Karl Eckart, Konrad Scherf. Deutschland auf dem Weg zur inneren Einheit. Berlin: Duncker & Humblot, 2004. 332 S. EUR 74.00 (gebunden), ISBN 978-3-428-11359-0.
Reviewed by Gunnar Peters (Department of History, University of Rostock)
Published on H-German (October, 2007)
Zwischenbilanz von Geographen, Raumforschern und Raumplanern nach einem Jahrzehnt
Lakonisch notierte der Schriftsteller Walter Kempowski am 25. Juli 1990 in sein Tagebuch: "Die innere Wiedervereinigung--das wird lange dauern."[1] Noch bevor die DDR am 3. Oktober 1990 der Bundesrepublik beitrat, zeichnete sich ab, daß die deutsche Teilung staats- und verfassungsrechtlich schnell zu überwinden sein würde, der Vereinigungsprozeß damit aber noch längst nicht abgeschlossen war. Immerhin traten der alten Bundesrepublik rund sechzehn Millionen Menschen bei, die bisher in einem völlig entgegengesetzten politischen und wirtschaftlichen System und einer anderen Gesellschaft gelebt hatten.
Im Jahre 1997 legte die Bundesregierung ihren ersten Bericht über den Stand der Einheit vor. Darin unterschied sie zwischen der "materiellen" und der "inneren" Einheit.[2] Die materielle Einheit lief auf "die Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse im Bundesgebiet" (Artikel 72 des Grundgesetzes) hinaus. Der Osten Deutschlands sollte zum durchschnittlichen westdeutschen Lebensstandard aufschließen, was auch die institutionelle, rechtliche und technische Infrastruktur einschloß. Die innere Einigung wurde beschrieben "als der Weg des einzelnen zum aktiven und verantwortungsbewußten Staatsbürger der Bundesrepublik Deutschland auf der Grundlage der durch die Verfassung vorgegebenen Werteordnung."[3] Für die Bundesregierung war die innere Einheit also eine Frage der "politischen Kultur," der Einstellungen und Wertevorstellungen der Bürger im Hinblick auf das politische System ihres Landes. Auch in der Politikwissenschaft dominiert dieses Verständnis von innerer Einheit. Es ließe sich erweitern um ost- und westdeutsche Befindlichkeiten, die (stereotypen) Eigen- und Fremdwahrnehmung von "Ossis" und "Wessis".[4]
Nach diesen Definitionen trägt der von Karl Eckart und Konrad Scherf herausgegebene Sammelband einen irreführenden Titel; denn im Vordergrund steht das, was die Bundesregierung unter materieller Einheit verbuchte. Insgesamt vereint der Band zehn Aufsätze; die ersten vier befassen sich mit Berlin. Unter der Überschrift "Ergebnisse und Probleme bei der Herstellung der 'inneren' Einheit Deutschlands--das Beispiel der deutschen Hauptstadt und künftigen Metropole Berlin" vergleicht Konrad Scherf Ost- und West-Berlin anhand wirtschaftlicher, sozialer und demographischer Daten sowie anhand der Wahlergebnisse (S. 11-67). Anschließend stellt Klaus Krakat den industriellen Strukturwandel in Deutschlands Hauptstadt seit 1990 dar (S. 69-118) und widmet sich danach der Berliner Bezirksreform (S. 119-173). Der Beitrag von Ingrid Apolinarski ("Die Entwicklung des Gewerbegebietes Dahlwitz-Hoppegarten--Spiegelbild der Territorialplanung in der DDR", S. 175-207) ist wissenschaftlich ambitioniert, läßt jedoch keinen Bezug zur inneren Einheit erkennen, da der Untersuchungszeitraum von der zweiten Hälfte der 1970er Jahre bis 1989 reicht (S. 188).
Zwei Fallstudien handeln von den Problemlagen strukturschwacher Räume in Ostdeutschland. Welche sozialen und ökonomischen Veränderungen die ostsächsischen Städte Hoyerswerda und Görlitz durchlebt haben und wie die Einwohner ihre Lebensqualität bewerten, erkundet Anton Sterbling (S. 209-233). Elke Goltz untersucht die "Auswirkungen des gesellschaftlichen Umbruchs auf Bevölkerungsprozesse und -potenziale" am Beispiel des Landkreises Prignitz (S. 235-257), der gleich zweifach peripher gelegen ist: am nordwestlichen Rand des Landes Brandenburg und zwischen den Großstädten Berlin und Hamburg.
Nach diesen eher kleinteiligen Studien wagen die letzten vier Beiträge eine größere Perspektive. Elmar Kulke betrachtet "Räumliche Aspekte der wirtschaftlichen Transformation in Ostdeutschland" (S. 293-309). Franz-Josef Kemper ermittelt "Regionale Disparitäten in Deutschland" mittels vier sozialgeographischer Indikatoren: der Quote von Arbeitslosen und Sozialhilfeempfängern, der Pro-Kopf-Wohnfläche und der Lebenserwartung (S. 311-330). Er stößt auf einen bemerkenswerten Unterschied in der Raumstruktur: Im Osten sind die Lebensbedingungen in Städten und Ballungsräumen vielfach besser als auf dem Lande; im Westen ist es umgekehrt (S. 327-329). In ihrem Beitrag über "Die Versorgung mit sozialen Infrastrukturen unter Schrumpfungsbedingungen" (S. 273-291) läßt Katrin Wiest die Frage offen, inwieweit Konzepte für die Entwicklung ländlicher Räume, die in den 1970er und 1980er Jahren für die alten Bundesländer entwickelt wurden, auch für die strukturschwachen Regionen der neuen Bundesländer nutzbar sind (S. 287). Einer Übertragbarkeit hält Rosemarie Siebert entgegen, daß die Rahmenbedingungen in Ostdeutschland andere seien ("Aktuelle Tendenzen und Probleme des Wandels strukturarmer peripherer ländlicher Räume in den neuen Bundesländern", S. 259-271, hier S. 269).
Den Aufsätzen lagen Vorträge zugrunde, die zumeist in den Jahren 1999 und 2000 gehalten wurden. Obwohl der Sammelband erst 2004 erschienen ist, wurden seine Beiträge für den Druck nicht aktualisiert. Sie widerspiegeln den Stand nach einem Jahrzehnt deutscher Einheit, wobei das Datenmaterial stellenweise bereits einige Jahre vorher endet.
Die Bündelung der Aufsätze unter dem Etikett "innere Einheit" wirkt künstlich. Außer in Konrad Scherfs Aufsatz taucht der Schlüsselbegriff nur ganz vereinzelt auf. Weder wird der Band durch eine hilfreiche Einführung eröffnet (Scherfs kursorische Bemerkungen zur inneren Einheit bieten keinen Ersatz) noch mit einem bilanzierenden Fazit beschlossen. Blickt man auf Thema, Fragestellung, Vorgehensweise und Umfang der einzelnen Beiträge, so steht durchaus Unterschiedliches recht unverbunden nebeneinander; es mangelt an innerer Stringenz, an einem roten Faden, der sich durch alle Beiträge zieht.
Seines Titelthemas will sich der Sammelband annehmen "vor allem aus der Sicht von Geographen, Raumforschern und -planern im interdisziplinären Zusammenwirken mit Fachvertretern verschiedener Nachbardisziplinen" (S. 5). Dennoch bewegen sich die Autoren inhaltlich in den Grenzen von Geographie, Raumforschung und Raumplanung. Die zitierte Literatur offenbart, daß niemand einen Blick über den eigenen Tellerrand gewagt und fachfremde Publikationen rezipiert hat. Das ist nicht unbedingt beklagenswert, steht jedoch im Gegensatz zur Ankündigung im Vorwort. Zudem sind die Beiträge für Leser außerhalb der genannten Wissenschaften schwer konsumierbar. Sie sind für ein Fachpublikum geschrieben und zeichnen sich bisweilen durch einen schwerfälligen, hölzernen Duktus aus. Nach Ansicht seiner Herausgeber bietet der Band "wertvolle Beiträge zur Vertiefung und Ergänzung bereits vorhandener wissenschaftlicher Publikationen" über die Problematik der "inneren Einheit" (S. 7). Umgekehrt heißt das: Als Einstiegslektüre ist dieses Buch nicht zu empfehlen. Nur Spezialisten kommen auf ihre Kosten.
Die innere Einheit ist für Konrad Scherf dann erreicht, "wenn die aus der Nachkriegsgeschichte im geteilten Deutschland herrührenden Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschen, zwischen den alten (westdeutschen) und neuen (ostdeutschen) Ländern ... überwunden sein werden" (S. 12). Ob dies je erreicht werden kann und ob es überhaupt nötig ist, bleibt streitbar. Anläßlich des fünfzehnten Jahrestages der deutschen Einheit betonte Bundespräsident Horst Köhler: "Zur Ehrlichkeit gehört, den Menschen zu sagen, dass nicht überall in Deutschland die gleichen Lebensbedingungen geschaffen werden können."[5] Und Walter Kempowski schrieb schon am 12. September 1990 in sein Tagebuch: "Ich denke, es wird mindestens so lange dauern, wie die DDR existierte, bis sich beide Teile zusammengefunden haben. Von einer 'inneren Einheit' zu sprechen ist Unfug, wer den Unterschied zwischen katholischen Landesteilen und evangelischen in unserm Lande sieht, die Bayern gegen die Niedersachsen hält, der weiß, daß es sie nie geben kann, die innere Einheit. Vielleicht Gott sei Dank nicht!"[6] Bis zu einem gewissen Grad deuten unterschiedliche Bewohner und Lebensbedingungen weniger auf Probleme als auf Normalität.
Notes
[1]. Walter Kempowski, Hamit. Tagebuch 1990 (München: Albrecht Knaus, 2006), 250.
[2]. Vgl. "Jahresbericht der Bundesregierung zum Stand der Deutschen Einheit 1997," in Deutscher Bundestag: Drucksache 13/8450 (1. September 1997): 13-18.
[3]. Ebenda, 17.
[4]. Vgl. Max Kaase, "Innere Einheit," in Werner Weidenfeld und Karl-Rudolf Korte (Hg.), Handbuch zur deutschen Einheit: 1949-1989-1999 (Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, 1999), S. 454-466; Detlef Pollack, "Wie ist es um die innere Einheit Deutschlands bestellt?" Aus Politik und Zeitgeschichte 56 (24. Juli 2006): 3-7.
[5]. Horst Köhler, "Es gibt allen Grund zur Zuversicht," in: Norddeutsche Neueste Nachrichten 230 (01./02./03. Oktober 2005): 7.
[6]. Kempowski, Hamit, 297.
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Citation:
Gunnar Peters. Review of Eckart, Karl; Scherf, Konrad, Deutschland auf dem Weg zur inneren Einheit.
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