Kai Dreisbach. USA und ASEAN: Amerikanische Aussenpolitik und regionale Kooperation in Südostasien vom Vietnamkrieg bis zur Asienkrise. Trier: WVT Wissenschaftlicher Verlag Trier, 2004. 395 S. ISBN 978-3-88476-656-9.
Reviewed by Wilfried Mausbach
Published on H-Soz-u-Kult (January, 2005)
K. Dreisbach: USA und ASEAN
Von der europäischen Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt hat der in Washington ausgerufene Krieg gegen den Terrorismus auch Südostasien wieder stärker in das Blickfeld der amerikanischen Politik gerückt. Im Schatten der Schlagzeilen über die militärischen Auseinandersetzungen im Mittleren Osten sorgen sich außen- und sicherheitspolitische Experten zunehmend um den Teil der Welt, der im Westen von Indien, im Norden von China, im Süden von Australien und im Osten vom Pazifischen Ozean eingerahmt wird und dessen territoriale, ethnische, religiöse und politische Vielfalt und Unübersichtlichkeit ihn zu einem idealen Rekrutierungs- und Rückzugsraum des islamistischen Terrorismus machen. Im Rückblick erscheinen die im Jahr 1995 in einem Apartment über der Bucht von Manila entdeckten Pläne, auf einen Schlag zwölf amerikanische Passagiermaschinen über dem Pazifik zu zerstören, als erster Ausweis jener koordinierten Massentötungsaktionen, die zum Kennzeichen von Al Qaida werden sollten. Der blutige Anschlag auf zwei balinesische Nachtclubs im Oktober 2002 galt nicht nur westlichen Touristen, sondern auch den politisch instabilen Verhältnissen des Inselreichs Indonesien, in dem mehr Muslime leben als in allen anderen Staaten der Erde. Die jüngsten, offenbar auch religiös aufgeladenen Scharmützel im Süden Thailands dürften die Befürchtungen verstärken, dass der in Südostasien traditionell moderate Islam sich zunehmend radikalisieren könnte. Präsident George W. Bushs Reise in vier südostasiatische Länder im Oktober 2003 unterstreicht die wieder gewachsene amerikanische Aufmerksamkeit für die Region.
Wer wissen will, auf welcher sensiblen historischen Grundlage der wiedergewählte Präsident auch in seiner zweiten Amtszeit die amerikanischen Beziehungen zu Südostasien gestalten muss, dem sei die kenntnisreiche und faktengesättigte Kölner Dissertation von Kai Dreisbach empfohlen. Das Buch bietet erstmals einen detaillierten Überblick über die amerikanische Außenpolitik gegenüber jenem losen Verbund von Staaten, der sich im Jahr 1967 als Association of Southeast Asian Nations (ASEAN) formierte. Bisherige Studien konzentrierten sich zumeist auf das Verhältnis zwischen Washington und einzelnen Ländern der Region oder sie beschränkten sich auf eine spezifische Periode oder einen bestimmten Teilbereich der Beziehungen. Dreisbach hingegen nimmt die gesamte Zeitspanne von der Gründung der ASEAN bis zum Ausgang des 20. Jahrhunderts in den Blick. Er berücksichtigt zudem nicht nur die an den Ufern des Potomac vorherrschende Perspektive, sondern bezieht die Ansichten der einzelnen südostasiatischen Länder und deren regionale Koordinierungsversuche im Forum der ASEAN ebenso ein wie ihren natürlichen Impuls, bei der Gestaltung des Verhältnisses zu den USA immer mit einem Auge auf die größeren Nachbarn China und Japan zu schielen. All dies geschieht auf einer breiten Materialgrundlage aus Sekundärliteratur und einschlägigen Periodika, ergänzt um eine gewissenhafte Auswertung regierungsseitiger Aussagen und parlamentarischer Anhörungen, wo es um die US-Außenpolitik im engeren Sinne geht. Vereinzelt ist auch auf Archivbestände der Präsidenten Reagan und Bush sowie des amerikanischen Außenministeriums zurückgegriffen worden sowie auf ein gutes Dutzend Interviews mit amerikanischen Regierungsvertretern und Experten, woraus offenbar vor allem Hintergrundinformationen in die Darstellung eingeflossen sind. Den theoretischen Hintergrund der Untersuchung bildet eine Kombination aus klassischem Realismus und Interdependenztheorien, die es Dreisbach erlauben, auch transnationale Akteure wie internationale Organisationen und privatwirtschaftliche Interessenvertreter in die Darstellung einzubeziehen.
Nach einem einführenden Überblick über Ansätze regionaler Kooperation in Südostasien vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis in die Mitte der 1970er-Jahre, handelt Dreisbach die amerikanische Politik gegenüber der ASEAN in jeweils eigenen Kapiteln für die Amtszeiten der Präsidenten Carter, Reagan, Bush und Clinton ab. Innerhalb dieser vier zentralen Kapitel findet sich zunächst jeweils eine kurze Charakterisierung des Amtsinhabers sowie der Grundlinien und Hauptakteure seiner Außenpolitik, bevor sicherheitspolitische Probleme und ökonomische Entwicklungen im Einzelnen analysiert werden. Dabei wird deutlich, dass „von amerikanischer Seite kein durchgängiges politisches Konzept zum Umgang mit dem südostasiatischen Regionalismus entwickelt worden [ist]“ (S. 5). Obwohl die USA sich zuweilen – etwa bei der Lösung des Kambodscha-Problems – auf die ASEAN stützten, betrieben sie doch allenfalls den Ausbau der Wirtschaftsbeziehungen mit einer gewissen Konsequenz, überließen die Initiative ansonsten weitgehend ihrem Gegenüber und blieben in ihrer Politik gegenüber der Region und ihrem weiteren Umfeld damit ausgesprochen flexibel. So ist es kaum verwunderlich, dass die beiderseitigen Beziehungen – wie Dreisbach überzeugend illustrieren kann – mehr und mehr von weiträumiger angelegten asiatisch-pazifischen Konzepten überlagert und absorbiert wurden.
Die Vorteile einer umfassenden Dokumentation der Beziehungen zwischen den USA und der ASEAN müssen dabei zwangsläufig mit dem Nachteil einer recht weitmaschigen Analyse erkauft werden. So bleibt etwa die Rolle der USA bei der Gründung der ASEAN merkwürdig blass. Zwar erkennt Dreisbach, dass die Johnson Administration die regionale Wirtschaftskooperation primär als Bestandteil der allgemeinen amerikanischen Eindämmungsstrategie begriff. Aber wie wenig das von dem Präsidenten im April 1965 in Baltimore vorgeschlagene Entwicklungsprogramm eine durchdachte Neuausrichtung der amerikanischen Südostasienpolitik darstellte und wie hastig es die seit Jahren vor sich hin dümpelnden Regionalismuskonzepte ausschlachtete, um der gerade begonnenen permanenten Bombardierung Nordvietnams ein Zeichen konstruktiven Engagements gegenüberzustellen, wird nicht deutlich. Tatsächlich diente auch die zuvor dilatorisch behandelte, nun aber energisch betriebene Gründung einer Asiatischen Entwicklungsbank nicht zuletzt dazu, die Freie Welt in der Region zumindest finanziell Flagge zeigen zu lassen, nachdem der Ruf nach militärischer und logistischer Unterstützung fast ausnahmslos auf taube Ohren gestoßen war. Vor diesem Hintergrund vermag die scheinbar desinteressierte Nonchalance, mit der Washington auf dem Höhepunkt des Vietnamkriegs die Gründung eines südostasiatischen Dialogforums begleitete, nicht recht einzuleuchten.
Dass selbst enge Verbündete der USA wie Thailand und die Philippinen – beide immerhin mit eigenen Truppenkontingenten in Südvietnam an der Seite Amerikas kämpfend – die Geborgenheit der neuen Institution bald nutzten, um sich vorsichtig von der westlichen Vormacht abzusetzen, kann aufgrund der sich abzeichnenden amerikanischen Rückzugsneigung ebenso wenig erstaunen wie die Tatsache, dass die Nixon Administration nicht mehr die Kraft aufbrachte, die ASEAN womöglich zu einem Eckpfeiler einer südostasiatischen Nachkriegsordnung zu machen. Wie Dreisbach überzeugend herausarbeitet, war es die Regierung Carter, die das Potential der Organisation für die US-Politik in der Region erkannte. Freilich provozierte ihre ambivalente Menschenrechtspolitik, die strategisch wichtigere Mitglieder der ASEAN weniger hart anging, zugleich auch erste Irritationen und deutete bereits eine in den folgenden Jahrzehnten fast leitmotivisch wiederkehrende Unberechenbarkeit an: Sobald die Beziehungen zu vermeintlich gewichtigeren Nachbarn der ASEAN-Staaten ins Spiel kamen, erwiesen sich die Avancen gegenüber der Regionalorganisation als Lippenbekenntnisse – sei es in der Kambodscha-Frage, in der Ronald Reagan gemeinsame Positionen aufgab, um die Entspannung mit China nicht zu gefährden, und George Bush in einer überraschenden Kehrtwende plötzlich auf die neuerdings reformorientierte Sowjetunion und auf Vietnam setzte; sei es in wirtschaftlichen Belangen, wo die Wiederannäherung an Japan und der Lockruf des chinesischen Marktes dazu führten, dass die ASEAN sich bald auf den Status einer bloßen Subregion innerhalb eines größeren asiatisch-pazifischen Raums zurechtgestutzt sah.
Die recht schematisch anmutende Gliederung des Buches droht derartige Kontinuitäten zuweilen zu verschleiern, während sie umgekehrt die Neigung weckt, bei jedem Regierungswechsel auch nach Kursänderungen Ausschau zu halten. Wenn Dreisbach diesem Drang auch nicht immer widerstehen konnte, so trifft seine Charakterisierung der Asienkrise von 1997 als Wasserscheide in den Beziehungen der USA zu Südostasien doch fraglos ins Schwarze. Er demonstriert in bestechender Klarheit wie das traditionelle ASEAN-Prinzip der Nichteinmischung in innere Angelegenheiten die Gemeinschat in höchster Not politisch lähmte und der Verlust des wirtschaftlichen Nimbus konfliktträchtige Menschenrechtsfragen zunehmend in den Vordergrund rückte. Beides wirkte sich nicht allein negativ auf das Ansehen der Region aus, sondern bremste auch die transpazifische Agenda der USA, womit ASEAN weiter an Gewicht verlor. Ob der neue Vorrang des Terrorismus das nachhaltig ändern wird, bleibt abzuwarten. Einstweilen haben beide Seiten zu einer pragmatischen, fundamentale Differenzen ausklammernden Zusammenarbeit zurückgefunden. Wenn darin eine langfristige amerikanische Strategie für Südostasien auch nicht erkennbar ist, so zeigt die Dissertation von Kai Dreisbach, dass dies in den vergangenen Jahrzehnten kaum anders war.
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Citation:
Wilfried Mausbach. Review of Dreisbach, Kai, USA und ASEAN: Amerikanische Aussenpolitik und regionale Kooperation in Südostasien vom Vietnamkrieg bis zur Asienkrise.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
January, 2005.
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