Christian Sonntag. Medienkarrieren: Biographische Studien über Hamburger Nachkriegsjournalisten 1946-1949. München: Martin Meidenbauer Verlag, 2006. 368 S. EUR 42.90 (paper), ISBN 978-3-89975-577-0.
Reviewed by Marcus M. Payk (Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam)
Published on H-German (February, 2008)
Karrierekontinuitäten im Hamburger Journalismus nach 1945
Hamburg ist zweifellos einer der wichtigsten Medienstandorte des heutigen Deutschland. Nahezu die Hälfte aller überregionalen Presseerzeugnisse wird in der Hansestadt hergestellt, daneben sind hier zahlreiche weitere Redaktionen, Verlagshäuser und Medienunternehmen angesiedelt. Über die historischen Hintergründe dieser Konzentration ist indes nur wenig bekannt. Bis weit in das 20. Jahrhundert galt vielmehr Berlin als unbestrittene Medienmetropole, welche die öffentliche Meinung Deutschlands weit über die Stadtgrenzen hinaus prägte. Erst mit der Kriegsniederlage von 1945 zerfiel dieses publizistische Zentrum, und von dem nun einsetzenden Weggang zahlreicher profilierter Journalisten konnte, wie Christian Sonntag in seiner 2005 verteidigten Dissertationsschrift feststellt, vor allem Hamburg profitieren.
Sonntag widmet sich mit der historischen Presseforschung einem Forschungsfeld, welches sich zwar einer nur bescheidenen, aber doch seit einigen Jahrzehnten vergleichsweise kontinuierlichen Aufmerksamkeit erfreut. Über zahlreiche Aspekte des Journalismus in der unmittelbaren Nachkriegszeit sind wir anhand verschiedener Einzelstudien vergleichsweise gut informiert, zudem hat Christina von Hodenberg jüngst eine respektable Gesamtdarstellung zur Medienlandschaft der frühen Bundesrepublik vorgelegt.[1] Gleichwohl bestehen noch erhebliche Desiderate, etwa mit Blick auf die regional unterschiedliche Fortführung und Modifikation von Pressetraditionen aus der Weimarer Republik und der NS-Diktatur. An diesem Punkt setzt Sonntag an, indem er vor allem den berufsbiographischen Werdegang von Hamburger Redakteuren unter britischer Besatzungsherrschaft thematisiert. Hierzu hat er ein Sample von 308 Journalistinnen und Journalisten gebildet, zu denen er wenigstens rudimentäre Angaben über Lebensdaten, Bildungsweg und Berufsstationen angeben kann. Die Arbeit folgt damit einem kollektivbiographischen Ansatz, der die untersuchten Lebenswege der Journalisten mit dem methodischen Instrumentarium der quantitativen Sozialforschung zu erfassen versucht. Es geht in erster Linie also um Karrierekontinuitäten und -brüche, weniger hingegen um Denkstile, Mentalitäten und politisch-kulturelle Verhaltensmuster, deren Wandlungsmöglichkeiten und Beharrungsvermögen meist nur angedeutet werden.
Nach einer Einführung in die Zielsetzung der Untersuchung und einer knappen Diskussion des aktuellen Forschungsstandes bietet Sonntag in Kapitel 2 zunächst einen Überblick über die Entwicklung des journalistischen Berufsfeldes im Nationalsozialismus. Auf Grundlage der bisherigen Forschungsliteratur wird die Deformation der öffentlichen Meinungsbildung in der NS-Diktatur knapp dargestellt und mit einem Blick auf die bereitwillige Anpassung der meisten Journalisten nach 1933 sowie die "Selbst-Gleichschaltung" der Hamburger Presse ergänzt. Erst im nachfolgenden dritten Kapitel wendet sich der Autor dann seinem eigentlichen Untersuchungsgegenstand zu, indem er die Rahmenbedingungen für die Entstehung einer demokratischen Presse nach 1945 diskutiert. Hier rückt zunächst die allgemeine Pressepolitik der britischen Besatzungsmacht in den Mittelpunkt, deren Grundlagen bereits während des Krieges und in Kooperation mit den amerikanischen Planungsstäben konzipiert worden waren. In der Tat betrachteten beide angelsächsischen Nationen eine freie Presse und eine ungehinderte öffentliche Meinungsbildung als Voraussetzung für einen demokratischen Neuaufbau in Deutschland, wenngleich sich die Briten im Gegensatz zu den amerikanischen Besatzungsbehörden bald dafür entschieden, parteinahe Zeitungen zuzulassen. Sonntag zeigt diese unterschiedliche Ausrichtung ebenso sorgfältig auf wie auch die ehrgeizigen Versuche, den deutschen Journalismus zu "entnazifizieren". In Übereinstimmung mit der bisherigen Forschung kann er dabei nachweisen, daß diese Versuche rasch an ihre Grenzen stießen und von einer eher pragmatischen und nachsichtigen Vorgehensweise angesichts des beginnenden Kalten Krieg abgelöst wurden.
In den nachfolgenden Kapiteln widmet sich Sonntag systematisch den wichtigsten Hamburger Zeitungen, wobei zunächst die beiden parteiunabhängigen Organe "Die Welt" und "Die Zeit" betrachtet werden (Kapitel 4), dann die vier parteinahen Zeitungen "Hamburger Echo", "Hamburger Volkszeitung", "Hamburger Freie Presse" und "Hamburger Allgemeine Zeitung" (Kapitel 5) und schließlich das "Hamburger Abendblatt" (Kapitel 7). Für jede Zeitung werden die Vorgeschichte, die Konzeption und der Erfolg sowie die Personalpolitik und die Zusammensetzung der Redaktion dargestellt, wobei Sonntag in wechselndem Umfang auch auf unveröffentlichte Quellen zurückgreifen kann. Insbesondere die Unterlagen der britischen Pressekontrolle, aber auch der staatlichen Pressestelle Hamburgs vermitteln instruktive Innenansichten, können aber von Sonntag nur punktuell mit Archivalien aus den Zeitungsunternehmen selbst ergänzt werden. Sofern überhaupt überliefert, bleiben derartige Dokumente der historischen Forschung bekanntlich meist verschlossen, wovon einzig das Unternehmensarchiv des Axel Springer-Verlages als rühmliche Ausnahme hervorzuheben ist (S. 17).
Insgesamt bietet Sonntag eine Fülle neuer Einsichten zu den genannten Zeitungen, die hier nicht im Einzelnen referiert werden können. Als Beispiel sei einzig die Kontroverse um Hans Zehrer herausgegriffen, der im Dezember 1945 von den britischen Besatzungsbehörden als Chefredakteur der zu gründenden Modellzeitung "Die Welt" vorgesehen war, doch nach dem vehementen Protest der Hamburger SPD, KPD und FPD wieder abgesetzt wurde, noch bevor die erste Ausgabe der Zeitung erschienen war. Über diese Personalentscheidung wurde bereits zeitgenössisch viel gemutmaßt, und bis heute wird die Auffassung vertreten, daß es Zehrers Rolle als jungkonservativer Aktivist in der späten Weimarer Republik und Protagonist des berühmt-berüchtigten "Tatkreises" war, welche ihn in den Augen der Briten untragbar gemacht hätten. Sonntag kann hingegen zeigen, daß bei den Besatzungsbehörden weniger politisch motivierte Skrupel gegenüber Zehrers Vergangenheit--die durchaus bekannt war--bestanden, sondern seine Suspendierung als "notwendiges Zugeständnis an seine schärfsten Kritiker" (S. 97) verstanden werden sollte. Verstärkend kam noch hinzu, daß die "Welt" als Vorbild für einen demokratisch integeren Journalismus konzipiert worden war, die Rekrutierung geeigneten Personals mithin eine besondere politische Sensibilität ratsam erscheinen ließ (S. 94). Erst 1953, nach dem Kauf der "Welt" durch Axel Springer, konnte Zehrer doch noch den Posten des Chefredakteurs dieser Tageszeitung antreten.
In Kapitel 6 gibt Sonntag sodann eine erste Zwischenbilanz seiner bisherigen Forschungsergebnisse, diskutiert aber vor allem die sich im Verlauf der Jahre 1947/48 abzeichnende Wende in der britischen Pressepolitik, mit der die Verantwortung zunehmend in deutsche Hände gelegt wurde. Die entsprechenden Kontrollabteilungen beschränkten sich bald auf eine Nachzensur der Presse und auch das obligatorische Lizenzierungsverfahren wurde merklich beschleunigt, vor allem indem es an den neu gegründeten Hamburger Presseausschuß delegiert wurde.
Nach einer Darstellung des "neuen Journalismus" des "Hamburger Abendblatts" (Kapitel 7) bricht Sonntag im nachfolgenden Kapitel mit seiner bis dahin systematischen und strukturorientierten Vorgehensweise, indem er eine Reihe ausgewählter Journalisten porträtiert. In dieser Zusammenstellung einzelner "Medienkarrieren" finden sich sowohl bekannte Namen--etwa Alfred Frankenfeld, Jürgen Schüddekopf oder Ernst Friedländer--wie auch heute weitgehend vergessene Publizisten, so beispielsweise Rolf Seutter von Loetzen oder Peter Blachstein. Jeder Einzelfall wird durch eine knappe biographische Skizze präzise charakterisiert, wobei Sonntag vor allem anhand von ausgewählten Zeitungsartikeln aus den Jahren vor wie nach 1945 den jeweils spezifischen Übergang in die Nachkriegsgesellschaft zu erfassen versucht. Ebenso auffällig wie letztlich erwartbar ist, daß sich unter den hier Porträtierten nur eine Frau und nur zwei Remigranten finden. Dies unterstreicht, in welchem Umfang die Hamburger Presselandschaft von männerbündisch-bildungsbürgerlichen Strukturen wie auch von einer Tendenz zur latenten Abschließung gegenüber zurückkehrenden Emigranten dominiert war, wobei sich dieser Befund wohl problemlos auch auf die Gesamtheit der drei Westzonen übertragen ließe.
Nach dieser biographischen Übersicht wendete sich Sonntag in Kapitel 9 dann der analytischen Aufarbeitung seines umfangreichen empirischen Datenmaterials zu. Dieser Teil ist zweifelsohne ein Herzstück der Untersuchung, wenngleich sich zahlreiche wertvolle Einsichten hinter einer eher spröden und unzugänglichen Darstellungsweise verbergen und den ansonsten flüssigen Schreibstil des Autors vermissen lassen. Wichtigstes Ergebnis ist zunächst der Nachweis einer eminenten berufsbiographischen Kontinuität von der späten Weimarer Republik über den NS-Staat bis zur frühen Nachkriegszeit. Rund dreiviertel aller Hamburger Nachkriegsjournalisten hatte bereits vor dem Kriegsende in diesem Beruf gearbeitet, davon 57 Prozent auch zwischen 1933 und 1945. Demgegenüber gab es lediglich 23 Prozent journalistischer Berufseinsteiger (S. 269). Bezogen auf die einzelnen Zeitungen, fällt die Bilanz erwartungsgemäß unterschiedlich aus. Vor allem die bürgerlichen Zeitungen entpuppen sich als Träger einer ausgeprägten Kontinuität über 1945 hinweg, wohingegen sowohl das sozialdemokratische "Hamburger Echo" wie auch die kommunistische "Hamburger Volkszeitung" eher auf personelle Strukturen aus der Zeit vor 1933 zurückgriffen. Der stärkste Anteil von Emigranten läßt sich bei der britischen Modellzeitung "Die Welt" finden, die größte Anzahl von Berufseinsteigern beim erst 1948 gestarteten "Hamburger Abendblatt" aus dem Axel Springer-Verlag, bei dem aber immer noch 42 Prozent der Journalisten auf vor 1933 erworbene Berufserfahrungen zurückgreifen konnten (S. 284).
In einem knappen Schluß (Kapitel 10) zieht Sonntag eine Bilanz seiner Untersuchung, indem er seine Ergebnisse in den vier Themenkomplexen "Erfahrung", "Rekrutierung", "Zeitung" und "Karrieren" bündelt. Sein Fazit fällt dabei gemischt aus. Zwar war es den überzeugten Nationalsozialisten unter den Hamburger Journalisten kaum möglich, ihre Berufswege nach 1945 unbeschadet weiterzuverfolgen. Doch bereits die beachtlichen Karrierekontinuitäten der angepaßten Mehrheit führten dazu, daß ehedem verfolgte oder emigrierte Journalisten nach 1945 nur deutlich reduzierte Zugangschancen zu diesem Berufsfeld besaßen, wobei diese "personelle Schieflage" durchaus auch auf die inhaltliche Berichterstattung durchschlug (S. 297). Nur in Einzelfällen, so vor allem bei der "Welt", habe es zudem eine fruchtbare Zusammenarbeit von belasteten und unbelasteten Redakteuren gegeben, was sich durchaus mit dem Ergebnis anderer Studien deckt.[2]
Hilfreich ist der dem Buch schließlich beigegebene tabellarische Anhang, der das berufsbiographische Datensample knapp wiedergibt und kurze Angaben zu den Werdegängen der untersuchten Journalistinnen und Journalisten enthält. Trotzdem kann auch diese Übersicht nicht das fehlende Personenregister ersetzen, welches für eine biographieorientierte Darstellung eigentlich selbstverständlich sein sollte. Gleichwohl überzeugt Sonntags Arbeit im Ganzen als eine präzise und weitgehend aus den Quellen gearbeitete Untersuchung, die zumindest für den Hamburger Journalismus die entscheidenden personellen Kontinuitäten und Brüchen erschöpfend aufarbeitet. Für zukünftige, möglicherweise eher an einzelnen Personen oder Zeitungen interessierte Forschungsvorhaben ist damit eine solide Grundlage geschaffen.
Notizen
[1]. Christina von Hodenberg. Konsens und Krise. Eine Geschichte der westdeutschen Medienöffentlichkeit 1945-1973. (Göttingen: Wallstein, 2006).
[2]. Ibid., S. 119.
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Citation:
Marcus M. Payk. Review of Sonntag, Christian, Medienkarrieren: Biographische Studien über Hamburger Nachkriegsjournalisten 1946-1949.
H-German, H-Net Reviews.
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