Kurt Galling, u.a. Die Religion in Geschichte und Gegenwart. Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft: Ungekürzte elektronische Ausgabe der dritten Auflage von 1965. Berlin: Directmedia Publishing, 2000. ISBN 978-3-932544-16-3.
Reviewed by Antje Niederberger
Published on H-Soz-u-Kult (July, 2000)
Die Religion in Geschichte und Gegenwart: CD-ROM
Die Religion in Geschichte und Gegenwart.
In der schon viel gerühmten Reihe "Digitale Bibliothek" des Verlags
Direct-Media Publishing GmbH erschien nun auch das Lexikon "Die Religion in
Geschichte und Gegenwart (RGG)" als CD-ROM (Digitale Bibliothek 12). Bei der
CD-ROM handelt es sich um die digitale Version der zwischen 1957 und 1965 in
dritter, neubearbeiteter Auflage von Kurt Galling herausgegebenen gedruckten
Ausgabe des erstmals 1909-1913 erschienenen Lexikons. Die digitale Ausgabe
kostet 298 DM / 269 sfr / 2260 oeS und ist damit das mit Abstand teuerste Opus
der Reihe (die meisten anderen kosten um die 50 bzw. 100 DM; nur die
Goethe-Sammlung schlägt mit 198 DM auch etwas kräftiger zu Buche). Die
CD-ROM fasst sechs Bände zusammen. Der Registerband ist durch die
umfangreichen Suchfunktionen ersetzt worden.
Systemvoraussetzung für die Installation ist ein PC ab 486 mit mindestens 8
MB RAM, empfohlen werden jedoch 16 MB. Benötigt werden zudem eine Grafikkarte
ab 640 x 480 mit mindestens 256 Farben. Als Betriebssystem werden mindestens
Windows 3.1. und 3.11. gebraucht, besser eignen sich aber Windows 95, 98 oder
NT. Für die älteren Systeme (Windows 3.1. und 3.11.) gibt es eine
16-Bit-Version, für die neueren (ab Windows 95) eine 32-Bit-Version. Eine
Mac-Version existiert zur Zeit nicht, die jetzige Software läuft aber unter
Windows-Emulationen auf dem Macintosh. Eine Mac-Version ist nach Angaben des
Verlags aber in Planung; wer jetzt eine CD-ROM der Digitalen Bibliothek
erwirbt, kann später kostenlos zur Mac-Version updaten. Die Software der
Digitalen Bibliothek benötigt laut Verlag etwa 2 MB Speicherplatz, angeraten
werden 1-2 weitere MB für Dateien, die bei der Arbeit mit dem Programm
angelegt werden.
Die Installation wie die Deinstallation ist einfach und erfordert keine
speziellen Kenntnisse. Das Programm ist so beschaffen, dass damit sämtliche
Bände der Digitalen Bibliothek aufgerufen werden können, es beschränkt sich
also nicht nur auf die Nutzung der RGG. Daher erscheinen gelegentlich
Menüpunkte und Optionen, die für die Nutzung der RGG nicht notwendig bzw.
anwendbar sind, aber für andere Bände zur Verfügung stehen (z.B. Tabellen
oder Sound). Enthält ein Band eine neuere Softwareversion als die zuletzt
installierte, muss die Installation aktualisiert werden. Insgesamt kann die
Software kostenlos über die Hompage des Verlags
(http://www.digitale-bibliothek.de) heruntergeladen werden; somit sind die
Aktualisierungen leicht zugänglich. Sollten Probleme bei der Installation
oder in der Anwendung auftauchen, bietet der Verlag auf seiner Hompage eine
Zusammenfassung der am häufigsten vorkommenden Probleme und ihrer Lösungen;
außerdem existiert eine umfangreiche Online-Hilfe des Programms, die
jederzeit und in allen Programmsituationen gestartet werden kann.
Grosses Lob verdient die Tatsache, dass der Verlag sich darum bemüht hat, die
Möglichkeiten einer digitalen Präsentation optimal zu nutzen. Die Editionen
der Digitalen Bibliothek heben sich wohltuend von anderen Digitalisierungen
ab, die lediglich die gedruckten Versionen einscannen. So sind nicht nur alle
im Lexikon vorhandenen Stichwörter miteinander verlinkt, sondern es werden
vielfältige Suchfunktionen geboten, anhand derer man je nach Bedürfnis
jederzeit rasch zu den gewünschten Beiträgen gelangt. Benutzerfreundlich ist
die Aufteilung des Bildschirms in Funktionsregister und Text, so dass man
neben der Lektüre stets wahlweise Inhaltsverzeichnis, Stichwortregister oder
das Suchraster aufrufen kann. Die verschiedenen Suchoptionen werden in einem
beiliegenden Einführungstext verständlich erklärt, so dass die Navigation
insgesamt keine Mühe bereitet. Erfreulich ist die Möglichkeit, Textpassagen
mit verschiedenen Farben zu markieren, ebenso können der Text sowie die
integrierten Bilddateien (Karten, Abbildungen) vergrößert oder verkleinert
werden. Ein besonderer Service ist der sog. digitale Zettelkasten - gemeint
ist die Möglichkeit, markierte Textpassagen zu verwalten und zu bearbeiten.
Ein Funktionsregister 'Notizen' bietet einen einfachen Texteditor, so dass
Eingaben gespeichert oder in ein Textverarbeitungsprogramm kopiert werden
können. Mehr eine Spielerei ist die Möglichkeit, Schriftart und Papierfarbe
zu verändern. Positiv ist auch der Verzicht auf jedes Blendwerk oder farbig
blinkende Nutzlosigkeiten. Die optische Gestaltung ist den Bedürfnissen
langer Bildschirmbetrachtung gut angepasst.
Schön wäre es gewesen, wenn man die Möglichkeit genutzt hätte, noch mehr
Bilddateien als die vorhandenen zu integrieren. So gibt es zwar einzelne
Karten und Abbildungen, doch hätte man mit neuen Abbildungen und etwas
Farbigkeit (die Abbildungen sind alle schwarz-weiß) stärkeren optischen
Eindruck vermitteln können. Angenehm ist, dass man bei der Lektüre einzelner
Beiträge auf die vorhandenen Abbildungen aufmerksam gemacht wird und sie
sogleich abrufen kann.
Negativ fällt ins Auge, dass die Ausgabe des Lexikons nunmehr 40 Jahre alt
ist und sich daher nicht mehr auf einem aktuellen Stand befindet. Für die
CD-ROM wurde keine Neubearbeitung der Beiträge vorgenommen, wohl aber ist
derzeit eine vierte gedruckte Auflage in Bearbeitung, deren ersten beiden
Bände bereits vorliegen (Buchstaben A-D). Es stellt sich die Frage, warum
dann zeitgleich eine wesentlich ältere Ausgabe digitalisiert wird, zumal es
sich bei der vierten Auflage um eine komplette Neubearbeitung handelt. Der
Verlag argumentiert damit, dass es sich augenblicklich um die aktuellste
vollständige Version handle und mit dem Abschluss der vierten Auflage vor der
Mitte des kommenden Jahrzehnts nicht zu rechnen sei. Das Argument mag gelten,
aber es drängt sich die Frage auf, ob sich die Investition von immerhin 298
DM lohnt, wenn bereits zwei Bände der neuen Auflage in den Regalen der
Bibliotheken stehen.
Im Vergleich zur zweiten Auflage, die noch überwiegend aus deutscher Sicht
gestaltet ist, haben sich die Herausgeber der dritten Auflage bemüht, den
Horizont zu erweitern. Der gesamte Bereich der orthodoxen Kirche wurde
miteinbezogen, ebenso wurde den Bereichen Ökumene und Mission sowie den
"Jungen Kirchen" in Afrika und Asien Raum gegeben. Neben den theologischen
Hauptdisziplinen und der Religionsgeschichte werden nun auch Beiträge zur
biblischen und christlichen Archäologie und Kunst, zum Kirchenrecht und zur
Kirchenmusik geboten, in Auswahl auch zu Pädagogik, Literatur- und
Sozialwissenschaft. In den klassischen Bereichen wurden die Beiträge um
Hermeneutik, Auslegungsgeschichtliches zu einzelnen biblischen Büchern und zu
den Themen Kirchenkampf, Qumran und Widerstandsrecht ergänzt; erweitert
wurden Beiträge zu Bekenntnis, Gesetz, Evangelium etc. Damit sollte einer
Neuorientierung und bewussten Gegenwartsbezogenheit Ausdruck gegeben werden.
Um die wesentlich breitere Fächerung sinnvoll präsentieren zu können,
wurden manche Bereiche in größere Hauptartikel zusammengefasst.
Generell ist anzumerken, dass die RGG nicht, wie der Titel suggeriert, ein
allgemein religionsgeschichtliches Nachschlagewerk ist, sondern sich nach wie
vor stark evangelisch-christlich ausgerichtet präsentiert. Dies ist
ausdrücklich ein Anliegen der Herausgeber: "Der christliche Glaube im
evangelischen Verständnis soll die Neuauflage [d.i. die dritte Auflage] des
Werkes bestimmen. Er ist die ordnende Mitte, von der aus kritisch zu allen
Erscheinungsformen des Religiösen Stellung genommen wird" Vgl. Vorwort S. 6 der digitalen Ausgabe. . Das wird
weniger aus moralphilosophischer Sicht als vielmehr über die Auswahl der
Stichwörter und die allgemein anzutreffende Kategorisierung in 'christlich'
und 'nichtchristlich' deutlich. Zwar findet man das gängige Vokabular aus der
Religionswissenschaft und Religionsethnologie vertreten, doch beschränkt sich
die Information mehr auf wissenschaftstheoretische, deskriptive oder
analytische Begriffe (z.B. Animismus, Urmonotheismus, Kopfjagd o.ä.). Schwach
wirken im Vergleich dazu die Beiträge zu einzelnen Ländern oder Ethnien;
insbesondere bei den außereuropäischen Ländern fällt ins Auge, dass sich
die Informationen auf die Geschichte der christlichen Mission beschränken.
Übersichtlichere Informationen bieten zusammenfassende Artikel wie etwa zu
Afrika, doch auch hier wird die Mission als Überwindung indigener religiöser
Systeme missverstanden (eine schlechte Konkurrenz ist mithin der Islam!). Die
Beiträge zu anderen Religionen fallen ebenfalls eher dürftig aus; meist sind
sie unter den übergeordneten Stichwörtern Islam, Buddhismus, Hinduismus etc.
subsumiert. Allgemein mag diese Haltung aus christlicher Perspektive
verständlich sein, um so mehr, als das neue "Ernstnehmen des christlichen
Glaubens [...]" rückblickend von den Herausgebern der vierten Auflage auf den
mit dem Ende des zweiten Weltkrieges eingetretenen Zusammenbruch in den
Bereichen Religion, Theologie und Kirche in Zusammenhang gebracht wurde.
Gerade diese stark auf einen bestimmten historischen Zeitraum zugeschnittene
Ausprägung des Lexikons macht es schwierig, die Ansprüche an Zeitgemäßes
und Aktualität heute noch befriedigt zu sehen.
In dieser Hinsicht will die Neubearbeitung für die vierte Auflage Abhilfe
schaffen; außereuropäische Länder sollen stärker als bisher
berücksichtigt werden. Dass dies um so dringender geboten ist, lässt sich
mit dem Verweis auf die großen politischen Veränderungen beispielsweise in
Afrika bezeugen. So findet man etwa den heutigen Staat Benin in der älteren
Ausgabe nicht, dafür liest man aber unter dem Stichwort Kenya von einer
britischen Kolonie. Neuere Entwicklungen in der theoretischen Diskussion wie
in der Zeitgeschichte sind naturgemäß ebenfalls nicht vorhanden. Die neue,
vierte Auflage bietet neben der Aktualisierung der bereits vorhandenen
Stichwörter auch eine breitere Perspektive; die Herausgeber wollen dem
Lexikon "in Zukunft ein noch stärkeres internationales Profil" Religion in Geschichte und Gegenwart, Vierte Auflage, Band 1, Vorwort zur
vierten Auflage, 1998. geben.
Hierfür wurden zusätzliche Experten aus den entsprechenden Fachbereichen
berufen. Ob dies so eingehalten wird, ist nicht an dieser Stelle zu erörtern Grundsätzlich wäre anzumerken, dass ein Lexikon, das den Titel "Religion
in Geschichte und Gegenwart" führt, eigentlich eine konfessionelle wie
allgemein religiöse Ungebundenheit erwarten lässt. Es ist nicht zuletzt ein
Politikum, wenn man mit einer überstarken Dominanz der christlichen Religion
und der gelegentlich immer noch genutzten kategorialen Trennung in christlich
und nichtchristlich arbeitet; als Angehöriger des Islam oder einer anderen
Religion mag man sich auf den Schlips getreten fühlen. Offenbar sind die
Gestalter des Werkes noch immer stark zwischen dem Ansinnen, christliche Werte
zu bewahren und Wissen über die christliche Religion zu vermitteln, und dem
Anspruch, in einer zunehmend globalisierten Welt eine gewisse
kulturrelativistische Toleranz walten zu lassen, hin- und her gerissen. Neu ist
immerhin eine profunde Verständigung mit jüdischen
Religionswissenschaftlern, vor allem im Umgang mit biblischen Texten. .
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die CD-ROM zwar dank ihrer
computertechnisch umfassenden Verwendungsmöglichkeiten beeindruckt - hier ist
vor allem das Gesamtkonzept der Digitalen Bibliothek hervorzuheben - und das
Arbeiten am heimischen PC auf angenehme Weise erleichtert. Doch dies lässt
kaum über die Überschneidung mit der Neubearbeitung für die vierte Auflage
hinwegsehen. Fraglich ist, wer die CD-ROM eigentlich kaufen soll; von den
Möglichkeiten her ist sie vor allem für private Nutzer interessant, dafür
jedoch viel zu teuer. Ein Gang in die nächste größere Bibliothek ist sicher
die bessere Wahl, da dort neben den älteren Bänden bereits die ersten Bände
der Neuauflage stehen dürften. Aus demselben Grund werden sich Bibliotheken
die Anschaffung wohl auch zweimal überlegen. Insgesamt hätte ich es für
angemessen gehalten, den Abschluss der Neubearbeitung abzuwarten und dann eine
brandaktuelle CD-ROM zu präsentieren oder aber ein anderes Nachschlagewerk
ins Programm aufzunehmen, das auf absehbare Zeit sicher nicht durch eine neue
Version abgelöst werden wird. Somit bleibt das Lexikon auf CD-ROM brauchbar
für alle klassischen christlich-theologischen Grundbegriffe, hier erhält man
nach wie vor solide Information. Auch für diverse Begriffe aus der
Religionswissenschaft, Ethnologie oder Kunstgeschichte bietet das Lexikon
einen ersten, guten Einstieg. Vollkommen veraltet sind aber sämtliche
Literaturangaben und alle Informationen, die sich auf einzelne Länder
beziehen oder sonst Anspruch auf Aktualität haben.
If there is additional discussion of this review, you may access it through the network, at: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/.
Citation:
Antje Niederberger. Review of Galling, Kurt; u.a., Die Religion in Geschichte und Gegenwart. Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft: Ungekürzte elektronische Ausgabe der dritten Auflage von 1965.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
July, 2000.
URL: http://www.h-net.org/reviews/showrev.php?id=17270
Copyright © 2000 by H-Net, Clio-online, and the author, all rights reserved. This work may be copied and redistributed for non-commercial, educational purposes, if permission is granted by the author and usage right holders. For permission please contact H-SOZ-U-KULT@H-NET.MSU.EDU.


