Die Kreuzzüge: Kein Krieg ist heilig. Bischöflichen Dom- und Diözesanmuseum Mainz.
Reviewed by Georg Pahlke
Published on H-Museum (June, 2004)
Das Dommuseum in Mainz hat sich mit der lange und intensiv vorbereiteten Ausstellung eines Themas angenommen, das zwar historisch eine fest umrissene und abgeschlossene Epoche umfasst, das aber gleichzeitig als Metapher in den letzten Jahren eine unerwartete Aktualität gewonnen hat. Kriegerische Auseinandersetzungen auf dem Hintergrund von Glaubensüberzeugungen zu führen oder doch zumindest diese als Motivation anzugeben, begegnet uns in der Gegenwart nicht erst seit dem 11. September 2001. Darum kann das Thema auch nicht rein akademisch-historisch abgehandelt werden, sondern fordert zur Stellungnahme heraus, der sich die Initiatoren deutlich und eindeutig stellen, indem sie der Ausstellung den Übertitel "Kein Krieg ist heilig" geben, eine Aussage, die bis in die jüngste Vergangenheit auch im christlichen und katholischen Umfeld nicht unumstritten war. Die Ausstellung selbst aber weiß sich der Grundaussage verpflichtet und macht das deutlich, obwohl sich dem Besucher beim Eintritt in das Museum möglicherweise zunächst ein gegenteiliger Eindruck aufdrängt. <p> Unvermittelt steht er nämlich vor einem historisierenden Gemälde aus der Mitte des 19. Jahrhunderts (Fresko aus dem Dom zu Speyer), das den Kreuzzugsprediger Bernhard von Clairvaux in zwei Szenen zeigt, bei der Heilung eines Kindes und in fast unerträglich pathetischen Stil segnend vor in Speyer aufbrechenden Kreuzfahrern. Dass es der Ausstellung nicht um Idealisierung geht, wird im Kontrast deutlich, wenn die Augen des Besuchers auf zwei Tafeln des zeitgenössischen Künstlers Hans Nauheimer fallen, die unter dem Thema "Kreuzzüge gibt es immer noch" die Brutalität des Krieges durch erschlagene und verstümmelte Soldaten und abgetrennte Gliedmaße verdeutlichen. Im weiteren Verlauf greifen die Auststellungsmacher diesen Gedanken noch einige Male auf, etwa dort, wo das Dommuseum durch zwei Flügel des Kreuzganges erweitert wird. Hier hat man einen Andachtsraum eingerichtet, in dem der Besucher in gedämpften Licht Gelegenheit hat, das von Johannes Schreiter für die Ausstellung in Auftrag gegebene Sühne-Fenster zu meditieren, während eine lebensgroße Figurine eines kampfbereiten Ritters auf einem Pferd in Angriffshaltung dem Betrachter im Rücken steht. Eine beeindruckende Installation, die den Besucher in die Reflexion der Glaubenskriege einbezieht und das Thema aus dem historischen Abseits holt. <p> Neben der deutlichen Ablehnung von Krieg als Mittel der Glaubensausbreitung ist eine zweite Grundmaxime der Ausstellung, alle Beteiligten an den Kreuzzügen zu Wort kommen zu lassen und immer wieder die Perspektive zu wechseln. Didaktisch ist dies gelungen, indem durch farbige Texttafeln verdeutlicht wird, aus welcher Perspektive der Besucher seine Informationen bekommt, rot die zeitgenössisch-christliche, grün die muslimische und schwarz der Kommentar aus heutiger Zeit. Immer wieder finden sich christliche und muslimische Chronisten und Exponate nebeneinander. <p> Besonders beeindruckend ist die Darstellung der orientalischen Kultur, Zivilisation und Wissenschaft, mit der die Kreuzritter konfrontiert wurden. Medizinisch und technisch gut ausgestattete Krankenhäuser, eine hochentwickelte Handwerkskunst und wissenschaftliche Erkenntnisse, die dem mittelalterlichen Europa noch völlig unbekannt waren, sind durch Exponate und Modelle präsent. Um nur einige zu nennen: Schachfiguren aus Bergkristall, der "Hedwigsbecher", ein Trinkgefäß aus Glas und vergoldetem Silber, Konstruktionszeichnungen und Modelle von einer Becheruhr, medizinische Instrumente usw. <p> Überhaupt ist die Präsentation darauf angelegt, ein möglichst umfassendes und vielschichtiges Bild der zwei Jahrhunderte von 1095 bis 1291 zu liefern. Die Eroberungen und Niederlagen der Kreuzfahrerheere, ihre Ausrüstung, ihre Bauten und ihre Souvenirs--darunter vor allem Reliqienbehältnisse--haben ebenso einen Platz wie die Darstellung des Lebens und Agierens der Protagonisten wie z.B. Gottfried von Boullion, Friedrich II., Bernhard von Clairvaux, Franziskus oder Saladin. Der Besucher bekommt die Nuancen in den Charakteren und Haltungen vor Augen geführt. Neben den Scharfmachern gab es auch die Nachdenklichen, neben den Kämpfern, diejenigen, die sich auf Verhandlungen einließen und neben den Kriegern die Friedensboten. Eine weitere interessante biographische Präsentation besteht darin, die Epoche aus der Perspektive einer eher einfachen adligen Familie zu betrachten, deren Schicksal über einige Generationen mit der Kreuzzugsidee verwoben war. Am Beispiel des Grafenpaares Beatrix und Otto von Botenlauben wird das nachvollziehbar, ein Stück "Geschichte von unten", das durch den Katalog-Beitrag von Bernd Ulrich Hucker ideal ergänzt wird. <p> Der Rolle der Frauen ist ein eigener Abschnitt gewidmet. Die heilige Elisabeth steht für die Frauen, deren Leben sich durch die Kreuzzüge änderte, ohne selbst aktiv daran beteiligt zu sein. Es gab aber auch die Frauen, die mit ins Heilige Land zogen, sei es als mitreisende Ehefrauen, Prostituierte oder vereinzelt selbst als Kämpferinnen. Bodo Hechelmanns Beitrag im Katalog greift die Vielfalt der weiblichen Kreuzzugsbeteiligungen auf und stellt sie sachkundig dar. Welche Anziehungskraft und Bedeutung das Heilige Land und hier vor allem Jerusalem für die mittelalterlichen Menschen in Europa gehabt hat, lässt sich an der architekturgeschichtlichen Darstellung nachvollziehen, die zeigt, in wie vielen Kirchen des Abendlandes der Bau der Grabeskirche zu Jerusalem kopiert oder zitiert wurde. <p> Dem Mainzer Dommuseum ist es gelungen, in der Ausstellung, die als Doppelausstellung geplant war und aufgrund der Vorkommnisse vom 11. September 2001 völlig umgeplant und verkleinert werden musste, die Welt der Kreuzzüge umfassend und interessant darzustellen, ohne zu idealisieren oder in die eine oder andere Richtung zu moralisieren, wohl aber klar Position zu beziehen: "Kein Krieg ist heilig". Dass diese Erkenntnis auch schon vor 700 Jahren Menschen bewegte, macht ein Zitat Wolfram von Eschenbachs, eines Zeitgenossen der Kreuzzüge, deutlich, mit dem der Besucher verabschiedet wir: "Ist das nicht Sünde, dass man die, die nie Kunde von der Taufe empfingen, erschlug wie Vieh?" <p> Die historische Epochenausstellung zeigt als gelungene Mischung zeitgenössischer Kunst und Gegenständen der Sakral- und Alltagskultur. Sie wird ergänzt durch Modelle und Figurinen, die die Epoche lebendig werden lassen und eine größere Anschaulichkeit ermöglichen. Eine Textlastigkeit kann man der Präsentation nicht vorwerfen. Tafeln sind übersichtlich gestaltet, Texte kurz gehalten und gut formuliert. Dagegen ist die Beschriftung vieler Exponate nur schwer lesbar, da sie oft sehr tief angebracht und schlecht beleuchtet ist. Gerade wegen der gut gelungenen didaktischen Aufbereitung ist es bedauernswert, dass zu der Ausstellung kein museumspädagogisches Programm angeboten wird. Für Kinder böte sich eine lebendige Erkundung der mittelalterlichen Epoche an. Der Raum des Dommuseums--erweitert durch zwei Flügel des Kreuzganges--hat seinen Charme, stellt an den Besucher aber auch besondere Anforderungen, da im Kreuzgangteil bei niedrigen Außentemperaturen kein Museumsniveau erreicht wird; wohl dem Besucher, der Mantel oder Jacke nicht abgegeben hat! Zu wünschen übrig lässt der Eingangsbereich mit Kasse und Museumsshop. Im offenen Flügel des Kreuzgangs eingerichtet macht er einen eher provisorischen Eindruck und lädt--zumindest bei kühlem Wetter--nicht gerade zu längerem Verweilen ein, was das angebotene Sortiment eigentlich nicht verdient hat. <p> Der Katalog zur Ausstellung aus dem renommierten von-Zabern-Verlag entspricht in inhaltlicher und gestalterischer Qualität der Ausstellung. Im Beitragsteil werden viele Einzelthemen, wie oben schon mehrfach erwähnt, wissenschaftlich fundiert aber in der Regel auch für interessierte Laien gut lesbar dargestellt. Als besonders lesenswert erweist sich der Beitrag von Gerd Mentgen zu den die Kreuzzüge begleitenden Judenprogromen, die in der Ausstellung leider nur eine Marginalie darstellen. Im Katalogteil findet der Besucher die Exponate ausführlich beschrieben, die meisten durch Abbildungen illustriert. Der ergänzende Kartenanhang erlaubt es, sich beim Lesen schnell einen geographischen Überblick zu verschaffen. <p> Enttäuschend ist demgegenüber die Internetpräsentation der Ausstellung. Innerhalb der Seiten des Erzbistums Mainz gibt es gerade mal eine Seite, deren Text identisch ist mit einem dreispaltigen Werbeleporello. Obwohl die Ausstellung bereits acht Wochen läuft, werden immer noch "voraussichtliche" Eintrittspreise und ein ungefährer Katalogpreis genannt. Hier ist eine Chance vertan worden, auf die Ausstellung aufmerksam zu machen und Interesse und Lust an einem Besuch zu wecken.
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Georg Pahlke. Review of , Die Kreuzzüge: Kein Krieg ist heilig.
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