Philipp Ther, Kai Struve. Die Grenzen der Nationen: Identitätenwandel in Oberschlesien in der Neuzeit. Marburg: Herder-Institut Verlag, 2002. 324 S. EUR 38.00 (cloth), ISBN 978-3-87969-298-9.
Reviewed by Juliane Haubold-Stolle
Published on H-Soz-u-Kult (March, 2003)
Ph. Ther u.a. (Hgg.): Die Grenzen der Nationen
Der Tagungsband „Die Grenzen der Nationen“, herausgegeben von Kai Struve und Philipp Ther, stellt einen außerordentlich interessanten wie vielfältigen Blick auf die Geschichte der oberschlesischen Grenzregion dar. Er bietet einen sehr guten Einstieg in die Frage der oberschlesischen Nationalisierung und stellt den aktuellen Diskussionsstand spannend und zuverlässig dar. Das Buch zeigt einmal mehr, dass sich in den letzten Jahren eine deutsch-polnisch-tschechische Geschichtsschreibung gerade in Bezug auf die Grenzgebiete entwickelt hat, die jenseits der eingefahrenen nationalen Deutungen neue Wege beschreitet und Interpretationen findet. Alle Autoren sind ausgewiesene Experten und beschäftigen sich schon seit Längerem mit der oberschlesischen Thematik. Der Band versammelt die Vorträge einer Tagung des Herder-Instituts Marburg, die in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Vergleichende Geschichte Europas im Oktober 2000 in Marburg stattfand.
Gemeinsames Interesse und Kernpunkt der historischen, soziologischen, linguistischen und soziolinguistischen Aufsätze ist die Frage nach der Identität bzw. den Identitäten und dem Prozess der Selbst- und Fremdidentifikation der oberschlesischen Bevölkerung jenseits so genannter „objektiver“ (S. 5) Kriterien. Hier liegt der Schwerpunkt auf der Beschäftigung mit der nationalen Identifikation im „Verhältnis zu anderen Identitätsangeboten [...] , seien sie regional, konfessionell oder auch sozial bestimmt“ (S. 4). Es fehlt allerdings die Auseinandersetzung mit der Kategorie Geschlecht, sowohl im Blick auf die Akteure als auch auf die diskursive Konstruktion der einzelnen Identitätsangebote. Gerade weil hierzu noch wenig Literatur zu Oberschlesien existiert, hätte wenigstens ein Hinweis auf diese unterlassene Fragestellung erfolgen können. Nicht direkt mit Oberschlesien, aber mit der Geschlechterproblematik im Spannungsfeld von Nation, Rasse und Herrschaft im besetzten Polen beschäftigt sich z.B. Elizabeth R. Harvey, „Die deutsche Frau im Osten“. „Rasse“, Geschlecht und öffentlicher Raum im besetzten Polen 1940-44, in: Archiv für Sozialgeschichte 38 (1998), S.191-214. Zu Frauen als Akteurinnen der nationalen Politik siehe z.B. Helena Karczynska (Red.), Dzialnosc spoleczno-narodowa i polityczna kobiet na Górnym Slasku w XX.wieku, Opole 1997 und Grazyna Kempa, Uwarunkowania szans zyciowych polskich kobiet na Górnym Slasku w latach 1848-1939, Katowice 2001. Eine zweite Gruppe, die aus der Betrachtung fast ganz herausfällt, sind die jüdischen Oberschlesier und die Juden in Oberschlesien. Das ist angesichts der ansonsten so vielfältigen Sichtweise besonders zu bedauern. Zur jüdischen Geschichte Oberschlesiens vgl. Peter Maser; Adelheid Weiser, Die Juden in Oberschlesien, Teil 1: Historischer Überblick. Jüdische Gemeinden, Berlin 1992; vgl. auch Dlugoborski, Waclaw, Polen, Deutsche und Juden im oberschlesischen Kohlerevier bis 1939 – Zusammenleben und Konflikte, in: Robert Maier; Georg Stöber, Zwischen Abgrenzung und Assimilation. Deutsche, Polen und Juden. Schauplätze ihres Zusammenlebens von der Zeit der Aufklärung bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges, Hannover 1996, S.27-40; sowie die Arbeiten von Karol Jonca, z.B. Karol Jonca, Die Deportation und Vernichtung der schlesischen Juden, in: Helge Grabitz u.a. (Hgg.), Die Normalität des Verbrechens. Bilanz und Perspektiven der Forschung zu den nationalsozialistischen Gewaltverbrechen. Festschrift für Wolfgang Scheffler zum 65. Geburtstag, Berlin 1994, S.150-170 oder Ders., Jewish Resistance to Nazi Racial Legislation in Silesia 1933-1937, in: Francis R. Nicosia; Lawrecne D. Stokes (Hgg.), Germans against Nazism. Nonconformity, Opposition and Resistance in the Third Reich, Essays in Honor of Peter Hoffmann, New York 1990, S.77-86. Zum Literaturüberblick mag weiter dienen Margaret Heitmann; Andreas Reinke (Bearb.), Bibliographie zur Geschichte der Juden in Schlesien, München 1995.
Kai Struve und Philipp Ther sehen Oberschlesien als exemplarische Region für die Untersuchung von Nationsbildung und Nationalismus, da es sich aufgrund seiner multiethnischen und mehrsprachlichen Struktur und multinationaler Geschichte dafür gut eigne. Ziel der Tagung und des vorliegenden Bandes sei es den „Grenzen der Nation“ auf drei Ebenen nachzugehen. Zum einen sollen die sozialen Grenzen der Nation, Inklusion und Exklusion, beleuchtet werden; zum zweiten das Grenzgebiet Oberschlesien in seiner Bedeutung für nationale Identität untersucht und drittens die Grenzen des Nationalismus, d.h. „Schwächen, Misserfolge, vielleicht sogar die Historizität des Nationalismus“ (S. 1) aufgezeigt werden. Angestrebt wird dies durch eine bemerkenswert breite zeitliche, geographische, internationale und interdisziplinäre Konzeption des Tagungsbandes, die auch die Geschichte des oft vernachlässigten österreichischen Oberschlesien und die Vormoderne einbezieht.
Der erste Abschnitt des Buches widmet sich dem Wandel vom frühneuzeitlichen zum modernen Nationsbewusstsein. Karin Friedrich (S. 19-43) beschreibt die Entwicklung des Nationsbewusstseins in Schlesien in der Frühen Neuzeit und zeigt, auf welch verschlungenem Wege Schlesien bis zum 18. Jahrhundert in der Selbstvorstellung der schlesischen Eliten von einem „selbstbewusst agierenden Ständestaat“ unter der böhmischen Krone zu einer „preußischen Provinz“ (beides S. 43) geworden sei.
Tomasz Kamusellas äußerst spannender Aufsatz beschäftigt sich mit der Frage der Sprachen und ihrer Bedeutung für die Konstruktion von Identität in Oberschlesien während des langen 19. Jahrhunderts (S. 45-69). Kamusella entwickelt die vielfältigen Schattierungen der Sprachenbenutzung und Sprachenpolitik in und gegenüber Oberschlesien und arbeitet heraus, dass Sprache zwar immer stärker in einem nationalen Sinne politisiert wird, dennoch die Benutzung einer Sprache nicht unbedingt einhergeht mit nationaler Identifikation (S. 52), schon gar nicht die des oberschlesischen „Kreolisch“ (S. 57). Sprachbenutzung in Oberschlesien blieb bei aller Politisierung vor allem an religiöse und soziale Rahmenbedingungen gekoppelt (S. 68). Da jedoch v.a. gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts Sprache zu dem Auseinandersetzungsfeld der Nationalismen in Oberschlesien wurde, wurde die Bi- oder Mehrsprachigkeit der einheimischen Bevölkerung von den Nationalisten in der Region als nationale Unzuverlässigkeit angesehen (ebd.). Trotzdem konnten sich die „Szlonzoks“, die oberschlesische Mischbevölkerung, ihre an die verschiedenen Sprachen gebundenen Identitäten gerade in ihrer Vielfältigkeit als Kernstück ihrer „Slonzokianess“ (S. 68) bewahren.
Der Aufsatz von James E. Bjork zur religiösen Erziehung und dem sprachlichen Wechsel in Oberschlesien 1870-1914 (S. 71-101) schließt sich hieran zeitlich und inhaltlich an. Auch anhand der Sprache des Religionsunterrichts, in Oberschlesien schon vor, aber erst recht seit dem Kulturkampf eine Streitfrage, lässt sich nachweisen, dass Sprache und Nationalität nicht eindimensional übereinander liegen und die Motive zur Wahl einer Unterrichtssprache durch die Eltern vielfältig waren (S. 87f.). Zwar gelang es den deutschen Autoritäten im Laufe des 19. Jahrhunderts den Religionsunterricht sprachlich zu germanisieren, aber die polnische Sprache fand in den Beicht- und Kommunionsvorbereitungskursen eine Nische, die ihren Einfluss in der religiösen Erziehung der oberschlesischen Kinder weiterhin ermöglichte (S. 83).
Der Frage nach den Auswirkungen der sprachlichen und politischen Nationalisierungspolitik gehen dann Przemyslaw Hauser (Wandelbarkeit und Uneindeutigkeit der nationalen und regionalen Identität in Oberschlesien 1890-1918, S. 103-110) und Dan Gawrecki mit seiner Geschichte der komplizierten Prozesse der nationalen Identitätsbildung in Österreichisch-Schlesien vor dem zweiten Weltkrieg (S. 111-134) nach. Beide stellen die vielschichtigen Prozesse von nationalen Anpassungs- und Abgrenzungsstrategien der oberschlesischen Bevölkerung gegenüber dem immer stärker werdenden polnischen, deutschen und tschechischem Nationalismus dar. In der Zwischenkriegszeit führte dies zur Blüte einer regionalen Identität und Bewegung, die sich aber in der Auseinandersetzung der Nationen um dieses Gebiet instrumentalisieren und so zerstören ließ (S. 129, 133).
Im zweiten Abschnitt des Buches, der sich mit Oberschlesien „im Bann der nationalisierenden Staaten“ beschäftigt, beschreibt Bernard Linek die Phasen der deutschen und polnischen nationalen Politik in Oberschlesien im 20. Jahrhundert (S. 137-167). Er liefert damit eine der ersten Zusammenschauen der Nationalisierungspolitik Polens und Deutschlands und arbeitet die Koppelung der Nationalitätenpolitik scharf heraus. Eng in Zusammenhang mit Lineks Aufsatz steht die Untersuchung Philipp Thers (S. 169-201), der den durch die Nationalitätenpolitik erzeugten Wandel von Identitäten in Oberschlesien 1921-1956 nachzeichnet und deutlich machen kann, dass weder deutsche noch polnische Zwangsmaßnahmen es indes erreichten, ein ethnisch oder national homogenes Oberschlesien zu schaffen. Die Widerständigkeit und der Eigensinn der oberschlesischen Bevölkerung werden auch in Franziszek Jonderkos Beitrag über die innerethnischen Beziehungen in Oberschlesien nach 1956 (S. 203-224) und bei Kevin Hannans Aufsatz über die ethnische Identität im österreichischen und tschechischen Schlesien vor dem 2. Weltkrieg (S. 225-243) sichtbar.
Der dritte und letzte Abschnitt über das heutige Oberschlesien fragt, ob dieses „Jenseits der Nation?“ liege. Meiner Meinung nach beantworten die drei letzten Aufsätze diese Frage nicht so positiv, wie das Kai Struve und Philipp Ther vielleicht beabsichtigt hatten. Zwar hat der Druck der Nationalisierung seit dem Ende des Stalinismus und besonders seit 1989 stark nachgelassen und einer friedlichen, wenn auch manchmal noch von Misstrauen gekennzeichnetem Koexistenz Platz gemacht, aber Gabriela Sokolová und Rudolf Žacek beschreiben in ihrer Darstellung der interethnischen Beziehungen im tschechischen Schlesien nach 1945 (S. 247-273) zwar gelassenere Beziehungen zwischen den Ethnien, doch auch ein Verbleiben in nationalen Wahrnehmungsmustern. Eine regionale Identität als wirkliche Konkurrenz zur nationalen gibt es nicht mehr, da der tschechisch-polnisch-deutsch-schlesische Regionalismus der Zwischenkriegszeit durch seine Verstrickung mit dem Nationalsozialismus kompromittiert worden ist (S. 239). Auch in Danuta Berlinskas Betrachtung der Beziehungen zwischen deutscher Minderheit und polnischer Bevölkerung im Oppelner Schlesien wird diese Aussage nicht widerlegt (S. 275-308). Erfreulicherweise akzeptieren die Bewohner Oberschlesiens heute eine gewisse Multikulturalität ihrer Region und damit auch die deutsche Minderheit, aber der nationale Blickwinkel bleibt von Mehrheits- wie Minderheitsseite aus prägend. Es gibt aber noch Oberschlesier mit „unsicherer“ (S. 278) nationaler oder mit einer „multikulturellen“ Identität, die sich sowohl polnisch, als auch deutsch und schlesisch fühlen und immer noch keinen wirklichen Platz zwischen deutscher Minderheit, Polen und Deutschland finden (S. 277-279).
Dass aber die Konfliktlinien auch noch an anderer Stelle, nämlich zwischen einer oberschlesisch-regionalen Identität und einer polnischen zentralstaatlich-nationalen Identität verlaufen, zeigen Kazimiera Wódz und Jacek Wódz im letzten Beitrag des Bandes über regionale Ansprüche des Kattowitzer Oberschlesiens und ihren Einfluss auf die Veränderung der traditionellen polnisch-nationalen Identität (S. 309-322). Sie konstatieren, dass der zentralstaatliche Nationalismus die Entwicklungschancen der Region behindert (S. 318) und kritisieren vor diesem Hintergrund die 1999 erfolgte Verwaltungsbezirksreform (S. 319).
Viel zu viele der spannenden und wichtigen Ergebnisse des Bandes können hier nicht vorgestellt werden. Die wichtigste allgemeine Erkenntnis ist, wie Kai Struve und Philipp Ther selbst schreiben, „wie variabel nationale Identifikationen im 19. und 20. Jahrhundert waren“ (S. 14) und dass sie nicht durch Sprache und Religion bestimmt, sondern „das Ergebnis eines ganzen Ensembles von kulturellen, sozialen und politischen Faktoren“(ebd.) waren. Auch zeigt Oberschlesien in der Tat die begrenzte Wirkungskraft des Zwangs zur nationalen Assimilation (S. 15) auf. Trotzdem darf bei aller Freude über die friedliche Entwicklung der Region in den letzten Jahren nicht vergessen werden, dass gerade in Oberschlesien die Wirkungskraft des Nationalismus sich als zerstörerisch erwiesen hat und es deshalb ein bisschen voreilig scheint, zu versuchen den Nationalismus „zu historisieren“ (S. 16), wenn damit eine Abwertung seiner Wirkungsmacht gemeint sein sollte.
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Juliane Haubold-Stolle. Review of Ther, Philipp; Struve, Kai, Die Grenzen der Nationen: Identitätenwandel in Oberschlesien in der Neuzeit.
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