Gundula Wolter. Teufelshörner und Lustäpfel: Modekritik in Wort und Bild 1150-1620. Marburg: Jonas Verlag für Kunst und Literatur, 2002. 190 S. EUR 20,00 (broschiert), ISBN 978-3-89445-307-7.
Reviewed by Thomas Lüttenberg
Published on H-Soz-u-Kult (June, 2003)
G. Wolter: Teufelshörner und Lustäpfel
Im ersten Band einer auf vier Bände angelegten kleinen Reihe zur europäischen Modekritik in Wort und Bild beschäftigt sich die Berliner Modehistorikerin Gundula Wolter mit dem Mittelalter und der Frühen Neuzeit (1150-1620). Das Buch ist in zwei Teile gegliedert, von denen sich der erste der christlichen Bewertung von Mode und Putzsucht im Allgemeinen widmet. Eitelkeit ist eine Todsünde, weil sie der überheblichen Überzeugung entspringt, der einzelne Mensch könne an der göttlichen Schöpfung Verbesserungen vornehmen. Damit war jeglicher Putz eigentlich des Teufels. Auf der anderen Seite galt es aber auch, die Blöße schicklich zu bedecken, was sowohl auf die „Lustäpfel“ der Frauen wie auf das Geschlecht der Männer zutraf. Die sich aus der Spannung zwischen diesen beiden Polen ergebenden moralischen und sozialphilosophischen Überlegungen - von den Kirchenvätern bis Montaigne - beschreibt die Autorin souverän und liefert damit einen guten Einblick in die Rolle der Kleidung für das christliche Menschenbild.
Der zweite Teil, der der eigentlichen Modekritik gewidmet ist, entfaltet ein breites Panorama von Beispielen: Man findet Abschnitte zu Schleppen, Frisuren (darunter die als „Teufelshörner“ verdammten Hörnerfrisuren), Schuhen, Schmuck, Rockformen und Krägen - die Schamkapsel der Männerkleidung des 16. Jahrhunderts nicht zu vergessen. Dies stellt nicht nur eine Einführung in die Vielfalt vormoderner Kleidungsdetails dar, sondern bietet auch einen fundierten Einblick in die Veränderungen, Differenzierungen und Verschiebungen, welche die Modeskepsis im Lauf der Jahrhunderte erfuhr. Dabei ist besonders hervorzuheben, dass sich die moralisch-sittliche Kritik an der Sündhaftigkeit des modischen Menschen über das Ende der hier behandelten Periode hinaus beharrlich weiter entwickelte, dass aber neue Formen daneben traten, die andere Punkte ins Visier nahmen, in welchen man durchaus Anzeichen für eine Modernisierung sehen kann: Unschicklichkeit, Lächerlichkeit und schlechter Geschmack. Ob diese Kritikformen wirklich neu waren, wie die Autorin nahelegt, und ob sie nicht ihrerseits auf das Arsenal der christlichen Argumente angewiesen blieben, hätte allerdings breiter diskutiert werden sollen.
Gundula Wolter hat ein ungemein anregendes Buch geschrieben, das nicht nur durch große Klarheit in der Argumentation und wohltuende Ferne vom akademischen Stil besticht, sondern auch durch die Erschließung bisher weitgehend unbekannter und schwer zugänglicher Bilder und Texte. Arbeiten wie Ribeiros ‚Dress and Morality’ Ribeiro, Aileen, Dress and Morality, New York 1986, erw. Ausgabe London 2003. von 1986 werden dadurch hervorragend ergänzt. Man darf auf die Fortsetzung gespannt sein.
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Citation:
Thomas Lüttenberg. Review of Wolter, Gundula, Teufelshörner und Lustäpfel: Modekritik in Wort und Bild 1150-1620.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
June, 2003.
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