Alfons Frey. Die industrielle Entwicklung Bayerns von 1925 bis 1975: Eine vergleichende Untersuchung über die Rolle städtischer Agglomerationen im Industrialisierungsprozess. Berlin: Duncker & Humblot, 2003. 511 pp. EUR 98.00 (paper), ISBN 978-3-428-11172-5.
Reviewed by Karsten Uhl (Technische Universität Darmstadt)
Published on H-German (November, 2007)
Der Eichstätter Wirtschaftshistoriker Alfons Frey geht in seiner Dissertation der Frage nach, wie es dem Bundesland Bayern gelungen ist, in der Rangliste bezüglich des Bruttoinlandproduktes aktuell neben Hessen und Baden-Württemberg eine führende Rolle einzunehmen, obwohl es 1950 noch das Schlußlicht dieser Tabelle war. Frey will dabei die Gefahr umgehen, aus vermeintlichen bayerischen Besonderheiten der Nachkriegsentwicklung vorschnell eine Erklärung des wirtschaftlichen Erfolges abzuleiten. Zum einen dehnt er deshalb den Untersuchungszeitraum bis nach 1925 zurück aus, zum anderen ist er mit beeindruckender Akribie bemüht, statistisches Material in hoher Differenzierung auszubreiten.
Freys Ziel ist es, den Strukturwandel in Bayern während des 20. Jahrhunderts zu untersuchen. Er bedient sich einer komparativ-statistischen Methode, um zu analysieren, welche Entwicklungsfaktoren für die "dynamische Industrialisierung Bayerns von Bedeutung waren" (S. 36). Die wichtigste Quelle stellt das statistische Jahrbuch deutscher Gemeinden dar, das den Zeitraum von 1950 bis 1975 mit monatlicher Industrieberichterstattung für alle Städte über 20.000 Einwohner abdeckt. Frey konzentriert sich vor allem auf die dreizehn größten bayerischen Industriestädte, um zur Forschungskontroverse Stellung beziehen zu können, ob die Industrialisierung in Bayern vom Land ausgegangen sei. Zu Beginn der Studie widmet sich ein kurzes Kapitel der Struktur der bayerischen Industrie im Jahr 1998. Von den dort gewonnenen Erkenntnissen ausgehend wird der Strukturwandel in Bayern in zwei umfangreicheren Kapiteln behandelt; zunächst untersucht Frey für die Phase zwischen 1925 und 1950, anschließend für die Phase bis 1975 die Entwicklung der Wirtschaftsbereiche und Industriegruppen. Umfangreicher als der eigentliche Text gestaltet sich der Anhang, der mit über 260 Seiten an Tabellen aufwartet.
Im ersten Kapitel hält Frey fest, daß die Daten von 1998 einen "Aufholvorgang" belegten, keinesfalls habe Bayern die führenden Bundesländer überholt, sondern lediglich zu ihnen aufgeschlossen. Für die weitere Untersuchung entscheidend ist der Befund, daß die beiden Industriegruppen Fahrzeug- und Maschinenbau sowie Elektrotechnik die Industriestruktur in Bayern insofern prägten, als die Hälfte der Industriebeschäftigten in ihnen tätig war. Folglich nimmt Frey in den folgenden Kapiteln insbesondere die Entwicklung dieser Branchen in den Blick, um eine Erklärung für den industriellen Aufstieg des Landes nach 1945 zu finden.
Im folgenden Kapitel untersucht Frey den Strukturwandel zwischen 1925 und 1950 und kommt zu dem Schluß, daß letztlich die Frage für den wirtschaftlichen Erfolg nach 1945 ausschlaggebend war, ob "eine Stadt bereits 1925 über eine nennenswerte betriebliche Ansiedlung in den Bereichen Elektrotechnik und Maschinen- und Fahrzeugbau verfügte" (S. 119). Da dieses Kriterium für die bayerischen Industriestädte zutrifft, sieht Frey diese als die "entscheidenden Keimzellen für die wichtigsten Zukunftsbranchen Bayerns" (S. 99) an. Gleichzeitig sei auch die nationalsozialistische Aufrüstung ein wichtiger Faktor für die strukturelle Entwicklung der bayerischen Industrie gewesen, da die beiden genannten--kriegswichtigen--Industriegruppen weiter gestärkt wurden. Bayern habe also stärker von staatlichen Investitionen profitiert als andere Regionen, da diese Branchen bereits von überproportional großer Bedeutung gewesen seien.
Das dritte Kapitel beschäftigt sich mit dem auf 1950 folgendem Vierteljahrhundert. Zunächst widerspricht Frey der häufig vertretenen Auffassung, Bayern sei 1950 noch ein reiner Agrarstaat gewesen. Zudem sei die oft damit im Verbund auftretende These falsch, die Industrialisierung Bayerns sei vom flachen Lande aus erfolgt. Dagegen spreche, daß die bayerische Lebensmittelindustrie etwa im Gegensatz zur Entwicklung in Niedersachsen nur relativ geringe Beschäftigungszuwächse nach 1950 habe verzeichnen können. Erneut betont Frey, daß die Würfel schon zu einem frühen Zeitpunkt gefallen seien: Aufgrund der "zeitlichen Verspätung der Industrialisierung in Bayern" sei die Produktionsstruktur etwa in der Elektrotechnik "moderner und zukunftsträchtiger" als in anderen Regionen gewesen (S. 197). Verlagerungen von Produktionsstätten aus der SBZ (Sowjetische Besatzungszone) seien ebenso wichtig für die industrielle Entwicklung in Bayern gewesen wie zuvor erfolgte Verlagerungen während des Krieges. Allerdings seien auch diese Unternehmensentscheidungen wie im Falle Siemens die Folge vorteilhafter Strukturen Bayerns gewesen.
In der abschließenden Rekapitulation seiner Forschung geht es Frey vor allem um eine Entmythologisierung der wirtschaftlichen Entwicklung Bayerns. Grundsätzlich sei der industrielle Erfolg des Landes dadurch begründet, daß es "bereits sehr früh über eine Reihe großer Städte verfügte" (S. 228), in denen sich dann wiederum die zukunftsfähigen Schlüsselbranchen hätten entwickeln können. Folglich hätten "Großbetriebe den entscheidenden Anteil an der Industrialisierung Bayerns" (S. 213) gehabt. Weder staatliches Handeln noch die hohe Zahl der Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg und ihre von der älteren Forschung für sehr wichtig gehaltene Rolle in der bayerischen Wirtschaft sei für die industrielle Entwicklung in Bayern ausschlaggebend gewesen.[1] Überhaupt könne nicht von einer "bayerischen Sonderrolle" in der industriellen Entwicklung die Rede sein; Bayern habe sich lediglich "entsprechend seinem bereits 1939 vorhandenen Industriepotential in wichtigen Zukunftsbranchen, unterstützt durch Verlagerungen aus Berlin und der SBZ, durchaus vergleichbar mit anderen Bundesländern entwickelt" (S. 229).
Freys Mut, die Ergebnisse seiner Forschung auf wenige zentralen Thesen zuzuspitzen, ist durchaus zu begrüßen. Gleichzeitig entstehen so Redundanzen, die die Lektüre des notwendigerweise von statistischen Angaben durchzogenen Buches noch weiter erschweren. Freys Beschränkung auf statistische Quellen und die Vernachlässigung der politik- und sozialgeschichtlichen Forschung hat bereits Thomas Schlemmer in seiner Besprechung des Buches kritisiert.[2] Schwerer wiegt meines Erachtens, daß Frey seinen vorab gewählten, in sich überzeugenden materialistischen Ansatz letztlich doch verläßt. Unvermittelt billigt Frey in seinem Fazit "Unternehmerpersönlichkeiten … als Pionieren großer Industriebetriebe" eine "Vaterrolle" (S. 213) für den Strukturwandel in Bayerns Wirtschaft zu und betreibt damit partiell eine Remythologisierung der Wirtschaftsgeschichte. Grundsätzlich kann über den Einfluß von Persönlichkeiten auf die Geschichte trefflich gestritten werden. Solche Thesen hätten aber mentalitätsgeschichtlicher Forschung bedurft, die Frey nicht betreibt. Von diesem Mängeln abgesehen handelt es sich um eine Arbeit, die interessante Thesen anbietet, vor allem aber um ein aufgrund der Tabellen im Anhang beeindruckendes statistisches Nachschlagewerk für die Wirtschaftsgeschichte Bayerns.
Notes
[1]. Klaus Schreyer, Bayern--ein Industriestaat. Die importierte Industrialisierung (München: Olzog, 1969).
[2]. Thomas Schlemmer, "Rezension von: Alfons Frey: Die industrielle Entwicklung Bayerns von 1925 bis 1975," Sehepunkte 4, no. 7/8 (July 2004).
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Citation:
Karsten Uhl. Review of Frey, Alfons, Die industrielle Entwicklung Bayerns von 1925 bis 1975: Eine vergleichende Untersuchung über die Rolle städtischer Agglomerationen im Industrialisierungsprozess.
H-German, H-Net Reviews.
November, 2007.
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