Grit Hartmann. Richard Wagner gepfändet: Ein Leipziger Denkmal in Dokumenten 1931-1955. Leipzig: Forum Verlag Leizig, 2003. 264 S.; 36 Abb. EUR 14.00 (broschiert), ISBN 978-3-931801-35-9.
Reviewed by Holger Stunz
Published on H-Soz-u-Kult (October, 2003)
G. Hartmann: Richard Wagner gepfändet
Geplant, gepriesen, gefeiert, gescheitert, verkauft und umgeschmolzen: Die Geschichte der Leipziger Wagner-Denkmäler dokumentiert in einer exemplarischen kulturgeschichtlichen Edition
Richard Wagner wurde im Jahr 1813 in Leipzig geboren. Obwohl er all seine Werke auf der Leipziger Bühne inszenieren konnte und dort gelegentlich dirigierte, mied er seine Heimatstadt weitgehend. Als trotzige Reaktion darauf, und um den großen Sohn der Stadt, der unterdessen zum nationalen Mythos geworden war, zu ehren, gab es seit 1883, seinem Todesjahr, ein Wagner-Komitee, das sich zur Aufgabe gesetzt hatte, dem Genie des Gesamtkunstwerks ein Denkmal zu setzen. Weder dieses Denkmal, noch viele andere in verschiedenen Planungs- und Ausführungsstadien befindliche Monumente wurden abschließend realisiert. Die Geschichten um die Leipziger Wagner-Denkmäler sind solche des Scheiterns auf hohem Niveau – ging es doch immer um Entwürfe mit großer Wirkungsabsicht, um bedeutungsstarke Symbolorte, die nicht nur in und für Leipzig Strahlkraft entfalten sollten, sondern im ganzen Reich.
Trotz des weitegehenden Scheiterns aller Vorhaben (oder gerade deswegen) und auch ungeachtet des Lokalbezugs der Studie (die Denkmalspläne verweisen ebenso wie die Quellen weit über Leipzig hinaus), stellt sie eine exponierte kulturgeschichtliche Pionierarbeit dar.
Zwei Pluspunkte weisen die Studie aus: Zum einen wird der Prozess, ein Wagner-Denkmal zu errichten, der sich vor allem in den Jahren nach 1933 beschleunigte, bis auf Initiativen der Erinnerung an den prominenten Leipziger Bürger zurückgeführt. Somit liefert die Studie auch eine konzise Geschichte der Wagner-Rezeption der Messestadt. Über diesen Kontext hinaus liefert die Autorin auf geradezu bestechende Weise eine Verknüpfung von Reichs- und Lokalpolitik. Die Diskussion um das Denkmal, die Etappen der Verwirklichung werden überall kontrastiert von Beobachtungen, die weiter ausgreifen. Die betrifft z.B. soziale Hintergründe wie die Arbeitslosigkeit, antisemitische Aktionen in Leipzig, die Parteienkonstellation in Leipzig nach 1945 – in jedem Teilkapitel bleibt der Leser im Bilde.
Grit Hartmann verwertet nicht nur Material aus dem Berliner Bundesarchiv, dem Leipziger Stadtarchiv, dem Thüringischen Hauptstaatsarchiv sowie dem Nationalarchiv der Richard Wagner Stiftung in Bayreuth – sie hat über siebzig Dokumente gleichsam diplomatisch abgedruckt und chronologisch arrangiert. Hier liegt ein überreicher Fundus an Schriftstücken vor, an dem man nicht nur ablesen kann, wie nationale und nationalsozialistische Kulturpolitik funktionierte, sondern wie Privatpersonen, Interessengruppen und Institutionen Konsens herzustellen und hochfliegende pathetische Pläne in die Realität zu überführen begannen. Der Dokumententeil, der jeweils am Ende eines der chronologischen Kapitel steht, macht den größten Teil des Buches aus. Die Einleitungen bieten eine Lesart der Dokumente an, stellen sie - wie oben skizziert - in Zusammenhänge, lassen aber dem Leser ausreichend Spielraum, um eigene Entdeckungen zu machen. Das Oszillieren zwischen Quellen verschiedener Provenienz und dem Angebot einer schlüssigen narrativen und argumentativen Struktur, ist sehr anregend und methodisch richtungweisend. Die Dokumente haben nicht den Charakter eines toten Annex, sondern bilden wegen der unmittelbaren Nähe und Vorstrukturiertheit Referenzzentren im Text. Der Vorteil dieses Vorgehens ist sowohl das Transparentmachen der eigenen Basis und Argumente als auch das Angebot an den Leser, eigene Beobachtungen machen zu können. Obwohl die genaue Provenienz jedes der Dokumente sorgfältig aufgeführt ist, stellt sich die Frage nach der Auswahl der Dokumente. Die Autorin macht dieses Vorgehen nicht explizit, allerdings deuten viele Dokumente, die bloß Tagesgeschäft sind, darauf hin, dass hier alles gedruckt wurde, was ihr zur Verfügung stand. Zumindest argumentiert sie nicht mit anderen Quellen.
Auch Zeitungsberichte fließen in die Dokumentation ein und eine reichhaltige Bibliografie animiert zum Weiterlesen und zeigt, dass die Autorin auf der Höhe der Forschung argumentiert. Besonders die Studie Brigitte Hamanns aus dem letzten Jahr stellt eine Referenzstudie da. Dass zum Denkmal als Geschichtsquelle keinerlei Literatur verwertet wurde, fällt auf. Erfrischend schlank aber frequent ist der Anmerkungsapparat, weil er den Leser in die Lage versetzt, Bezüge zu den Quellen nunmehr eigenständig herzustellen.
Grit Hartmanns Gegenstand bedingt eine Überschaubarkeit, die es erlaubt, Vorgänge in aller Ausführlichkeit darzustellen. Die Beschränkung auf den Einzelfall ermöglicht genau die Tiefe und Breite der Argumentation, die sie in ihrer Studie bietet. So liegt eine Arbeit vor, die es nicht nur ermöglicht zu charakterisieren, wie Pläne zu Denkmälern umgesetzt wurden bzw. scheiterten, wo nationalsozialistische Kulturpolitik ansetzte und wie sich die DDR zum begonnen Denkmal verhielt. Sondern die durch die Interaktivität und das Zurverfügungstellen von Material erlaubt, nachzuspüren und zu überprüfen, wie Geschichte geschrieben wird sowie auf welche Dokumente die Autorin sich dabei stützt.
Die Studie thematisiert einen häufig vernachlässigten Aspekt in der Debatte um Denkmäler und Erinnerungskultur: die Kosten für dieses symbolische Handeln. Unter Berufung auf Hitlers Diktum ‚Deutsches Nationaldenkmal Richard Wagners’ beantragte Bürgermeister Goerdeler, dessen ambivalentes Handeln und gefährdete Position in Einleitungen und Quellen klar werden, im Jahr 1936 einen Reichszuschuss von einer Million Reichsmark – schon längst waren die Kosten außer Kontrolle geraten: Waren die ursprünglichen Kosten bei 700.000 RM angesetzt, so gaben später allein Reichsstellen 3 Millionen DM. Im Laufe der Zeit wurde Kritik am unheroischen Stil Hipps und seiner schleppenden Arbeitsweise laut. Im Jahr 1939 fungierte Arno Breker als Gutachter – die Figur des Siegfried sei „zu weichlich“ und man zweifelte, ob das Denkmal „der Größe Richard Wagners gerecht werden“ könne (S. 162f.). Obwohl seit Kriegsbeginn die Leipziger Baustelle weitgehend still lag, wurde noch im Jahr 1943 in Kiefersfelden gearbeitet, ein Transport der Denkmalsteile sei aber nicht zu verantworten gewesen. Der Jahresbericht 1944 des Hochbauamtes Leipzig konstatiert, dass mit einer Fertigstellung vorerst nicht zu rechnen sei. Das ehrgeizigste Richard Wagner-Denkmal des Nationalsozialismus blieb in seiner Monumentalität stecken.
Der Reiz der Studie besteht zusätzlich darin, nachvollziehen zu können, was Leipzig bzw. die DDR mit dem martialischen Denkmal angefangen hat. In den 1950er-Jahren wurde das Denkmal zum deutsch-deutschen Zankapfel: Immerhin befand sich der Marmorbruch, in dem große Teile des Denkmals lagen, im amerikanisch kontrollierten Bayern und die alten Befürworter des Denkmals waren tot oder diskreditiert. In den ersten Jahren ignorierte man die Baustelle und verteidigte den Standpunkt, „wir sollten unsere junge Demokratie nicht schon im Entstehen mit solchem Ballast behängen“ (S. 182). Der Künstler Hipp appellierte erfolglos und auch der Versuch des Marmorbruchs, die lagernden Blöcke doch endlich ausliefern zu können und die Rechnungen zu zahlen, verhallten ungehört. Während der Rat der Stadt auf dem Standpunkt beharrte, dass man nicht bezahlen müsse, was ein faschistisches Regime bestellt habe, verwiesen die Bayern auf die Kontinuität der städtischen Körperschaften, die nun einmal Vertragspartner seien. Nachdem die Kiefersfeldener den Materialwert des Marmors zur Tilgung der Leipziger Verbindlichkeiten eingesetzt hatten und alteingesessene Leipziger Bürger gelegentlich das Denkmal in Erinnerung brachten, war das Thema erledigt.
Grit Hartmann zeichnet in einem Nachspiel nach, was weiterhin aus dem Denkmal wurde: In Leipzig trug man Teile des Gedenk-Hains ab und verwandte Pflaster für Kleingärten und Marmorplatten für Fensterbänke. Figuren und Friese aus Kiefersfelden wurden an private Interessenten als Schmuck für Kamine und ein Schwimmbad verkauft – sogar bis nach Buxtehude. Zwei Teile wurden in Bayreuth in die Stadtmauer eingelassen und von der Stadt erworben. Die Teile des martialischsten Wagner-Denkmals des Nationalsozialismus wurden in alle Winde verstreut und die Autorin hat mit ihrem Buch einen Erinnerungsort geschaffen, in dem die Fäden zusammenlaufen und das Mosaik mit Hintergründen unterlegt wird.
Die Beschreibung der Odyssee des Denkmals, die Umstände seiner Propagierung und ideologischen Instrumentalisierung durch den Nationalsozialismus hält auch zahlreiche Hinweise auf Seitenwege und Kuriositäten bereit: Ganz en passant hat Grit Hartmann auch die Geschichte eines zweiten gleichsam antipodisch interpretierten Denkmals geschrieben, dessen tragisches Schicksal ebenso bezeichnend für die nationalsozialistische Kulturpolitik ist wie das des Wagner-Nationaldenkmals. Im Jahr 1936 mehrten sich die Beschwerden über das Fortbestehen des Denkmals „für den Vollblutjuden“ Mendelssohn-Bartholdy. Am 10. November diesen Jahres erklang nachts Presslufthammerlärm und das Denkmal samt Granitsockel verschwand vom Theaterplatz, damit „Gras über den Standort wächst und jede Spur getilgt wird“ (S. 65). Erst im Jahr 1946 findet sich wieder eine Spur des Denkmals, als Otto Mendelsohn sich nach der Bronze des Großvaters erkundigt. Auf Nachforschungen ergibt sich, dass zwar alle Akten verloren gingen, dass aber ein Zeuge aussagte, die Bronzeplastik sei nach Bayern verbracht und dort umgeschmolzen worden. Aller Wahrscheinlichkeit nach stammen die in Kiefersfelden hergestellten Bronzeklammern für das Wagner-Denkmal aus dieser Schmelze, die wohl zu Anfang der 1940er Jahre stattfand. Perfider kann man sich die Arisierung, Umwidmung und Auslöschung eines Denkmals zugunsten eines anderen kaum vorstellen. Grit Hartmanns Verdienst ist es, diese Zusammenhänge nicht nur rekonstruiert, kommentiert und zusammenhängend dargestellt zu haben, sondern das exemplarische Dokumentenmaterial frei zugänglich gemacht zu haben. Eine Form kulturgeschichtlicher Arbeit und Aufarbeitung wie man sie sich freilich häufiger wünschen könnte.
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Holger Stunz. Review of Hartmann, Grit, Richard Wagner gepfändet: Ein Leipziger Denkmal in Dokumenten 1931-1955.
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October, 2003.
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