Otfried Czaika. David Chytraeus und die Universität Rostock in ihren Beziehungen zum schwedischen Reich. Helsinki: Luther-Agricola-Gesellschaft, 2002. EUR 00.00 (gebunden), ISBN 978-951-9047-60-7.
Reviewed by Nils Jörn
Published on H-Soz-u-Kult (April, 2004)
O. Czaika, David Chytraeus und die Universität Rostock
Die vielfältigen, engen Kontakte zwischen Skandinavien und Norddeutschland werden seit langem von der Forschung thematisiert. Neben den politischen, dynastischen und wirtschaftlichen Beziehungen, auf denen traditionell das Hauptaugenmerk der zahlreichen wissenschaftlichen Untersuchungen liegt, setzten seit dem Ende des 19. Jahrhunderts, stimuliert durch die Matrikeleditionen der Universitäten Rostock und Greifswald, auch Forschungen zu den intellektuellen Kontakten im Ostseeraum ein. Diese wurden vor allem seit den 1980er-Jahren intensiviert, so dass wir heute über zuverlässige Informationen zu den Studienreisen dänisch-norwegischer Studenten zwischen 1536 und 1660, zu denen ihrer schwedischen Kommilitonen an ausgewählte Universitäten des Alten Reiches, unter ihnen auch Rostock, sowie allgemein zur peregrinatio academica skandinavischer Studenten besitzen. Auch zum Leben und Wirken David Chytraeus’ gibt es eine Reihe neuerer Arbeiten. Trotzdem gelingt es Otfried Czaika in seiner Dissertation, neue Facetten des Lebenswerkes Chytraeus’ zu erschließen und die Biografie dieses Gelehrten sehr überzeugend in die akademische Landschaft Norddeutschlands und des Ostseeraumes einzubetten. Dazu befragt er eine Vielzahl ungedruckter und gedruckter Quellen in den verschiedenen nordeuropäischen Archiven und Bibliotheken sehr gekonnt darauf, ob eine Rezeption der Ideen Chytraeus’ nachzuweisen ist bzw. von wem der Rostocker Gelehrte selbst beeinflusst wurde.
Czaika beginnt seine Arbeit mit einem Überblick zur Geschichte Schwedens zwischen Reformation und Konfessionalisierung im 16. und 17. Jahrhundert, in dem er zunächst Ursachen und Verlauf der schwedischen Reformation in der Regierungszeit Gustav Vasas darstellt, um anschließend „Momente und Motive einer fortschreitenden konfessionellen Profilierung im schwedischen Reich“ unter den Söhnen Gustav Vasas bis zum Jahre 1611 zu untersuchen. Dabei gelingt es ihm gut, die Unterschiede bei der Verbreitung des reformatorischen Gedankenguts in Schweden und Finnland herauszustellen.
Im Folgenden gibt er einen allgemeinen Überblick über Studienreisen skandinavischer Studenten vor dem Dreißigjährigen Krieg und richtet anschließend den Fokus auf die Universität Rostock in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Gestützt auf die systematische Auswertung der vorliegenden Studien versucht er, eine Kollektivbiografie der schwedisch-finnischen Studenten in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts zu konstruieren. Dabei scheitert er in Einzelfragen zwar an der Quellenungunst, verdienstvoll bleibt sein Versuch in jedem Falle, da nun wenigstens Thesen zur sozialen und familiären Herkunft, zum Lebensalter, zur Verweilzeit in Rostock, zum Studium an anderen Universitäten und zur Karriere vorliegen. Czaika kann einige sehr hochrangige Karrieren der Rostocker Absolventen nachweisen und argumentiert sowohl mit zahlreichen Beispielen als auch mit statistischen Belegen gegen ältere Ansichten, dass die Bedeutung der Universität Rostock für die Verwaltung und Rechtsprechung in Skandinavien begrenzt war. Leider gibt er nicht konsequent seine statistischen Bezugsgrößen an, so dass man sich die Zusammenhänge manchmal etwas mühsam aus dem umfangreichen Anhang erschließen muss.
Von großem Wert ist das Kapitel zu den zeitgenössischen Studienbedingungen in Rostock, in welchem Czaika die Geschichte der verschiedenen Rostocker Regentien der Skandinavier darstellt und miteinander vergleicht. In diesem Kapitel nutzt er u.a. einen Bestand beschlagnahmter Briefe von schwedischen Studenten, um die Studienbedingungen in den 1560er-Jahren zu rekonstruieren. Die in Stockholm überlieferten Alba Amicorum dienen ihm dazu, soziale Beziehungen der skandinavischen Studenten aufzudecken, diverse Akten des Rostocker Universitätsarchivs für die Darstellung des studentischen Lebens der Zeit.
Ein fünftes Kapitel untersucht die Kontakte David Chytraeus’ zum schwedischen Reich und nutzt dafür zunächst dessen Briefe sowie die Widmungsvorreden. Czaika stellt die Korrespondenzpartner und deren Position in den einzelnen Ländern kurz vor und nennt die Themen der Korrespondenz. Erst dann geht er auf das Leben Chytraeus’ ein und skizziert dessen wichtigste Stationen. Besonderen Wert legt er dabei auf die in Wittenberg geknüpften Verbindungen, verfolgt den weiteren Lebensweg dieser Kontaktpersonen und charakterisiert ihren Einfluss auf die Karriere Chytraeus’. In eigenen Kapiteln geht er sehr ausführlich auf die Stellung des Rostocker Gelehrten in theologischen Streitigkeiten ein, analysiert die Kirchenpolitik einzelner schwedischer Könige und stellt Chytraeus als Historiografen vor.
Anschließend untersucht er die Rezeption der Werke Chytraeus’ durch dessen Schüler. Da die schwedischen Erzbischöfe bis zum Dreißigjährigen Krieg durchgehend ihre Ausbildung an der Universität Rostock erhalten und von den Ideen Chytraeus’ geprägt worden waren, ist dieses Kapitel besonders wichtig. Czaika stellt diese Erzbischöfe in einem eigenen Abschnitt vor und weist den prägenden Einfluss Chytraeus’ auf sie nach.
Stellenweise wäre in diesem darstellenden Teil ein besseres Lektorat wünschenswert gewesen, das Konstruktionen wie „skandinavische Studienreisen“ (S. 70) durch „Studienreisen skandinavischer Studenten“ ersetzt, unverständliche Satzkonstruktionen aufgelöst, konsequent Übersetzungen vorgenommen (Uppsala möte, opsnappede svenske breve) und auf das Vorhandensein eindeutiger Rückbezüge geachtet hätte. Nicht in jedem Falle wird klar, ob unter dem Begriff „schwedische Studenten“ im aktuellen Fall auch finnische Kommilitonen erfasst wurden oder ob sich die Darstellung gar auf alle Skandinavier erstreckt, obwohl „nur“ Ausführungen zum schwedischen Reich angekündigt wurden (Kapitel 5). Namensvarianten (etwa: Oxenstierna, Ochsenstern) hätten abgeglichen und vereinheitlicht werden müssen.
Sehr verdienstvoll, aber nicht immer leicht zu benutzen ist der umfangreiche Anhang, in dem Czaika Einblick in seine Quellen gewährt. Zunächst werden in zwei Listen die schwedischen Könige und Erzbischöfe zwischen der Reformation und dem Ende des Dreißigjährigen Krieges erfasst. Es folgt eine Aufstellung der Studenten aus Schweden, die zwischen 1550 und 1600 in Rostock studierten und in der dortigen Matrikel verzeichnet sind. Diese Auflistung wird ergänzt um elf schwedische Studenten, die Czaika in anderen Akten des Universitätsarchivs und des Landeshauptsarchivs Schwerin gefunden hat. Eine weitere Liste erfasst die „prozentuale Verteilung der Skandinavier in Bezug auf die Matrikel“ zwischen 1501 und 1650 und nennt zunächst die Gesamtzahl der Immatrikulationen an der Rostocker Universität in Zehnjahresabständen, um nach Angabe der absoluten Zahlen den prozentualen Anteil der Dänen/Norweger, Schweden/Finnen bzw. aller Skandinavier zu ermitteln. Diese sehr verdienstvolle Statistik wird jeweils in 50-Jahresschritten zusammengefasst und zeigt, wie bis zum Ende des 16. Jahrhunderts der Anteil der Skandinavier in Rostock stetig wuchs, um seit 1591 fast ebenso stetig abzunehmen. Die folgende Zusammenstellung erfasst den Universitätsbesuch skandinavischer Studenten, die sich zwischen 1551 und 1600 in Rostock immatrikulieren ließen und vor- oder nachher an anderen europäischen Universitäten studierten. Es ist schade, dass der hier untersuchte Zeitraum nicht mit der vorhergehenden Statistik übereinstimmt, so dass man hätte ablesen können, an wen die Rostocker seit 1591 ihre skandinavischen Studenten verloren. Diese und weitere Fragen, die sich bei der Auswertung der Statistiken ergeben, nähren die Hoffnung auf ähnlich gelagerte Untersuchungen, die andere Zeiträume in den Blick nehmen und so einen Gesamteindruck ermöglichen. Durch die Statistik Czaikas wird klar, dass Wittenberg, Greifswald, seit 1591 zunehmend aber auch das schwedische Uppsala wichtige Studienorte für die Skandinavier waren. Bedauerlich ist, dass Czaika bei der Nennung der Universitäten einige offensichtliche Fehler unterlaufen sind und er Stade, Braunsberg oder Olmütz in diese Liste aufgenommen hat, von denen ersteres ein Gymnasium, letztere Jesuitenkollegien waren.
Teilweise unklar bleiben die folgenden drei Statistiken. Zunächst werden Magisterpromotionen der schwedischen Studenten in Rostock zwischen 1551 und 1600 erfasst. In der Aufstellung werden ohne Kommentar Universitätsstädte mit einer Zahl in Klammern genannt, bei der die Bezüge unklar bleiben. Die beiden folgenden Verzeichnisse enthalten „spätere Dienste“ und „Schlussdienste“ der zwischen 1551 und 1600 immatrikulierten „Rostocker Studenten“, gemeint sind wohl die schwedisch-finnischen/skandinavischen (?) Studenten in Rostock. Nur aus einer Fußnote erfährt man, dass sich beide Aufstellungen nur auf die Karrieren bürgerlicher Studenten beziehen, außerdem ist die Auswertung durch die Möglichkeit von Mehrfachnennungen erschwert. Eine Fußnote, die erläutert hätte, wie häufig bei den angegebenen Positionen (Haupt-)Pfarrer, Schulmeister, Bischof, Rektor, Professor, Superintendent und Dompropst Mehrfachnennungen vorkamen, hätte hier Abhilfe schaffen können. Aus Rostocker, Schweriner und Kopenhagener Quellen ordnet Czaika zahlreiche skandinavische Studenten Rostocker Kollegien zu oder benennt sie als Schuldner. Es folgt eine Auflistung der „Opsnappede svenske breve 1564“, bei der 40 Briefe zwischen dem 3. August 1563 und dem 27. März 1564 nach Absender, Adressat und Datum aufgeführt werden. Diese Liste bezieht sich auf die Korrespondenz schwedischer Studenten in Rostock aus dem Siebenjährigen Nordischen Krieg und wird im Kapitel „Studienbedingungen in Rostock“ ausführlich ausgewertet.
Darüber hinaus listet Czaika die Briefe David Chytraeus’ an schwedische Korrespondenzpartner bzw. von diesen an ihn auf, wobei die Schreiben unverständlicherweise nach Vornamen geordnet sind. Angaben wie „Cancellarius Regis Sueciae“, „Dux Carolus“ oder „Senatus Stocholmensis“ sprächen eigentlich gegen eine solche Anordnung. Ähnlich umfangreich und nach demselben Muster ist die Korrespondenz des Gelehrten mit dänischen Adressaten belegt. Weitere Listen geben Auskunft über Widmungsvorreden Chytraeus’ an Persönlichkeiten im schwedischen und dänischen Reich. Sehr ausführlich und nach Autoren geordnet sind zudem Drucke der Rostocker Theologieprofessoren Lucas Bacmeister d.Ä. und d.J. sowie David Chytraeus’ zwischen 1551 und 1613 in schwedischen und finnischen Archiven und Bibliotheken aufgeführt. Ein ausführliches Quellen- und Literaturverzeichnis, getrennte, sehr aufwendige, aber nicht vollständige Register über Personen, Orte und Autoren runden das Werk ab, das bisher in der Forschung vorhanden gewesene Lücken auf sehr gelungene Art schließt, aber auch zahlreiche Anknüpfungspunkte für die weitere Arbeit eröffnet.
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Citation:
Nils Jörn. Review of Czaika, Otfried, David Chytraeus und die Universität Rostock in ihren Beziehungen zum schwedischen Reich.
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April, 2004.
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