Volker Meid. Elektronisches Sachwörterbuch zur deutschen Literatur. Stuttgart: Reclam Verlag Leipzig, 2000. 1 CD-ROM. ISBN 978-3-15-100214-7.
Reviewed by Ernst Grabovszki
Published on H-Soz-u-Kult (June, 2000)
Elektronisches Sachwörterbuch zur deutschen Literatur: CD-ROM
Elektronisches Sachwörterbuch zur deutschen Literatur
Volker Meids "Elektronisches Sachwörterbuch zur deutschen Literatur" richtet
sich an Schüler der Oberstufe, Literaturwissenschaftler und
Literaturinteressierte. Es enthält rund 1.000 Stichwörter zur Geschichte,
den Institutionen und den wissenschaftlichen Disziplinen, Methoden, Gattungen,
Epochen, Strömungen und Traditionen der deutschen Literaturgeschichte.
Zur Nutzung der CD-ROM sind ein PC ab 486 MHz, MS Windows 95, 98 oder NT 4.0,
16MB RAM, 4-fach CD-Laufwerk, 800x600 Grafikkarte und High Colour (16-Bit)
Bildschirm notwendig (für Apple-User: Apple Power Macintosh, 6,5 MB RAM,
4-fach CD-Laufwerk). Die Installation geht problemlos vonstatten, für die
Benützung des Lexikons ist die CD jeweils ins Laufwerk zu legen.
Der günstige Preis des Wörterbuchs (DM 39,90) erklärt sich wohl auch
dadurch, dass es auf Basis von Acrobat Reader 4.0 funktioniert, der mit der CD
ausgeliefert wird. Die Vor- und Nachteile der Navigation sind demnach die Vor-
und Nachteile von Acrobat Reader, die die Benutzung der CD aber nicht
beeinträchtigen. Das gesuchte Stichwort kann rasch aufgefunden werden - mehr
möchte man von einem Lexikon auch gar nicht verlangen. Wer also keine hohen
Ansprüche an die grafische Benutzeroberfläche stellt, wird mit dem
vorliegenden Lexikon gut zurechtkommen. Die Effizienz dieses Arbeitsmittels
wird zudem durch Hyperlinks zu anderen Einträgen erhöht.
Die Texte zu den einzelnen Stichwörtern können auch - das verrät zumindest
das Inlay zur CD - exportiert werden. Diese Funktion blieb mir allerdings
verborgen. Wer die Beiträge in einem anderen Programm nutzen möchte, kann
bestenfalls über die Druck-Funktion eine Print-Datei erstellen und diese dann
etwa mit Corel Draw weiterbearbeiten - was aber zugegebenermaßen nicht der
Sinn einer "komfortablen Exportfunktion" sein kann.
Wenn also der "Service" rund um das Sachwörterbuch hie und da zu wünschen
Übrig lässt, enttäuscht es inhaltlich nicht. Dem Autor ist es gelungen, die
mitunter tiefschürfenden Veränderungen und Entwicklungen innerhalb der
Literaturwissenschaft in den letzten Jahrzehnten mit zu berücksichtigen und
darüber hinaus einen notwendigen Blick über die geographischen Grenzen der
deutschsprachigen Literatur hinaus zu machen: Somit finden sich auch Einträge
zu "Petrarkismus" oder zur "Antikerezeption", die die übernationale
Entwicklung der deutschen Literatur deutlich werden lassen.
Als Beispiel sei hier das Stichwort "Sozialgeschichtliche Methode"
ausschnittweise angeführt: "Literaturwissenschaftliches Verfahren, das die
sozialen und institutionellen Bedingungen des Schreibens, der Produktion wie
der Rezeption, in ihrem geschichtlichen Wandel zu ihrem Gegenstand macht.
[...] Seit der Abkehr von dem marxistischem Modell und der einseitigen
Widerspiegelungstheorie (Sozialistischer Realismus) geht die Sozialgeschichte
von einem komplexen Wechselverhältnis von Literatur und Gesellschaft aus,
wobei es insbesondere auch darum geht, wie sich Literatur zu anderen Formen
kommunikativen Handelns verhält. Damit beschäftigen sich u. a. die von der
Systemtheorie Talcott Parsons und Niklas Luhmanns ausgehenden Modelle, die zu
erklären versuchen, wie sich das ‚System' Literatur gegenüber anderen
‚Systemen' herausbildet und eigene Institutionen, Regeln, Formen entwickelt.
Eine andere Form sozialgeschichtlicher Methodik stellt die
Mentalitätsgeschichte dar, die die Bilder und Vorstellungen untersucht, die
sich eine Gesellschaft von der Wirklichkeit macht und die in der Literatur
bewahrt werden."
Dem mag man zustimmen, das Verhältnis zwischen Mentalitätsgeschichte und
Literatur(-wissenschaft) ist freilich differenzierter zu betrachten: Zum einen
ist es aus der Sicht der Geschichtswissenschaft problematisch, literarische
Texte aufgrund ihrer fiktionalen Brechung als Quellen für die
Mentalitätsgeschichte heranzuziehen, zum anderen war die
Literaturwissenschaft bisher noch nicht imstande, die Mentalitätsgeschichte
in befriedigendem Ausmaß in ihr Programm aufzunehmen, was nicht zuletzt auf
die Unschärfe des Begriffs ‚Mentalität' zurückzuführen ist. Vgl. etwa Frank-Michael Kuhlemann: Mentalitätsgeschichte. Theoretische
und methodische Überlegungen am Beispiel der Religion im 19. und 20.
Jahrhundert. In: Kulturgeschichte Heute. Hg. v. Wolfgang Hardtwig u.
Hans-Ulrich Wehler. Göttingen: Vandenhöck & Ruprecht 1996, S. 182-211 (=
Geschichte und Gesellschaft, Sonderheft 16); ein jüngerer Beitrag zum
Verhältnis von Mentalitätsgeschichte und (Vergleichender)
Literaturwissenschaft ist Yves Chevrel: Litterature comparee et histoire des
mentalites. Concurrence ou collaboration? In: Comparative Literature Now.
Theories and Practice / La litterature comparee à l'heure actuelle. Theories
et realisations. Selected papers / Contributions choisies du Congres de
l'Association Internationale de Litterature comparee, tenu à l'Universite
d'Alberta en 1994. Hg. v. Steven Tötösy de Zepetnek, Milan V. Dimic, Irene
Sywenky. Paris: Champion 1999, S. 51-63.
Bekanntermaßen hatte auch die Germanistik in den letzten Jahrzehnten ihre
Schwierigkeiten mit sozialhistorisch orientierter
Literaturgeschichtsschreibung gehabt und vor allem ihre Bedenken gegen die
Vermittlung zwischen sozialhistorischer Realität und literarischem Kunstwerk
angemeldet. Die wesentlichsten Kritikpunkte sind zusammengefasst bei Heinz-Dieter
Weber: Literaturgeschichte als Sozialgeschichte? In: Der Deutschunterricht 33
(1981), Heft 1, S. 56-78. Schließlich beweisen aber Zeitschriften wie das
'Internationale Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur' oder die
Reihe 'Studien und Texte zur Sozialgeschichte der Literatur' (beide im
Niemeyer Verlag), dass eine Interdisziplinarität zwischen Sozialgeschichte
und Literaturwissenschaft sinnvoll und notwendig ist.
Bezeichnenderweise finden sich in diesem Lexikon, das sich auf einem Neuen
Medium präsentiert, auch solche Einträge, die das Verhältnis von Literatur
und Neuen Medien charakterisieren. Das Stichwort "Internet-Literatur" etwa
umreißt die formalen und inhaltlichen Veränderungen, denen literarische
Texte im Netz unterworfen sind. Wenn es die Absicht ist, die
Literaturwissenschaft mitsamt den Veränderungen, mit denen sie in den letzten
Jahrzehnten konfrontiert war, zu präsentieren, so ist eine solche Annäherung
sinnvoll. Gerade durch das Internet etwa werden nicht nur die Autor- und
Leserfunktion neu definiert, sondern auch die Distribution von Literatur geht
neue Wege.
Alles in allem demonstriert diese CD-ROM, wofür die neuen Medien im
wissenschaftlichen Alltag sinnvoll und effektiv eingesetzt werden können: als
Referenzsysteme, die aufgrund ihrer internen Vernetzung den jeweiligen
Printversionen um eine Nasenlänge voraus sind.
Das Sachwörterbuch bietet also Einstiegshilfen und eine erste Orientierung
zum jeweils gesuchten Thema. Für eine intensivere Auseinandersetzung sind
freilich andere Nachschlagewerke zu konsultieren. Das macht aber die
Attraktivität dieser CD-ROM für Nachbardisziplinen in den
Geisteswissenschaften aus: Wer sich rasch (und preisgünstig) über die
wichtigsten Schwerpunkte der Literaturwissenschaft informieren möchte, hat
hier durchaus eine interessante Quelle gefunden.
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Citation:
Ernst Grabovszki. Review of Meid, Volker, Elektronisches Sachwörterbuch zur deutschen Literatur.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
June, 2000.
URL: http://www.h-net.org/reviews/showrev.php?id=17273
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