Diane L. Wolf. Beyond Anne Frank: Hidden Children and Postwar Families in Holland (S. Mark Taper Foundation Imprint in Jewish Studies). Berkeley: University of California Press, 2007. xiii + 391 pp. $60.00 (cloth), ISBN 978-0-520-22617-3; $21.95 (paper), ISBN 978-0-520-24810-6.
Reviewed by Georgi Verbeeck (Universiteit Maastricht)
Published on H-German (June, 2007)
Nach Anne Frank: Untertauchen und ?berleben in den Niederlanden
Schon seit Jahren gleicht Anne Frank in den Niederlanden einer Ikone. Ihr Wohnhaus in Amsterdam ist eine der größten Touristenattraktionen und ihr Tagebuch gehört selbst international zu den Bestsellern. Auf ihrem Gedenkaltar wird weltweit der Holocaust in Erinnerung gehalten. In ihrem Tagebuch spiegelt sich das Leben der verfolgten Juden während der Besatzung im Zweiten Weltkrieg wider. Über die nationalsozialistische Vernichtungsmaschinerie als solche erzählt das Buch eigentlich nichts. Diese Ikone gerät trotzdem zunehmend ins Wanken. Historiker kritisieren, daß die ausschließliche Opferperspektive nur einen Tunnelblick auf den Holocaust ermöglicht. Ebenso wenden Kritiker sich gegen den politischen Mißbrauch der Figur Anne Franks und die "volkspädagogischen" Ausrichtungen, die mit ihr verbunden sind. Anne Frank ist in Holland zum Eichpunkt für "gut" und "schlecht" geworden.
Für ihre Studie hat die amerikanische Soziologin Diane Wolf von der University of California in Davis weniger diese eher kulturpolitischen Aspekte berücksichtigt, sondern sich vor allem den soziologischen und sozial-psychologischen Seiten des Überlebens als untergetauchtes Kind nach dem Zweiten Weltkrieg in den Niederlanden gewidmet. Wolf geht es um die Verarbeitung der Erfahrungen von versteckten jüdischen Kindern in der niederländischen Gesellschaft der Nachkriegszeit. Ausgehend von einer ausgesprochen humanistischen Haltung, nutzt sie Methoden der Familiensoziologie. Sie befragte siebzig jüdische Frauen und Männer, die als Kinder während der deutschen Besatzungszeit in den Niederlanden untergetaucht gelebt hatten.
Das Buch trägt zur Erweiterung der Holocaustforschung bei. Nicht die Judenvernichtung als solche steht im Mittelpunkt sondern seine Fortwirkung bis heute. Viele der untergetauchten Kinder erfuhren die Kriegsjahre selbst nicht als besonders unerträglich. Für viele von ihnen markierte eher das Ende des Krieges den Beginn einer traumatischen Periode. "Mein Krieg begann nach dem Krieg", mußten einige feststellen. Nach dem Krieg wurden sie mit einer schwierigen Reintegration, der Widerbegegnung mit Familienmitgliedern, Verarbeitung von Verlust und dem Erkennen des eigenen Traumas konfrontiert. Identitäten, Erinnerungen, Familienbeziehungen waren von großen Veränderungen betroffen. Es ist nicht verwunderlich, daß die Autorin auch die zähen Formen des Antisemitismus in den Niederlande anführt, welche, auch wenn das Land eine Fassade der "Offenheit" und "Toleranz" vorweisen wollte, noch lange nach der Befreiung spürbar blieben. Darauf wies bereits die niederländische Journalistin Elma Verhey in ihrem Buch Om het joodse kind (1991) hin. Bei der Reintegration jüdischer untergetauchter Kinder spielten starke religiöse (katholische und calvinistische) und sozialkonservative Ressentiments eine Rolle.
Viele Bücher, wie auch dieses, die den Namen "Anne Frank" im Titel tragen, liefern in Wirklichkeit eine Art "Gegengeschichte". Sie entkräften den Mythos, der durch die Geschichte von Anne Frank ins Leben gerufen wurde; den Mythos der niederländischen Toleranz, des Widerstandes und Heldenmutes im Verlaufe der Besatzung. Wer den Leidensweg von Opfern während des Krieges und nach seiner Beendigung genau rekonstruiert, entdeckt die Mitverantwortung und die Gleichgültigkeit vieler Mitbürger gegenüber dem jüdischen Leid. Aber Wolf geht es nicht darum, diesen Mythos zu verurteilen. Ihr Unvermögen, das Trauma der Kriegsopfer korrekt einzuschätzen, kann der Generation der Nachkriegszeit nicht vorgeworfen werden. Der Prozeß des Bewußtmachens braucht seine Zeit, so Wolf. Was sich für uns in das Gedächtnis eingegraben hat und worüber wir uns ein Urteil gebildet haben, das ist das Resultat einer langjährigen historischen Entwicklung. Nachkommende Generationen betrachten die Geschichte aus einer anderen Perspektive als die Zeitgenossen selber.
Wolfs Forschungsmethode hat natürlich Einfluß auf die Schlußfolgerungen des Buches. Interviews liefern nur selten ein eindeutiges Bild ab. Mit ihnen läßt sich nichts generalisieren, sie weisen auf die Verschiedenheit und die Unmöglichkeit, Erinnerungen vorauszusetzen. In diesem Sinne wendet sich dieses Buch auch zu Recht gegen den Begriff der "kollektiven Identität", der die Menschen bestimmten Schubladen zuordnet und die Vielfältigkeit von Lebensgeschichten nicht berücksichtigt. Eine homogene "kollektive Erinnerung" an den Holocaust besteht nicht. Die gemeinschaftliche Erfahrung, die Menschen vereinen kann, wie das Untertauchen während des Krieges, kann auch zu Konflikten und rivalisierenden Bedürfnissen führen. Zwischen Opfern kann sich eine Hierarchie des Leidens herausbilden. Diese existieren zwischen den Überlebenden von Konzentrationslagern und Überlebenden, die untergetaucht waren und selbst zwischen letzteren.
Beyond Anne Frank ist mit Wärme und Empathie geschrieben. So ist das Buch auch weniger pessimistisch, als man aufgrund seines Inhaltes vermuten könnte. Die Autorin verweist zum Beispiel auch darauf, daß nicht jede zerbrochene Familientradition unbedingt zu einem persönlichen Trauma führen muß. In den Nachkriegserfahrungen der untergetauchten Kinder gibt es Parallelen zu den aufgelösten Kernfamilien, die nach dem Zweiten Weltkrieg im starken Maße zugenommen hatten. Eine erfolgreiche Bindung an die Pflegeeltern relativierte das Bedürfnis nach der "natürlichen" Mutterbindung. Der Völkermord, auf den die zerbrochenen Familietraditionen zurückzuführen sind, hat zweifelsohne bei den meisten Betroffenen tiefe Spuren hinterlassen. Doch viele konnten auch ein gewisses Maß an Normalität in ihrem Leben wiederfinden. Auch das ist ein Bild des Holocaust. Diese Familiengeschichten zeigen, daß die Geschichte des Judeozids nicht auf die Zeit zwischen 1941 bis 1945 beschränkt werden kann, sondern daß "die Zeit nach der Shoa ebenso zur Shoa gehört" (S. 342).
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Citation:
Georgi Verbeeck. Review of Wolf, Diane L., Beyond Anne Frank: Hidden Children and Postwar Families in Holland (S. Mark Taper Foundation Imprint in Jewish Studies).
H-German, H-Net Reviews.
June, 2007.
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