Ostmitteleuropäische Kunsthistoriographien und der nationale Diskurs. Humboldt-Universit?t zu Berlin.
Reviewed by Monika Wucher
Published on H-ArtHist (August, 2001)
Ein Res?mee
Im Rahmen einer Tagung hatten es das Leipziger Geisteswissenschaftliche Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas (GWZO) und das Kunstgeschichtliche Seminar der Humboldt-Universitaet zu Berlin unternommen, aktuelle fachspezifische Inhalte voranzutreiben. Bei der Organisation der Veranstaltung wurden zugleich wissenschaftspolitische Forderungen, die schon lange im Raum standen, zumindest exemplarisch in die Tat umgesetzt. Mit Blick auf ein zusammenwachsendes Europa lud man moeglichst breit gestreut aus Berlin, Bratislava, Bucuresti, Budapest, Cluj-Napoca, Graz, Katowice, Kraków, Leipzig, Oldenburg, Poznan, Praha und anderen Orten fast dreissig Referentinnen und Referenten zu der Tagung ein. Der Call for Papers war an die ostmitteleuropaeisch ausgerichteten Institute fuer Forschung und Lehre ergangen, so dass die Vortragenden schliesslich eine institutionalisierte Infrastruktur des entsprechenden kunsthistorischen Sektors und Bezuege der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler untereinander widerspiegelten. <p> Es zeigten sich--um es bereits vorweg zu nehmen-- tiefgreifende Unterschiede bei den Forschungszielen und wissenschaftlichen Verfahren. Grob zusammengefasst liessen sich zwei Richtungen ausmachen: eine dekonstruktivistische, die die Geschichte des Faches selbst kritisch beleuchtete und eine, die vernachlaessigte Gegenstaende des Faches wuerdigte oder einst in Misskredit geratene rehabilitierte. <p> Die Statements zu Beginn der Tagung markierten deutlich die Positionen und Erwartungen der Veranstalter. Mit dem Anspruch, dass es sich explizit um ein wissenschaftskritisches Thema handelt, begruesste Winfried Eberhard, Leiter des GWZO, die Tagungsteilnehmer. Hauptanliegen sei, einen Rueckblick zu wagen auf nationale Funktionalisierungen der Kunst und Kunstgeschichte Ostmitteleuropas und ihren praegenden Anteil am nationalistischen "Zeitgeist" verschiedener Epochen. Adam Labuda, Professor am Kunstgeschichtlichen Seminar der Humboldt-Universitaet, umriss in seiner Einfuehrung die historische Entwicklung der Verbindungen zwischen Kunstgeschichte und nationalen Vorstellungen. Dabei betonte er, dass dies bei weitem kein abgeschlossenes Kapitel sei. Im Vergleich mit einigen Nachbardisziplinen wuerden in der Kunstgeschichte die Konstruiertheit nationaler Aspekte, die Konstruktionsmittel und -mechanismen sowie ihre Funktionsweisen zu wenig untersucht. Zu den in der Einfuehrung anklingenden Thesen ueber die Historizitaet, Kontextualitaet und politische Relevanz kunstgeschichtlicher Aussagen durften in den nachfolgenden Tagungsbeitraegen Fallbeispiele und Stellungnahmen erwartet werden. <p> Insbesondere standen neue Erkenntnisse in Aussicht zu Schluesselfragen wie: Verstellt die "fruehere Tradition" des Faches--damit zielte Labuda vor allem auf die deutsche Kunstgeographie der ersten Haelfte des 20. Jahrhunderts ab-- eine kritische Auseinandersetzung? Wie laesst sich heute eine kunsthistorische Perspektive entwickeln, die sowohl Differenzierung als auch Zusammenfassung der Kunstphaenomene, Regionalisierung und Europaeisierung ermoeglicht? Und sind wir in der Lage, in einem mit einem geopolitischen Begriff belegten Fachgebiet ausser nationalen auch andere Inhalte fuer die Kunstgeschichte zu ermitteln? <p> Die Tagungsbeitraege gliederten sich in vier aufeinander folgende thematische Bloecke, in denen nach der Begrifflichkeit der Kunstwissenschaft und der Beteiligung an der Konstruktion sowohl ethnischer, nationaler oder kunstgeographischer Einheiten, als auch national definierter Kunstgeschichten durch das Fach gefragt werden sollte. Eine fuenfte Sektion wollte die nationale Tradition mit der des "Realsozialismus" konfrontieren. (Dies blieb bis auf einige Beispiele aus der Denkmalpflege aber Desiderat der Veranstalter.) <p> Bei aller Breite der diskurstheoretischen Themenstellungen und Anliegen lassen sich die vorgetragenen Inhalte im Wesentlichen zweiteilig gliedern: Die eine Richtung verfolgte mehr oder weniger pointierte wissenschaftsgeschichtlich-dekonstruktivistische Ansaetze. Hier wurden Kunstforscher wie Dehio (Stefan Muthesius), Dagobert Frey (Beate Stoertkuhl), Victor Roth und Hermann Phleps (Robert Born), Oskar Schuerer und Erich Wiese (Dusan Buran), verschiedene Mitglieder der Wiener Schule (Ján Bakos, Katharina Scherke), aber auch nationale Vereinnahmungen von Kuenstlern und Werken (Milena Bartlová, Ivan Gerát, Guido Hinterkeuser, Kristina Kaplanová, Erno Marosi, Evelin Wetter) kritisch untersucht. <p> Die zweite Richtung bemuehte sich umgekehrt um eine Darstellung bestimmter Schulen des Fachs oder einzelner Wissenschaftler als fuer die Kunstgeschichte Ostmitteleuropas zu reaktivierende Bezugspunkte. Die Aufmerksamkeit galt beispielsweise Bereichen der Kunstgeographie (Marina Dimitrieva), der Architektur von Nationalstilen (Wojciech Balus, Corina Popa) oder den Anfaengen nationaler Kunstgeschichten und ihrer Betaetigungsfelder (Alena Janatková, Arno Parík, János Végh). Allerdings barg dieser Enthusiasmus vielfach die Gefahr der lediglich rekapitulierenden Wuerdigung kunsthistorischer Arbeit. So wurde beispielsweise Coriolan Petranu unhinterfragt in seiner "Bedeutung" als moderner siebenbuergischer Kunstwissenschaftler der 1930er Jahre vorgestellt, "dessen besonderes Engagement der Sache seines Volkes galt" (Nicolae Sabau). Die Kunstgeschichte im Nationalsozialismus blieb dabei gaenzlich ausgeblendet, so etwa die Rolle Strzygowskis, des Lehrers von Petranu. Aehnlich neutralisierend wurde auch in anderen Beitraegen mit Repraesentanten des Faches wie Pinder oder Strzygowski selbst verfahren. Dazu gesellten sich unreflektiert hin und wieder einschlaegige Bezeichnungen fuer die untersuchten Regionen, so dass Teile der Slowakei wieder zu "Oberungarn" oder bestimmte tschechische als "ehemals deutsche Gebiete" charakterisiert wurden. <p> Steven Mansbach hielt als einer der Diskussionsleiter der Kongresssektionen abschliessend fest, die "breadth of viewpoints" und die Fuelle an Darstellungen von Einzelphaenomenen habe die Erprobung adaequater Methoden fuer das Fachgebiet ueberlagert. Zukuenftige Unterfangen, die an die Tagung anschliessen wollten, muessten deshalb im Sinne methodischer Fragestellungen weiterentwickelt werden. Die konstruktive Kritik schien auch bedingt durch die teilweise schwer nachvollziehbare Zuordnung mancher Vortraege zu den Sektionsthemen. Auffallend war vor allem aber die Zoegerlichkeit, Vorsicht, Diplomatie und Undeutlichkeit in der Stossrichtung vieler Beitraege. Einen herausragenden Weg, die Kontextualitaet von Kunsthistoriographien zu analysieren und dabei weitgehend unbekanntes Material und regionale Besonderheiten vorzustellen, hatte Robert Born in seinem Beitrag ueber Victor Roth und Hermann Phleps gefunden. Er stellte die zeitgleichen, auf dasselbe kunsthistorische Terrain gerichteten Forschungen zweier Antagonisten dar. Durch diesen Vergleich wurde ein Spektrum der politischen Moeglichkeiten eroeffnet, in dem die Exponenten aktiv waren und ihre kunsthistorischen Aussagen faellten. <p> Dem Netzwerk der Referentinnen und Referenten zufolge dominierten auf der Tagung die Forschungsschwerpunkte der jeweiligen Institute. So konnte u.a. die moderne bis zeitgenoessische Kunst keine Beruecksichtigung finden. Insgesamt war bemerkenswert, dass die gegenwaertig in den fuer die ostmitteleuropaeische Kunsthistoriographie bedeutenden Regionen allenthalben spuerbare politische Relevanz nationaler Konstruktionen geradezu ausgeklammert blieb. Referenten von der Ungarischen Katholischen Universitaet in Piliscsaba beispielsweise behandelten ihr Material zur Historienmalerei und zur Fotodokumentation nationaler Kulturdenkmaeler ohne jeglichen Bezug zu den nationalistischen Tendenzen an ihrer eigenen Institution, an der rechtsgerichtete Populisten wie der Historiker Erno Raffay lehren. Bei der Arbeit an den "Grundlagen und Voraussetzungen eines erweiterten Europas" (so der Titel der die Tagung unterstuetzenden Foerderinitiative der VolkswagenStiftung) waere eine Verbindung der Geschichte mit der Gegenwart Voraussetzung. Insbesondere ein Bewusstsein fuer den aktuellen Kontext der eigenen Forschungen und ihr Potential, funktionalisiert zu werden und zu funktionalisieren.
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Citation:
Monika Wucher. Review of , Ostmitteleuropäische Kunsthistoriographien und der nationale Diskurs.
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August, 2001.
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