ansätze gerecht zu werden, ist aber auch verwirrend.
Die Darstellungen beginnen chronologisch im 10. Jahrhundert mit den zahlreichen religiösen Vorstellungen von einer Verwirklichung des Heiligen Russlands als Reich Gottes. Wunderbare Sagenerzählungen, Reisebeschreibungen und Legenden sowie volkstümliche Sekten und andere Gegenbewegungen auf die Kirchenspaltung versetzen den Leser in die altrussische Glaubenswelt, die immer wieder neue Wege zu paradiesischer Glückseligkeit versprach und bis ins 20. Jahrhundert hinein verschiedenste alternative Gesellschaftsformen als Ausprägungen der „bäuerlichen Utopie“ (S. 64) hervorbrachte.
Unter Peter dem Grossen wandelte sich die russische Utopie vom religiösen, gesellschaftlichen Ideal zur Staatsutopie, die sich dadurch auszeichnete, „Sklaven so handeln zu lassen, als seien sie freie Menschen“ (S. 70). Zarin Elisabeth und Katharina die Große führten Peters Werk der Modernisierung Russlands und damit die einer aufklärerischen Vision von allgemeiner Bildung und wissenschaftlich-technischem Fortschritt weiter und riefen dabei allerhand einfallsreiche „Weltverbesserer“ mit mehr oder weniger eindeutigen Gegenutopien auf den Plan. Leider bekommt man von diesen recht wenig erzählt. Stellvertretend für die Bindeglieder zwischen den gelehrten und den volkstümlichen Utopien werden, allerdings nur kurz, Józef Jeleñski und Iwan Trewoga vorgestellt, die beide auf Lehren der Freimaurer, Martinisten und Rosenkreuzer zurückgriffen, welche wiederum „mit einem ganzen Bündel an Vorstellungen über die ideale Gesellschaft, den vollkommenen Menschen und die russische Zukunft“ einhergingen (S. 94). Doch nicht nur in die Zukunft projizierte Utopien entstanden in dieser Zeit, auch die Vergangenheit Russlands wurde zur Verklärung der Gegenwart offenbar immer wieder umgeschrieben, was Heller/Niqueux als „Blick zurück nach vorn“ beschreiben. Die gesamte Geschichte erschien so „als Fortschreiten zu zwangsläufiger Vervollkommnung“ und erhielt „einen utopistischen Anstrich“ (S. 118). Entsprechend reich an Beispielen wird die Ausdifferenzierung des Utopischen in der Russischen Literatur des 18. Jahrhunderts beschrieben. Auch hier möchte man gerne genaueres erfahren über die Spezifika von utopischen und nicht-utopischen Texten, statt sie alle im Schnelldurchlauf als „quasi-utopisch“ zusammengefasst zu bekommen (S. 137).
Im 19. Jahrhundert schließlich konkretisiert sich das Utopische in Russland als Regulativ für die bestehende gesellschaftliche Ordnung. Alexander I. richtete „ein Ministerium für Utopie- und Religionspropaganda“ ein, der Staatsutopismus materialisierte sich in kasernenhaft angelegten „Musterkolonien“ (S. 142f.). Doch wieder drängen sich mehr Fragen als Antworten auf. Wodurch unterscheidet sich beispielsweise das „träumerische Handeln“ der Dekabristen, das sich unter anderem aus „der Enttäuschung über den langsamen Fortgang der Reformen“ gespeist hatte (S. 144), von nicht utopischen, sondern einfach nur scheiternden Reformversuchen? Welche praktischen Folgen zog ein utopisches Konzept nach sich und umgekehrt: aus welchen historischen Entwicklungen gingen Utopien hervor?
Am deutlichsten wird die Problematik der Abgrenzung von Utopischem und Nicht-Utopischem schließlich in der Periode, die Heller/Niqueux mit „Utopien werden Wirklichkeit“ betiteln (S. 276). Die Autoren sehen mit der Oktoberrevolution die Konjunktur des Utopischen ausgerechnet in einer Zeit gekommen, in der es um die tatsächliche Realisierung eines neuen Gesellschaftskonzeptes ging und nicht mehr um dessen Projektion. Nun erscheinen selbst übermütige Lebenserwartungen, wissenschaftliche Experimente, die propagandistische Literatur der Bürgerkriegsjahre und Fünf-Jahrespläne als utopisch – ungeachtet dessen, ob diese Utopien realisierbar waren oder nicht, ob sie praktische Umsetzungen ermöglichten oder nicht.
Eine Ideengeschichte des Utopischen scheint sich der Frage von Praktikabilität nicht stellen zu müssen, auch wenn sie in den Kern der Definition des Begriffs trifft: So leitet sich das Utopische etymologisch doch gerade vom „Nirgendland“ ab, ist räumlich oder zeitlich in der Ferne angesiedelt, ist „phantastische Vorstellung ohne reale Grundlage, Wunschtraum, Hirngespinst“. Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, 1997, S. 1493. Statt mit diesem Widerspruch zu arbeiten, unterstellen Heller/Niqueux nicht nur den verschiedensten Phänomenen in phantastischen Romanen und philosophischen Projektionen, dass sie utopisch seien, sondern auch jenen, deren Umsetzung tatsächlich versucht wurde.
So verlangt beispielsweise „die Utopie des Proletkul’t“ als „Erbe des Gotterbauertums“ in jeder Hinsicht nach Klärung. Welcher Art „majestätische und symbolische Riten“ hat dieser „Bastard des Symbolismus“ ausgesponnen, und an welche „Riten der esoterischen Mysterien“ erinnerte er genau (S. 251)? Solch beiläufige Zuschreibungen gehen nicht nur über die Komplexität der Massenorganisation des Proletkul’t hinweg, der alles andere als nur Theorie und mithin Utopie war Mally, Lynn, Culture of the Future. The Proletkult Movement in Revolutionary Russia, Berkeley 1990. , sondern sie lassen auch das Wesen des Utopischen im Unklaren. Dabei würde sich gerade der Proletkul’t dazu eignen, utopische Vorstellungen innerhalb der Verflechtungen von Theorie und Praxis zu lokalisieren, wenn man berücksichtigt, dass er nicht nur Ideen von Gotterbauern zusammenführte, sondern neben literarischen auch physiologische Experimente hervorbrachte. Dazu demnächst: Vöhringer, Margarete, Rausch im Blut. Alexander Bogdanovs Experimente zwischen Kunst und Wissenschaft, in: Arpad von Klimo; Rolf, Malte (Hgg.), Rausch und Diktatur, in Vorbereitung.
Ob Politik, Ideen, Gedanken, Entwürfe und Pläne, literarische, technische oder künstlerische Visionen – alles erscheint für die Jahre nach der Revolution als Effekt kühner Träumereien. Wenn aber in einer Zeit nahezu alles als utopisch benennbar wird, wenn man sich fragen muss, was denn eigentlich nicht utopisch war, legt das nicht den Verdacht nahe, dass dieser Begriff kaum mehr greift? Wie viel bleibt von einer Utopie übrig, wenn man ihr einen Ort und einen Zeitraum gibt, in dem sie realisiert werden kann? Ist eine in die Tat umgesetzte Utopie überhaupt noch utopisch, oder ist sie nicht eher eine missbrauchte, eine aufgegebene Utopie? Sollte man angesichts gescheiterter Projekte, statt sie als utopisch zu entlarven, nicht nach den politischen, sozialen und konzeptuellen Grenzen fragen, die ihrer Realisierung gesetzt waren?
Heller/Niqueux haben zweifellos ein äußerst differenziertes Bild von der Geschichte der Utopie in Russland gezeichnet, ohne sich auf die üblichen binären Einteilungen in utopistisch und rationalistisch oder sich auf die großen Autoren zu beschränken. Doch hätte es die Konzentration auf einen kleineren Zeitraum und auf weniger Beispiele ermöglicht, an entscheidenden Stellen mehr in die Tiefe zu gehen und sich stärker auf die Zusammenhänge zu konzentrieren, die zeigen, „wie Mythen und utopistische Ideen entstanden, sich entwickelt haben und manchmal auch verfallen sind“ (S. 307).
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Citation:
Margarete Vöhringer. Review of Heller, Leonid; Niqueux, Michel, Geschichte der Utopie in Russland.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
November, 2005.
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