Thomas Neuner. Karl Krause (1781-1832) in der spanischsprachigen Welt: Spanien, Argentinien, Kuba. Leipzig: Leipziger Universitätsverlag, 2004. 142 S. ISBN 978-3-937209-39-5.
Reviewed by Christoph Pause
Published on H-Soz-u-Kult (March, 2005)
T. Neuner: Karl Krause in der spanischsprachigen Welt
Der deutsche Philosoph Karl Krause (1781-1832) ist in Deutschland heute so gut wie vergessen und spielt in der gleichsam offiziellen Geschichte der Philosophie, wie sie sich in der Literatur findet, allenfalls eine marginale Rolle. Dass er heute dennoch, zumindest bei Historikern, die sich mit spanischsprachigen Ländern beschäftigen, bekannt ist, liegt an der Bedeutung, die der so genannte Krausismo, der sich aus seinen Schriften entwickelte, in einigen Ländern Südamerikas sowie in Spanien im 19. Jahrhundert für die Entwicklung des Liberalismus hatte.
Krause studierte Philosophie bei Fichte und Schelling und verbrachte einige Jahre als Lehrer an der Dresdner Ingenieurakademie. Obwohl er sich an verschiedenen Universitäten bewarb, konnte er keine Berufung auf einen Lehrstuhl erreichen. In Berlin stand er im Wettbewerb um die Nachfolge Fichtes. Sein Kontrahent war Hegel. Krause erhielt den Lehrstuhl nicht. Nach einigen Jahren in Göttingen gelangte er 1831 nach München. Dort hoffte er auf eine Beschäftigungsmöglichkeit an der Universität, aber sein ehemaliger Lehrer Schelling stellte sich gegen ihn. 1832 starb Krause. Er hat ein umfangreiches Werk hinterlassen, das sich mit ethischen, erkenntnistheoretischen, rechtsphilosophischen, ästhetischen und pädagogischen Fragen befasst.
Basis seines Denkens war der so genannte Panentheismus, der systematisch zwischen Pantheismus und Theismus angesiedelt ist. Gott sei als Naturwesen in der ganzen Welt präsent, als Vernunftwesen gehe er aber nicht völlig in ihr auf. Wolters, Gereon, "Krause, Karl Christian Friedrich”, in: Mittelstraß, Jürgen (Hg.), Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, Bd. 2, Mannheim 1984, S. 493-494, hier S. 493. Im Mittelpunkt des Krauseschen Denkens stand die Forderung an den freien Willen, das Gute auszuwählen, um das Böse zu überwinden. Wer die Gesetze, die innere Lebensfülle und Schönheit der Natur erkenne, könne eine Welt vollkommener Harmonie in Gott bauen, so Krauses Hoffnung. In seiner Rechtsphilosophie begründet Krause die Gleichberechtigung der Frauen, das Recht der Kinder, das Recht der Natur. Nach Krauses Tod kümmerten sich einige Freunde um sein Erbe. Der bedeutendste war der Rechtsphilosoph Heinrich Ahrens (1808-1874), der Krauses Werk in mehrere Sprachen übersetzte und in seine eigenen rechtstheoretischen Schriften einfließen ließ. Ahrens spielte im deutschen Geistesleben kaum eine Rolle, hatte aber in den romanischen Ländern, von Belgien über Spanien bis nach Hispanoamerika, einen riesigen Erfolg. Ahrens vermittelte durch eigene Schriften, die ins Spanische übersetzt wurden sowie durch einige Exilspanier, die an der Pariser Sorbonne einige seiner Vorlesungen in den 1830er-Jahren hörten, Krauses Ideen nach Spanien. Dort fanden sie eine enorme Resonanz, vor allem nachdem der Rechtsphilosoph Sanz del Río in den 1860er-Jahren ein Werk veröffentlicht hatte, das zur Bibel des spanischen Krausismo werden sollte.
Thomas Neuner hat Krause und die Rolle seines Denkens in Lateinamerika zum Gegenstand seiner Kölner Magisterarbeit gemacht. Ziel der Arbeit ist, einen Überblick sowohl über den Krausismo an sich als auch über die nationalen Ausprägungen in Spanien, Argentinien und auf Kuba zu geben. Spanien dient dabei als Basis, auch wenn dem Land, zumindest anfangs, keine besondere Bedeutung als Vermittler krausistischer Ideen nach Amerika zukam. Neuner lehnt sich im Aufbau an Carlos Stoetzer an, der 1998 eine umfassende Studie zum Krausismo in der spanischsprachigen Welt veröffentlicht hat. Stoetzer, O. Carlos, Karl Christian Friedrich Krause and his Influence in the Hispanic World, Köln 1998. Die Nähe Neuners zu Stoetzers Werk zeigt sich bereits darin, dass der Titel seiner Untersuchung mit der Stoetzers fast identisch ist.
Neuner, der die Literatur sehr genau wiedergibt, erzählt die Chronologie der verschiedenen, im Endeffekt gescheiterten Versuche der Krausisten im 19. und frühen 20. Jahrhundert, Spanien zu modernisieren und zu liberalisieren. Er gibt zudem einen Überblick über die wissenschaftliche Diskussion über den spanischen Krausismo und seinen Erfolg unter Intellektuellen und Politikern. Das Kapitel endet mit einer idealisierenden Skizze des krausistischen Lebensstils, die dessen Vertreter als asketische Stoiker zeichnet: dem gesellschaftlichen Leben abhold, dem Ideal des Schweigens folgend, wenn überhaupt, dann einzeln in ernste Gespräche vertieft (S. 54). Diese Verklärung der Krausisten irritiert, scheint sie doch auf eine Unterscheidung zwischen faktischem Lebensstil und idealisierender Selbstbeschreibung zu verzichten.
Ähnlich wie das Kapitel über Spanien sind auch diejenigen über Argentinien und Kuba angelegt, wobei Kuba nur ein kurzer Annex an die ausführliche Darstellung des argentinischen Falles ist. In Lateinamerika fiel der Krausismo nach Erreichen der formalen Unabhängigkeit von den iberischen Mutterländern Anfang des 19. Jahrhunderts auf fruchtbaren Boden. Insbesondere der Fortschrittsoptimismus Krauses habe der Hoffnung auf eine schnelle Neuordnung der Gesellschaft Nahrung gegeben. Nicht zuletzt sei die Idee Krauses von der Nation als wichtigem Element für eine freie Föderation der Völker in einer Weltsolidargemeinschaft von Bedeutung gewesen. Darauf habe sich der argentinische Präsident Raúl Alfonsín noch in den 1980er-Jahren berufen.
Neuner ordnet den Krausismo auch in das Geistesleben Argentiniens im 19. Jahrhundert ein. Es war bestimmt durch die Rezeption des Eklektizismus des Pariser Hegel-Schülers Victor Cousin, der den deutschen Idealismus in der französischen Bearbeitung nach Amerika brachte und bei der Generación de 1837 auf Interesse stieß. Er bildete eine Art Nährboden für die Beschäftigung mit dem Krausismo nach dem Ende der Diktatur von General Rosas 1852. Während aber der Positivismus in der Nachfolge Auguste Comtes den Eklektizismus ab 1890 verdrängt habe, habe der Krausismo gleichsam eine Art Vermittlerrolle gespielt und sich zum Krauso-Positivismo weiter entwickelt. Zudem habe der Krausismo die sozial verantwortliche, nicht-individualistische Variante des argentinischen Liberalismus bis weit ins 20. Jahrhundert inspiriert.
Neben der Darstellung des Krausismo in den drei Ländern sucht der Verfasser auch eine Antwort auf die Frage, ob angesichts der enormen Bedeutung der Ideen Krauses für die hispanische Welt das Urteil über den Philosophen als zweitrangig nicht überdacht werden muss. Neuner formuliert es noch allgemeiner: Es stelle sich die Frage, „ob bei der Beurteilung kultureller Epochen nicht gerade diejenigen Repräsentanten einer Disziplin stärker zu berücksichtigen sind, die bei der offiziellen Kanonisierung durch die Autoritäten der Geschichtsschreibung übergangen wurden“ (S. 12). Eine Antwort darauf findet er nicht, genauer: Seine Frage erweist sich als wenig fruchtbar, denn über den philosophischen Gehalt des Krauseschen Denkens erfährt der Leser nichts, und die Rolle des Krausismo in den behandelten Ländern zeigt ja gerade auf, dass Krause in der Historiografie eben keineswegs eine zweitrangige Rolle zugewiesen bekommt. Überhaupt fragt man sich zuweilen, ob der Verfasser hinreichende Distanz zu seinem Forschungsgegenstand gewonnen hat. Es ärgert ihn, dass Krause in Deutschland so gut wie vergessen ist, und auch in Lateinamerika sieht er den Krausismo nicht genügend gewürdigt. Er fordert Aufmerksamkeit für Krause und weist mit seiner Arbeit doch nach, dass die Forschung seit Jahrzehnten über den Krausismo schreibt und diskutiert, dass der Krausismo und Krause also gar nicht vergessen sind.
Dennoch ist die Arbeit verdienstvoll, weil sie am Ende das einlöst, was sie in der Einleitung verspricht. Sie bringt der deutschen (Fach-)Öffentlichkeit Krause und den Krausismo nahe und bietet eine einen umfassenden Überblick über die derzeitige Literaturlage.
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Citation:
Christoph Pause. Review of Neuner, Thomas, Karl Krause (1781-1832) in der spanischsprachigen Welt: Spanien, Argentinien, Kuba.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
March, 2005.
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