Steven Pfaff. Exit-Voice Dynamics and the Collapse of East Germany: The Crisis of Leninism and the Revolution of 1989. Durham: Duke University Press, 2006. xv + 333 pp. $23.95 (paper), ISBN 978-0-8223-3765-2; $84.95 (cloth), ISBN 978-0-8223-3752-2.
Reviewed by Gunnar Peters (Department of History, University of Rostock)
Published on H-German (March, 2007)
Noch einmal: Das Ende der DDR und die Theorie von Albert O. Hirschman
"Wir saßen wie Kinder vor dem Weihnachtsbaum und haben uns die Augen gerieben."[1] Wolfgang Schäuble umschrieb mit diesen Worten nicht nur treffend das Handeln der Bundesregierung bis zum Mauerfall, sondern kleidete auch die allgemeine Überraschung und Faszination, die vom annus mirabilis 1989 ausging, in ein schönes Bild. Plötzlich und rasant wurden die kommunistischen Regime in Osteuropa abgelöst. Selbst Wissenschaftler, die sich normalerweise zur Erstellung von Prognosen in der Lage sehen, traf der Umbruch unerwartet. Wenn das Jahr 1989 "methodisch zu einem 'schwarzen Freitag der Sozialwissenschaften'" wurde,[2] interessiert um so mehr, ob es für das damalige Geschehen wenigstens im Rückblick sozialwissenschaftliche Erklärungen gibt.
In seiner ambitionierten Fallstudie sucht Steven Pfaff das Ende der DDR mittels der Theorie von Albert O. Hirschman zu ergründen. Obwohl die DDR in den 1980er Jahren als einer der stabilsten Staaten des Ostblocks galt, vollzog sich die friedliche Revolution hier kategorischer als anderswo. Am Ende stand der Untergang der DDR, besiegelt durch ihren Beitritt zur Bundesrepublik zum 3. Oktober 1990. Pfaff fragt nach den Triebkräften, die die unvermittelten Massendemonstrationen im Herbst 1989 hervorriefen, zur friedlichen Kapitulation des ancien régime führten und schließlich in die deutsche Einheit mündeten (S. 11).
Zur Erinnerung: Albert O. Hirschman veröffentlichte 1970 ein Buch mit dem Titel Exit, Voice and Loyality: Responses to Decline in Firms, Organizations, and States. In der deutschen Ausgabe, die vier Jahre später erschien, waren die beiden Schlüsselwörter mit Abwanderung (exit) und Widerspruch (voice) übersetzt. Hirschman verstand darunter Reaktionen von Konsumenten auf die Qualitätsminderung eines Produkts. Der unzufriedene Kunde konnte zum Produkt der Konkurrenz wechseln (Abwanderung) oder sich beim Anbieter beschweren und ein besseres Produkt fordern (Widerspruch). Analog galt: Waren Bürger unzufrieden mit ihrem Staat, konnten sie ausreisen oder protestieren. Hirschman nahm an, daß Widerspruch durch Abwanderung tendenziell unterminiert werde; Widerspruch trete dort auf, wo die Möglichkeit der Abwanderung nicht gegeben oder unattraktiv sei. Im übrigen würde immer eines von beiden die Oberhand gewinnen und damit wirkungsmächtig sein, entweder Abwanderung oder Widerspruch (S. 17-19).
So weit, so gut. In der DDR fiel jedoch im Herbst 1989 eine Ausreisewelle mit Massendemonstrationen zusammen (S. 14-16). Pfaff schlägt deshalb kein linear positives oder negatives, sondern ein dynamisches Verhältnis zwischen Abwanderung und Widerspruch vor (S. 29). Nach einer theoretischen Grundlegung untersucht er in acht Kapiteln den Verlauf der friedlichen Revolution, von der Krise des Regimes Ende der 1980er Jahre bis zur ersten freien und geheimen Parlamentswahl im März 1990. Nicht das Aufspüren neuer Fakten steht im Vordergrund, sondern die Deutung. Dennoch hat Pfaff, der sich der historischen Sozialwissenschaft verpflichtet sieht (S. xii, xv), seine Studie mit umfangreichen qualitativen und quantitativen Belegen aus erster Hand, darunter auch Archivmaterial, unterfüttert.
Das Modell von Abwanderung und Widerspruch geht von einem rationalen Akteur aus (S. 9). Je geringer die Kosten der Abwanderung gegenüber den Kosten des Widerspruches erscheinen, desto mehr Menschen werden von Abwanderung statt von Widerspruch Gebrauch machen. Den DDR-Bürgern war die Möglichkeit der Abwanderung jedoch seit 1961 verbaut. In einer gefestigten Diktatur wie der DDR erschien Widerspruch den meisten zu kostspielig, egal wie unzufrieden sie waren. Einerseits waren die Bürger vom Überwachungsstaat bedroht, andererseits wurden sie bei angepaßtem Verhalten mit bescheidenem materiellen Wohlstand und sozialer Sicherheit belohnt. Wo Abwanderung und Widerspruch gleichermaßen blockiert sind, ist Inaktivität der Bürgerschaft die Folge. Die Führung des Systems wiegt sich in falscher Sicherheit. In dem Moment, wo der "Eiserne Vorhang" löchrig wurde, nutzten Zehntausende umgehend die neuen Möglichkeiten, der DDR den Rücken zuzukehren (S. 19, 25-26, 63, 67, 255-256, 259).
Wie kam es zu den Massenprotesten im Herbst 1989? Stein des Anstoßes war die Gleichgültigkeit der politischen Führung gegenüber der wachsenden Zahl von Ausreisenden und Flüchtlingen aus der DDR. In Scharen verließen vornehmlich junge Menschen das Land, und die SED schwieg. So wie bisher konnte es nicht weitergehen. In Erwartung einer weiteren Verschlechterung der Lage im Land standen nun auch jene auf, denen Widerspruch bislang zu kostspielig erschienen war: "In short, nearly everyone in the GDR could expect to endure both present und future losses as a result of the crisis. It is in circumstances in which grievances are widely generalized across social groups that popular rebellion is most likely to occur. Remaining a bystander and free-riding on others no longer pays off when one's direct interests are threatened. The mass exodus in 1989 exacerbated shortages and undercut health and social services. The situation could be expected to worsen the more that people exited" (S. 138-139).
Aber hatten die Menschen, die bis Anfang Oktober 1989 auf die Straße gingen, nicht allen Grund, ein Einschreiten der Sicherheitskräfte zu fürchten? In der Tat war das beherrschende Gefühl zunächst schlichtweg Angst (S. 125, 132). Allerdings erreichten die Teilnehmer der Leipziger Friedensgebete am 9. Oktober 1989 Anzeichen, daß ein Blutbad verhindert werden könne, wenn sie selbst keine Gewalt anwenden würden (S. 128-129). Auch übertraf die angedrohte Repression die tatsächliche. Die Sicherheitskräfte griffen bis zum 9. Oktober 1989 nicht entschieden genug durch, um Protestierende wirksam abzuschrecken; im Gegenteil, sie spornten den Unmut in der Bevölkerung weiter an. Die Zahl der Verhaftungen hielt mit der steigenden Zahl von Demonstranten nicht Schritt. Dabei wurden in den ersten acht Tagen des Oktobers 1989 in Berlin, Magdeburg oder Karl-Marx-Stadt deutlich mehr Demonstranten (im Verhältnis zur Gesamtzahl der dort Protestierenden) verhaftet als in Dresden oder Leipzig (S. 133-136).
Warum blieb die Revolution friedlich? Am Beispiel von Leipzig und Dresden zeigt Pfaff, wie die herkömmlichen Mittel der Repression versagten. Auf friedliche Demonstrationen, die nicht von einzelnen Rädelsführern (politische Gruppierungen oder Dissidenten) initiiert waren, sondern sich eigenständig und spontan entwickelten und an denen ein Querschnitt der Bevölkerung teilnahm, waren die Sicherheitskräfte nicht vorbereitet. SED-Funktionäre der mittleren Ebene standen ihrerseits unter dem Druck einer zunehmend unruhigeren Parteibasis und konnten sich auch intern nicht auf eine eindeutige Strategie verständigen. Sie konnten nicht mehr mit sowjetischer Unterstützung rechnen, falls es zu einem gewaltsamen Aufruhr käme. Den Demonstranten konnte kein Erfolg beschieden sein, wenn sie sich von der Friedfertigkeit verabschiedet hätten. Ihre Absage an Gewalt verlieh ihrem Handeln moralische Legitimität. Freilich hätte schon ein einzelner Demonstrant durch unbesonnenes Handeln die Situation eskalieren lassen können (S. 171-189).
Im Oktober 1989 übertraf die Zahl der Demonstranten erstmals die Zahl der Ausreisenden (S. 137). Lawinenartig schwollen die Demonstrationen an. Zunehmende Abwanderung sendet zunächst ein unzweideutiges Krisensignal an die Zurückbleibenden und beflügelt so deren Widerspruch. Dieser Effekt hält jedoch nur bis zu einem gewissen Punkt an und kann sich danach ins Gegenteil verkehren, weil mit einem Massenexodus soziale Netzwerke--die Grundvoraussetzung für Widerspruch, der immer auf ein kollektives Handeln zielt und deshalb Koordination erfordert--zunehmend erodieren (S. 147-153, 161, 260-262).
Die Maximierung individueller Interessen, wie sie das Modell rationalen Handelns nahelegt, kann übertroffen werden durch Loyalität, unter der Pfaff eine individuelle Disposition versteht, die das Verhalten bezüglich Abwanderung oder Widerspruch beeinflußt (S. 19-20, 192). Je größer die Loyalität zum Staat, desto weniger wahrscheinlich wird Abwanderung und desto wahrscheinlicher wird Widerspruch (S. 256). Pfaff unterscheidet zwei Arten von Widerspruch (S. 21): Reformorientierter Widerspruch (reformist voice) ist auf die Verbesserung des Staates gerichtet, aufständischer Widerspruch (insurgent voice) auf seine Abschaffung. Wer über eine relativ große Loyalität zum Staat verfügt, wird eher zum reformorientierten Widerspruch neigen (S. 256).
Dieser reformorientierte Widerspruch ist von der Erosion der Netzwerke infolge einer stark ausgeweitete Ausreisewelle nicht betroffen, sondern nur der aufständische Widerspruch (262). Pfaff geht von einem Kontrast zwischen Straßenprotest (reformorientierter Widerspruch) und Bürgerbewegung (aufständischer Widerspruch) aus (S. 22, 257). Den Kontrast zwischen Straße und Bewegung halte ich für grundsätzlich zutreffend. Pfaffs Analyse von Programmatik und Strategie des Neuen Forum überzeugt jedoch nicht durchgehend.
Die Gründungsdokumente aller Bürgerbewegungen enthalten in der Tat ein Bekenntnis zum Sozialismus (S. 194). Es gab im Herbst 1989 allerdings keine politische Kraft, die den Sozialismus prinzipiell in Frage stellte. Eine Reform des Sozialismus konnte damals aber sowohl eine Maximal- als auch eine Minimalforderung sein. Mancher mag sich langsam vorgetastet haben und seine Forderungen erst im Angesicht eines verbreiterten Horizonts des Möglichen erweitert haben. Auffälliger als das Bekenntnis zum Sozialismus scheint mir am Gründungsaufruf des Neuen Forum dessen programmatische Offenheit. Die meisten Vertreter des Neuen Forum wußten anfangs selbst nicht genau, was sie eigentlich erreichen wollten. Sie machten aus der Not eine Tugend und verstanden sich als Marktplatz politischer Ideen. Einig waren sie sich lediglich in der Ablehnung der alten Herrschaft. Erst nach dem Mauerfall differenzierte sich das politische Spektrum deutlich.
Wo der Sozialwissenschaftler nur schwarz oder weiß sehen mag (um zu einer Theorie zu finden), erkennt der Historiker noch jede Menge Grautöne (um das besondere Einzelne zu würdigen). Wohl gab es in der Ausrichtung des Neuen Forum Tendenzen. Aber seine personelle Zusammensetzung wirkte bunt und eher zufällig. Alle über einen Kamm zu scheren, dürfte schwierig sein. Eine Reihe späterer Parteimitglieder hatte sich im Herbst 1989 zunächst im Neuen Forum engagiert, darunter spätere Mitglieder der Sozialdemokratischen Partei, aber auch der (rechtskonservativen) Deutschen Sozialen Union. Nicht zuletzt gingen aus Abspaltungen des Neuen Forum zur Jahreswende 1989/90 neue Gruppierungen hervor, etwa die Deutsche Forumpartei. Die Entfremdung zwischen Straße und Neuem Forum stand am Ende eines Entwicklungsprozesses, dessen Ergebnis nicht schon im September oder Oktober 1989 von vornherein feststand.
In einer Aussage von Jens Reich, man habe nicht die Macht usurpieren, sondern freie Wahlen durchsetzen wollen, erkennt Pfaff ein Indiz für "the fundamental system loyalty behind the strategies of the civic movement's leadership" (S. 208). Das ist streitbar. Die Forderung nach freien Wahlen war bis zum Mauerfall die weitreichendste, die auf Demonstrationen überhaupt vertreten wurde. Sie besaß potentiell "systemsprengende" Kraft[3]; denn freie Wahlen bedingen im Vorfeld eine freie Entfaltung politischer Parteien und politischer Programmatik. Wer sich im Herbst 1989 die Forderung nach freien Wahlen (die es in der DDR noch nie gegeben hatte) zu eigen machte, kann nur sehr bedingt als systemloyal gelten. Eher könnte man Reichs Aussage als Plädoyer für Legalismus verstehen, der in den Augen der damaligen Opposition am besten die Friedlichkeit gewährleistete. War in den vorangegangenen Jahrzehnten viel Unrecht geschehen, strebten die neuen politischen Kräfte nun nach einem rechtlich sauberen Übergang.[4] Daß es eine legale Revolution im strengen Sinne nicht geben kann, ist für diese Feststellung unerheblich.
Unbeschadet solcher Einsprüche ist die Studie bis hierher sorgfältig erarbeitet. Das letzte Hauptkapitel ("Reunification as the Collective Exit from Socialism") wurde indes mit so heißer Nadel gestrickt, daß es hinter den zeitgeschichtlichen Forschungsstand zurückfällt. Zahlreiche irreführende Formulierungen und Sachfehler haben sich eingeschlichen. So wurde die Berliner Großdemonstration vom 4. November 1989 nicht vom Neuen Forum organisiert (S. 232), sondern von einer Gruppe von Künstlern. Die Sozialcharta des Runden Tisches hat entgegen Pfaffs Behauptung (S. 243) keine Rolle mehr in den Verhandlungen über die Staatsverträge zur deutschen Einheit gespielt--übrigens sehr zum Leidwesen einiger Vertreter des Zentralen Runden Tisches. Schließlich ist es eine Legende, daß der Runde Tisch auf eine Initiative der SED zurückging (S. 240, 242). Die Liste solcher Schnitzer läßt sich fortsetzen.
Zugute halten kann man Pfaff, daß dieses Kapitel am Ende seiner Arbeit steht und bereits über den engeren Untersuchungszeitraum hinausragt. Für eine zweite Auflage wäre eine Überarbeitung dieses Kapitels anzuraten. In der Arbeit werden außerdem nicht weniger als fünfzehn Titel in Kurzform zitiert, die nicht im Literaturverzeichnis erscheinen, so daß der Leser nur vermuten kann, auf welche Schriften sich der Autor bezieht. Nicht zuletzt wirft eine sehr grobe Karte der DDR (S. 41) die Frage auf, warum Deutschlands größte Insel dort als Halbinsel eingezeichnet ist. Mein (reformorientierter) Widerspruch möge allerdings nicht zur Abwanderung (Abkehr) von Pfaffs Studie verleiten. Die formalen Einwände sind ärgerlich, weil sie den positiven Eindruck trüben, den das Buch im großen und ganzen hinterläßt. Pfaff ist die bislang profundeste Anwendung von Hirschmans Theorie auf das Ende der DDR gelungen.
Ursprünglich verfolgte Hirschman mit seiner Theorie ein konstruktives Ziel. Sowohl Abwanderung als auch Widerspruch sollten in der Führungsebene eines Unternehmens, einer Organisation oder eines Staates die Alarmglocken schellen lassen. Damit Zeit blieb, gegenzusteuern und die ursprüngliche Leistungsfähigkeit wiederzuerlangen, durften Abwanderung und Widerspruch nur gemäßigt auftreten. Als die DDR im Herbst 1989 von beidem zeitgleich und mit ungeahnter Intensität erfaßt wurde, war eine Erholung nicht mehr möglich. Nach Jahrzehnten der Unterdrückung wog die Ungeduld der Ausreiser und Demonstranten zu schwer.[5] Für eine Reform war es bereits zu spät.
Notes
[1]. Wolfgang Schäuble, zitiert in Karl-Rudolf Korte, Deutschlandpolitik in Helmut Kohls Kanzlerschaft. Regierungsstil und Entscheidungen 1982-1989 (Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, 1998), S. 438.
[2]. Klaus von Beyme, Systemwechsel in Osteuropa (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1994), S. 35.
[3]. Hartmut Zwahr, "Die 89er Revolution in der DDR," in Peter Wende (hg.), Große Revolutionen der Geschichte: Von der Frühzeit bis zur Gegenwart (München: C. H. Beck, 2000), S. 357-373, hier S. 364.
[4]. Gunnar Peters, "Verfassungsfragen in der 10. Volkskammer der DDR (1990)," Deutschland Archiv 37 (2004): S. 828-839, hier S. 838.
[5]. Albert O. Hirschman, "Abwanderung, Widerspruch und das Schicksal der Deutschen Demokratischen Republik. Ein Essay zur konzeptuellen Geschichte," Leviathan 20 (1992): S. 330-358, hier S. 356-357.
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Citation:
Gunnar Peters. Review of Pfaff, Steven, Exit-Voice Dynamics and the Collapse of East Germany: The Crisis of Leninism and the Revolution of 1989.
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March, 2007.
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