Rainer Hering, Rainer Nicolaysen. Lebendige Sozialgeschichte: Gedenkschrift für Peter Borowsky. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, GWV Fachverlage, 2003. 827 S. + 19 Abb. + 8 Tab. ISBN 978-3-531-13717-9.
Reviewed by Levke Harders
Published on H-Soz-u-Kult (July, 2005)
R. Hering u.a. (Hgg.): Lebendige Sozialgeschichte
Als ich diese Gedenkschrift das erste Mal in die Hand nahm, schienen Titel und Gewicht des 830-seitigen Bandes im Widerspruch zu stehen. Doch schon die Einleitung der Herausgeber, Rainer Hering und Rainer Nicolaysen, sowie die folgende Lektüre der Beiträge verdeutlichen, was lebendige Historiographie hierzulande heißen und sein kann.
Es handelt es sich um eine Festschrift, die dem Hamburger Historiker Peter Borowsky zum 65. Geburtstag als Geschenk zugedacht war, aber als Gedenkschrift erschien, da er im Oktober 2000 starb. Borowsky hat über drei Jahrzehnte das Historische Seminar der Universität Hamburg mit gestaltet und als engagierter Lehrer mehrere Studierendengenerationen ausgebildet. Die in dieser Gedenkschrift versammelten Beiträge zeigen eindrücklich, wie prägend Wissenschaftler-Persönlichkeiten wie die seine sind.
Der Band ist in chronologische und theoretisch-methodische Bereiche untergliedert, was auf das breite Spektrum von Borowskys eigener Arbeit verweist, wie die Herausgeber in ihrer Einleitung betonen: Der Band soll „Peter Borowskys Forschungsfelder inhaltlich wie methodisch andeuten und zugleich seine besonders motivierende Art, Geschichte zu vermitteln, akzentuieren“ (S. 18). Dieses Vorhaben ist gelungen, denn die Gedenkschrift enthält anregende Beiträge, die von der Geburtstagsansprache Fritz Fischers für seinen Schüler Borowsky über antike und mittelalterliche, neuzeitliche und zeitgenössische Themen, kultur- und literaturhistorische Betrachtungen bis hin zu der bemerkenswerten und vergnüglichen Collage von Wiebke Johannsen und Birgit Kiupel reichen. Der Anhang enthält eine Bibliographie sowie eine informative Übersicht seiner Lehrveranstaltungen.
Dass dabei rund ein Viertel der 47 Autorinnen und Autoren explizit oder implizit Wissenschaftsgeschichte schreiben, indem sie eine noch wenig untersuchte Epoche der westdeutschen Geschichtswissenschaft und Hochschulpolitik schildern, macht diesen Band besonders beachtlich.
Barbara Vogel, Heide Wunder und Eckart Krause erinnern sich in „Über Peter Borowsky“ an ihren Kollegen und an die Situation am Hamburger Seminar. Dabei ist sowohl die besondere Rolle Borowskys als einer derjenigen Wissenschaftler, die „entschieden dazu beigetragen haben, die Hochschulen zu verändern“ (Wunder, S. 43) als auch seine verhinderte Karriere (er erhielt nie eine volle Professur) Ausgangspunkt für weitergehende, aufschlussreiche Analysen der westdeutschen Hochschulpolitik und Studienreform sowie der Fachentwicklung vornehmlich der siebziger Jahre.
Im Theoriekapitel äußern sich zu Paradigmenwechseln der Geschichtswissenschaften u. a. Hans-Werner Goetz und Rainer Unruh. Goetz entwickelt ausgehend von der schlichten Feststellung, dass sich „nicht nur unsere Geschichtsbilder, sondern auch unsere geschichtstheoretischen Anschauungen (…) wandeln“ (S. 95), ein Neun-Punkte-Programm für historische Fragestellungen, das sich nicht nur Studierende im Grundstudium zu Herzen nehmen sollten. In den „Traurigen Tropen“ geht Unruh der Kontroverse um Hayden White nach und hinterfragt dessen Ansatz gerade im Hinblick auf den Holocaust kritisch.
Im nächsten Teilbereich, der Geschlechtergeschichte, findet sich ein instruktiver Beitrag von Jürgen Sarnowsky über „Gender-Aspekte in der Geschichte der geistlichen Ritterorden“. Kirsten Heinsohn setzt sich mit Frauen der politischen Rechten in den 1920ern auseinander und kommt zu dem Schluss, dass die völkischen Frauenvereine und die konservativen Parteifrauen dazu beigetragen haben, „die gesellschaftliche Akzeptanz demokratischer Strukturen in Politik und Wirtschaft zu untergraben“ (S. 199). In dem Beitrag „Zur Konstruktion des schwarzen männlichen Revolutionärs durch die Black Panther Party“ integriert Norbert Finzsch kenntnis- und quellenreich die Kategorien race, class, gender und nation in die kurze und erst jüngst besser erforschte Geschichte der Black Panther in den USA.
Klaus Saul hat den Titel der Gedenkschrift wörtlich genommen, indem er eine lebendige Studie zu „Wilden Ehen“ im Abschnitt zum Kaiserreich beisteuert. Diese lesenswerte, gut geschriebene und quellengesättigte Darstellung einer „bekämpften Lebensform“ zwang besonders das proletarische Milieu zu einem „Leben in Lüge und Unsicherheit“ (S. 258).
Mit acht Beiträgen ist das Kapteil zur Weimarer Republik das umfangreichste und enthält mehrere biographische Aufsätze, etwa Roger Chickerings erfolgreichen Versuch einer Spätbiographie von Ludendorff, Claudia Bruns’ Untersuchung zu Hans Blüher, Klemens von Klemperers Weber-Spengler-Vergleich sowie Porträts von Friedrich Flick (Dirk Stegmann) und Anton Erkelenz (Ursula Büttner).
Axel Schildt beschreibt anschließend den diskursiven Übergang zum „Dritten Reich“ anhand zweier kulturkonservativer Zeitschriften. Stefan Micheler unterstreicht den Anteil der deutschen Bevölkerung an der Verfolgung ‚Homosexueller’ während der NS-Zeit durch Denunziation. Die homophobe Propaganda verfehlte offenbar ihr Ziel nicht, wie Micheler an Hamburger Quellen zeigen kann. Eine ähnliche Frage diskutiert Kai Hafez in einem anderen Kontext („Waren die Wissenschaftler der DDR ‚willige Vollstrecker’ der Macht?“). Hafez und Micheler geht es darum Handlungsspielräume (im NS respektive in der DDR) auszuloten, wobei beide die „Überanpassung“ ihrer jeweiligen Untersuchungsgruppe konstatieren (S. 687).
Im Abschnitt „Deutschland nach 1945“ findet sich zudem ein auf Quellen basierender Überblick zur „Integration und Ausgrenzung“ von Wehrmachtsangehörigen in der DDR von Oliver von Wrochem. Während die vergangenheitspolitische Bedeutung der NDPD als Auffangbecken, insbesondere anhand wichtiger Protagonisten wie Vincenz Müller und Wilhelm Adam, in der Forschung durchaus bekannt ist, bezeichnet von Wrochem diesen Prozess als „revidierbare Integration“ (S. 439).
Auch im Rahmen der „Hamburgischen Geschichte“ steht die Untersuchung von Kontinuitätslinien im Vordergrund. Mit ihrem Porträt der Studienkreisleiter der Evangelischen Akademie in Hamburg legt Lisa Strübel die erste Arbeit zum Thema vor. Die Kurzbiographien ihrer Protagonisten verdeutlichen die zwar geläufige, nichtsdestotrotz weiterhin erschreckende Kontinuität von Personen und Diskursen aus der NS- in die Nachkriegszeit. Strübel fordert daher eine grundlegende Korrektur der bisherigen Darstellung der Evangelischen Akademien (S. 537).
Für den gleichen Zeitraum spürt Ulrich Prehn hanseatischen bzw. deutschen Selbststilisierungen in frühen Filmen der Nachkriegszeit nach und unterstreicht mit seinem Beitrag gleichzeitig den Ertrag von Filmen als Quellen der Geschichtswissenschaft. Seine interdisziplinäre Herangehensweise teilt er mit anderen Schülerinnen und Schülern von Peter Borowsky, denn viele Abhandlungen würden in mehrere der zwölf Abschnitte des Bandes passen. So auch der lohnende Abriss zur Entstehung der Hamburger Universität von Arnt Goede, der den über 50 Jahre währenden Streit zwischen Politik, Öffentlichkeit und Forschungsinstitutionen über die Gründung einer Hochschule in der Hansestadt aufrollt. Dass diese Entscheidung dann ausgerechnet zum Ende des Ersten Weltkriegs getroffen wurde, beleuchtet Goede leider nicht im Zusammenhang mit den politischen, militärischen und wirtschaftlichen Entwicklungen am Ende des Kaiserreichs.
Zwei weitere spannende Studien zur „Wissenschafts- und Hochschulgeschichte“ stammen von Rainer Nicolaysen und Jakob Michelsen. Nicolaysen beleuchtet Vertreibung und Exil des Osteuropa-Historikers Richard Salomon. Während sich die Entlassung Salomons nach dem bekannten Muster vollzieht, sind Nicolaysens Erläuterungen über Salomons Vorbereitung des Exils in den USA und die notwendig gewordene thematische Umorientierung besonders erhellend. Die anschließende kollektivbiographische Untersuchung von Michelsen zur so genannten Ostforschung macht deutlich, warum Salomon auch nach 1945 ein kleines College in den USA der Rückkehr an die Hamburger Universität vorzog. Denn einem der profiliertesten „Ostforscher“, Hermann Aubin, gelang es vom Hamburger Historischen Seminar aus, den meisten seiner - zum Teil politisch belasteten - Schüler und Kollegen nach 1945 Lohn und Brot zu verschaffen. Diese „Breslau-Connection“ (S. 675) wirft einen Schatten auf die bundesdeutsche Sozialgeschichtsschreibung (S. 681).
Borowskys eigene Forschungsschwerpunkte scheinen auch im Abschnitt zur „Europäischen Geschichte“ durch: Drei der fünf Beiträge befassen sich im weitesten Sinne mit Osteuropa. Im abschließenden Bereich „Kultur“ sind vor allem literaturhistorische Studien vereint, die leider qualitativ der ansonsten gelungenen Gedenkschrift nachstehen.
Die filmhistorische Untersuchung von Rainer Hering und der museologische Bericht von Wiebke Johannsen runden jedoch die Gedenkschrift stimmig ab. Hering beschreibt lesenswert und thematisch beschlagen die über hundertjährige Entwicklung der Filmmusik und nutzt dazu Adornos und Eislers Überlegungen zur Theorie der Filmmusik. Mit dem Ende der Stummfilmära verschwand nicht nur ein ganzes, zum Teil gut bezahltes, Berufsfeld, sondern Filmmusik wurde mit dem Tonfilm zum „kommerziellen Faktor“ (S. 770).
In der umstrittenen Ausstellung „Troja - Traum und Wirklichkeit“ lassen sich allerorten, so Johannsen, „Event und Verbrechen“ finden. Als Ausstellungsführerin hat sie widersprüchliche Erfahrungen gemacht, an denen sie uns teilhaben lässt, obwohl diese Form des Sprechens in der historischen Disziplin unerwünscht ist. Johannsen unterläuft dieses Verbot spielerisch und eröffnet sowohl einen seltenen Blick auf die „Dienstleistung Geschichte“ (S. 788) als auch auf kreative Formen und Stile des historiographischen Schreibens.
Es bleibt zu hoffen, dass diese vielfältige Gedenkschrift nicht im Festschriften-Regal von geschichtswissenschaftlichen Bibliotheken verschwindet, sondern Studierenden (und Forschenden) als Anleitung zum Thema „Wie schreibe ich lebendige (Sozial-) Geschichte?“ an die Hand gegeben wird.
If there is additional discussion of this review, you may access it through the network, at: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/.
Citation:
Levke Harders. Review of Hering, Rainer; Nicolaysen, Rainer, Lebendige Sozialgeschichte: Gedenkschrift für Peter Borowsky.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
July, 2005.
URL: http://www.h-net.org/reviews/showrev.php?id=18131
Copyright © 2005 by H-Net, Clio-online, and the author, all rights reserved. This work may be copied and redistributed for non-commercial, educational purposes, if permission is granted by the author and usage right holders. For permission please contact H-SOZ-U-KULT@H-NET.MSU.EDU.


