Christian Jung. Geschichte der Verlierer: Historische Selbstreflexion von hochrangigen Mitgliedern der SED nach 1989. Heidelberg: Universitätsverlag Winter Heidelberg, 2007. 378 S. EUR 39.00 (paper), ISBN 978-3-8253-5308-7.
Reviewed by Gunnar Peters (Department of History, University of Rostock)
Published on H-German (April, 2008)
Ansichten nach dem Absturz
Am Abend des 9. November 1989 stand Günter Schabowski im Blickpunkt der Weltöffentlichkeit. Auf einer Pressekonferenz in Ost-Berlin informierte er über eine neue Reiseregelung und gab sie irrtümlich als sofort gültig aus. Noch in derselben Nacht wurden für Bürger der DDR die Grenzübergänge nach West-Berlin und zur Bundesrepublik geöffnet. Bis dahin war Schabowski ein hoher Nomenklaturkader, seit 1984 Mitglied des Politbüros der SED und damit des politischen Machtzentrums der DDR. Wenige Wochen nach dem Mauerfall verlor Schabowski alle Ämter und Funktionen, im Januar 1990 wurde er aus der Partei ausgeschlossen, im Oktober 1990 löste sich die DDR durch ihren Beitritt zur Bundesrepublik auf. Als Schabowski sein Buch Der Absturz (1991) vorlegte, spielte der Titel auf zwei gleichermaßen unerwartete Entwicklungen an: den persönlichen Karriereknick und das Scheitern des Sozialismus in der DDR.
In seiner zeitgeschichtlichen Dissertation versucht Christian Jung erstmals eine umfangreiche Analyse der Memoiren ehemaliger SED-Funktionäre. Als Quellen zieht Jung insbesondere monographische Erinnerungen heran, aber auch Aufsätze, Interviews und Stellungnahmen aus Gerichtsprozessen. Sie stammen von Personen, die im Laufe des Jahre 1989 innerhalb der SED bzw. SED/PDS eine Funktion auf zentraler oder bezirklicher Ebene wahrnahmen. Es handelt sich fast ausschließlich um Männer. "Verlierer" waren die meisten von ihnen insofern, als sie ihre Ämter und Privilegien 1989/90 verloren. Bei den Rückblicken der Betroffenen handelt es sich folglich um "hochgradig überarbeitete Versionen des Lebens", die "das Ergebnis des Lebens, nicht dessen genauen biografischen Verlauf klären" (S. 60). Jungs konzentriert sich "auf eine deskriptive Darstellung der in den Autobiografien behandelten Themen, Komplexe und Selbstreflexionen, um sie in einer vergleichenden Analyse gegeneinander zu stellen und auf ihre Verifizierbarkeit zu untersuchen" (S. 29). Dazu kommen die Funktionäre in vielen, längeren Zitaten zu Wort, am häufigsten Erich Honecker, Egon Krenz, Hans Modrow und Günter Schabowski.
Abgesehen von kurzen Ausführungen zur "Selbstreflexion" gliedert sich die Studie in vier Teile. Zuerst referiert Jung die Selbstbeschreibungen der Sozialisation: die tatsächliche oder konstruierte Herkunft aus einem Arbeiter- und Bauernmilieu und der Weg zum Kommunismus. Den Ansichten zur Ära Honecker widmet sich ein zweiter Teil. Während etwa das Verhältnis der DDR zur Sowjetunion breiten Raum einnimmt, liegen zu "Polen, Papst und Kirche" (S. 108) und zum Reaktorunfall im sowjetischen Kernkraftwerk Tschernobyl so wenige Äußerungen vor, daß man auch ganz auf sie hätte verzichten können. Der dritte Teil, der den größten Umfang einnimmt, reicht von der Absetzung Honeckers im Oktober 1989 bis zur Wiedervereinigung. Zuletzt fokussiert Jung die Selbstauskünfte zu "Schuld und Verantwortung."
Die Zusammenschau kommt zu wenig überraschenden Ergebnissen: Niemand von den Politbüromitgliedern ist zu einer differenzierten Sicht auf die komplexen Ursachen des Niedergangs der DDR in der Lage. Die Gründung der DDR wird als legitime Möglichkeit gesehen, die nur im Laufe der Zeit entartet, aber nicht schon von Beginn an falsch gewesen sei. Zu Verletzungen der Menschen- und Bürgerrechte schweigen sich die Politbüromitglieder aus oder nehmen nur am Rande Stellung. Vergebens sucht man nach einem "Bedauern über die vielfältigen Unterdrückungsmaßnahmen der Staatssicherheit und die Opfer der SED-Diktatur" (S. 130). Niemand unter den Memoirenschreibern stuft sich selbst als "Täter" ein.
Es ist Jung "ein besonderes Anliegen, für ein breites Publikum zu schreiben" (S. 26). Er schreibt unkompliziert und stets engagiert, gleitet aber stellenweise in laxe Formulierungen ab ("das Unschuldslamm Honecker", S. 134). Sehr erfinderisch ist Jung bei der Formulierung von Überschriften. Hinter dem Kapitel "Zukunft" (S. 245) verbirgt sich nichts anderes als das Fazit der Studie. Wer auf die Verbindung "RAF/Tschernobyl" (S. 107) stößt, ist zumindest verwirrt. Den Prozeß der friedlichen Revolution und der Wiedervereinigung mit "Verflüssigung" zu umschreiben, erscheint irreführend, denn die DDR hat nicht ihren Aggregatzustand gewechselt, sondern ist mit der Wiedervereinigung völkerrechtlich untergegangen.
Eine Zusammenstellung von Aussagen hochrangiger SED-Funktionäre, wie Jung sie bietet, gab es bisher nicht. Inhaltsverzeichnis und Personenregister ermöglichen einen schnellen Zugriff auf Äußerungen einzelner Funktionäre zu bestimmten Themen. Andererseits verharrt die Untersuchung über weite Strecken an der Oberfläche und hätte an Qualität gewonnen, wenn Jung seine Quellen hinsichtlich ihrer Entstehung und ihres Inhalts noch mehr in den Kontext eingebettet hätte.
Zunächst wäre Ausführlicheres über die Entstehung der Selbstreflexionen wünschenswert gewesen, wobei es im Einzelfall sicherlich schwierig ist, solche Hintergrundinformationen zu ermitteln. Wie wichtig sie für das Verständnis sein können, zeigt das Beispiel Schabowski: Bevor er seine eigenen Erinnerungen (Der Absturz, 1991) niederschrieb, hatte Schabowski die Memoiren von Egon Krenz (Wenn Mauern fallen, 1990) gelesen. Er hielt dieses Buch für "oberflächlich" sowie "in der Tendenz verfälschend und beschönigend" (S. 46). Der Absturz war also auch ein Gegenentwurf zu Krenz.
Soweit Personen sich über einen längeren Zeitraum mehrfach geäußert haben, hätte man deutlicher die Kontinuitäten und Brüche in ihren Memoiren herausstellen können. Wenn sich Jung die Kritik eines früheren SED-Kreissekretärs an Schabowski zu eigen macht und diesem "Geschichtsklitterung" vorwirft, ohne zumindest in einer Fußnote aus erster Hand nachzuweisen, was genau Schabowski wann und in welchem Zusammenhang gesagt hat, halte ich das für problematisch, denn auf die Memoiren des Kreissekretärs würde ich mich nicht verlassen. Für sehr viele ehemalige SED-Mitglieder ist Schabowski ohnehin eine persona non grata, weil er sich als einer der wenigen betont kritisch mit der eigenen Vergangenheit auseinandergesetzt hat. Das war selbstredend ein längerer Prozeß, und so vertrat Schabowski im Jahre 2005 andere, weitergehende Einsichten als vierzehn Jahre zuvor.[1]
Schließlich hätten die Aussagen der Funktionäre inhaltlich mehr in den Kontext gerückt werden müssen. Jung wertet Quellen aus, die schon zum Zeitpunkt ihrer Entstehung für die Öffentlichkeit bestimmt waren. Nur vereinzelt zieht er weitere veröffentlichte Dokumente hinzu. Archivalien fehlen, obwohl sie in großem Umfang zugänglich sind; Editionen und Literatur werden bestenfalls in der Bibliographie aufgelistet, aber nicht im Hauptteil der Arbeit rezipiert--die Fußnoten enthalten viele Einführungen und Gesamtdarstellungen, wenige Studien. Erich Mielkes Äußerungen zur Unterstützung von RAF-Terroristen durch die DDR müssen, wie Jung zutreffend schreibt, "nach neuesten Erkenntnissen" bezweifelt werden (S. 107). Doch aktuelle Forschungsliteratur sucht man vergebens; die in einer Fußnote erwähnten Memoiren der Terroristin Inge Viett und ein Buch von Michael Wolffsohn aus dem Jahre 1995 können kaum als Beleg herhalten. Im Kapitel über den Mauerfall stützt sich Jung einzig auf die Erinnerungen der Funktionäre, ohne sie mit dem tatsächlichen Ablauf der Geschehnisse in Beziehung zu setzen. Dabei sind die einschlägigen Publikationen von Hans-Hermann Hertle hierzu (Der Fall der Mauer [2. Auflage 1999]; Chronik des Mauerfalls [8. Auflage 1999]) in der Bibliographie enthalten.
Jung beklagt, daß die Veröffentlichungen hochrangiger SED-Funktionäre bisher von der Forschung unzureichend berücksichtigt worden seien, und ermuntert dazu, sie "als ernst zu nehmende Quellen und somit wertvolle Artefakte der deutschen Zeitgeschichte" zu akzeptieren (S. 60). Bedarf es wirklich dieser Einladung? Nach meinem Eindruck sind politische Memoiren--ob von SED-Funktionären oder demokratisch legitimierten Politikern--eine in der Zeitgeschichte anerkannte und häufig benutzte Quellengattung. Dabei gilt: Memoiren zu vernachlässigen ist genauso problematisch wie eine historische Darstellung ausschließlich auf sie zu gründen. Erst im Vergleich mit möglichst vielen anderen Quellen erlauben sie eine zuverlässige Rekonstruktion von Vergangenheit.
Note
[1]. Jung zitiert aus einem Antwortschreiben Schabowskis aus dem Jahre 2005, in dem es heißt: "In den vergangenen 16 Jahren hat sich mein anfänglich verengter, idealisierter Blick auf die Demokratie durch das Leben in der Bundesrepublik zu einer realistischen Sicht geweitet. Ich schätze Demokratie heute noch mehr--in Kenntnis ihrer Unvollkommenheiten. Nach der Erfahrung einer Diktatur, die alles meistert und daraus die Anmaßung ableitet, das Individuum unter den Stiefel zu nehmen, ist die Demokratie das elastischste, klügste und humanste Arrangement von Menschen in einer Gesellschaft. Sie nimmt die Interessenunterschiede und -gegensätze ihrer Bürger an und tariert sie aus. Das macht sie effizienter und lebensfähig. Die Diktatur, ob rot oder andersfarbig, vergeht sich an der Individualität der Menschen. Deshalb ist sie früher oder später stets zum Untergang verdammt" (S. 217). Wohlgemerkt stammen diese Sätze von einem Mann, der im Politbüro-Prozeß wegen "Totschlags und Mitverantwortung für das Grenzregime der DDR" zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt (und später vorzeitig begnadigt) wurde.
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Gunnar Peters. Review of Jung, Christian, Geschichte der Verlierer: Historische Selbstreflexion von hochrangigen Mitgliedern der SED nach 1989.
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