Michi Knecht. Die andere Seite der Stadt: Armut und Ausgrenzung in Berlin. Koeln: Böhlau Verlag, 1999. 347 S. + 7 Abb. (broschiert), ISBN 978-3-412-05799-2.
Reviewed by Johannes Moser
Published on H-Soz-u-Kult (November, 2000)
M. Knecht (Hg.): Armut und Ausgrenzung in Berlin
Armut und Ausgrenzung als gegenwaertige Probleme spaetmoderner Gesellschaften sind ein in der Europaeischen Ethnologie unterbelichtetes Untersuchungsfeld. In Zeiten, in denen unterschiedlichste und noch so marginal wirkende kulturelle Phaenomene zum Thema volkskundlicher Forschung werden, verwundert es, wenn fuer den Menschen so zentrale Bereiche wie Vorstellungen von Gerechtigkeit, Wohlstand oder Armut und die damit verbundenen kulturellen Praktiken selten behandelt werden und dementsprechend wenige Ethnographien dazu vorliegen. Eine umso erfreulichere Ausnahme stellt daher der von Michi Knecht edierte Sammelband ueber Armut und Ausgrenzung in Berlin dar. Im Rahmen eines zweijaehrigen Studienprojektes am Institut fuer Europaeische Ethnologie der Humboldt-Universitaet haben Studierende verschiedene Aspekte von Armut und Ausgrenzung untersucht, wobei die profunde theoretische und methodische Vorbereitung und Begleitung aus allen publizierten Beitraegen spricht. Einmal mehr wird durch die vorliegenden Ergebnisse die Sinnhaftigkeit von Studienprojekten bewiesen, welche als eine spezifische Form der Ausbildung gerade fuer das Fach Europaeische Ethnologie/Volkskunde die Moeglichkeiten bieten, Theorien und Methoden in direkter Auseinandersetzung mit einem Forschungsfeld zu vermitteln.
In ihrer Einleitung "Die andere Seite der Stadt" geht die Herausgeberin auf einige grundsaetzliche Aspekte ein. Das Interesse gilt dem Bild von Armut "im und durch Reichtum", den innerstaedtischen Verdraengungs- und Ausgrenzungsprozessen, eben der anderen Seite einer vor Reichtum strotzenden Gesellschaft. Dabei stehen die Geschichten und Erfahrungen von Menschen im Mittelpunkt, die Armut in unterschiedlichen Dimensionen und Varianten erleben. "Mit einem auf den Alltag gerichteten ethnographischen Ansatz versuchen" die Autorinnen und Autoren, "den gegenwaertigen staedtischen Wandel aus der Erfahrung und Perspektive ganz unterschiedlicher Menschen, Milieus und 'Szenen' zu beleuchten. Verarmung hat benennbare, strukturelle Ursachen, gleichzeitig aber sind die von Verarmung Betroffenen immer Individuen, die auf je eigene, subjektive oder kollektive Arten und Weisen ihre Situation deuten, nach Antworten fahnden, sich an reduzierte Lebensmoeglichkeiten anpassen, um Anerkennung, Identitaet oder Glueck kaempfen, die handeln."
Das Buch ist in fuenf groessere thematische Abschnitte gegliedert, die ich kurz vorstellen moechte. Der erste Abschnitt behandelt "Kulturelle Umgangsformen mit Armut: Mechanismen der Ausgrenzung" und rueckt jene Diskurse in das Blickfeld, die von Politikern, Planern, Managern ueber Armut gefuehrt werden und auf die Betroffenen zurueckwirken. Es wird versucht, jene "kulturellen Codes zu dechiffrieren, durch die Armut als gesellschaftliche Beziehung konstituiert wird". Conni Robe zeigt anhand von Aussagen von Politikern und Planern, wie aus dem sozialen Problem Armut ein aesthetisches gemacht wird, fuer das auch eine aesthetische - oder kosmetische - Loesung gesucht wird. Dominic Veith und Jens Sambale liefern eine ausgezeichnete Diskussion ueber Ghettos, Wohnproblematik etc., sie stellen die kursierenden Metaphern ueber Armut und die Zuschreibung von Devianz an die betroffenen Armen vor. Julia Barth schliesslich wirft einen Blick auf sogenannte "urban managers" und deren spezifische Sicht, die davon gepraegt ist, ungern von Armut zu reden.
Der zweite Abschnitt "Leben am Rand: Verdraengung, sozialer Abschnitt und Ausschluss aus der nuetzlichen Welt" praesentiert die ersten ethnographischen Recherchen dieses Forschungsprojekts, die den weniger sichtbaren Formen von Armut und Ausgrenzung gewidmet sind. So gelingt Patrick Baltzer ein eindruecklicher Beitrage ueber den Abriss von Wohnhaeusern, die einer Autobahn weichen muessen. Ohne weinerlich zu sein, liefert der Autor eine engagierte Ethnographie der besten Sorte und zeichnet die einzelnen Schicksale der Bewohner nach. Daniela Haslecker schildert ausgehend von einem Frauenfruehstueck die Situation von obdachlosen Frauen und plaediert fuer eine differenzierte Sichtweise auf unterschiedliche Biographien und fuer entsprechende differenzierte gesellschaftliche Loesungsmodelle. Peter David und Falk Hoysack widmen sich einer Ostberliner Imbissbude, sie stellen ein spezifisches Milieu und die Funktion von Buden dar. Waren die Buden im Zeitalter der Industrialisierung eine Bewirtung fuer mobile Menschen mit wenig Zeit, wurden sie zu einem Refugium von Leuten, die aufgrund ihrer schlechten materiellen Lage in ihrem Bewegungsradius eingeschraenkt sind und ueber ausreichend Zeit verfuegen. Interessant ist auch der kurze Bericht ueber ihre Feldforschungspraxis, bei der sie herausfanden, dass am Imbiss eine Regel des "Keine-Fragen-Stellens" herrscht, was mit der professionellen Neugier des Ethnographen, der nachzufragen gewohnt ist, in Konflikt treten kann. Cornelia Kuehn praesentiert die Erfahrungen, Strategien und Deutungen von aelteren Arbeitslosen in Ostberlin. Ihre Staerke, die nach meiner Meinung eine unseres Faches ist, liegt darin zu zeigen, dass Menschen voellig anders agieren und ganz andere Einstellungen haben, als ihnen oft unterstellt wird. Insbesondere die Zuschreibungen an Buerger der ehemaligen DDR, ihnen fehle die Eigeninitiative etc., werden damit zu Recht Luegen gestraft. Dies befreit jedoch die hier untersuchten Arbeitslosen nicht von jenen Zwaengen, die neben die strukturellen Begruendungen von Arbeitslosigkeit jene persoenlichen Gefuehle von individuellem Versagen, einer Art von Scham und von Unbehagen treten laesst. Ein Fallbeispiel des Umgangs mit solchen persoenlichen Problemen und in Auseinandersetzung mit der Buerokratie liefern Kathrin Kremmler und Esther Lopez.
Im dritten Abschnitt geht es um "Neue Grenzziehungen: Erfahrungen von Migranten und Fluechtlingen". Elena Martinez-Pato widmet sich bosnischen Fluechtlingen im Berliner Exil, beleuchtet deren schwierige Situation und Ausgrenzung, die sich unter anderem durch Arbeitsverbot und rigorose Kontrollen ergeben. Es stellt sich die Frage nach einer humanen Gesellschaft, wenn man sich diesen Umgang mit ohnehin schon traumatisierten Personen ansieht. Einen ueberaus interessanten Beitrag liefert auch Valerie Froissart, die sich mit zwei illegal in Berlin lebenden Auslaendern befasst. Am Beispiel eines Kuenstlers und eines Diebes will sie der typischen Sichtweise der "Illegalen" als Opfer oder Taeter entgehen. Als Opfer wuerde ihnen immer Hilflosigkeit zugeschrieben, wobei es sich haeufig um eine bewusste Option fuer die "Illegalitaet" handelt. Obwohl die Autorin weiss, sie koennte damit gewisse Ressentiments bedienen, verzichtet sie richtigerweise nicht darauf, die Alltagswirklichkeit eines Diebes zu schildern. Ohne die Delikte zu beschoenigen, verbirgt sich auch hinter dieser Person eine Lebenslage, der nicht nur die Rolle des Taeters zugeschrieben werden kann. Petra Fuerstenau schildert den Alltag einer russlanddeutschen Familie und deren Probleme, Ausgrenzungsprozesse zu ueberwinden und Anerkennung zu finden.
Der vierte Abschnitt des Buches "Auf der Kippe: Zwischen alternativen Lebensentwuerfen und Verarmung" widmet sich der ambivalenten Situation zwischen scheinbar freigewaehlten Lebensentwuerfen und strukturellen Zwaengen. Erika Krech fuehrt uns in die Lebenswelt Berliner Strassenkids ein. Sie ist bemueht, die Dichotomie von Armut und Freiheit, Schutzlosigkeit und Widerstand, Ausgrenzung und Aneignung zu ueberwinden. Claudia Krams wiederum praesentiert eine ca. 50jaehrige lesbische Kuenstlerin, die der Autorin gleich selbst eine sozialwissenschaftliche Analyse ihres Lebens liefert. Darauf aufbauend interpretiert die Autorin Biographie und Alltagswirklichkeit dieser Kuenstlerin milieu- und klassentheoretisch. Sandra Stamenkovic schliesslich beleuchtet das Spannungsfeld zwischen oekonomischem Zwang und bewusster Entscheidung fuer den "anderen" Lebensstil eines Kuenstlers, der als Kunstfigur Karel Duba eingebettet in sein eigenes kuenstlerisches Werk lebt. Im letzten Abschnitt "Prekaere Aussichten: Projekte im Kampf um Raum und Sichtbarkeit" werden Projekte beschrieben, die gegen Unsichtbarkeit ankaempfen und Nischen zu etablieren suchen, fuer die in den Hochglanzbroschueren der spaetmodernen Metropolen kein Platz vorgesehen ist. Lisa Bachmann schildert den Produktionsprozess der Dreigroschenoper in einem Obdachlosentheater, wobei die Schauspielerinnen und Schauspieler grossteils gar nicht obdachlos sind. Corinna Thimme zeigt den Alltag in einer Wagenburg, die zum einen staendig von Vertreibung bedroht ist, zum anderen auch nicht alle Sehnsuechte der darin Wohnenden nach alternativen Lebensformen befriedigen kann. Tiziana Rommelli stellt abschliessend ein Wohnprojekt als soziale Nische vor. Ausgehend von Hannah Arendts Anmerkungen zur Bedeutung des Raumes als Primaerraum fuer Identitaet und als oeffentlicher Raum des Austauschs, des Gesehen- und Gehoertwerdens interpretiert sie das beschriebene Objekt als Versuch, diese beiden Moeglichkeiten fuer die Betroffenen zu erfuellen.
Im Anhang plaediert Michi Knecht dafuer, den zu Recht kritisierten Ansatz einer "Kultur der Armut" von Oscar Lewis durch eine - den neueren theoretischen Entwicklungen des Kulturbegriffs Rechnung tragenden - "Ethnologie der Ausgrenzung" zu ersetzen und dabei die kulturellen Formen der Ausgrenzung wie Diskriminierung, Stigmatisierung, Ignoranz etc. zu untersuchen.
Der Sammelband ist ein ausgezeichnetes Beispiel dafuer, wie soziale Probleme von ethnologischer Seite aus theoretisch und empirisch behandelt werden koennen. Die Spanne zwischen Mikro- und Makroperspektive wird ueberwunden, indem einerseits die strukturellen Ursachen von Armut und Ausgrenzung benannt, die Diskurse darueber dekonstruiert werden, andererseits aber ein ethnographischer Blick uns die alltaeglichen Strategien und Praktiken von Akteuren in diesem Feld der Ungleichheiten vor Augen fuehrt. Mit einer besonderen Sensibilitaet schaffen es die Autorinnen und Autoren, soziale Problemlagen vorzustellen, ohne die Betroffenen blosszustellen. So gelingt der Spagat zwischen den Deprivationserfahrungen der Betroffenen und deren Selbstbestimmungsfaehigkeit, ohne falsche Romantizismen zu erzeugen. Auf diese Weise zeigt dieses Buch einen Kampf um Anerkennung und versucht, den untersuchten "Armen" ihre Wuerde zu erhalten und manchmal vielleicht sogar erst zu geben. Fuer unser Fach bleibt zu hoffen, dass es noch viele solcher gelungenen Beispiele engagierter ethnographischer Gegenwartsforschung geben mag.
Anmerkung: Diese Rezension erschien zuerst bereits in der Oesterreichischen Zeitschrift fuer Volkskunde 3/2000.
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Johannes Moser. Review of Knecht, Michi, Die andere Seite der Stadt: Armut und Ausgrenzung in Berlin.
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November, 2000.
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