MuseumsTheater. Theatrale Inszenierungen in der Ausstellungspraxis. Bundesverband Museumspaedagogik e.V..
Reviewed by Torsten Junge
Published on H-Museum (July, 2002)
Museum und Theater sind zwei auf den ersten Blick altertuemliche Dinosaurier, denen im Zeitalter multimedialer Praesentationsformen etwas arg Verstaubtes anhaften und nur noch bei einer intellektuellen Schicht ein Leuchten in die Augen zaubert, deren Bedeutung und Moeglichkeiten in der Gegenwart allerdings nicht zu unterschaetzen sind. Formuliert man es leicht zugespitzt, so hat das Theater laengst seinen Bildungs- und Unterhaltungswert gegenueber anderen Medien eingebuesst und wird nur noch in der Dimension des Spektakels wahrgenommen. Dem Museum geht es nicht viel besser, auch hier sind oft nur noch ,koerperweltliche' Grenzueberschreitungen in der Lage, einen Achtungserfolg anhand der Besucherzahlen zu verbuchen. Doch nicht Trauer um die praesentativen Ideale aus dem Zeitalter der humanistischen Bildung ist hier angesagt, sondern die Erkenntnis, dass Inszenierung und Theatralisierung grundlegende Bestandteile jedweder Kultur sind und auch nicht vor den Bollwerken der harten Naturwissenschaften Halt machen. Das Museum agiert in der Wissensgesellschaft im zunehmend wichtigem Bereich der Wissensvermittlung. Wissen als Ressource zur Loesung gesellschaftlicher Probleme zu begreifen, ist nicht besonders originell, hingegen deren kompetente Repraesentation gerade auch komplexerer Inhalte, wie sie zum Beispiel die Forschung und Entwicklung neuerer Technologien mit sich bringt, ist ein aeusserst anspruchsvolles Unterfangen und bietet der Idee des Museums, sich von der Glaskasten- und Vitrinenmentalitaet zu loesen und als spannungsreiches Instrument der Didaktik sich neu zu formieren. Eine Gratwanderung bleibt es trotzdem: Die Wandlung des Selbstverstaendnisses des musealen Raumes birgt die Gefahr, sich zu sehr an bestimmte populaere Stroemungen der gegenwaertigen Eventkultur aus betriebswirtschaftlichen Gruenden anzupassen und somit in der Belanglosigkeit zu versinken. <p> Vorliegende Publikation entstand im Anschluss der Jahrestagung des Bundesverbandes Museumspaedagogik e.V., zu der mehr als 200 Fachleute aus den Sparten Museum und Theater auf Einladung des Badischen Landesmuseums nach Karlsruhe reisten. Gabriele Kindler, Oberkonservatorin des Landesmuseums und Leiterin des Referats Museumspaedagogik, sieht in der Vorstellung der didaktischen und kuenstlerischen Ansaetze sowie in der gegenseitigen Informierung ueber den Einsatz und der damit gemachten Erfahrungen von theatralischen Methoden in Museen und Ausstellungen die Ziele dieser interdisziplinaer konzipierten Tagung. Der Band stellt nicht nur die theoretischen Fundamente des ,MuseumsTheaters' vor, sondern auch, anhand ausgewaehlter Projekte, die praxisrelevante Erfahrungen aus dem Zusammenspiel von Museum und theatraler Inszenierung. Die konzeptionelle Gestaltung der Tagung, die eingangs vorgestellt wird, vermittelt eine rundum gelungene und durchdachte Vorgehensweise. <p> So verharrte die Veranstaltung nicht in Einzelvortraegen, sondern bot selbst eine Inszenierung in hervorragender Weise: Experten aus dem In- und Ausland informierten ueber ihre Projekte, zudem zeugten eine Podiumsdiskussion, Workshops und ein Ideenmarkt davon, wie eine fruchtbare und innovative Tagung aussehen kann. Unterteilt ist der Band in Anlehnung an die Tagung in die Darstellung verschiedener Modelle aus internationaler Sicht, in die Exploration und den Austausch von Erfahrungen anhand verschiedener Workshops und des Ideenmarktes und in die Wiedergabe der Diskussion unter dem Thema "MuseumsTheater an der Schwelle zum 21. Jahrhundert". <p> Die Modelle, die den hauptsaechlichen Teil bilden, umreissen nicht nur die Frage, ob das Theater im Museum als eine eigenstaendige Kunstform verstanden wird oder ,nur' als Methode der Didaktik, sondern beschaeftigen sich auch damit, inwieweit der Raum des Museums und die Anordnung der Exponate nicht eine eigenstaendige Buehne adaequat zur Theaterbuehne bilden, die jedoch von den Methoden des Theaters profitieren kann. Zwei Beitraege sollen hier kurz hervorgehoben werden: Auf die ungeheuren Potentiale des ,Crossover', also der Verbindung von Architektur, Licht und Musik bei der Theaterinszenierung, aber auch beim Einsatz musealer Objekte in die theatralische Darstellung verweist der international erfolgreiche Performer und Regisseur Robert Wilson. Sein aeusserst zu empfehlender Beitrag bietet nicht nur konzeptionelle Anregungen, sondern erzaehlt zudem auf wunderbarer Weise Wilsons Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit behinderten Menschen. <p> Der Beitrag von Ursula Hentschel versucht entgegen der negativ belegten Rede von der, Theatralisierung des Alltags' die Potentiale des Theaters als Medium aesthetischer Bildung in der Museumspaedagogik auszuloten. In der Verbindung von Theaterspiel und deren Rezeption in musealen Orten wird das Museum nicht als eindimensionale, klar strukturierte Symbolwelt wahrgenommen, sondern "als ein Ort, als Raum und Institution befragt [...], in der die Spielenden womoeglich, andere Raeume' entdecken koennen--Heterotopien im Sinne Foucaults" (S. 55). Fazit der Tagung und des vorliegenden Bandes ist eine eindeutig positive Auffassung der Verbindung von Museum und Theater. Voraussetzung ist aber, dass beide Raeume nicht nur ,blosse Kooperation' sind, sondern wenn es gelingt, dass sich "das Theater mit dem Museum, das Museum mit dem Theater auseinandersetzt [...] Solch eine Kommunikation zwischen Theater und Museum macht verrueckte Erfahrungen moeglich!" (S. 64).
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Citation:
Torsten Junge. Review of , MuseumsTheater. Theatrale Inszenierungen in der Ausstellungspraxis.
H-Museum, H-Net Reviews.
July, 2002.
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