Multiple-Site Paintant. Fabian Marcaccio.
Reviewed by Ute Pannen
Published on H-ArtHist (March, 2003)
Monographische Rezension
Der heute in New York lebende Argentinier zeigt bei der Documenta11 sein "Multiple-Site Paintant", eine vielschichtige Collage voller Bedeutungsebenen. <p> Marcaccio druckt Abbildungen von Pinselstrichen, Leinwandstrukturen und Rahmen auf die 70 Meter lange LKW-Plane--aber auch Eindruecke aus dem Stadtraum, wie U-Bahn-Plaene, Fussballstadien, Polizisten, Soldaten und Menschen. Dabei zeigt er die Dinge nie ganz, sondern zerstueckelt, Personen zum Beispiel werden zu Fleisch und Gedaermen. Unverholen aggressiv schleudern dekonstruierte Koerper, Stacheldraht und rote Farbe in enormer Dynamik durch das Bild. Fabian Marcaccios "Multiple-Site-Paintant" ist Malerei und Druck zugleich. Aus "painting" und "mutant" konstruiert der Argentinier den Begriff "Paintant". Mit seinem Werk fuer die Documenta11 zeigt er, der in Rosario Malerei, Druck und Philosophie studierte, dass die Malerei nicht am Ende ist und es auch nie sein wird, da man sie immer um ein neues Element erweitern kann, diesmal um den Digitalprint. <p> Marcaccio spielt mit Druck und Malerei, zum Beispiel zeigt er einen Farbklecks, den man auf den zweiten Blick als gedruckten erkennen kann. Er setzt gleich daneben auf einen solchen noch einen wirklichen Farbklecks darauf. Auf diese Weise taeuscht er den Betrachter und stellt so auch die Frage nach der Wahrheit von Bildern, die uns taeglich auf der Strasse oder in den Medien begegnen. Mit der Kombination von Malerei und Print, gedrucktem und gemaltem Pinselstrich taeuscht er den Betrachter und regt eine Reflektion ueber die Geschichte der Malerei an. <p> Die von Marcaccio gedruckten Pinselstriche, Leinwandstrukturen und Rahmen sind Symbole der Malerei. Er zeigt ihre Entwicklung indem er das von Jackson Pollock eingefuehrte "Dripping" oder den groben Pinselstrich druckt und so den abstrakten Expressionismus mit bissiger Ironie karrikiert. Pollocks getropfte Malerei spiegelt sein Unterbewusstsein, ist absolut subjektiv. Durch den Druck dieser Drippings fuehrt Marcaccio den Kuenstler als autonomes Subjekt ad absurdum. Aber er bricht nicht mit der Malerei, sondern setzt sie fort. Zum Beispiel formuliert er Pollocks Versuch das klassische Bildformat im "all over" zu verlassen aus, denn seine auf ein Metallgeruest gespannte Malerei dehnt sich ueber den Bildrand aus. Hier und da stehen kleine Silikonteile ueber den Rand, die daran erinnern, dass dieses Bild nicht gerahmt werden kann. Das Gesamtformat aus abwechselnd konkav und konvex gebogenen riesigen Tafeln schlaengelt sich durch den Raum und ist von beiden Seiten zu betrachten. Sein Gemaelde hat nicht nur den Bildrand, sondern auch die Zweidimensionalitaet ueberwunden. Diesen Schritt in den Raum verbindet er mit einer Anspielung auf Robert Rauschenberg, der in den sechziger Jahren als erster mit seiner Assemblage Malerei dreidimensional werden liess. Im Gegensatz zu der Kunst der sechziger Jahre setzt Marcaccio keine Alltagsgegenstaende auf die Leinwand, sondern Abdruecke aus Silikon vermischt mit Oelfarbe bilden eine reliefartige Struktur. Im weitesten Sinn kann Marcaccios Paintant als Collage betrachtet werden, es nimmt eine Form an, die auch fuer unsere postmoderne, pluralistische Gesellschaft typisch ist. So verweist der Kuenstler selbst in Interviews auf die "24-Stunden-Collage des Senders MTV", aber auch auf "collagierte Produkte", fuer die sich die Industrie Arbeiter, Materialien und Produktionsmittel aus verschiedenen Laendern zu nutzen macht. <p> Marcaccios Paintant erschoepft sich aber nicht in der Befragung des Mediums Malerei, sondern laedt durchaus ein, seine Stichworte aufzugreifen und zu einem narrativen Gefuege zu ergaenzen. Aber Marcaccio gibt keinen Text vor, er sieht seine Arbeiten vielmehr als einen Ort, an dem der Betrachter eine Art Erzaehlung erleben kann. So wecken Teile des Paintants, wie verschwommen erkennbare Soldaten und asiatische Gesichter Erinnerungen an den Vietnamkrieg, andere Sequenzen des Paintants zeigen Demonstranten, Dollarzeichen und Polizisten--sie erinnern an die brutale Beendigung von Demonstrationen in Argentinien in den letzten Monaten. Das Parlament im Hintergrund wirkt verschwommen wie eine in Aufloesung begriffene Institution. Die Aufloesung beziehungsweise das Verschwinden von oeffentlichem Raum kann auch an anderen Stellen diagnostiziert werden. <p> Marcaccio selbst beschreibt seine Arbeiten als eine "Uebung in Sachen Komplexitaet" und damit hat er wirklich recht. Die Menge der historischen Malereizitate zeigt, dass er nicht mit Traditionen brechen moechte, sondern diese fortsetzen will und die Moeglichkeiten der Malerei ausreizt. Dabei nutzt er eine Vielfalt von Collage-Elementen, die dazu auffordert seine Malerei immer wieder zu untersuchen und neue Aspekte aufzudecken.
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Citation:
Ute Pannen. Review of , Multiple-Site Paintant.
H-ArtHist, H-Net Reviews.
March, 2003.
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