Museum als Medium--Medien im Muesum. Perspektiven der Museologie. Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart.
Reviewed by Christel Dauster
Published on H-ArtHist (August, 2002)
Die Tagung stand unter der Leitung von Hubert Locher und Beat Wyss. Eroeffnet wurde sie durch die Vortraege von zwei 'Urgesteinen' der Wissenschaft und Praxis des Museums: Walter Grasskamp, Akademie der Bildenden Kuenste Muenchen, und Jean-Christophe Ammann, langjaehriger Leiter des Museums fuer Moderne Kunst in Frankfurt. <p> Walter Grasskamp stellte fest, dass es bisher keine umfassendere Literatur-, Film-, Malerei-, Karikatur- sowie Komikgeschichte, kurz: keine Mediengeschichte des Museums gebe. Er arbeitete unter der Ueberschrift 'Das Museum im Medium der Fotografie' an den Museums-Fotografien von Thomas Struth von 1993 zwei Merkmale heraus: Die stellvertretende Rueckenfigur als Symbol der distanzierten, quasi-sakralen Kunstrezeption zeigt den Betrachter im "Zeitspalt" der musealen und fotografischen Zeitverschiebung: die Dimension Zeit wird aufgebrochen, bleibt aber in der Abgrenzung von Museumsraum, Bildraum und Betrachterraum unueberwindbar. Grasskamps "1. Museumsphysikalisches Gesetz: Masse widerspricht Reflexion" war ein Plaedoyer gegen das aufgeregte Event-Museum, gegen zuviel Bewegung und Laerm in den stillen Hallen der Betrachtung. <p> Jean-Christophe Ammanns eigenwillig vorgetragener Standpunkt zielte in eine aehnliche Richtung. Die sich selbst inszenierenden Museumsarchitekturen der letzten Jahre stehen dem taeglichen Arbeiten mit Werken und Ausstellungen im Wege. Ammann forderte als universell gueltigen Ausstellungsraum fuer Kunst einen an den Proportionen des 19. Jahrhunderts geschulten, neutralen aber nicht anonymen-- ja ^Âradikal-intimen'--Raum, der ueber Kanten definiert sei, die Aequivalenz von Licht und Raum ermoegliche und eine heimwerkerfreundliche Ausstattung besitze. Der Ausstellungsraum ist nach Ammann ein weisser Resonanzraum fuer die Werke in einer ihnen dienenden Umgebung. <p> Im zweiten Panel 'Medien im Museum' wurde deutlich, dass die "Medialitaet" des Museums nicht zuletzt auch eine Frage der Kommunikation ist. Andreas Bienert, IT-Referat der Staatlichen Museen Preussischer Kulturbesitz Berlin, und der freischaffende Architekt und Kuenstler Tim Edler (realities:united), Berlin, wiesen in sehr unterschiedlichen Kontexten darauf hin, dass hier die Kreativitaet und vor allem die Interaktivitaet verlorengegangen sei. Das Museum fuer Post und Kommunikation in Berlin, das Joachim Kallinich vorstellte, scheint darin weit voraus zu sein. <p> Bienert stellte die spannende Frage, warum die Homepages von Museen so uniform gestaltet seien. Mit der Konsumentenhaltung, die das Museum zu einem idealen Testfeld neuer Verwertungswirklichkeiten machten, wuerden passive Empfaenger unter Verlust der demokratischen Inhalte dem durchgreifenden Design des Netzes untergeordnet. Dennoch verspraechen sich die Museen einen Imagetransfer durch modernste Technik. Die neuen medialen Systeme sollten sich dagegen auf die Faehigkeiten konzentrieren, die durch tradierte Methoden nicht geleistet werden koenne: die maximale, aktuellste Erschliessungsdichte sowie Verbundkatalogisierung und interinstitutionelle Vernetzungen um Interaktivitaet zu erlangen. Das digitale Aequivalent des Museums muesse ermoeglichen, Dinge zu finden, die man gar nicht kennt. Dazu muessten interaktive Systeme zur Nutzung entstehen, bei der es nicht bloss Empfaenger, sondern auch Sender gibt. <p> Kallinich fuehrte die Medienkonzeption seines Museums fuer Post und Kommunikation in Berlin unter dem Motto "Komm rein, spiel mit!" vor. Dort soll nicht allein die Geschichte der Kommunikation thematisiert, sondern vielmehr selbst ein Ort der Kommunikation geschaffen werden. Kallinich hat seine Ausstellung nicht chronologisch organisiert, da seiner Meinung nach der Umgang mit Geschichte sich durch die neuen Medien veraendert hat. Vielmehr gibt es zu verschiedenen Themen vielfaeltige erlebbare Angebote an den Besucher, "kinderleicht und greiseneinfach" mit den Exponaten und untereinander zu kommunizieren. <p> Ein Modell auch fuer das Kunstmuseum? <p> Tim Edler forderte, neue Medien im Museum nicht nur als Erfuellungsgehilfe zu sehen, sondern ihre eigenen, kreativen Moeglichkeiten zu nutzen. Anhand der von "realities:united" zur Zeit laufenden Planungen fuer die Medienkonzeption des neugebauten Kunsthaus Graz, erlaeuterte er drei Ideen. Ein "hybrid-Katalog" soll dem Dilemma der Informationen zu den Exponaten abhelfen: "barcode"-Reader koennten die ueber Verteiler an der architektonischen Haut des Museums weitergebenen Informationen (die auch anders einsetzbar sind) an flexiblen Stationen in der Ausstellung abrufen. Die dritte Idee richtet sich mit low-tec gegen technisch schnell veraltende, kostspielige Grossbildwaende: Mit Tausenden kreisrunder Kuechenneonleuchten zauberte Edler an die Aussenhaut des wie eine Luftblase gebauten Kunsthauses eine Medienfassade, die besonders bei Nacht enorme Fernwirkung entfalten wuerde. <p> Der Abendvortrag von Boris Groys, Karlsruhe, untersuchte das mit Videofilmen bestueckte Museum, das spezifische Wahrnehmungsmuster seiner Besucher forciere. Daraus, dass sowohl das Objekt, als auch der Betrachter mobil seien, ergaebe sich eine Heterochronie--eine Desynchronisierung der dem Kunstwerk immanenten Zeit und der Lebenszeit des Betrachters. Dieses Zeitphaenomen werde strategisch eingesetzt, um dem Betrachter ein abschliessendes Urteil ueber das Exponat unmoeglich zu machen. Entsprechend dem gegenwaertigen kuenstlerischen Trend zur 'Unbildhaftigkeit' manifestiere sich der 'Verlust des Bildes' in der Unabbildbarkeit der Medienkunst. Indem der Film aus sich heraus leuchte, werde zudem der Besuchers entmuendigt und einer fremden Lichtgestalt unterworfen. Dies sei das Ende des aufgeklaerten Subjekts. <p> Am zweiten Tag im Panel 3 wurde das Thema "Museum als Medium" zunaechst antithetisch aufgegriffen. Ein Museum kann fuer Michael Fehr vom Karl-Ernst-Osthaus-Museum in Hagen kein Medium fuer Massen sein, weil es ein anderen unaehnlicher Ort des Bewahrens, Entdeckens und Wahrnehmens von Gegenstaenden ist, der sich nicht an Besucherzahlen, sondern an der Qualitaet der Exponate und Praesentation misst. Und dann entwarf Fehr eine poetische Museumsutopie, die im Gegensatz zu Ammanns uniformen Idealraum in einer Vielzahl von Architekturen und Praesentationen besteht. 7 ineinandergeschachtelte Gebaeude stehen am Rande der Stadt. Hinter 7 verschiedenen Eingaengen und Fassaden (vom Gewaechshaus ueber die Fabrikhalle bis zum Tempel) verbergen sich 7 vollkommen verschiedene Arten von Museum, die verschiedene Funktionen, verschiedene Beduerfnisse, Gewohnheiten und aesthetische Ansprueche der Besucher erfuellen und die je eigene Praesentationsprinzipien verfolgten. <p> Peter Schneemann, Universitaet Bern, versuchte "Textlastigkeit" als Vernichtungsurteil ueber eine Ausstellung zu revidieren und eine Diskussion um die ideologische Ausgrenzung der Sprache in der Kunstausstellung anzustossen. Er untersuchte 4 Funktionen von Text im Museum. Die Lesbarkeit von Bildern und Ausstellungen muesse nicht gegen das Erlebnis ausgespielt werden. Texte koennen als Anweisung das Verstaendnis von Bildern erhellen. Die Kontextualisierung dient zur Erlaeuterung des soziologischen oder oekonomischen Umfelds eines Kunstwerks. Als seine eigene Geschichte reflektierendes wird das Museum selbst zum Text. In der Praxis bestimmen jedoch gesprochene Texte in Form von Audiogeraeten die Betrachtungsweise von Besuchern. <p> Die Sehgewohnheiten von Museumsbesuchern haben sich, so Baerbel Kuester, Universitaet Stuttgart, infolge der digitalen Sehgewohnheiten geaendert. Nicht die Impressionisten sind diejenigen, die die einreihige Haengung durchsetzten, sondern die marktbeherrschenden konservativen Galeristen im Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Haengt die "Ware Kunst" im einreihigen Display als Perlenkette an der Wand, verleiht das Museum den Kunstwerken den Charakter von Luxusartikeln. Diese Aesthetik der Haengung gilt es zu ueberdenken. Werden Bilder, dicht gehaengt, neben- und uebereinander praesentiert, muss sich der Betrachter selbst ein Werk aussuchen, was den Auswahlkompetenzen heutiger Betrachter entgegenkommt und neue Sichtweisen eroeffnen kann. <p> Angela Zieger, Universitaet Stuttgart, skizzierte die Geschichte der Museologie als umstrittene Wissenschaft, die keineswegs nur an der Praxis orientiert ist. Obwohl bis heute nicht eindeutig definiert, hat die Museologie eine lange Entstehungsgeschichte, die mit der Reflexion des Museums als Ort des Ordnens, Sammelns und Bewahrens im Kontext von (fuerstlichen) Sammlungen und oeffentlichen Museen beginnt. Waehrend der vorwissenschaftlichen Phase (ca. 1900-1935) erfolgte eine Professionalisierung der Museumsarbeit und die Gruendung von Verbaenden. Die empirisch-deskriptive Phase (1935-1976) verhalf zur Anerkennung als wissenschaftliche Disziplin (erster Lehrstuhl 1958, erstes theoretisches Konzept 1960). Seit 1976 versteht man unter Museologie die Wissenschaft der visuell vergegenstaendlichten Dinge. <p> In der abschliessenden Podiumsdiskussion versuchte Hubert Locher, Staatliche Akademie der bildenden Kuenste von fuenf Vertretern aus Politik, Wissenschaft und Praxis zu erfahren, welche Schwerpunkte die Ausbildung von Wissenschaftlern fuer das Museum setzen sollte. Annette Schwandner, Referat Museen Ministerium fuer Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Wuerttemberg sieht Museen von den Anforderungen der Freizeitgesellschaft und den Zielen der Politik bestimmt. Der Erfolg eines Museums bemesse sich an Besucherzahlen. Neben fachspezifischem Wissen sollte ein Museumsleiter oekonomische Faehigkeiten mitbringen. Christoph Vitali, Haus der Kunst Muenchen, sieht sich sowohl als Manager (geschaetzte Taetigkeit ca. 30%) wie als Kurator (etwa 70%). Als spezielle Voraussetzungen nennt er Einsatzbereitschaft und Aufgeschlossenheit fuer offene Fragen und Aufgaben. Wilhelm Kiel, Kommunalpolitiker aus Fellbach, wies auf die Bedeutung der Kulturpolitik in den Kommunen hin. Die Organisation obliegt in den Kommunen zumeist den Kulturaemtern, in denen starke Persoenlichkeiten gefragt sind. Nach Meinung von Ursula Zeller, Institut fuer Auslandsbeziehungen, Stuttgart, Referat Kunst, sollte der Leiter eines Museums neben breitem fachspezifischen Wissen und der Faehigkeit zu wissenschaftlichem Arbeiten ueber kulturelle Kompetenz und Erfahrung im Management verfuegen. Starke Luecken sieht sie bei der Ausbildung in der praktischen Uebung. Im Widerspruch zwischen Bildung und Ausbildung sieht Beat Wyss eine universitaere Abschottung der Kunstgeschichte als Gefahr fuer den langfristigen Bestand des Faches, das sich einem Wandel unterziehen muesse. Die Universitaet Stuttgart und die Staatliche Akademie der Kuenste wollen sich mit der Einfuehrung eines Masterstudiengangs Kunstwissenschaft/ Museologie diesem Strukturwandel stellen. <p> Die Staerke der Tagung in Stuttgart lag darin, die Medialitaet des Museums--und damit auch die Wandlungsfaehigkeit, die offenen Enden und vor allem die unterschiedlichen Definitionen dieser altehrwuerdigen Institution, mit denen Kulturpolitiker, Museumsleute, Kuenstler und Wissenschaftler argumentieren--auf vielen Ebenen vorgefuehrt zu haben. Es bleibt zu hoffen, dass die beiden in den Diskussionen sich formierenden Parteien: die Befuerworter des auratischen, stillen Museums einerseits und des kreativen, kommunikativen, lebendigen Museums andererseits weiter in Dialog bleiben und dass dieser Dialog von der Museologie aufgegriffen wird.
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Citation:
Christel Dauster. Review of , Museum als Medium--Medien im Muesum. Perspektiven der Museologie.
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August, 2002.
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