Dallas G. Denery, II. Seeing and Being Seen in the Later Medieval World: Optics, Theology and Religious Life. Cambridge: Cambridge University Press, 2005. x + 202 pp. $80.00 (cloth), ISBN 978-0-521-82784-3.
Reviewed by Frederik Felskau (Independent Scholar [Cologne])
Published on H-German (May, 2007)
Seeing and Being Seen
Es gehört zu den Leistungen der angelsächsischen Geschichtsschreibung, die Überlieferung mit immer wieder innovativen Fragestellungen konfrontiert zu haben, die sich überwiegend als anregend, ja meist als fruchtbar für die wissenschaftliche Diskussion erwiesen haben. Dasselbe wird man vom Themenkomplex 'Visualität und Bedeutung des Visuellen in den mittelalterlichen Gesellschaften' im Allgemeinen und Dallas Denerys Studie im Besonderen sagen dürfen.[1] Der Autor hat, und auch dies darf sich seine Arbeit anrechnen lassen, in seiner äußerst eloquent geschriebenen, konzisen und gut lesbaren Abhandlung über die spätmittelalterlichen Theorien zum menschlichen Sehvermögen anhand ausgewählter Beispiele in einen Entwicklungs- und Spannungsbogen gestellt, der vom geistlichen Schrifttum der frühen Dominikaner über Beichttraktate unterschiedlichster Provenienz bis hin zu den ausführlicher besprochenen Theoremen scholastischer Gelehrter und ihrer Kritiker wie Peter von Limoges, Peter Aureol und Nikolaus von Autrecourt reicht. Wenn er dabei zuweilen, wie bereits in der Einleitung ersichtlich, moderne Geistesgrößen vom Rang eines Michel de Montaigne oder René Descartes in kritischen Dialog mit ihren mittelalterlichen Vordenkern treten läßt, dient dies zuallererst dem Zweck, das entwickelte Gedankengut in seiner historisch-anthropologischen Bedeutung freizulegen.
Die Auswahl der einzelnen Quellensorten mag zwar ungeachtet der einführenden Erläuterungen nicht von vornherein zwingend erscheinen. Mit einer Untersuchung der Unterweisungsliteratur vornehmlich aus dem Dominikanerorden und spätmittelalterlicher Beichthandbücher einzusetzen, folgt aber einer bestimmten Absicht des Autors, geht es ihm doch darum, nachzuweisen, daß das sich im Spätmittelalter nicht zuletzt aufgrund der Rezeption der islamischen Philosophie wandelnde Verständnis vom Sehen und Gesehen-Werden Rückwirkungen auf menschliche Verhaltensmuster und Selbstwahrnehmungen zeitigte, die den Weg zur Moderne öffneten. Gerade in den ersten beiden Kapiteln, in denen bevorzugt Humbert von Romans, der anonyme Verfasser des Libellus de instructione et consolatione novitiorum (1283 fertiggestellt) sowie zahlreiche Pönitentialschriften besprochen werden, mag man Denery allerdings entgegenhalten, die Vorsicht vor allzu weitreichenden Schlußfolgerungen, von der er so eindrücklich in seinem Abschlußkapitel Zeugnis ablegt und die er bei der Erörterung der Gelehrtenmeinungen im Hauptteil seines Werkes so glänzend vorexerziert, stellenweise außer Acht gelassen zu haben. Für eine nicht unproblematische Anlehnung an behaviorale und psychohistorische Konzepte in der Erfassung mittelalterlicher Individualität und Selbstreflexion sprechen nicht allein die in den Kapitelüberschriften gewählten Begrifflichkeiten. Auch die von den Ermahnungen der Quellen auf entsprechende Befindlichkeiten der Novizen oder Beichtenden eins zu eins übertragenen Aussagen, wonach etwa "the friar, as a self constructed for an audience, even if that audience consisted only of God and himself, constantly utilized this cunning to balance the various parts of his self-presentation" (S. 38), oder "the individual constructed in confession ... was the individual self understood through its endless self-presentations, the individual as taken up into and formed through the very system of interrogation which could then claim to have discovered the indvidual as an object for consideration in the first place" (S. 74), erscheinen als zumindest weitgehend.
Diese kleineren Schwächen können jedoch den vorbildlichen Eindruck, den der Hauptteil von Denerys Studie hinterläßt, kaum ernstlich schmälern. In der Darlegung der Theorien der drei zentral behandelten akademischen Gelehrten, ihrer Abgrenzung voneinander und ihres Stellenwerts für die Fortentwicklung des Wissens vom Visuellen im Allgemeinen erweist sich Denerys ganzes methodisches und analytisches Können. Mit welch interpretatorischem Vermögen und mit welch 'scholastischem Weitblick' er die drei herausragenden Theoretiker in ihren unterschiedlichen Konzepten zu erfaßen und seine Einsichten sowohl dem Laien wie dem philosophisch Vorgebildeten mit Gewinn zu vermitteln vermag, gebührt gerade in Bezug auf ein eher als trocken zu empfindendes Wissensgebiet allen Lobes. Daß er nebenbei, etwa in Bezug auf die Beziehung der Schriften des Nikolaus von Autrecourt zueinander, neue Forschungserkenntnisse formulieren kann, verdankt sich ebenfalls seiner profunden Auseinandersetzung mit den Quellen. So empfiehlt sich der Band, der mit einem bibliografischen Anhang und einem Sach- wie Personenindex schließt, als die vielleicht gründlichste und überzeugendste Erörterung der wichtigsten spätmittelalterlichen Vorstellungen vom menschlichen Sehen im religiösen und akademischen Raum, die es derzeit auf dem mediävistischen Büchermarkt zu haben gibt.
Note
[1]. Dem Thema hat sich die Mediävistik mittlerweile breiter angenommen, siehe. z. B. Markus Späth, "Sehen und Deuten. Zur Bedeutung von Visualität in der Vergangenheitswahrnehmung klösterlicher Chronistik des 11. und 12. Jahrhunderts," in Das Mittelalter 8 (2003): S. 67-82; Suzanne Conklin Akbari, Seeing Through the Veil: Optical Theory and Medieval Allegory (Toronto: Toronto University Press, 2004).
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Citation:
Frederik Felskau. Review of Denery, Dallas G., II, Seeing and Being Seen in the Later Medieval World: Optics, Theology and Religious Life.
H-German, H-Net Reviews.
May, 2007.
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