Hans-Joachim Veen. Alte Eliten in jungen Demokratien?: Wechsel, Wandel und Kontinuität in Mittel- und Osteuropa. Köln: Böhlau Verlag, 2004. 408 S. ISBN 978-3-412-08304-5.
Reviewed by Gert Pickel
Published on H-Soz-u-Kult (July, 2005)
H.-J. Veen (Hg.): Alte Eliten in jungen Demokratien
Eliten sind immer wieder Thema der Diskussion in der Transformationsforschung gewesen. Wurden sie einerseits zum Ausgangspunkt von Transformationstypologien genommen Vgl. Merkel, Wolfgang, Systemtransformation. Eine Einführung in die Theorie und Empirie der Transformationsforschung, Opladen 1999; Ders. et al. (Hgg.), Systemwechsel, 5 Bde., Opladen 1994-2000. , so waren sie andererseits die Gruppen, auf denen Hoffnung ruhte oder vor denen Furcht herrschte. Der aus einer 2003 in Weimar durchgeführten Tagung hervorgehende Sammelband von Hans-Joachim Veen beschäftigt sich mit der Position von Eliten in den osteuropäischen Transformationsprozessen. Dabei steht eine auf die Eliten nach 1990 bezogene sozial- und politikwissenschaftliche Perspektive im Vordergrund, die sich gleichermaßen den neuen (demokratischen) Eliten wie auch den alten (kommunistischen) Eliten in den postkommunistischen Ländern widmet. Der Elitenbegriff konzentriert sich auf politische Eliten und weniger auf Funktionseliten; er kommt in den Beiträgen sowohl akteurstheoretisch wie auch funktionalistisch zur Anwendung.
Strukturiert wird der Band durch regionale Schwerpunkte. Er ist aufgegliedert in Analysen zur DDR bzw. den „Neuen Bundesländern“ (Ehrhart Neubert, Michael Edinger, Markus Pohlmann, Helmut Müller-Enbergs, Peer Pasternack, Lothar Mertens, Karl Schmitt), Polen (Jacek Wasilewski, Ryszard Terlecki, Jaroslaw Szarek, Daniel Wicenty, Kazimierz Wóycicki), Ungarn (Gabriella Illonszki, Mate Szabó, György Lengyel, Tamás Fricz, Holger Fischer) und Rumänien (Anneli Ute Gabanyi, Andrei Roth, Marius Oprea, Anton Sterbling). Flankiert werden diese Länderanalysen durch „internationale Querschnittsvergleiche“ von Heinrich Best (Politik, Sicherheitsapparat) und Franz-Lothar Altmann (Wirtschaftsbereich).
Bereits an dieser Stelle kann ein zentrales Problem des Bandes identifiziert werden. So kann man sich fragen, inwieweit die doch recht knappe Länderauswahl geeignet ist, dem Anspruch einer übergreifenden Betrachtung von „alten Eliten in (den) jungen Demokratien (Osteuropas)“ gerecht zu werden. Die Integration zumindest eines Landes der russischen Region und des Baltikums wäre sicherlich hilfreich gewesen, um einen umfassenderen Überblick zur Stellung, Bedeutung und Positionsverschiebung von Eliten in den osteuropäischen neuen Demokratien zu erhalten, sind doch gerade im Baltikum die Auseinandersetzungen zwischen den neuen Herrschaftseliten und der früheren russischen Nomenklatura besonders intensiv geführt worden.
Um der Gefahr der Partikularisierung von Artikeln entgegenzuwirken, die einem Sammelband innewohnt, haben sich die Autoren an vier leitenden Fragestellungen orientiert: „1. Welche Rolle spielten die alten Eliten im demokratischen Transformationsprozess? 2. Wie wurden sie nach dem Regimewechsel behandelt? 3. Welche Rolle spielen sie heute in den jungen Demokratien in den wesentlichen Bereichen der Politik, der Wirtschaft, dem Sicherheitsapparat und im Felde von Kultur und Medien? 4. Welche neuen Eliten konnten sich im Transformationsprozess entwickeln, welche Rolle spielten sie danach und spielen sie heute in den jungen Demokratien?“ (S. 7)
Diese Fragen sind gut gestellt, doch werden sie nicht in allen Aufsätzen in der gleichen Weise, ja nicht einmal in allen Aufsätzen überhaupt behandelt. Dies erweist sich umso mehr als ein Problem, als es leider keine wirkliche Zusammenfassung gibt, die die einzelnen Ergebnisse zu grundsätzlichen Antworten auf die genannten Fragen bündeln würde. Die beiden abschließenden Artikel von Best und Altmann stellen eher den Versuch eines systematischen Blicks auf jeweils einen Themenbereich dar, der aber (a) eher intuitiv den systematisch ist, (b) die vorangegangenen Aufsätze nur sehr begrenzt reflektiert und (c) viel zu kurz ausfällt, um als Fazit zu taugen. Demgegenüber recht hilfreich sind die Zusammenfassungen zu den einzelnen Ländern von Schmitt, Wóycicki, Fischer und Sterbling, wobei Wóycickis Artikel in seiner zusammenfassenden Präzision etwas abfällt.
Da sich eine Besprechung der einzelnen Beiträge aufgrund der großen Zahl von Aufsätzen (26) verbietet, seien hier nur einige kurze Verweise gegeben. Hervorzuheben sind die sehr instruktiven Aufsätze von Szabó (zu den ungarischen Dissidenten) und Sterbling (zum Fallbeispiel Rumänien). Gerade Szabós Unterscheidung zwischen kommunistischen Hardlinern und Softlinern (S. 260) ist ein guter Ansatz, die Aufteilung der Eliten zu beschreiben, und bereichert die Analyse der ungarischen Opposition in ähnlicher Weise wie Sterblings Begrifflichkeit der Elitenkonfiguration (S. 364). Solche analytischen Differenzierungen hätte man sich auch von einigen anderen Beiträgen erhofft. Die häufig festgestellte Kontinuität der alten Eliten erweist sich in den weiteren Artikeln genauso als ein Leitmotiv wie die Skepsis an der noch bestehenden Relevanz des Themas für die aktuelle Analyse des politischen Lebens. So wird die Legitimität von Parteien, Eliten und sozialen Gruppierungen eher als Ergebnis der alltäglichen Entscheidungen angesehen. Fischer argumentiert, dass die „Legitimität [der Eliten] heute eigentlich nur noch durch die Qualität des politischen Handelns begründet“ werde (S. 312).
Trotz der angesprochenen Einschränkungen verdient der Band eine Empfehlung. So enthält er eine breite Übersicht zu den verschiedenen Exklusions-, Inklusions- und Wirkungsprozessen der Eliten in den untersuchten Transformationsländern. Als besonders aufschlussreich erweist sich, dass die Beiträge hinsichtlich der heutigen Bedeutung der früheren Eliten und der Relevanz der Diskussion selbst kontrovers sind (siehe S. 224f., 311f.). Erkennbar werden auch drei Dilemmata der aktuellen Elitenforschung: erstens das Fehlen systematischer Analysen über mehrere Gebiete hinweg, um vergleichende und generalisierende Aussagen zu ermöglichen, zweitens die Uneinigkeit in der Beurteilung der Eliten und drittens das derzeit sinkende Interesse an der Elitenforschung selbst. Der vorliegende Band trägt zu der Einsicht bei, dass gerade letzteres ein Fehler sein könnte.
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Citation:
Gert Pickel. Review of Veen, Hans-Joachim, Alte Eliten in jungen Demokratien?: Wechsel, Wandel und Kontinuität in Mittel- und Osteuropa.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
July, 2005.
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