Nirgendwo in Afrika. Caroline Link, Regisseur.
Reviewed by Stefanie Hofer
Published on H-German (February, 2004)
Caroline Link zählt zu den wenigen deutschen Filmemacherinnen, die sich im internationalen Kino behaupten können. Ihr einfühlsames Filmporträt <cite>Jenseits der Stille</cite> (1996) über die Identitätssuche eines jungen Mädchens, das den Weg zur Musik trotz des Widerstands ihrer gehörlosen Eltern findet, brachte ihr neben deutschen Filmpreisen die Oscar-Nominierung. Auch die Kästner-Verfilmung <cite>Pünktchen und Anton</cite> (1999) fand sowohl im In- als auch im Ausland Beachtung. Die filmische Bearbeitung von Stefanie Zweigs Autobiographie <cite>Nirgendwo in Afrika</cite> wurde schließlich mit fünf Lolas und dem diesjährigen Oscar für den besten ausländischen Beitrag ausgezeichnet. <p> Wie in den vorangegangenen Filmen steht auch in <cite>Nirgendwo in Afrika</cite> (2001) ein junges Mädchen im Zentrum. Die fünfjährige Regina Redlich (Lea Kurka/Karoline Eckertz) verlässt 1938 zusammen mit ihrer Mutter Jettel Deutschland, um dem Nazi-Terror zu entkommen--die Familie ist jüdisch. Ihr Vater, Walter (Merab Ninidze), hat in weiser Vorahnung die Flucht von langer Hand geplant. Der einst erfolgreiche Anwalt arbeitet als Verwalter auf einer abgelegenen Farm in Kenia und erwirkt mit Hilfe der jüdischen Gemeinde die Einreise-Erlaubnis für seine Familie. Geschockt von den ärmlichen Verhältnissen, findet sich Jettel (Juliana Köhler), Tochter aus gutbürgerlichem Hause, nur schwer in der neuen Heimat zurecht. Der harte tägliche Kampf ums Überleben im kargen, trockenen Buschland, aber vor allem der Verlust der vertrauten Umwelt und die Sorge um die Angehörigen in Deutschland nagen an der Ehe. Statt die Erfahrung des Verlusts gemeinsam zu verarbeiten, herrscht Sprachlosigkeit und körperliche Kälte zwischen den Partnern. Die Emigration, die der Familie alles nahm, was bisher Identität bedeutete, wirft die Protagonisten auf sich selbst zurück, was sie verunsichert. Denn--so Walter--"wir reisen eine weite Strecke miteinander, aber was im anderen drin ist, wissen wir nicht." <p> Link nutzt den historischen Kontext und die fremde Kulisse, um die Frage nach identitätsstiftenden Momenten neu zu stellen. Was bestimmt das Leben einer Person? Was macht einen Menschen überhaupt aus? Sind es Kultur und Sprache oder Religion und Ethnie, Nationalität oder Minderheitenstatus, Landschaft oder Menschen, soziale Stellung oder innere Erfüllung, Erinnerung oder Gegenwart? Wie vor ihr Agnieszka Holland in <cite>Europa Europa</cite> (1990) dient auch Link das Thema Emigration dazu, den fließenden und durchlässigen Charakter von Grenzen und Identitäten hervorzuheben. Gerade hierin liegt der besondere Wert von <cite>Nirgendwo in Afrika</cite> für den Unterricht, da der Film Grenzen aufzeigt und gleichzeitig die Möglichkeit ihrer Überwindung betont. <p> Regina kann als ein vorbildliches Beispiel gelten. Sie überwindet die Grenze, die zwischen der afrikanischen und der europäischen Kultur besteht und durch die Steinmauer im Garten symbolisiert wird. Trotz des mütterlichen Verbots überschreitet Regina diese, legt die deutschen Schnürstiefel ab und passt sich nicht nur an das Klima des fremden Landes, sondern auch an seine Menschen an, schließt Freundschaft mit dem Koch Owuor (Sidede Onyulo) und den afrikanischen Kindern im Dorf. Sie erhält Einlass in die von Mythen und Riten geprägte Welt, lernt die Sprache und Semantik der Einheimischen verstehen. Das Fremde ist zur Heimat geworden, wie sich zuvor das heimische Deutschland zum unheimlichen (Un-)Ort für Staatsangehörige jüdischen Glaubens gewandelt hatte. Mit der dominanten Kultur Kenias, der britischen und durchaus antisemitischen, muss sich Rita spätestens nach ihrer Einschulung ins Internat auseinandersetzen. Die Außenseiterrolle kann sie deshalb akzeptieren, weil sie um den Rückhalt ihrer jüdischen Freundinnen in der Schule, ihrer kenianischen Freunde zu Hause und des familiären Umfelds weiß. Sie lehnt es ab, sich über ihre Stellung in der kolonialen "Leitkultur" zu definieren. <p> Ganz anders verhält sich Walter. Er schenkt zwar Owuor zu Beginn des Films die schwarze Anwaltsrobe--Relikt aus seinem "ersten Leben"--, doch die Rückgabe des Geschenks am Ende des Films verdeutlicht den Unterschied zwischen Vater und Tochter in ihrer Annäherung an Afrika. Walters Anpassung an den fremden Kontinent, seine Sitten und Sprache, ist nur eine Identität auf Zeit, eine geliehene, die ihm in ihrer Vielschichtigkeit unbehaglich bleibt. Denn für die Einheimischen bleibt er aufgrund seiner Hautfarbe ein kolonialer Ausbeuter, für die Kolonialherren dagegen aufgrund seines jüdischen Glaubens ein höchstens geduldeter Flüchtling, wenn nicht sogar aufgrund seiner nationalen Herkunft ein nationalsozialistischer Aggressor, der interniert werden muss. So sehr sich Walter auch bemüht, in die britische Kolonialgesellschaft aufgenommen zu werden, stößt er doch immer wieder an Grenzen. Da er ein Außenseiter bleibt, selbst nachdem er in der britischen Armee gedient hat, entscheidet er sich für die Rückkehr ins besiegte Deutschland, das Land, das über die Jahre hinweg der eigentliche Fixpunkt seiner Identität blieb. Das Angebot einer respektablen gesellschaftlichen Stellung als Richter in Frankfurt verspricht das Ende der Konfusion seines Selbst- und Fremdbildes. <p> Den wohl erstaunlichsten Entwicklungsprozess macht Jettel durch. Hält sie anfänglich--im blinden Verdrängen der Greueltaten, die im Namen des deutschen Volkes an ihren jüdischen Verwandten und Glaubensbrüdern verübt wurden--an ihrer Heimat und ihrer gesellschaftlichen Stellung fest, bricht sie mit Deutschland, nachdem sie von der Deportation ihrer Familie erfährt. Kenia, dem Land und seinen Einwohner, denen sie bisher mit rassistischer Überlegenheit begegnet ist, öffnet sie sich nun, lernt Kisuaheli und das karge Leben lieben, das ihr Freiheiten bietet, welche ihr das elegant-bürgerliche Umfeld bisher verwehrten. So erhält sie durch Walters Abwesenheit-- zunächst während seiner Internierung, später während seines Armeedienstes--die Möglichkeit zu erotischen Abenteuern, aber auch zu beruflicher Selbstständigkeit, denn sie verwaltet die Farm eigenständig. Die Anerkennung der britischen Gesellschaft sucht sie nicht mehr, nachdem sie dort jenen rassistischen Hochmut und elitären Snobismus erlebte, den sie einst Afrika entgegenbrachte. Jettel vermag sich zu integrieren, ohne ihre eigene, deutsche, aber auch jüdische Identität aufzugeben. Ihre neue Heimat und ihr neu erworbenes Selbstwertgefühl möchte sie im Gegensatz zu Walter nicht mehr aufgeben. <p> Wie häufig in so genannten Frauenfilmen beispielsweise in von Trottas <cite>Die bleierne Zeit</cite> (1981) spielt Trauer auf der Suche nach Identität eine bedeutende Rolle. Nachdem Jettel Gewissheit über das Schicksal ihrer Familie erhält, beginnt für sie ein Trauerprozess, in dessen Verlauf sich ihr Innenleben mit ihrer afrikanischen Umwelt verbindet. Eine zum Sterben ausgesetzte Kenianerin erinnert sie an ihre Mutter und bietet ihr Anlass zum Mitfühlen und zur offenen Trauer, was zum entgrenzenden Erlebnis führt. Indem Jettel das Leid ihres Umfelds in ihr Inneres einlässt, durcharbeitet sie ihr eigenes Schicksal und formt dabei ihre Identität in Bezug zu gegenwärtigen wie vergangenen Ereignissen neu. Das mit der Mutter gekaufte Abendkleid, letztes Erinnerungsstück an Heimat und Familie, trägt Jettel bei ihrem ersten Besuch eines Stammesritus der Baringos. Damit wird nicht nur das Ende ihres Trauerprozesses, sondern auch ihr Respekt gegenüber der fremden Kultur zum Ausdruck gebracht. Über die gemeinsame Erfahrung der kulturellen Ausgrenzung und Integration (in Erinnerung und Gegenwart) nähern sich Mutter und Tochter wieder an, denn ihre Beziehung hatte darunter gelitten, dass Regina die mütterliche Unabhängigkeit für die Eheprobleme ihrer Eltern verantwortlich machte. Links Porträt steht somit im Einklang mit feministischen Theorien, die weibliche Trauerarbeit als einen "mobilizing process with potentially regenerative powers"[1] verstehen. <p> Walters Trauerprozess ist ein gegenteiliger. Statt innerer Reflexion zieht er einen richtenden Aktivismus vor. Er kämpft in der britischen Armee gegen das NS-Regime und verfolgt die Nürnberger Prozesse mit Genugtuung. Doch erst nachdem er vom Verbleib seines Vaters erfährt--er wurde auf der Straße von einem SS-Soldaten erschlagen--, kann das Paar gemeinsam um die verlorenen Angehörigen trauern. Das Gespräch und der sexuelle Akt, lang versäumt und vermisst, verschmelzen zu einer Einheit, bei welcher der Sohn Max gezeugt wird. Da dieser den Namen seines ermordeten Großvaters erhält, kann Jettels Schwangerschaft für die gelungene gemeinschaftliche Trauerarbeit und für den Neubeginn der Ehe stehen. Jettel und Walter finden wieder zueinander, nachdem sie sich Verständnis, Respekt und Toleranz entgegenbringen. Was Jettel im Zusammenspiel der Kulturen gelernt hat, überträgt sie nun auf die unterschiedliche Trauerarbeit der Geschlechter: <p><blockquote> "Denn Toleranz bedeutet [...] nicht, dass alle Leute gleich sind. Das wäre dumm. Und wenn ich etwas in diesem Land gelernt habe, dann ist es, wie kostbar diese Unterschiede sind."</blockquote> <p> Bedauerlich ist jedoch, dass mit der Schwangerschaft Jettels Emanzipationsprozess ein jähes Ende findet und sie ihrem Mann wieder die absolute Entscheidungsmacht über das familiäre Schicksal überträgt. Dieser Bruch in Jettels Persönlichkeitsstruktur erklärt sich dadurch, dass Link von Zweigs Autobiographie abweicht, wenn sie den Schwerpunkt von der Tochter auf die Mutter verlagert, um Letzterer mehr Entwicklungsfreiraum als im Roman zuzugestehen. Das Ende und damit Walters Entscheidung für die Rückkehr nach Deutschland entspricht hingegen wieder der literarischen Vorlage. <p> Naheliegend ist der Vorwurf, Afrika werde zur Projektionsfläche für europäische (Film-) Geschichte(n) missbraucht, worauf die kenianische Journalistin Betty Caplan[2] verweist. Besonders Owuors Porträt lehnt sie ab, da es <cite>Onkel Toms Hütte</cite> zu entspringen scheint. Der Koch werde--wie die Kenianer im allgemeinen--idealisiert und deshalb stereotypisch--nämlich als unschuldig, treu, liebend und ehern dargestellt. Trotz dieser berechtigten Kritik darf nicht unbeachtet bleiben, wie sehr sich Link bemüht, Kenia gerecht zu werden. So wurde Verantwortung für die Region übernommen, die lang ersehnte Straße für das Dorf, den Drehort, gebaut und ein Fonds gegründet, der die weitere finanzielle Hilfe garantiert. Auch wurden afrikanische Rollen, beispielsweise jene Owuors, konsequent mit einheimischen Schauspielern besetzt, die Regenzeremonie wurde von einem Ethnologen für die 30er Jahre rekonstruiert, der Initiationsritus mehr oder weniger dokumentarisch gedreht. Hier zeigt sich der Unterschied zu gängigen Hollywood-Produktionen, den Link bewusst und, wie es scheint, mit Erfolg sucht: <p><blockquote> "Wenn die mit großem technischem Equipment und der Brillanz der Bilder aufwarten [...], haben wir dagegen zu setzen nur eine gewisse Authentizität oder Lebendigkeit, Echtheit, die gar nicht unbedingt nur vom Geld abhängt, sondern dass man sich mitten rein begibt und auch lebendig in der Inszenierung versucht zu sein. [...] Wir haben auch mit der Kameraführung versucht, sehr direkt zu sein, damit es nicht zu gestaltet und gestylt [...] aussieht. Das war eine ganz bewusste Entscheidung."[3]</blockquote> <p> Dass jedoch der Touristenfilm <cite>Magical Africa</cite> als "Special Feature" Einlass auf die DVD gefunden hat, scheint dem Anspruch zu widersprechen, <cite>Nirgendwo in Afrika</cite> wolle ein Safari-Image a la <cite>Jenseits von Afrika</cite> vermeiden. Insgesamt hält der Anschein, die Extra-Disk enthalte eine Fülle von Zusatzinformationen, einer genaueren Prüfung nicht stand. Die Interviews sind qualitativ--sowohl was die Bild- und Tontechnik als auch den Inhalt betrifft--ein Ärgernis. <p> Anmerkungen <p> [1]. Susan E. Linville, <cite>Feminism, Film, Fascism</cite> (Austin: University of Texas Press, 1998), p. 15. <p> [2]. <cite>Stuttgarter Zeitung</cite> (11/03/2003), p. 33. <p> [3]. Caroline Link, <cite>Talkrunde mit Regisseurin Caroline Link, Produzent Peter Hermann und Autorin Stefanie Zweig</cite> (DVD, Disc2).
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Citation:
Stefanie Hofer. Review of , Nirgendwo in Afrika.
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