Ulrich Muhlack. Historisierung und gesellschaftlicher Wandel in Deutschland im 19. Jahrhundert. Berlin: Akademie Verlag, 2003. EUR 49.80 (gebunden), ISBN 978-3-05-003841-4.
Reviewed by Marcus Pyka (School of History and Archives, University College Dublin, Ireland)
Published on H-German (February, 2007)
Von der streitbaren Orientierungswissenschaft zur zänkischen Zunft?
Die Geistes- und Kulturwissenschaften sind zumindest in Deutschland zur Zeit nicht gerade auf Rosen gebettet. Die langjährige wirtschaftliche Krise der Bundesrepublik hat gerade diese Fachbereiche stark gebeutelt und Fragen nach ihrer gesellschaftlichen Relevanz aufgeworfen. Gleichzeitig beherrscht das Wort von der "Wissensgesellschaft" die öffentliche Diskussion, gilt "Wissen" als vielleicht die zentrale Ressource im einundzwanzigsten Jahrhundert. Insofern ist es nicht allein rein fachlichem Forscherinteresse geschuldet, sich einmal mehr den Rahmenbedingungen und der Rolle von "Geschichte" als Historiographie und als Wissenschaft in Deutschland während ihres goldenen Zeitalters zuzuwenden.
Dies geschieht in Frankfurt am Main auf breiter Front im Rahmen eines Sonderforschungsbereichs "Wissenskultur und gesellschaftlicher Wandel" (SFB 435 der Deutschen Forschungsgemeinschaft), dessen gleichnamige Schriftenreihe binnen weniger Jahre auf mittlerweile sechzehn Bände angewachsen ist.[1] In diesem Rahmen entstand auch der hier vorzustellende, von Ulrich Muhlack herausgegebene Sammelband als Ergebnis eines Colloquiums. Er konzentriert sich auf zwei Themenkreise: zum einen das Verhältnis von "Historie und Politik in Deutschland vom Vormärz bis zur Reichsgründung," zum anderen die Bedeutung der "Kulturgeschichte in Deutschland im Zeichen der Naturwissenschaften."
Der erste Teil zur gesellschaftlichen Rolle der Geschichtswissenschaft wird mit Peter Wendes Darlegung des Phänomens "politischer Professor" eröffnet. Wie auch Muhlack selbst betont er, daß für diesen Typus die politische Betätigung nicht einfache Nebenbetätigung war, sondern sich in ihrem Wirken Geschichte und Politik gegenseitig durchdrangen. Zwar sei dieser Typus (mit dem Musterbeispiel Friedrich Christoph Dahlmann) letztlich ohne Gespür für Machtpolitik oder Interessenausgleich, gleichwohl im Vormärz und in der Revolution alternativlos notwendig gewesen. Daß es desungeachtet bald schon auf die rechte Art der Politisiertheit ankam, sowie--mit fortschreitender Professionalisierung--Fragen der Forschungsmethode und der Darstellung mehr und mehr ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerieten, zeigen die weiteren Beiträge dieses Teils. Sie kreisen um das Werden einer sich in der kritischen Auseinandersetzung selbst konstituierenden und selbst vergewissernden Disziplin, deren Streitbarkeit immer dann besonders fruchtbar geworden zu sein scheint, wenn methodische Fragen mit konkretem Gegenwartsbezug einhergingen. So etwa in Dagmar Stegmüllers Untersuchung des Heidelbergers Friedrich Christoph Schlosser und seines Verhältnisses zu Leopold von Ranke und der Berliner Schule. Stegmueller zeigt, daß Schlosser in seinen zeithistorischen Arbeiten die Kontextgebundenheit des Forschers sehr deutlich wahrnahm; gleichzeitig macht sie deutlich, daß Schlosser gerade auch wegen dieses Dualismus von Forschung und Interpretation mit seiner Laxheit gegenüber der eigentlichen Forschungsleistung von den von ihm als "Objektiven" bespöttelten Historikern der Berliner Kreise angegriffen wurde--und insofern auch weit weniger als schulbildend betrachtet werden kann als sein Gegenspieler Ranke.
Andererseits macht der folgende Beitrag Siegfried Baurs einmal mehr deutlich, daß auch Ranke nicht jener Karikatur blutleerer Objektivität entsprochen hat, als der er oftmals wahrgenommen wird. Baur konzentriert sich seinerseits auf die verschiedenen Wege öffentlicher Wirksamkeit mittels der Historie, die der Berliner Historiker in seinem Leben eingeschlagen hat, von der "Serbien-Schrift" von 1829 über die kurzlebige Historisch-politische Zeitschrift (1832-36) bis hin zu den (von Baur zumindest erwähnten historischen) Vorträgen für König Maximilian II. von Bayern in Berchtesgaden. Zwar läßt Baurs heroisierendes Rankebild manches Mal eine kritische Distanz vermissen, doch verdeutlichen etwa die von ihm zusammengetragenen Rezensionen von Rankes Neun Büchern Preußischer Geschichte in ihrem raschen Wandel sehr schön die Zeitverhaftetheit historischer Interpretation. In einem größeren Rahmen wird dies deutlich in Thomas Brechenmachers Analyse des Ficker-Sybel-Streits (1859-62), dessen vielfältig miteinander verknüpfte politische, konfessionelle, nationale und eben auch methodische Aspekte eine besonders komplexe Gemengelage ergaben, die wiederum das Fach durchaus fruchtbar anzuspornen in der Lage war. Hingegen verblieb ein anderer Ranke-Schüler, Jacob Burckhardt nämlich, unter dem Einfluß seiner Studienfreunde Franz Kugler und Gottfried Kinkel einem unpolitischen, ästhetizistischen Welt- und Wissenschaftsbild verhaftet, mit welchem sich Philipp Mueller beschäftigt hat. Hans-Christof Kraus schließlich untersucht einige Aspekte der Rezeption des wohl meist gelesenen Historikers der Reaktionszeit nach 1848/49, der nun eben kein Deutscher war: Thomas Babington Macaulay bot jedoch mit seiner "Whig Interpretation" vor allem der Glorious Revolution von 1688 ein höchst geeignetes Ventil für enttäuschte Liberale. Allerdings belegen seine Gewährsmänner (neben Ranke sind es Johann Gustav Droysen, Robert von Mohl, Rudolf Haym und Heinrich von Treitschke), wie unterschiedlich ihre jeweilige Wahrnehmung ausfiel, wobei neben philosophischen, ästhetischen und politischen Aspekten auch generationelle und nationale Gesichtspunkte eine wesentliche Rolle spielten.
Der zweite Teil des Sammelbandes wird durch solide Überblicke von Hans Schleier (zur Entwicklung der Kultugeschichte zwischen 1830 und 1900) sowie Frank Linhard ("Zur Situation der Naturwissenschaften in Deutschland") eingeleitet. Thomas Mergel ordnet dann den Lamprecht-Streit in den Kontext der naturwissenschaftlichen Diskussionen der Zeit sowie des sowohl kulturpessimistischen wie vitalistisch-energetischen Zeitgeistes ein, nachdem Christian Mehr im Anschluß an Schleier das Verhältnis von "naturalisierter Kulturgeschichte und politischer Geschichtsschreibung" thematisiert hat.
Allerdings verbleibt Mehr sowohl sprachlich wie inhaltlich arg schematisch in seiner Darstellung. Auch vergibt er die Gelegenheit, die von ihm nachdrücklich als "wissenschaftliche Laienbewegung" (S. 194) charakterisierten Kulturgeschichte gesellschaftshistorisch zu verorten und somit dem Oberthema des Bandes wenigstens hier Tiefenschärfe zu verleihen. Benedikt Stuchtey schließlich wendet sich England und der englischen Zivilisationsgeschichtsschreibung zu. Zwar kontextualisiert er damit den (dank Droysens kritischer Besprechung 1863) in dem vorliegenden Band mehrfach angesprochenen Henry Thomas Buckle und gibt zudem einen prägnanten Überblick über die Entwicklung der Geschichtsschreibung in England im neunzehnten Jahrhundert mit einigen Vergleichen zum zeitgenössischen Deutschland, doch bleibt sein Beitrag im Kontext des Bandes weitgehend unverbunden.
Hier stellt sich also die Frage nach der generellen Konzeption des Bandes. In seiner Einleitung betont Muhlack den Gebrauch des prozessualen Begriffs "Historisierung" nach Troeltsch im Gegensatz zu dem für ihn zu statischen Terminus "Historismus." Unabhängig davon, ob man nun die terminologischen (und damit zusammenhängenden sprachlichen) Vorannahmen des Herausgebers teilt oder nicht, ergibt sich für den Band ungeachtet der Qualität vieler seiner Beiträge das grundsätzliche Problem der Perspektive. Denn so sehr die Rolle der Geschichte als Orientierungswissenschaft sowie ab dem zweiten Jahrhundertdrittel ihr stetes Ringen um die Möglichkeit von Normativität in Zeiten der Werte-Erosion durch zunehmende Historisierung deutlich wird, so unverbunden bleibt dies mit dem in Titel und Einleitung aufgeworfenen Themenkomplex des gesellschaftlichen Wandels. Eine breitere Erfassung von sozial- und gesellschaftsgeschichtlichen Aspekten wie von--ja, ironischerweise auch davon--kulturwissenschaftlichen Fragestellungen hätte dem Innovationspotential des Bandes gut getan. Denn es wäre schade, wenn nach der Lektüre der durchaus interessanten Beiträgen lediglich der Eindruck einer konventionell-geistesgeschichtlich orientierten, "zänkischen Zunft" (S. 211) übrigbliebe--bar weiterer gesellschaftlicher Bedeutung.
Note
[1]. Vgl. die Publikationsliste auf der Web Site des SFB, http://web.uni-frankfurt.de/SFB435/.
If there is additional discussion of this review, you may access it through the network, at: https://networks.h-net.org/h-german.
Citation:
Marcus Pyka. Review of Muhlack, Ulrich, Historisierung und gesellschaftlicher Wandel in Deutschland im 19. Jahrhundert.
H-German, H-Net Reviews.
February, 2007.
URL: http://www.h-net.org/reviews/showrev.php?id=12891
Copyright © 2007 by H-Net, all rights reserved. H-Net permits the redistribution and reprinting of this work for nonprofit, educational purposes, with full and accurate attribution to the author, web location, date of publication, originating list, and H-Net: Humanities & Social Sciences Online. For any other proposed use, contact the Reviews editorial staff at hbooks@mail.h-net.org.



