Nikolaus Braun. Terrorismus und Freiheitskampf: Gewalt, Propaganda und politische Strategie im Irischen Bürgerkrieg 1922/23. München: Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2003. 598 S. ISBN 978-3-486-56696-3.
Reviewed by Helga Fröhlich
Published on H-Soz-u-Kult (November, 2004)
N. Braun: Terrorismus und Freiheitskampf
Historische Ereignisse entwickeln nicht selten eine Eigendynamik, die sich scheinbar Logik und wissenschaftlichen Bewertungskriterien entzieht. Irrationales, Emotionales gewinnen an Bedeutung. Als im Sommer 1922 der Irische Bürgerkrieg ausbricht, wird er begleitet von einer gewaltigen propagandistischen Auseinandersetzung, die mit großer Erbitterung geführt wird. Die Befürworter des englisch-irischen Vertrages, die Nikolas Braun durchgängig als „Freistaatler“ bezeichnet und die Vertragsgegner, die „Republikaner“, stehen sich gegenüber und ringen jeweils um die Unterstützung der Bevölkerung. Die Schärfe der Konfrontation wird nur verstehen können, wer nach den historischen Wurzeln des Konfliktes fragt. Beide Parteien argumentieren historisch, berufen sich auf Traditionen, die Jahrhunderte zurückreichen.
Viele der militärischen und politischen Zusammenhänge des Irischen Bürgerkrieges von 1922/23 sind von der neueren Forschung gut aufgearbeitet und werden einleitend kurz dargestellt. Indem Nikolaus Braun fragt, wie sich „Fakten und Fiktionen gegenseitig beeinflussten, ineinander verschwammen und miteinander verschmolzen“ (S. 9), nähert er sich der Problematik mit neuen Fragestellungen. Ihn interessiert vor allem, wie Geschichte für die jeweils eigenen Interessen (um)interpretiert und instrumentalisiert wurde. Braun’s Ziel ist es, „nicht über einen primär militärischen oder machtpolitischen, sondern über einen primär legitimatorischen Konflikt“ (S. 17) zu schreiben. Der Bürgerkrieg – so eine der Hauptthesen - war „nicht nur ein Krieg um die faktische Macht über den Staat. Er war genauso ein Krieg um nationale Legitimität, ein Krieg darum, welche Seite sich als ‚irisch’ definieren durfte und welche sich als ‚britisch’ definieren lassen musste“(S. 31).
Diesem Anliegen folgend widmet sich der Großteil der Arbeit den propagandistischen Auseinandersetzungen im Bürgerkrieg. Braun untersucht vor allem, wie das untrennbare Gemisch aus Fakten und Fiktionen entsteht, wie es zum unauflösbaren Knäuel wird, aus dem Handlungsoptionen bzw. Handlungszwänge entstanden. Die Stärke seiner Darstellung liegt im Erzählen. Braun will, so betont er mehrmals, „die Geschichte einer Tragödie“ (u.a. S. 35) erzählen und damit politische Kulturen rekonstruieren. So erfährt der Leser u.a., wie beide Lager ihre Propaganda organisierten, welche Institutionen wie involviert waren, welche Legenden verbreitet und gepflegt wurden, um Legitimation zu entwickeln und die Bevölkerung für die jeweilige Seite zu gewinnen. Dabei untersucht Braun auch das politische Vokabular und hinterfragt den Gebrauch von Sprache und Metaphern, wobei der Zusammenhang zwischen Sagbarem und Machbaren plastisch wird.
Dankeswerterweise bezieht der Autor auch Quellenmaterial ein, das – abseits von offiziellen Erklärungen, Artikeln etc. – mehr in den Alltagsbereich der Menschen eingreift. So werden Karikaturen, Lieder u.ä. nach ihrer Funktion im System von Legitimationsstrategien untersucht. Damit unternimmt Braun den Versuch, zwischen verschiedenen Ebenen der öffentlichen Kommunikation zu differenzieren und offizielle Propaganda und Stereotype von politischen Überzeugungen und Wertvorstellungen abzuheben. Was waren Mythen und wie entwickelten sich diese? Wie wurden Überzeugungen instrumentalisiert und von wem? Wie war das möglich? Und mit welchem Erfolg?
Mit seinen Ansätzen und Untersuchungsmethoden, die Braun selbst – sich anlehnend an Lynn Hunt – als „methodischen Eklektizismus“ bezeichnet (S. 20) weist er in den ersten Abschnitten des Buches nach, dass es trotz der sich schnell polarisierenden Verhältnisse keine automatische Weichenstellung in Richtung militärische Auseinandersetzung gab. Die Organisation der Propagandamaschinerien untersuchend, kommt er zu dem Ergebnis, dass die freistaatlichen Propagandisten ihren Gegnern zunächst überlegen waren und das dogmatische Festhalten der Republikaner deren Handlungsspielräume einschränkte. Gerade weil Braun die tragischen Ereignisse als legitimatorischen Konflikt sieht, fragt er zugleich nach den möglichen Alternativen zum Bürgerkrieg. Letztlich scheiterte jedoch das mögliche Einlenken an den realpolitischen Gegebenheiten: Großbritannien war in keiner Form zum Nachverhandeln des Vertrages bereit.
Braun ordnet sein Material in allen chronologisch geordneten Kapiteln entlang zweier Achsen: Es gibt eher organisationsgeschichtlich ausgerichtete Abschnitte und mehr inhaltlich-analytisch vorgehende. Zuweilen fließen die Achsen ineinander. Dabei sind die von Braun behandelten Themen vielfältig: So zeigt er u.a., wie die „Freistaatler“ versuchten, die katholische Kirche auf ihre Seite zu ziehen, in welchem Verhältnis Republikanimus und Katholizismus zueinander standen und wie sich dieses Verhältnis modifizierte. Kapitel F, das sich mit der Endphase des Bürgerkriegs beschäftigt, wirft so interessante Themen auf, wie die Rolle von Martyrern im Kampf. Anhand des Hungerstreiks von Mary MacSwinsey behandelt Braun auch das Thema des weiblichen Martyriums. Am Ende des Bürgerkriegs – so der Autor – war die republikanische Seite gezwungen, Schritt für Schritt zu realpolitischen Handlungsstrategien überzugehen. Dabei wurde der Tod prominenter Aktivisten wie Cathal Brugha und Harry Boland instrumentalisiert (S. 325ff.). „Gefängnispropaganda“ (S. 324ff.) und „Kriegsgefangenen-Rhetorik“ (S. 325) verdeutlichen, wie die Verbitterung stieg. Wichtig bei der Befestigung der Hauptthese des Buches vom Bürgerkrieg als Kampf um nationale Legitimität sind auch die Abschnitte über die „IRA: die Sprache der Gewalt“ (S.410ff.) und über den Zusammenhang zwischen „Gälisch sprechen – irisch sein“ (S. 468ff.). Anhand des Kampfes um die Hymne und die Trikolore exemplifiziert Braun, wie um das Recht an der nationalen Tradition gestritten wurde. Die Analyse von Festansprachen und Parlamentsreden verdeutlicht das Bestreben der „Freistaatlern“, die gälische Kultur und die Sprache für sich zu monopolisieren.
Das abschließende Kapitel „G: Verhärtete Fronten: Nach dem Bürgerkrieg“ beschäftigt sich nicht im herkömmlichen Sinne mit den Auswirkungen oder Langzeitwirkungen des historischen Ereignisses sondern erzählt Geschichte weiter. Obwohl sich George Bernhard Shaw schon 1914 wünschte, dass der Nationalismus ein „dead horse“ sei (S. 535), setzte sich der Kampf um die nationale Legitimation fort, wie der Autor resümierend zusammenfasst.
Über die abschließende Feststellung, dass ein Glossar, sowie ein Abkürzungsverzeichnis und eine Bibliografie im Anhang sehr hilfreich für den Leser sind, sei noch eine persönliche Anmerkung gestattet: Warum sollte man dieses Buch unbedingt lesen, selbst wenn man mit den historischen einschlägigen Fakten vertraut ist? Nikolaus Braun möge mir verzeihen. Möglicherweise kann man sein Buch auch anders lesen. Ich las es so: In unserer medial geprägten Welt sind Berichterstattung über Krieg und Kriegsgeschehen zur alltägliche Erfahrung geworden, so wie Kriege und militärische Auseinandersetzungen an der Tagesordnung sind. An einem historischen Beispiel, dessen Ausläufer jedoch bis in die Gegenwart hinein nachwirken, hinterfragt Braun das Phänomen Krieg. Für ihn ist der Bürgerkrieg keine Auseinandersetzung, in dem nur Waffen entscheiden, die Zahl von Soldaten, die Strategie. Er ist Kampf um Deutungshoheit, um Unterstützung der Bevölkerung durch die Definitionshoheit über historische Traditionen, Mythen, Symbole und – heute – das Beherrschen der Medien. Schon 1922/23 war mitentscheidend, wie die Bevölkerung den Irischen Bürgerkrieg beurteilte. Im Zeitalter der Globalisierung, das ein Medienzeitalter ist, gewinnt diese Dimension an Bedeutung. Nicht nur Historiker als Konsumenten der Medienflut und Zuschauer vor dem Fernsehgerät sollten sich dieser Dimension bewusst sein. Für mich hat das Buch eine sehr aktuelle Aussage!
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Citation:
Helga Fröhlich. Review of Braun, Nikolaus, Terrorismus und Freiheitskampf: Gewalt, Propaganda und politische Strategie im Irischen Bürgerkrieg 1922/23.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
November, 2004.
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