Peter Sager. Oxford & Cambridge: Eine Kulturgeschichte. Frankfurt am Main: Schöffling Verlag, 2003. 438 S. EUR 34.90 (broschiert), ISBN 978-3-89561-670-9.
Reviewed by Andreas Kossert
Published on H-Soz-u-Kult (August, 2003)
P. Sager: Oxford & Cambridge
Ehrfürchtig und respektvoll nennt die akademische Welt die Namen der elitären Kaderschmieden. Weltweit rufen Oxford und Cambridge ebenso skurile Neugier hervor, repräsentieren sie doch wie kaum eine andere Institution unser ganz spezifisches Bild der Britischen Inseln. Sehnsüchtig belächeln die Kontinentaleuropäer antiquiert erscheinende Traditionen, wobei jedoch gleichzeitig immer auch tiefe Sehnsüchte mitschwingen.
“Oxford und Cambridge sind die sonderbarsten Orte der Britischen Inseln“ (S. 11) – so lautet Peter Sagers Befund. Und in der Tat, kaum andere loci memoriae vermochten über derart lange Zeit traditionsbildend zu wirken und die Phantasie vieler akademischer Generationen zu beflügeln. Und ist es nicht auch die Sehnsucht derjenigen, die in lieblosen Betonbauten der sechziger und siebziger Jahre den klassischen Bildungskanon vermittelt bekamen nach einem Studium in den ehrwürdigen Gemäuern der Colleges von Oxbridge?
Hinter den Mauern verbirgt sich jedoch eine heterogene Geschichte, die lange Zeit eine gemeinsame Wahrnehmung eher erschwerte. So ist die Wortkonstruktion „Oxbridge“ erst 1849 in William Thackerays Bildungsroman „Pendennis“ verbürgt und bildet seitdem eine im Vergleich zu den Gründungsdaten der Universitas Oxoniensis (1214) und Alma Mater Cantabrigiensis (um 1225) noch verhältnismäßig junge Symbiose in der abendländischen Geisteslandschaft. Vielmehr vermochten Oxford und Cambridge auf ganz verblüffend spezifische Weise jeweils Sphären unterschiedlicher Geisteshaltungen und Prägungen zu schaffen, wobei ein breites Spektrum von religiösen Eiferern und aristokratischen Snobbisten, genialen Denkern oder idealistischen Revolutionären zu finden war.
Peter Sager, ehemaliger Korrespondenz der „Zeit“ und Autor zahlreicher Kunstreiseführer, zeichnete nicht nur eine Biografie beider Universitäten, sondern zugleich auch eine Psychoanalyse zweier akademischer Zentren, die wie kaum andere Orte im kollektiven Gedächtnis der britischen Nation wie auch der akademischen Welt insgesamt verankert sind. Die beiden berühmtesten Universitätsstädte der Welt sind seit fast 870 Jahren in ungebrochener Konkurrenz und herzlicher Hassliebe verbunden. Sie liegen rund 150 Kilometer voneinander entfernt, und doch nennt man sie in einem Atemzug Oxbridge. Auf der geistigen Karte der Nation liegt dieser Ort irgendwo in den Wolken über Mittelengland, eine Insel über der Insel, die Jahr für Jahr Millionen von Zuschauern vor den Fernseher lockt, wenn das Bootsrennen, das härteste Achter-Duell der Welt, zelebriert wird. Keine andere Privatinstitution hat England stärker beeinflusst als Oxbridge. Es versorgte Kirche und Staat mit Beamten, Priestern und Lehrern, die im ganzen Land die englische Hochsprache verbreiteten; eine homogene Elite, deren Pflichtbewusstsein nur noch von ihrem Selbstbewusstsein übertroffen wurden – klassische Voraussetzungen für jede Führungsaufgabe, die Königreich und Empire boten. Neben den Premierministern kamen aus diesen Colleges auch die klügsten Spione, die der Kommunismus je rekrutierte; die rebellischen Geister der Literatur, von Lord Byron bis Salman Rushdie; Isaac Newton, Ernest Rutherford und Stephen Hawking; all die Querdenker und Exzentriker, denen die englische Kultur erst ihre schillernde Fülle verdankt.
Dabei geht es im strengeren Sinne nicht um eine Arbeit, die wissenschaftlichen Ansprüchen genügen kann und will. Auch steht sie nicht im Kontext der klassischen historischen Bildungsforschung bzw. Universitätsforschung. Sager jedoch hat in der Materialdichte und kulturgeschichtlichen Breite ein Werk geschaffen, an dem die zukünftige wissenschaftliche Forschung über englische Hochschulen, aber auch kontinentaleuropäische höhere Bildungsanstalten, nicht vorübergehen kann. Neu ist vor allem die gleichzeitige Betrachtung der beiden ewigen Konkurrenten, zwar in separaten Kapiteln, doch nimmt Sager fortwährend Bezug auf den jeweils anderen – wie es im Oxbridge-Jargon heißt the other place – und stellt interessante Vergleiche her.
Oxford und Cambridge sind unbestritten noch immer der intellektuelle Doppelkopf der Nation, obwohl die einseitige Fixierung längst vorüber ist und Großbritannien etwa in Schottland (St. Andrews und Edinburgh), aber auch in England (Birmingham, Manchester, Sussex u.a.) über hervorragende Universitäten verfügt. Allerdings wurden insbesondere in England alle anderen am Standard von Oxford und Cambridge gemessen. Und noch immer, das ist das erstaunliche Phänomen, gilt Oxbridge als Gütesiegel und Entrée in die Berufswelt per se. Noch immer rekrutiert sich die Mehrheit der höchsten politischen Beamten in Whitehall, ebenso wie bei den Gerichten und Anwaltskanzleien in London, ja der Belétage der britischen Führungseliten allgemein, aus den beiden altehrwürdigen Universitäten Mittelenglands. „Es ist eine sich selbst und ihren Mythos perpetuierende Elite, deren Qualitätsnachweis Jahrhunderte umfaßt“ (S. 13). Obwohl es schon längere Zeit keine zwingende Jobgarantie mehr gibt, ist die Bilanz bis heute beeindruckend: „Cambridge hat mehr Nobelpreisträger, die Premierminister kommen aus Oxford: Attlee, Eden, Macmillan, Douglas-Home, Wilson, Heath, Thatcher, Blair. Als hätte Oxford eine Filiale in Downing-Street No.10“ (S. 15).
Historisch arbeitet Sager die Unterschiede und die kulturgeschichtlichen, vielfach religiös motivierten Hintergründe, für die bis heute sichtbare unterschiedliche Prägung heraus. Cambridge repräsentierte den Nonkonformismus, an der Puritaner wie Cromwell und Milton ebenso studierten wie die kirchlichen Reformer Thomas Cranmer und Nicholas Ridley. Dem gegenüber stand das anglo-katholische Oxford, etwa im 17. Jahrhundert Hochburg der königstreuen Restauration. So schreib der Historiker Thomas Macaulay im 19. Jahrhundert mit spitzer Feder (Macaulay kam allerdings aus Cambridge!): „Cambridge hatte die Ehre, jene ruhmvollen protestantischen Bischöfe auszubilden, die Oxford die Ehre hatte zu verbrennen.“ (S. 15f) In seinen Darstellungen verharrt Sager jedoch nicht bei absurden Skurilitäten, sondern tiefere vergegenwärtigt historisch-kulturelle Kontexte, die deutlich machen, dass es an den lieblichen Flussläufen von Themse und Cam nicht nur elitär, sondern vielfach auch recht bodenständig zuging.
Sager komponiert auf einzigartige Weise ein Kunstwerk aus Reiseführer, Kunst- und Literaturgeschichte, Biografie sowie der Psychoanalyse zweier Städte, die nicht nur Orte, sondern auch Bewusstseinszustände sind. Ausgestattet mit Karten, Fotos, einem wunderschönen Oxbridge-Glossar und Adressen-Bibliografie, komplettieren sie das auch äußerlich angenehme Buch. Mit diesem Buch hat sich Sager sicher an die führende Stelle deutscher Englandchronisten gesetzt. Rezensenten sind letztlich gezwungen, am Ende ein Urteil abzugeben. Verwundert reibt sich der Leser die Augen und sucht im Impressum nach dem Übersetzer. Nein, hier liegt keine Übersetzung vor: es ist Peter Sager, der auf wunderbarste Weise angelsächsische Kulturgeschichtsschreibung für deutsche Leser umgesetzt hat. Ein Buch, das inspiriert, das Freude macht, und bei dem man wünscht, nie auf der letzten Seite anzulangen: fürwahr eine echte Kulturgeschichte.
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Citation:
Andreas Kossert. Review of Sager, Peter, Oxford & Cambridge: Eine Kulturgeschichte.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
August, 2003.
URL: http://www.h-net.org/reviews/showrev.php?id=18086
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