Willfried Gessner, Rüdiger Kramme. Aspekte der Geldkultur: Neue Beiträge zu Georg Simmels "Philosophie des Geldes". Magdeburg: Scriptum Verlag Magdeburg, 2002. 152 S. ISBN 978-3-933046-54-3.
Reviewed by Klaus Latzel
Published on H-Soz-u-Kult (November, 2002)
W. Gessner; R. Kramme (Hgg.): Aspekte der Geldkultur
Im Dezember 1900 erschien das Hauptwerk des Philosophen und Soziologen Georg Simmel, die „Philosophie des Geldes“. In der zeitgenössischen wissenschaftlichen Rezeption stieß dieses Buch zunächst auf Befremden, handelte es doch vom Gelde, aber nicht unter ökonomischer, sondern unter einer, fachspezifische Grenzen souverän überschreitenden, kulturphilosophischen Perspektive, in der das Geld als substanzgewordene Sozialfunktion aufgefasst und als Paradigma für die Verselbständigung objektiver gegenüber subjektiver Kultur verstanden wurde. Langfristig aber sollte die „Philosophie des Geldes“ zum Klassiker der Kulturwissenschaften werden. Dabei spielte freilich weniger Simmels spezifischer Zugang, am Beispiel des Geldes „von der Oberfläche des wirtschaftlichen Geschehens eine Richtlinie in die letzten Werte und Bedeutsamkeiten alles Menschlichen zu ziehen“ (S. 12), die entscheidende Rolle, als vielmehr die verbreitete Reduktion auf seine im sechsten Kapitel „Der Stil des Lebens“ entfalteten Beobachtungen moderner großstädtischer Lebensformen, die bis heute als Muster von „Kulturkritik“ gelesen werden.
Das hundertjährige Jubiläum des Erscheinens der „Philosophie des Geldes“ wurde mit mehreren internationalen Tagungen gewürdigt und ist auch Anlass zur Veröffentlichung des vorliegenden Bandes. Die „Philosophie des Geldes“ wird von den Herausgebern als „aktueller denn je“ (S. 7) bezeichnet, begründet vor allem in dem „Potential, das sie für das Verständnis der modernen Kultur bereithält“ (S. 8). Der Band enthält u.a. eine Kritik des epistemologischen Status der „Philosophie des Geldes“ zwischen „Wahrheit“ und „Weltanschauung“ von Guy Oakes, eine Nachzeichnung der wissenschaftlichen und persönlichen Beziehungen zwischen Simmel und Gustav Schmoller von Erwin Schullerus, Überlegungen zu Simmel als Ökonom von Hajo Riese, eine Lektüre der Simmelschen Modernitätsanalysen im Lichte der Hegelschen Dialektik von Gerhard Gamm sowie einen mit Simmel gedachten Ausblick in die „Zukunft des ökonomisierten Individuums“ von Heiko Roehl und Burkhard Järisch. Wer sich für eine anspruchsvolle kritische Auseinandersetzung mit den philosophischen und erkenntnistheoretischen Grundlagen der „Philosophie des Geldes“ interessiert, wird mit den Aufsätzen von Oakes und Gamm bestens bedient, darf dabei jedoch keine leichte Kost erwarten. Für die in der neueren Kulturgeschichte geführte Diskussion über die Bedeutung Simmels als mögliche Referenzgröße für deren theoretische Grundlegung Otto Gerhard Oexle, Geschichte als Historische Kulturwissenschaft, in: Wolfgang Hardtwig/Hans-Ulrich Wehler (Hg.), Kulturgeschichte Heute (Geschichte und Gesellschaft, Sonderheft 16), Göttingen 1996, S. 14-40; Paul Nolte, Georg Simmels Historische Anthropologie der Moderne. Rekonstruktion eines Forschungsprogramms, in: Geschichte und Gesellschaft 24 (1998), S. 225-247; Ute Daniel, Kompendium Kulturgeschichte. Theorien, Praxis, Schlüsselwörter, Frankfurt/M. 2001, S. 53-62. sind dagegen zwei eher programmatisch ausgerichtete Beiträge von Willfried Geßner und Elizabeth S. Goodstein von besonderem Interesse.
Geßner plädiert dafür, Ernst Cassirers „Philosophie der symbolischen Formen“ mit Simmel zu erweitern, nämlich Cassirers Beschränkung des Raumes symbolischer Formen auf die „geistige Kultur“ (Mythos, Religion, Sprache, Wissenschaft) aufzugeben und vielmehr auch „profane“ symbolische Formen wie Technik, Wirtschaft, Gesellschaft usw. für kulturphilosophische Forschungen in den Blick zu nehmen, im Sinne einer „semiotischen Kulturphilosophie“ (S. 15), deren auf die Zeichenfunktion abstellender Kulturbegriff keinen Unterschied zwischen „höheren“ und „niederen“ Gebieten menschlicher Lebensformen kennt (S. 27).
Während Geßner im Anschluß an Simmel den Bereich der Kulturphilosophie ausdehnen will, erhebt Goodstein Simmels Zugriff auf die modernen Lebensformen zum Forschungsprogramm für Kulturphilosophie und Kulturgeschichte. Aus ihrer reichhaltigen Argumentation soll hier nur der zentrale Verweis auf Simmels analytische Methode hervorgehoben werden, die auf seiner relativistischen Perspektive mit dem Kernbegriff der „Wechselwirkung“ beruht. Diese Perspektive ist für Goodstein geeignet, zum „attraktiven Paradigma“ (S. 59) heutiger kulturwissenschaftlicher Untersuchungen zu werden. Goodstein betont gegen lange gängige Auffassungen, die Simmels Argumentationsweise als fragmentarisch zersplittert verkennen, gerade deren erkenntnistheoretisch und methodologisch begründete Einheit in einer „unabgeschlossenen, jede Totalisierung unterminierenden Dialektik, in der jede Deutung zu einer Umkehrung führt und jedes explanans sich in ein weiteres explanandum verwandelt“ (S. 48). Die Analyse sozialer Praktiken müsse nach Verbindungen, Konstellationen und Wechselwirkungen zwischen sozialen Phänomenen fragen, sie müsse versuchen, die Fragmentierung moderner Gesellschaften relational, als Form des Zusammenhanges, „analytisch einzufangen“ (S. 39), sich dabei jedoch von jeder kategorialen Abgeschlossenheit fernhalten. Angesichts der Wertschätzung, die die ihrerseits relationale, aber kategorial doch vergleichsweise geschlossene Sozialtheorie Bourdieus gegenwärtig in der historisch-kulturwissenschaftlichen Theoriediskussion genießt, scheint mir der von Goodstein eingeschlagene Rekurs auf Simmel, auch wenn man sein Denken nicht gleich zum neuen Paradigma erheben will, als Gegengewicht höchst begrüßenswert.
So anregend die theoretischen Beiträge insbesondere von Oakes, Gamm und das Plädoyer Goodsteins auch sind, so machen sie doch beim Denken ü b e r Simmel halt. M i t Simmel zu denken würde dagegen erfordern, die aufschließende Kraft des Simmelschen Relationismus in der Untersuchung aktueller oder historischer Erfahrungen wirklich zu erproben. Insofern bewegt sich der Band in den üblichen Gleisen der bisherigen Simmel-Rezeption – mit einer Ausnahme: Im letzten Beitrag entwerfen Roehl und Järisch das Szenario eines durch die erneute Ökonomisierungswelle der Sozialbeziehungen und die technologische Infrastruktur des Internets drohenden weiteren Vordringens von Kosten-Nutzen-Kalkülen in die Bewertungskriterien, die an die Individuen angelegt werden, kulminierend in der Vision eines Marktes für „Ego Stoxx“, auf dem deren Kurswerte als Arbeitskräfte und Konsumenten ablesbar sind. Dies ist zumindest eine Anregung, wie nach den Wechselwirkungen von subjektiver und objektiver Kultur in einem konkreten Erfahrungsbereich gefragt werden könnte.
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Citation:
Klaus Latzel. Review of Gessner, Willfried; Kramme, Rüdiger, Aspekte der Geldkultur: Neue Beiträge zu Georg Simmels "Philosophie des Geldes".
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
November, 2002.
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