Sibylle Benninghoff-Lühl, Annette Leibing. Brasilien: Land ohne Gedächtnis? Hamburg: Universität Hamburg, Pressestelle, 2001. 279 S. ISBN 978-3-924330-35-4.
Reviewed by Matthias Harbeck
Published on H-Soz-u-Kult (April, 2003)
S. Benninghoff-Lühl u.a. (Hgg.): Brasilien
Der Sammelband „Brasilien – Land ohne Gedächtnis?“ stellt ein ambitioniertes Projekt dar, da er zum einen interdisziplinär und zum anderen interkulturell ausgerichtet ist. So finden sich unter den 22 AutorInnen (inklusive Vor- und Nachwort) verschiedener Nationalitäten EthnologInnen, Literatur- und SprachwissenschaftlerInnen, Kunst-/HistorikerInnen, eine Psychoanalytikerin, ein Journalist und SchriftstellerInnen. Mitwirkende sind dabei erfahrene und u. a. so bekannte Professoren wie der Anthropologe Gilberto Velho, berühmte Autoren, wie João Ubaldo Ribeiro, aber auch Doktorandinnen am Beginn ihrer akademischen Karriere wie Liselotte Hermes de Fonseca. Die Herausgeberinnen bieten so neben der thematischen und stilistischen Breite eine erfrischende Mixtur aus wissenschaftlichem „Establishment“ und „Newcomern“ und scheuen sich dabei auch nicht, die Grenzen der Wissenschaftlichkeit zu verlassen und Prosa mit aufzunehmen. Ein weiterer interkultureller Aspekt des Projektes liegt in seiner Zweisprachigkeit: Neben der hier besprochenen deutschen Auflage, wird der Band noch auf Portugiesisch in São Paulo herausgegeben Annette Leibing u. Sibylle Benninghoff-Lühl (org.): Devorando o tempo: Brasil, o país sem memória, São Paulo: Editora Mandarmi 2001. .
Der Band, der sich in die – nach Meinung der Herausgeberinnen künstlich für sich stehenden – drei großen Blöcke Mythenbildung um Nation („Menschenfresser und Moderne“), Vorstellungen über einzelne Regionen („Flexible Identitäten“) und individuelle Erinnerungen („Kartoffeln, Kakerlaken und Rollende Augen“) gliedert, hat das Anliegen, die in den Titel aufgenommene Frage nach dem Gedächtnis Brasiliens zur Diskussion zu stellen.
Im ersten großen Abschnitt wird dies anhand des historisch-soziologisch und literarisch aufgeladenen Raumes des „Engenho“, der Zuckermühle (plus dazugehöriger Plantage) bei Gilberto Freyre und Lins de Rego, des Bildes der Menschen- und Erinnerungsfressenden Stadt, des „anthropophagischen Manifests“ Oswaldo de Andrades und seiner Wirkung auf die Biennale in São Paulo, Montaignes Essay über „Menschenfresser“ und Alzheimer in Brasilien getan. Dabei lässt sich – wenngleich die Einzelthemen und -thesen auf den ersten Blick nicht immer unbedingt zusammenzupassen scheinen – als roter Faden die These erkennen, dass Brasilien eben nicht ohne Bewusstsein einer eigenen Identität nur nordamerikanische und westeuropäische Modelle und Konzepte – in Wissenschaft, Literatur, Medizin und Kunst – adaptiert, sondern es sich diese „anthropophagisch“ einverleibt und zu etwas Brasilianischem transformieren würde. Sibylle Benninghoff-Lühl stellt in ihrer Auseinandersetzung mit Montaigne fest, dass dieser bereits über das europäische Gedächtnis und Überlieferungsmethoden im Vergleich zu indigenen Traditionen debattiert und zu dem Schluss kommt, dass die Überlegenheit der schriftorientierten und daher vergessenden europäischen Kultur gegenüber der oral tradierenden und daher erinnernden indigenen fragwürdig sei (S. 71 ff.). Der letzte Artikel dieses Blockes von Annette Leibing schließt mit einem Ausblick auf einen Bereich, der intensiv mit dem Verlust von Erinnerungsfähigkeit und dem Umgang damit in Brasilien zu tun hat – der erst seit den 1990er-Jahren wahrgenommenen Alzheimer-Krankheit. Hier wird individuelles und kollektives Vergessen verglichen und damit ebenfalls das Vorhandensein eines Gedächtnisses postuliert.
Der zweite große Block stellt in neun Beiträgen Beispiele für regionale oder sozio-kulturelle Erinnerungen und Erinnerungskulturen und ihren Anteil bzw. Verhältnis zu einem „nationalem“ Gedächtnis vor. So zeichnet Maria Kawall – leider unkommentiert – orale Überlieferungen verschiedener indigener Gruppen aus dem Xingu-Gebiet auf, Francine Saillant und Louis Forline beschreiben Veränderungen im Selbst- und Fremdbild der amazonischen Caboclos und Ellen Woortmann zeigt die besondere Erinnerungskultur deutscher Einwanderer und ihrer Nachkommen. Wie das Gros der anderen Autoren in diesem Abschnitt sehen sie keine „Gedächtnislosigkeit“ bei den Untersuchten und auch Luiz Mott, der als einziger explizit die These vom Land ohne Gedächtnis teilt, muss für sein Gebiet – die homosexuelle Kultur und ihre Verfolgung in Brasilien – feststellen, dass zumindest die historische Überlieferung sehr gut ist und sie nun stärker ins Bewusstsein der Brasilianer übergehen müsste, um bewahrt zu werden.
Der dritte und letzte Abschnitt zeigt nun – entweder auf autobiographisch-dokumentarische oder auf literarische Art – individuelle Erinnerungen von Brasilianern und Brasilienstämmigen. Sei es Lya Lufts Geschichte über das Kind deutscher Einwanderer, in dem Probleme der ethnischen Zugehörigkeit thematisiert werden, oder Alexander Laks Bericht über seine Genozid-Erfahrung im Dritten Reich, in den fünf Beiträgen dieses Blocks wird die Varietät unterschiedlicher Erinnerungen in Brasilien deutlich.
Gibt also dieser Sammelband eine Antwort auf die im Titel gestellte Frage? Fasst man die Frage als die Suche nach den grundlegenden kollektiven Erinnerungen der Brasilianer auf, wie es beispielsweise in den im selben Jahr erschienen „Deutschen Erinnerungsorte[n]“ von François und Schulze Etienne François; Hagen Schulze (Hgg.): Deutsche Erinnerungsorte, 3 Bde., München 2001. für Deutschland versucht wurde, muss dies verneint werden. Es ist zwar einwandfrei und mehrfach zum Ausdruck gekommen, dass kommunikative und regional auch kollektive Gedächtnisse in Brasilien existieren, dass Erinnerungen und Überlieferungen bestehen und teilweise auch weitergegeben werden, aber ein Rekurs auf eine universelle brasilianische Erinnerungskultur – oder eben ein „Gedächtnis Brasiliens“ – bleibt leider aus bzw. klingt nur hier und da in einigen Beiträgen an.
Sieht man den Sammelband jedoch als Diskussion um die Gedächtnislosigkeit des individuellen Brasilianers, zeigt er einem eine Fülle an unterschiedlichen Formen und Wegen des Gedächtnisses bzw. des Erinnerns und des Umgangs damit. Einige der AutorInnen lassen es jedoch vermissen, ihre Beiträge in das Rahmenthema einzuordnen.
Die Bandbreite der Beiträge ist es, die – trotz eines ethnologischen Schwerpunktes unter den AutorInnen – den Band vor allem für Brasilienbegeisterte mit Grundkenntnissen zu einer den Horizont erweiternden Lektüre werden lässt, denn er enthält Aspekte, die selten in Publikationen zu Brasilien in vereinter Form zu finden sind: Die regionalen, sozialen, ethnischen und individuellen Unterschiede, die bei dem riesigen Land Brasilien immer wieder unter den Tisch fallen, treten hier in deutlichster Art und Weise zu Tage. Vielleicht kann schon deshalb die Titelfrage nicht eindeutig beantwortet werden.
Der einzelne von seiner Fachdisziplin her kommende Wissenschaftler wird hier deshalb auch vermutlich weniger Gebrauchsmaterial für seine Forschungen, als Anregungen für eine breitere Perspektive finden. Insofern erzielt die interdisziplinäre Ausrichtung des Bandes ihre Wirkung.
Enttäuscht war ich etwas von der doch sehr stark literatur- und kulturwissenschaftlichen geprägten Auseinandersetzung mit dem Thema und der geringen Berücksichtigung historischer Ansätze, die zwar bei Martin Heins Betrachtungen zu Canudos und an einigen anderen Stellen auftauchen, aber explizit nur in dem Nachwort Júlio Pimentel Pintos – dem einzigen beteiligten Historiker – diskutiert werden.
Definitiv zu beanstanden ist die formale Qualität des Sammelbandes – insbesondere im Vergleich zu seinem brasilianischen Pendant: Das Lesevergnügen wird durch viele Tipp-, Layout- bzw. Satzfehler und Wortdoppelungen gemindert, insgesamt erscheint die deutsche Ausgabe etwas billig hergestellt. Dies scheint – wie die brasilianische Version zeigt – nicht an den Herausgeberinnen allein sondern auch an den besonderen Modalitäten des Hamburger Universitätsverlags zu liegen. Es ist schade, dass letzterer gerade in seine erste Publikation nicht etwas mehr Sorgfalt gesteckt hat, – das ambitionierte Werk hätte es verdient.
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Citation:
Matthias Harbeck. Review of Benninghoff-Lühl, Sibylle; Leibing, Annette, Brasilien: Land ohne Gedächtnis?.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
April, 2003.
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