Anthony Grafton. What was History?: The Art of History in Early Modern Europe. Cambridge: Cambridge University Press, 2007. 330 S. $23.99 (paper), ISBN 978-0-521-69714-9.
Reviewed by Matthias Pohlig (Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin)
Published on H-German (July, 2008)
Moderne Geschichtstheorie in der Vormoderne?
Anthony Grafton ist jedem bekannt, der sich mit der Ideengeschichte des frühneuzeitlichen Europa beschäftigt: Er hat zahlreiche Studien zur gelehrten Kultur zwischen Humanismus und Aufklärung verfaßt; seine Arbeiten befassen sich mit der frühneuzeitlichen Chronologie, mit Geschichtsschreibung, Ägyptologie und dem Verhältnis der entstehenden 'Geisteswissenschaften' zur Naturforschung. Viele seiner Untersuchungen sind sowohl Pionierarbeiten als auch Meisterwerke; die knappe Geschichte der Fußnote, die von einem ungeahnten Blickwinkel aus eine Geschichte der frühneuzeitlichen res publica litteraria auf nur 240 Seiten entwirft, ist vielleicht das hervorstechendste Beispiel.[1] Graftons Leser schätzen seine Fähigkeit, Querverbindungen zwischen disparat scheinenden Gebieten der Gelehrsamkeit herzustellen, und auch seinen anschaulichen und unakademischen Stil.
Diese bewundernswerten Eigenschaften besitzt auch sein jüngstes Werk, das sich mit den frühneuzeitlichen artes historicae befaßt. Das Buch geht hervor aus vier Vorlesungen im Rahmen der G.M. Trevelyan Lectures in Cambridge Anfang 2005; sein Titel spielt an auf eine andere in diesem Rahmen gehaltene Vortragsreihe vor knapp fünzig Jahren, E.H. Carrs What is history? (1961). Carr ging es um grundsätzliche geschichtstheoretische Überlegungen im Rahmen der Debatte um die Relativität oder Objektivität historischen Wissens. Diese Auseinandersetzungen des zwanzigsten Jahrhunderts waren aber, so Grafton, kaum radikaler als die geschichtstheoretischen Diskussionen der Frühen Neuzeit: "The point of this book is to argue that the battles over history of the years around 1700 rivaled those of the 1950s and 1960s in seriousness as well as in sheer, wild eccentricity--and that they too were the culmination of long decades of challenge and debate" (S. 3). Im Hinblick auf das geschichtstheoretische Potential erweist sich die Frühe Neuzeit in Graftons Lesart als überaus modern oder gar postmodern: Als eine Epoche, in der alle unsere Diskussionen zum Beispiel über die Dichotomien von Struktur- oder Kulturgeschichte, über Relativismus oder Objektivität, zumal aber über die Probleme von "histoire totale" und Globalgeschichte bereits extensiv geführt worden sind.
In größerem Umfang begannen Historiker in der Mitte des sechszehnten Jahrhunderts (und eher in Süd- und Westeuropa als im Reich) ihre Arbeitsweisen und Ziele programmatisch zu formulieren. Diese Autoren standen in der Tradition der humanistischen Historiographie, reflektierten aber methodischer als diese die Art und Weise, wie historische Erkenntnisse sicher gewonnen werden können und wie sich diese Erkenntnisse in Geschichtsschreibung umsetzen lassen. Die Traktate der ars historica-Tradition zwischen der Mitte des sechszehnten und dem frühen achtzehnten Jahrhundert, die im Deutschen oft auch als 'Historiken' bezeichnet werden, unterwarfen das Lesen von Geschichtswerken und das Schreiben von Historiographie einer systematischen Methodik. Die Spanne reichte von Lektürehinweisen bis zu ausgearbeiteten historischen Methodologien. Die bekannteste Sammlung von Historiken wurde 1576-79 unter dem Titel Artis historicae penus von Johannes Wolf herausgegeben. Im Großen und Ganzen propagierten die Historiken eine rhetorisch strukturierte, an moralischen Exempla orientierte, praxisnahe Geschichtsschreibung, die mit Bezug auf Ciceros oft zitiertes Diktum von der "historia magistra vitae" durchaus politische Orientierung zu bieten versprach. Grafton zeigt aber überzeugend, daß innerhalb dieser konventionellen Parameter die Methodisierungs- und Systematisierungsleistungen der Historiken viel größer waren, als oft behauptet wird. Einige der Autoren schickten durchaus "the methodological cat among the rhetorical pigeons" (S. 39).
Im ersten Kapitel spannt Grafton einen Bogen, den er im vierten Kapitel wieder aufnimmt; während das zweite und dritte Kapitel sich mit der ars historica-Tradition selbst befassen, fragt er zu Beginn und am Ende nach den Verbindungslinien zur ars critica-Tradition der historischen Methodologie um 1700. Exemplarisch zeigt Grafton im ersten Kapitel, daß die quellenkritische Methode der Frühaufklärer, die sich etwa gegen erfundene Reden in der Historiographie wandte, durchaus Vorläufer in den Historiken besitzt. Um 1700 standen sich zwei Methodologien gegenüber: eine an Descartes geschulte skeptisch-rationalistische Position, die die Normen der traditionellen Geschichtsschreibung an der Vernunft messen wollte, und eine eher defensive, klassizistische, die die antiken Historiker durch den Hinweis auf deren Zeitgebundenheit zu retten versuchte (und sie dabei unwillentlich der Kritik preisgab). Ähnlich wie die im Bereich der Kunst geführte Querelle des anciens et des modernes im Ergebnis beide streitenden Parteien zwang, den historischen Abstand zur Antike zur Kenntnis zu nehmen[2], so führte auch die Debatte um die historische Methodik zu einer neuen Sensibilität für die Historizität von Quellen und Geschichtsschreibung. Wenn diese Sensibilität aber, so lautet ja Graftons These, bereits in der Historik-Tradition seit dem sechszehnten Jahrhundert ausgebildet wurde, worin bestand dann das Neue der ars critica um 1700? Und warum stellten die Frühaufklärer keine Bezüge zur späthumanistischen Historik her? "Did the artes historicae fall into oblivion before the new ars critica took shape?" (S. 49). Diese Grundfrage, die Grafton plastisch entfaltet, wird im vierten Kapitel wiederaufgenommen, nachdem das Genre der Historik präziser beschrieben worden ist.
Im zweiten Kapitel wendet sich Grafton den Ursprüngen der ars historica-Tradition zu. Es gelingt ihm zu zeigen, wie innovativ der oft als verschult und epigonal angesehene Späthumanismus war; en passant scheint ein Grundanliegen Graftons auf, das man aus seinen anderen Publikationen kennt: nämlich den Späthumanismus des sechszehnten und siebzehnten Jahrhunderts als eigenständige Entwicklungsstufe innerhalb der Ausbildung der humanities zu profilieren, die sich weder hinter dem 'hohen' Humanismus um 1500 noch hinter der radikalen Frühaufklärung zu verstecken braucht. Sehr viel systematischer als in der humanistischen Historiographie um 1500 postulierten einige der Historiken die Einbeziehung auch nicht-textueller Quellen (vor allem) der antiken Geschichte; auch eine Methodisierung der Quellenkritik ist zu beobachten. François Baudouins Postulat der "historia integra" etwa zielte auf eine intellektuell durchdachte, quellenkritische, thematisch umfassende Form der Geschichtsschreibung. Traditionell wird die Entwicklung der ars historica-Tradition aus der Verbindung von Historiographie und Rechtswissenschaft erklärt--gerade für Baudouin und Jean Bodin ein durchaus plausibler Konnex. Grafton zeigt aber, daß neben der juristischen und rechtsgeschichtlichen Reflexion weitere intellektuelle Felder die Ausbildung der ars historica prägten: so etwa die klassische Philologie, die archäologische und antiquarische Tradition, die zunehmend methodisierte Chronologie, die Geographie und die Kirchengeschichtsschreibung. Neben diese gelehrten Disziplinen trat als weitere Anregerin die Reiseliteratur aus der Neuen Welt, die neue Informationen über den Menschen und seine Gesellschaften in die Geschichtstheorie einspeiste. Diese wurde so zu einem Medium, mit der neuartigen Informationsflut fertig zu werden: die artes historicae also als Versuch, nicht nur die Geschichte, sondern überhaupt eine unübersichtlicher werdende Welt zu verstehen!
Im dritten Kapitel stellt Grafton drei Autoren von ars historica-Traktaten des sechszehnten Jahrhunderts und ihre Konzeptionen näher vor: den italienischen Humanisten Francesco Patrizi (1529/30-97), den lutherischen Geschichtstheoretiker und Historiker Reiner Reineck (1541-95) und schließlich den wohl berühmtesten von allen: den französischen Juristen, Staatstheoretiker und Universalgelehrten Jean Bodin (1530-96). Anschaulich zeigt Grafton, daß die Autoren der ars historica-Tradition bei durchaus geteilten Prämissen über Sinn und Zweck der Geschichte doch sehr unterschiedliche Akzente setzen konnten. Die Historiken sprengten zwar den Rahmen der humanistischen Tradition nicht, erweiterten ihn aber in vielfältiger Weise: "The tradition offered more room than now seems possible: room within which individual talents could explore, and display, the riches of local scholarship, philosophy, and science" (S. 181). Radikale Quellenkritik, die Frage danach, was eigentlich historisierbar ist (und was nicht), Skepsis gegenüber historischer Objektivität: Alle diese scheinbar modernen Züge finden sich durchaus in Historiken des sechszehnten Jahrhunderts.
Warum nun, so fragt Grafton im vierten Kapitel wiederum, nahmen weder die Frühaufklärer noch die Göttinger Aufklärungshistoriker von ihren innovativen Vorgängern Kenntnis? Wie konnte die ars historica-Tradition, die doch alle Argumente und Diskussionen des achtzehnten Jahrhunderts bereits entfaltet hatte, so gründlich vergessen werden? Grafton macht vielfältige wissenschaftsinterne wie -externe Gründe namhaft: So das Abbrechen der schulischen loci-communes-Methode, auch das Aufgeben der Idee eines unmittelbaren Lernens aus der Geschichte. Der Skeptizismus um 1700 habe die quellenkritischen Ansprüche noch einmal heraufgesetzt; die traditionellen Gliederungsschemata der Geschichte (so etwa die Vierreiche-Lehre) gerieten außer Kurs. Vor allem aber habe sich die von Beginn an bestehende Spannung zwischen Praxisnähe und antiquarischer Gelehrsamkeit so weit verschärft, daß die diese beiden Pole zusammenbindende ars historica nicht habe überleben können.
Die artes historicae, so belegt Grafton, stellen in komplexer Weise sowohl die Vorgeschichte als auch das Gegenstück zur Aufklärungshistorie dar. Dennoch ist zu fragen, ob die Gründe für den Abbruch dieser Tradition schon vor 1700 nicht banaler sind, als Grafton annimmt. Wenn die artes historicae insgesamt so 'modern' waren, wie Grafton postuliert, reichen die von ihm angeführten Gründe für ihr Verschwinden nicht aus. Insgesamt scheint erstens die Annahme plausibler, daß die Historiken aufs Ganze gesehen doch konventioneller waren und etwa dem humanistischen Exempeldenken häufig breiteren Platz einräumten als radikaler Quellenkritik. Natürlich sind Graftons Ergebnisse überraschend, aber wie weit sind sie generalisierbar?
Zweitens war der Einfluß der Historiken begrenzt: Die zeitgenössische Historiographie ist selten so innovativ, wie Graftons Panorama ihrer methodischen Grundlagen nahelegen würde. Selbst dort, wo Verbindungen zwischen ars historica und Geschichtsschreibung bestehen, etwa beim Kontakt zwischen Baudouin und den Magdeburger Zenturiatoren, ist doch die Rezeption offenbar wesentlich ambivalenter verlaufen, als Grafton meint.[3] So verdienstvoll Graftons Ehrenrettung der Historiken ist: Insgesamt scheint mir seine Interpretation zu pointiert. Die Modernität der Geschichtstheorie des sechszehnten Jahrhunderts, die damit nicht bestritten werden soll, war wohl disparater und fragmentarischer als hier beschrieben. Dennoch, und dies ist das große Verdienst des Buches, zeigt Grafton anschaulich, daß die von ihm vorgestellte Tradition historischer Methodologie kritischer, bunter, vielfältiger war, als man lange angenommen hat.
Notes
[1]. Anthony Grafton, The Footnote: A Curious History, rev. ed. (Cambrige: Harvard University Press, 1997).
[2]. Hans Robert Jauß, "Literarische Tradition und gegenwärtiges Bewußtsein der Modernität", in Literaturgeschichte als Provokation(Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1970), 11-66.
[3]. Grafton zitiert den einschlägigen Artikel von Gregory B. Lyon, "Baudouin, Flacius, and the Plan for the Magdeburg Centuries," Journal of the History of Ideas 64 (2003): 253-272, der jedoch auch deutlich die Grenzen des Verständnisses zwischen Baudouin und den Zenturiatoren markiert.
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Matthias Pohlig. Review of Grafton, Anthony, What was History?: The Art of History in Early Modern Europe.
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