Corinna R. Unger. Ostforschung in Westdeutschland: Die Erforschung des europäischen Ostens und die Deutsche Forschungsgemeinschaft, 1945-1975. Stuttgart: Franz Steiner Verlag, 2007. 497 S. EUR 56.00 (paper), ISBN 978-3-515-09026-1.
Reviewed by Herwig Baum (Independent Scholar)
Published on H-German (March, 2008)
Kontinuität und Erneuerung im Kontext des Kalten Krieges
Das Jahr 1945 stellte auch für die sogennante Ostforschung einen tiefgreifenden Einschnitt dar: Vertreter des Fächerkonglomerats, das so unterschiedliche Disziplinen wie Geschichte, Archäologie, Kunstgeschichte, Slawistik, Orts- und Personennamenforschung, Soziologie und Demografie und Anthropologie umfaßte, hatten sich nicht nur persönlich in den Dienst der Politik des Dritten Reiches gestellt, sondern auch durch Thematik und Ausrichtung ihrer wissenschaftlichen Betätigung der Umsetzung nationalsozialistischer Politikinhalte Vorschub geleistet. Während es jedoch in den letzten Jahren Anstrengungen gab, die Geschichte der Ostforschung zu Zeiten des Nationalsozialismus zu erforschen, stand deren weitere Entwicklung nach 1945 bisher weniger im Zentrum wissenschaftlichen Interesses. Diese Lücke schließt nun die auch auf Wissenschaftsgeschichte spezialisierte Autorin mit ihrer vorliegenden Arbeit, die 2005 als Dissertation durch die Universität Freiburg i. Breisgau angenommen wurde. Zeitraum der Betrachtung stellen die drei Jahrzehnte bis Mitte der 70er Jahre dar; auf diese Weise wird der politische und gesellschaftliche Wandel in der Bundesrepublik miteinbezogen. Die Einflüsse der staatlichen Ebene waren jedoch, wie innerhalb des Werkes eingehend nachgezeichnet wird, bestimmend für die Entwicklung der Disziplin und stellen daher einen zentralen Punkt der Studie dar. So hatte die Ostforschung auch aufgrund ihrer ausgeprägten Nähe zur politischen Sphäre und der Politisierungsbereitschaft zahlreicher Wissenschaftler zwei Transformationsprozesse zu durchschreiten: Zunächst mußte man Anschluß an den unter den Bedingungen des beginnenden Kalten Krieges stattfindenden Systemwechsel nach 1945 finden; ab Ende der 60er Jahre wurde schließlich die Ostforschung von der Osteuropaforschung, deren zentrale wissenschaftliche Fragestellungen wesentlich verändert waren, abgelöst. Besondere Aufmerksamkeit kam dabei der 1951 wiedergegründeten Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) zu, welche entscheidenden Anteil am Wiederaufbau der Ostforschung nach dem Zweiten Weltkrieg hatte. Zuletzt werden Ausrichtung und Entwicklung der untersuchten Wissenschaft mit der Rußland- und Sowjetforschung der USA verglichen.
Zunächst wird ein Blick auf die Geschichte der Ostforschung bis zum Beginn des untersuchten Zeitraums geworfen: Ihr Ursprung lag im Ostrevisionismus der Weimarer Republik; daraus ergab sich eine völkisch-nationalistische, deutschtumszentrierte Ausrichtung, die oft mit einem biologistisch begründeten Antisemitismus verquickt war. Neben Antikommunismus bzw. Antibolschewismus wurde häufig auch eine weitgehende Ablehnung liberaler und demokratischer Ideen propagiert. Darüber hinaus resultierte aus einer Geringschätzung slawischer Völker die Forderung nach einer deutschen Hegemonie über Ostmitteleuropa. Die gleichzeitig noch innerhalb der Disziplin existierenden Gegenströmungen, die beispielsweise für Verständigung und Austausch mit der Sowjetunion eintraten, wurden allerdings erst nach 1933 unterdrückt. Sofern die Wissenschaftler nicht ohnehin dem Nationalsozialismus nahestanden, begann nun ein Prozeß der "Selbstinstrumentalisierung und Selbstgleichschaltung" der Forschung, der jedoch gleichzeitig eine begrenzte Autonomie ermöglichte, die im Gegenzug durch das NS-Regime gewährt wurde.
Die massivsten Folgen zeigte das Engagement der innerhalb der Ostforschung tätigen Wissenschaftler nach dem Überfall auf die Sowjetunion: Trug man auf publizistischer Ebene dazu bei, die vorhandenen Stereotypen über Rußland bzw. die Bevölkerung der Sowjetunion, wie "kulturelle Rückständigkeit" oder "asiatische Brutalität", zu radikalisieren, so beteiligten sich zahlreiche Wissenschaftler direkt am Vernichtungskrieg, indem sie in Ostministerium, Abwehr, Sicherheitsdienst oder in den Einsatzgruppen Dienst taten. Versuche, die Ostforschung zu zentralisieren und für eigene Zwecke zu nutzen, wurden gegen Kriegsende von dem Reichsminister für die besetzten Ostgebiete, Alfred Rosenberg, gestartet, der 1943 die "Zentrale für Ostforschung" als selbständige Nebenstelle seines Ministeriums gründete.
Nach 1945 war die Ostforschung durch ein Nebeneinander von Elementen der Kontinuität und der Diskontinuität geprägt: Auf personeller Ebene wurde das ehemalige NSDAP- und SA-Mitglied Werner Markert, der ab 1934 als loyal zum Regime stehender wissenschaftlicher Sekretär der Deutschen Gesellschaft zum Studium Osteuropas fungierte, im Jahre 1953 mit dem Lehrstuhl für osteuropäische Geschichte der Universität Tübingen betraut. Hans Koch, ab 1952 Leiter des Münchner Osteuropa-Instituts, hatte ab 1940 eine ähnliche Position im Osteuropa-Institut Breslau innegehabt und enge Beziehungen zur Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) unterhalten, die während einer Phase der Kollaboration mit deutschen Dienststellen tiefgehend in den Judenmord in den besetzten Gebieten der Sowjetunion verstrickt war. Wohl noch schwerwiegender waren die Aktivitäten von Personen wie Otto Schiller, Otto Bräutigam oder Theodor Oberländer, die die Möglichkeit erhielten, auch hinter den Kulissen bestimmenden Einfluß auf den Wiederaufbau der Wissenschaft zu nehmen, obwohl sie während des Dritten Reiches teils als Inhaber von Exekutivposten direkt in die verbrecherische Politik der Nazis involviert waren.
Zu dieser Praxis lassen sich jedoch auch Gegenbeispiele nennen; so wurden Führungspositionen am Osteuropa-Institut der FU Berlin durchweg mit unbelasteten Führungskräften besetzt, während die Berufung Peter-Heinz Seraphims, der früher durch die dezidiert antisemitische Ausrichtung seiner Schriften aufgefallen war, zum Schriftleiter einer auf Osteuropa ausgerichteten Zeitschrift zu ernennen, am interdisziplinären Widerstand scheiterte. Ähnlich stellte sich die Situation im Bereich der wissenschaftlichen Forschungsinhalte dar: So wurde das Konstrukt einer existenziellen Differenz zwischen Europa und Rußland weitergeführt, allerdings an den gesellschaftlich-politischen Kontext des Kalten Krieges angepaßt. Vergleichbares galt für den überkommenen, militanten Antikommunismus bzw. Antibolschewismus. Enorm befördert wurde zusätzlich das Weiterbestehen der ebenfalls tradierten Deutschtumszentriertheit der Disziplin durch die in den 50er Jahren dominierende Vertriebenenproblematik in der Bundesrepublik. Unter diesen Umständen gelang es der Ostforschung, eine gute Position bei der Verteilung von Fördermitteln zu erhalten; ihre Vorhaben wurden auch in Form von Schwerpunktprogrammen durch die DFG vorangetrieben.
Gleichzeitig wurde jedoch die Radikalität, wie sie für die Wissenschaft vor 1945 typisch war, zurückgenommen: Der teils extreme Rassismus, Antislawismus und Antisemitismus sowohl auf sprachlicher als auch auf inhaltlicher Ebene entfiel. Die Propagierung eines Antitotalitarismus sowie einer gewissen Politikferne, die freilich Theorie blieb, und das Postulat einer von gesellschaftlichen Realitäten losgelösten "wissenschaftlichen Objektivität" sollte oft auch von der eigenen Verantwortung der Wissenschaftler für die deutschen Verbrechen ablenken. Ab Ende der 50er Jahre wurden jedoch die Zeichen eines grundlegenden Wandels immer deutlicher: So häuften sich Stimmen, die es befürworteten, die Geschichte des Deutschtums in Osteuropa nicht isoliert, sondern als Teil der allgemeinen osteuropäischen Geschichte zu behandeln. Es wurde dafür plädiert, die überkommenen Feind- und Fremdheitskonstrukten aufzugeben, die Leistungen der ostmitteleuropäischen Völker angemessen zu würdigen, generell von einer nationalistischen Perspektive abzuweichen.
Inspiriert wurde der während des folgenden Jahrzehntes prozessual vor sich gehende Wandel durch Veränderungen im politischen und gesellschaftlichen Rahmen: Der Kalte Krieg verlor ebenso an Relevanz wie die Vertriebenenproblematik. In diesem Kontext war es beispielsweise möglich, daß Willy Brandt, damals Regierender Bürgermeister von Berlin, im Jahre 1961 die westdeutsche Osteuropaforschung dazu aufforderte, "zur Versöhnung mit den Ländern Osteuropas beizutragen". Von großer Bedeutung war auch der wissenschaftliche Austausch mit Staaten des Warschauer Paktes, der während der 60er Jahre zunehmend institutionalisiert wurde. Typisch für eine Neuausrichtung, die sich auch auf sprachlicher Ebene niederschlug, ist der Fall der "Polenkommission" der Westdeutschen Rektorenkonferenz: Diese wurde 1964 in "Kommission für Osteuropäische Hochschulfragen" umbenannt und mit der "Beobachtung und Entwicklung der Verbindungen zwischen den westdeutschen Hochschulen und denen in Polen, Ungarn, Rumänien, Bulgarien und der Tschechoslowakei" betraut (S. 284f.). Bisherige Tabuthemen, allen voran der Holocaust, wurden nun Thema wissenschaftlicher Publikationen. Für den Beginn einer kritischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit des eigenen Fachs stand ein Vortrag des Rußlandhistorikers Werner Philipp, den dieser 1966 zum Thema "Nationalsozialismus und Ostwissenschaften" hielt. Von entscheidender Bedeutung für die Durchsetzung neuer Standards wissenschaftlicher Qualität war jedoch die Förderungspolitik der DFG, die entscheidend dazu beitrug, völkisch-nationalistisch ausgerichtete Vorhaben zu marginalisieren. Das endgültige Aus für die überkommene Ostforschung, ein Begriff, der inzwischen negativ konnotiert wurde, läßt sich an Veränderungen wie der Neuformulierung der Aufgaben des Bundesinstitutes für ostwissenschaftliche und internationale Studien (BIOst) aus dem Jahre 1970 und entsprechender Beschlüsse der Kultusministerkonferenz drei Jahre später festmachen. Im Fall des BIOst wurde noch 1959 die Bekämpfung des Kommunismus als Hauptaufgabe der Institution festgelegt. Elf Jahre später sollte die eigene Arbeit in erster Linie der "Erforschung und kritische[n] Analyse der gegenwärtigen politischen, ideologischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und rechtlichen Verhältnissen in den Oststaaten, unter besonderer Berücksichtigung der Sowjetunion" dienen (S. 320). Die Weichen für eine weitgehende Neuorientierung waren gestellt.
Der Vergleich mit der amerikanischen Rußland- und Sowjetforschung ergibt als Parallele die starke antikommunistische Orientierung beider Disziplinen. Anders als bei der Ostforschung fehlte jedoch den amerikanischen Russian bzw. Soviet Studies das völkisch-nationalistische Element völlig; die Vorstellung von einem west-östlichen Kulturgefälle war weniger stark ausgeprägt. Was das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Staat betraf, versuchte man sich in den USA weniger abzugrenzen, sondern pflegte bewußt die Anwendungsorientiertheit der Disziplin, was sich auch in engen Verbindungen zu Militär- und Geheimdienststellen niederschlug. Sowohl in den USA als auch in der Bundesrepublik fällt die Beeinflussung durch den Kalten Krieg auf: Als Entspannungsbemühungen auf politischer Ebene zunehmend fruchteten, erlebte auch die Rußland- und Sowjetforschung in den USA einen Transformationsprozeß, der sich beispielsweise in der Pluralisierung der Forschungsansätze niederschlug und zeitlich noch vor der entsprechenden Entwicklung in der Bundesrepublik anzusetzen ist.
Lesenswert erscheint die vorliegende Arbeit auch aufgrund der Tatsache, daß die Autorin den für den eigentlichen Untersuchungsgegenstand erarbeiteten Ergebnissen dadurch Multidimensionalität verleiht, daß sie nicht nur mit einem geeigneten Vergleichsgegenstand abgeglichen werden, sondern auch der gesellschaftliche und zeitgeschichtliche Kontext hergestellt wird.
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Citation:
Herwig Baum. Review of Unger, Corinna R., Ostforschung in Westdeutschland: Die Erforschung des europäischen Ostens und die Deutsche Forschungsgemeinschaft, 1945-1975.
H-German, H-Net Reviews.
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