Mariana Hausleitner, Harald Roth. Der Einfluss von Faschismus und Nationalsozialismus auf Minderheiten in Ostmittel- und Südosteuropa. München: Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas - IKGS Verlag, 2006. 360 S. EUR 20.50 (paper), ISBN 978-3-9809851-1-6.
Reviewed by Herwig Baum (Ludwig-Maximilians-Universität, München)
Published on H-German (December, 2006)
Im Sog der Nazifizierung
Die multinationale Autorenschaft des von Hausleitner und Roth herausgegebenen Sammelbandes hat sich das Ziel gesetzt, die Auswirkungen des enormen Aufschwungs rechtsextremer Ideologien auf die in mehrerer Hinsicht vielfältigen Minoritäten in den östlich und südöstlich der deutschen Großmachtsphäre angeordneten mittleren und kleineren Staaten vor allem während der 1930er und 1940er Jahre des vergangenen Jahrhunderts zu untersuchen. Die Fragestellung wird dabei im allgemeinen im Sinne einer von zahlreichen äußeren und inneren Faktoren abhängigen Rezeption von Faschismus und Nationalsozialismus durch die Minderheiten selbst ausgedeutet.
Sinnvollerweise werden im Rahmen des ersten Artikels des Bandes theoretische Fragen aufgeworfen. Dazu gehört zunächst der Versuch einer Definition des in der Fachliteratur so umstrittenen Begriffs des Faschismus. Der Autor entscheidet sich dabei für die von Robert Griffin gelieferte Deutung als "palingenetic ultranationalism" und erläutert die wichtigste Besonderheit, die sich aus der regionalen Zentrierung der Untersuchung ergab: In Ostmittel- und Südosteuropa gelang den dem Idealtypus nahekommenden faschistischen Bewegungen oft nicht die Erringung der Kontrolle über den Staat; das an die Beherrschung und Ausschöpfung staatlicher Zwangsmittel gekoppelte "Vollbild" des Faschismus wurde somit überhaupt nicht oder lediglich spät aufgrund massiver äußerer Eingriffe erreicht. Insofern war eine Lösung des Faschismusbegriffs von einer allzu engen Bindung an administratives Handeln vonnöten. Eine zweite Eigenart erwuchs aus dem Minderheitenstatus der untersuchten Bevölkerungsgruppen. Dieser machte es aufgrund des von den Betroffenen so empfundenen Zwangs zum internen Konsens schwer, faschistische Kräfte trotz ihres Gegensatzes zu traditionellen Eliten und Wertvorstellungen zu marginalisieren. Eine der Kernfragen nicht nur des Artikels, sondern des gesamten Bandes, zu der auf diese Weise hingeleitet wird, lautet daher, ob und inwieweit die Minderheiten Ostmittel- und Südosteuropas besonders anfällig für faschistische Ideen waren. Aus dieser Problembeschreibung heraus ergibt sich auch die Fokussierung überwiegend auf Minderheiten, in deren "Mutterländer" eine starke Virulenz von Faschismus oder Nationalsozialismus festzustellen war: Neunmal waren sogennante Volksdeutsche Untersuchungsgegenstand, während zwei Artikel ungarischstämmige Minderheiten behandeln.
Mit dem nur scheinbar harmlosen Sujet der in den 1920er Jahren erbauten, den Gefallenen des Ersten Weltkrieges gewidmeten Kriegerdenkmälern befaßt sich der Beitrag Bernhard Böttchers. Anhand des Beispiels dreier derartiger, von Siebenbürger Sachsen errichteten Monumenten kommt er zu dem Schluß, daß die religiös-tröstende Aussage der Bauwerke überwiegt. Eine "Kontinuitätsstiftung des Krieges im Frieden" (S. 53) war grundsätzlich nicht beabsichtigt. Wo die reichsdeutschen Militärangehörigen, die Seite an Seite mit den im Rahmen der österreichisch-ungarischen Streitkräfte eingesetzten siebenbürgischen Soldaten gefallen waren, gleichfalls geehrt wurden, kam der Bezugnahme auf Deutschland ein rein selbstvergewissernder Bezug zu; der Konzeption der Denkmäler war keine Spitze gegen den rumänischen Staat zu entnehmen. Als Vorboten eines sich bei den Siebenbürger Sachsen durchsetzenden aggressiven Nationalismus mit antirumänischer Tendenz konnten die Kriegerdenkmäler jedenfalls nicht gewertet werden.
Ebenfalls mit einem Thema aus der Zeit vor der "Machtergreifung" der Nazis in Deutschland beschäftigt sich der Artikel Olga Schröder-Negus. Die sowjetische Propaganda hatte die Beteiligung von Bessarabiendeutschen bei der Niederschlagung des im Jahre 1924 stattgefundenen Aufstandes von Tatar-Bunar als Hinweis auf faschistische Strömungen innerhalb der deutschstämmigen Bevölkerung dargestellt. Diese Auffassung konnte jedoch durch den Autor widerlegt werden: Wichtigste Ursache für die heftige, auch gewaltsame Reaktion der deutschsprachigen Minderheit auf die sowjetisch inspirierte Insurrektion war die nur wenige Jahre vorher durch die Rote Armee durchgeführte blutige Unterdrückung der Schwarzmeerdeutschen in der Südwestukraine. Im Jahre 1919 war es im Rahmen des Bürgerkriegs zu diesem von zahlreichen Mordtaten an Zivilisten begleiteten Vorgehen gekommen, was eine anhaltende Angst vor den Sowjets unter den Bessarabiendeutschen hervorgerufen hatte, die von den von Repressalien betroffenen Siedlungsgebieten nur durch den Dnjestr getrennt waren.
Schwieriger und vielschichtiger ist dem gegenüber das Thema des Artikels von Franz Sz. Horvath, der die Reaktion der Presse der in Rumänien ansässigen ungarischen Minderheit auf das Aufkommen des Rechtsradikalismus dokumentiert. Durchwegs noch von einem gewissen Desinteresse geprägt zeigten sich die Printmedien der 1920er Jahre; gleichzeitig begegneten zahlreiche Journalisten dem Phänomen Faschismus mit einer zum Teil verständlichen Naivität. Größeren Zuspruch unter den Zeitungen der Minderheit gewannen derartige Ideen erst nach 1933. Unter dem Eindruck der offensichtlich erscheinenden "Erfolge" der Nationalsozialisten bzw. Faschisten neigte sich die Tendenz zahlreicher Blätter hin zu einer Befürwortung dieser politischen Ausrichtung. Standhaft blieb jedoch insbesondere die Zeitung Brassoi Lápok, die, wie zuvor, an der liberal-demokratischen Ordnung als Garant der Minderheitenrechte festhielt und sich schließlich eine polemische Auseinandersetzung mit dem nationalistisch und antisemitisch ausgerichteten Blatt Erdeli Lápok zum Thema des Spanischen Bürgerkriegs lieferte. Dabei darf jedoch nicht übersehen werden, daß der Wandel in der beschriebenen Medienlandschaft maßgeblich durch den steigenden Druck des rumänischen Staates, der in Form einer zunehmend repressiven Politik auch auf die ungarische Minderheit ausgeübt wurde, mit in die Wege geleitet wurde. Schließlich sah ein wesentlicher Teil der Journalisten wie der Leser die Interessen der ungarischen Minderheit wesentlich besser durch eine Anlehnung an die faschistischen Mächte als durch den Kampf für die eigenen Belange innerhalb Rumäniens gewährleistet. Trotz aufgrund der während der Königsdiktatur ab 1938 in Rumänien verschärften Pressezensur verhaltener Äußerungen war davon auszugehen, daß sich diese Tendenz, insbesondere als Folge der Ungarn begünstigenden Wiener Schiedssprüche, massiv verschärfte.
In großen Zügen parallel dazu lief die von Cornelia Schlarb untersuchte Entwicklung innerhalb der kirchlichen Medien der deutschen Minderheit in Rumänien. Hier war ab 1933 ebenfalls eine verstärkt positive Rezeption des Nationalsozialismus zu beobachten, wobei innerhalb der evangelischen Presse kritische Stimmen stärker den Bemühungen um eine auch taktisch bedingte Selbstzensur zum Opfer fielen, während für die katholischen Zeitungen das mit dem Reich geschlossene Konkordat als entscheidende Zäsur wirkte.
Die zunehmende Nazifizierung der deutschen Minderheit war von weitreichender Konsequenz auch für deren Gemeindeleben. Der zweite, diesmal von Thomas Sindlariu verfasste Beitrag des Bandes, der sich mit Elementen der materiellen Kultur befaßt, stellte anhand des Beispiels dreier durch Siebenbürger Sachsen gebauter öffentlicher Bäder fest, daß, wenn auch traditionelle Institutionen wie zum Beispiel die Kirche, hierbei keineswegs einflußlos waren, doch insgesamt eine zunehmende Bedeutung der "Volksgruppe" als vom Deutschen Reich ferngesteuerte Organisationseinheit, festzustellen war.
Die nächsten beiden Artikel thematisieren den Durchbruch faschistischer Gedankenmodelle und die Gleichschaltung im nationalsozialistischen Sinne von in Jugoslawien lebenden deutschstämmigen Minderheiten. Die Nazifizierung lief dabei im Fall der von Carl Bethke untersuchten "Volksdeutschen" Slawoniens ähnlich ab wie bei den Donauschwaben der Vojvodina, deren Ablauf Zoran Janjetovi nachgezeichnet: Stets tauchten nationale "Erwecker" auf, die sich bestehende soziale und wirtschaftliche Misstände, die die Minorität betrafen, zunutze machten, um bisher kaum politisierte Gruppen zu mobilisieren. Dies hatte schließlich, unter tatkräftiger Mithilfe reichsdeutscher Dienststellen, die Durchsetzung einer nazihörigen Führung im Sinne des "Volksgruppenmodells" zur Folge.
Der Theorie einer uniformen Angleichung Ungarns sowie der dort wohnenden "Volksdeutschen" an den Faschismus bzw. Nationalsozialismus treten Norbert Spannenberger und Jozsef Vonyó in ihrem Beitrag entgegen. Zum einen weisen sie auf die endogenen Wurzeln und das breite Spektrum des Rechtsradikalismus im politischen Leben des ungarischen Staates hin, zum anderen zeigen sie die Heterogenität der Auffassungen der regional äußerst zersplittert lebenden deutschstämmigen Minderheit auf.
Christof Morrisey beschäftigt sich mit der Verstrickung wissenschaftlicher Repräsentanten und Institutionen in die Herrschaftspolitik der Nazis. Anfang 1941 wurde in der Slowakei das "Institut für Heimatforschung" (IHF) als Teil des überregionalen Netzwerks der nationalsozialistischen "Volkstumsforschung" gegründet. Die Ziele des Instituts, in dem einheimische Repräsentanten eher nominell Führungsrollen wahrnahmen, waren neben der Indoktrinierung der ortsansässigen Deutschstämmigen auch die Führung eines "Volkstumskampfes" gegen die eigentlich ja verbündeten Slowaken. Die Verstrickungen der Funktionäre des IHF beeinträchtigten deren Nachkriegskarrieren in der Bundesrepublik oder in Österreich nicht.
Mit einer bisher in der internationalen wissenschaftlichen Literatur wenig beachteten Minderheit befaßt sich der Artikel von Meinolf Arens und Daniel Bein. Die ungarischstämmigen Tschangos (ungarisch Csángók; rumänisch Ceangau), die in mehreren Siedlungsgebieten überwiegend in der rumänischen Moldau und in Siebenbürgen ansässig sind, definierten sich weniger national, als vielmehr aufgrund ihrer katholischen Religion, die im Rahmen zahlreicher tradierter Sitten und Gebräuche ausgelebt wurde. Dem entsprechend zeigte man gegenüber den Vereinnahmungsversuchen der Nationalstaaten eine beachtliche Resistenz; die Initiativen von magyarischer Seite, die Tschangos nach Ungarn zu "evakuieren", scheiterten am Widerstand des rumänischen Staates und schließlich am Vormarsch der sowjetischen Armee.
Den Ausnahmefall hinsichtlich der Breite der möglichen Reaktionen auf den Rechtsradikalismus zeichnet Ivo Goldstein auf: Die Juden im Unabhängigen Staat Kroatien konnten den exterminatorischen Antisemitismus des Satellitenstaates im Machtbereich der Achse, in dem sie ansässig waren, naturgemäß ausschließlich aus der Opferrolle heraus erfahren. In einer engagierten, manchmal emotionalen Sprache beschreibt der Autor den Weg dieser Bevölkerungsgruppe von der Ausgrenzung bis zur Vernichtung, wofür gleichermaßen Institutionen des Ustaschastaates als auch des Deutschen Reiches verantwortlich waren.
Der einzige Beitrag, der sich mit dem Versuch der Abarbeitung des Nationalsozialismus in der unmittelbaren Nachkriegszeit befaßt, ist der von Pierre de Trégoman. Die Notwendigkeit, einerseits mit der Vergangenheit zu brechen, andererseits mit den belasteten Gemeindemitgliedern weiterzuleben, führte zu einem hohen Grad an sprachlicher Tabuisierung innerhalb der evangelischen Kirche der Siebenbürger Sachsen: Schuldbekenntnisse wurden ausschließlich in einer religiös verbrämten Sprache geäußert, während man Themen wie Holocaust, Terror und Vernichtungskrieg niemals offen ansprach.
Schlußfolgernd kann gesagt werden, daß der Sammelband aufgrund der facettenreichen Darstellung aus bisher in der Fachliteratur wenig beachteten Perspektiven einen wichtigen Beitrag zu einem Gesamtbild europäischer Geschichte der 1930er und 1940er Jahre liefert. Die Antworten auf die Frage hinsichtlich der Faschismusanfälligkeit der Minderheiten der Großregion fallen unterschiedlich aus: Während im Fall deutschsprachiger Bevölkerungsgruppen die Durchdringung mit nationalsozialistischem und faschistischem Gedankengut aufgrund einer Vielzahl endogener und exogener Faktoren allgemein hoch war, erwiesen sich andere, stärker konfessionell gebundene Minoritäten (für die die Tschangos beispielhaft stehen) als zumindest teilweise immun. Die Unterschiedlichkeit der einzelnen Forschungsergebnisse sowie nicht zuletzt die Lücken, die im Rahmen der Geschichtsschreibung der zahlreichen Minderheiten der Region noch klaffen, sollten als Ansporn für zukünftige Untersuchungen betrachtet werden.
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Citation:
Herwig Baum. Review of Hausleitner, Mariana; Roth, Harald, Der Einfluss von Faschismus und Nationalsozialismus auf Minderheiten in Ostmittel- und Südosteuropa.
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