Alena Janatková, Hanna Kozińska-Witt. Wohnen in der Großstadt 1900-1939: Wohnsituation und Modernisierung im europäischen Vergleich. Stuttgart: Franz Steiner Verlag, 2006. 474 S. EUR 62.00 (cloth), ISBN 978-3-515-08345-4.
Reviewed by Angelika Hoelger (Department of History, Johns Hopkins University)
Published on H-German (October, 2007)
Wohnsituation und Modernisierung
Heinrich Zille hat einmal gesagt, daß man einen Menschen mit einer Wohnung genauso erschlagen kann wie mit einer Axt. Überbelegung, sogenannte Aftermieten, schlechte Belüftung oder unzulängliche sanitäre Anlagen--Wohnungsnot und Wohnungselend gehörten in allen Städten Europas zum großen Teil noch bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zur urbanen Wirklichkeit. Mit dem hier rezensierten Sammelband liegt nun eine historische Diskussion vor, die in vergleichender Perspektive verschiedene kommunale und staatliche Modelle europäischer Wohnpolitik vornehmlich für die "Sattelzeit der Modernisierung ... von 1880 bis 1930" (S. 11) ins Auge faßt. Der Band, der auf eine interdisziplinäre Tagung 2001 in Leipzig über "Kulturelle Pluralität, nationale Identität und Modernisierung in ostmitteleuropäischen Metropolen 1900-1930" zurückgeht, ist in vier Themenkomplexe gegliedert (Großstädtische Stadtviertel und Wohnmilieus, Kommunale Wohnpolitik und gemeinnütziger Wohnungsbau, Modernisierung des Wohnens und soziale Disziplinierung, Schichtenspezifisches Wohnen) und besteht aus insgesamt 21 Aufätzen, wobei der regionale Schwerpunkt auf Ost- und Ostmitteleuropa liegt. Zu den leitenden Fragestellungen dieses Bandes zählen nicht nur die einzelnen städtischen und staatlichen Initiativen zur Behebung der Wohnungsnot, sondern auch die Transnationalität von Architektur und Stadtplanung (Neues Bauen, Congrès Internationaux d'Architecture Moderne), die Rolle von Architektur als Ausdruck nationaler Identitätsstiftung, die Bedeutung des privaten Wohnungsbaus, aber auch gesellschaftspolitische Leitbilder wie die Vorstellung des "Neuen Menschen" und der Versuch mit dem "Neuen Bauen der Zwischenkriegszeit auch den Wohnalltag der Menschen im Sinne sozialrationalistischen Verhaltens zu verändern" (S. 28).
Wie Adelheid von Saldern in der Einleitung deutlich macht, geht es zunächst um die Bedeutung von Häusern als Sozialräume, "in denen Menschen aufwachsen und ihr Leben verbringen" (S. 11). Die Wichtigkeit eines eigenen Wohnraums in der Großstadt wird vor allem im Aufsatz von Anna Zarnowska deutlich, in dem sich die Autorin auf Warschau und Lodz an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert konzentriert und aufzeigt, wie sich Industrialisierung, Handel und Zuwanderung langfristig auf die Wohnkultur in diesen beiden Städten ausgewirkt haben. Zarnowska schildert uns, wie zentral gerade für zugewanderte Arbeiterfamilien die Schaffung eines Wohnraumes als "stabilisierender Faktor war, der das Gefühl der Entfremdung und Verlorenheit im großstädtischen Raum verminderte" (S. 53). Am Beispiel der inteligencja diskutiert sie hingegen auch die Rolle der eigenen Wohnung als Ort der Begegnung und Repräsentation. Die Vielfalt der Funktionen eines Heimes sowie die Herausbildung einer bürgerlichen Kultur der Häuslichkeit sind auch Gegenstand der Arbeiten von Kazimierz Karolczak und Gábor Gyáni. So untersucht Karolczak am Fallbeispiel Lemberg die Rolle des Stadtpalais als Wohnstätte der Aristokratie, während Gyáni in seiner Studie über die Budapester Oberschichten der 1920er Jahre die Schaffung einer Gruppenidentität analysiert, die sich zu einem beträchtlichen Grad über materielle Kultur und "guten Geschmack" definiert haben.
Die elenden Wohnverhältnisse, denen vor allem Arbeiterfamilien ausgesetzt waren sowie die Versuche kommunaler, städtischer und privater Unternehmungen, hier Abhilfe zu schaffen, werden unter anderem in den Beiträgen von Christoph Kühn und Ute Caumanns erörtert. Kühn richtet sein Augenmerk auf Leipzig um 1900, das seinerzeit von einem akuten Wohnungsmangel betroffen war, dem die Behörden mehr schlecht als recht beizukommen wußten. Als erfolgreich erwiesen sich jedoch unter anderem die "Meyerschen Häuser", deren Namensgeber, der Verleger Hermann Julius Meyer, auf unternehmerischen Gewinn verzichtete und die Wohnanlagen mit "sozialen Einrichtungen wie einem Kindergarten oder einem Badehaus und mit einer ausreichenden Durchgrünung" versah (S. 145). Caumanns stellt in ihrem Beitrag über Warschau in den Jahren von 1900 bis 1939 verschiedene Reformprojekte vor, die nicht einfach nur auf eine Linderung des unzulänglichen Wohnungsmarktes abzielten, sondern auch--wie sie am Beispiel der "Warschauer Wohnungsgenossenschaft" bespricht--als "soziales und zugleich erzieherisches Experiment" anzusehen sind, "mit dem Ziel, eine Integration der dort zusammenlebenden Menschen herbeizuführen" (S. 217).
Sabine Rutar und Anna Bitner-Nowak hingegen zeigen die Dimensionen von "Ethnisierung des Sozialraums" (S. 17) auf. Während Rutar am Beispiel des Triest der Jahrhundertwende die Herausbildung bürgerlicher und proletarischer Viertel sowie der nationalen Trennung von Italienern und Slowenen diskutiert, richtet Bitner-Nowak die Aufmerksamkeit auf die "Germanisierungstendenzen" in Posen vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges und der Bevorzugung von deutschen Beamten in der Wohnungsvergabe.
Eine neue Periodisierung für die Citybildung Breslaus wird von Agnieszka Zablocka-Kos gefordert, die in ihrem Beitrag über die "Breslauer Altstadt im 19. Jahrhundert" eine kunsthistorische und architekturhistorische Annäherung an Fragen der Citybildung anmahnt, da dies in ihren Augen helfen würde, die "von den Stadtgeographen vorgenommene Schwerpunktsetzung neu zu gewichten" (S. 77). Uwe Schneider widmet sich der Bedeutung von Frei- und Grünflächen in der Siedlungsplanung und diskutiert unter anderem die Arbeiten von Gartenarchitekten wie Leberecht Migge, Harry Maasz und Ludwig Lesser.
"Der Architekt denkt, die Hausfrau lenkt." In einem äußerst spannenden Aufsatz über Wohnreform in Frankfurt am Main zwischen 1926 und 1939 schildert Martina Heßler die Rolle der Wohnung als "trojanisches Pferd", mit dessen Hilfe sozialdemokratische wie auch nationalsozialistische Wohnungspolitiker versuchten, die Alltagsabläufe der Menschen zu formen und ihre Lebensgewohnheiten nachhaltig zu verändern. Das Zusammenspiel von Politik, Ideologie und Stadtplanung wird auch in der Arbeit von Anna Veronika Wendland deutlich. Unter dem Stichwort "Europa zivilisiert den Osten" geht Wendland nicht nur kritisch auf die weiterhin in der Forschung verbreitete Annahme von der Rückständigkeit des "Ostens" im Vergleich zur west- und mitteleuropäischen Entwicklung ein (S. 273), sondern zeigt auch, wie ein neuer Forschungsansatz eine sinnvolle vergleichende Analyse von "Ost" und "West" bereitstellen könnte. Überzeugend legt Wendland die überall in Europa verbreiteten städtischen Reformdiskurse um Stadtentwicklung und Stadtsanierung dar, deren Ziel, die Stadt zu reinigen und vor allem zu regulieren weit über gesundheitliche Aspekte hinausgingen. Doch wie ähnlich oder unterschiedlich waren diese Diskurse um Stadtumbau und -hygiene im politisch-kulturell-sozialen Kontext in West wie in Osteuropa gewichtet? Anhand einer vergleichenden Untersuchung von Wilna und Lemberg zwischen den Jahren 1900 und 1930 macht die Autorin deutlich, daß "die kulturelle Pluralität des urbanen Ostmitteleuropa Problemkonstellationen produzierte, die uns aus ethnisch homogenen westeuropäischen Städten vergleichbarer Größe nicht ... bekannt sind" (S. 295).
Ein enorm interessanter und nachhaltiger Aufsatz stammt von Dieter Schott, der sich keinem ausschließlichen Fallbeispiel widmet, sondern vielmehr an der "Modernisierung großstädtischen Wohnens durch technische Netzwerke" für die Jahre 1900 bis 1939 interessiert ist. Schott sieht die Vernetzung der Stadt als auffälligstes und folgenreichstes Merkmal des Urbanisierungsprozesses in der Hochindustrialisierungsphase. Anhand des Zusammenspiels von Faktoren wie Trinkwasserversorgung, Abwasserbeseitigung sowie Energieträgern erläutert der Autor Fragen der hygienischen Gesamtsituation einer städtischen Bevölkerung sowie Parameter für die Diffusion von Netzwerktechnologien. Am Beispiel der "Frankfurter Küche" zeigt Schott zudem, daß Rationalisierung und Modernisierung des Wohnens nicht von Anfang an auf den ungeteilten Beifall der Bewohner stießen, sondern teilweise auch als Zumutung und Fremdbestimmung empfunden wurden.
Die Beiträge von Iris Meder über "Josef Frank und die Wiener Schule der skeptischen Moderne" sowie von Beate Störtkuhl und Alena Janatková rücken die lebhaften und vielfältigen Schulen und Ideen der zeitgenössischen Architektur in das Blickfeld. In ihrer vergleichenden Arbeit über den Wohnungsbau im Breslau der Zwischenkriegszeit macht Störtkuhl nicht nur auf die extreme Wohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg aufmerksam, sondern gibt der Leserin einen informativen und erhellenden Rundgang durch die diversen architekturhistorischen Konzepte (beispielsweise über die "radiale Stadtentwicklung" als Leitmodell der Stadtplanung der 1920er Jahre oder aber die Bedeutung und Beeinflussung der englischen Gartenstadt) und diskutiert die Rolle von Architektur als "Ausdruck nationalen Behauptungswillens in einer Grenzregion wie Schlesien" (S. 343). Janatková diskutiert am Beispiel der Tschechoslowakei die enorme Wichtigkeit der Kleinwohnung, die in den 1920er Jahren im Brennpunkt der internationalen Architekturdebatten stand. Die zentrale Bedeutung, die der Frage der Kleinwohnungen seinerzeit zukam, wird auch in dem Beitrag von Hanna Kozinska-Witt deutlich, in dem die Autorin am Beispiel der kommunalen Selbstverwaltung Krakaus der Frage nachgeht, inwieweit Krakau jemals die Chance oder die Mittel hatte, eine "aktive Stadt" zu werden. Anders ausgedrückt: inwieweit vermochte es die Krakauer Stadtverwaltung ihre Wohnungspolitik als Instrument zur Integration der Stadtbevölkerung einzusetzen?
Mit ihrem Aufsatz über das "Villen-Mietshaus in Posen" hat Hanna Grzeszczuk-Brendel eine informative Kombination von Stadt- und Architekturgeschichte vorgelegt, während Hákan Forsell am Beispiel von Stockholm, Berlin und Wien der Frage nachgeht, aus welchem Grund Arbeiterfamilien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts den Mietzins als erste zu vernachlässigende Ausgabe ansahen, während in der Zeit um den Zweiten Weltkrieg herum "rent had become the expense that was definitely paid first of all" (S. 421).
Dieser Sammelband ist zweifellos ein reichhaltiger, informativer und vor allem anregender Beitrag zur Stadt-, Wohn- und Architekturgeschichte Europas des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, der eine ausgesprochen breite Palette an Fragen der Wohn- und Sozialpolitik, der proletarischen und bürgerlichen Wohnkultur, der Dimensionen von Design und Stadtplanung sowie der existentiellen, emotionalen und ästhetischen Funktionen der eigenen vier Wände abdeckt. Mit der regionalen Schwerpunktsetzung auf Ost- und Ostmitteleuropa haben die Autorinnen nicht nur längst ausstehende Studien zu so wichtigen Zentren wie Budapest, Warschau oder Posen vorgelegt, sondern halten auch für die zukünftige vergleichende Forschung zur Sozial- und Stadtgeschichte Europas neue Impulse und Ansätze bereit.
Die Wichtigkeit und vor allem die Aktualität der besprochenen Beiträge macht nicht zuletzt ein vor kurzem veröffentlichter Bericht der Vereinten Nationen deutlich, der für das 21. Jahrhundert die Ankunft eines "urban millenium" verkündete. Die Autorinnen dieses Berichts schätzen, daß im Jahr 2008 mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung, das heißt ca. 3,3 Milliarden Menschen, in Städten leben wird und daß die Mehrheit dieser "new urbanites" von Armut betroffen sein wird. Fragen der kommunalen, städtischen und staatlichen Wohnpolitik sowie der Wohnbedingungen bleiben somit weiterhin von nicht zu überschätzender Bedeutung.
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Citation:
Angelika Hoelger. Review of Janatková, Alena; Kozińska-Witt, Hanna, Wohnen in der Großstadt 1900-1939: Wohnsituation und Modernisierung im europäischen Vergleich.
H-German, H-Net Reviews.
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