Shlomo Aronson. Hitler, the Allies, and the Jews. Cambridge: Cambridge University Press, 2004. Table of contents. $96.00 (cloth), ISBN 978-0-521-83877-1; $26.99 (paper), ISBN 978-0-521-68979-3.
Reviewed by Karsten Uhl (Technische Universität Darmstadt)
Published on H-German (December, 2006)
Aussichtslose Rettungsversuche
Shlomo Aronson, Professor für Politikwissenschaften in Jerusalem, erweitert die Holocaustforschung mit einer Studie, die durchgängig in internationaler Perspektive geschrieben ist. Es ist Aronsons Bemühen, eine insbesondere in Israel erregt geführte historisch-politische Debatte mit neuen Argumenten zu versehen und sie auf diese Weise zu versachlichen. In Zentrum seiner Studie steht die Frage, inwieweit es den Alliierten und den Juden in Palästina möglich war, die europäischen Juden vor dem Holocaust zu retten. Aronson wendet in seiner Untersuchung konsequent das von ihm aufgestellte Theorem der "multiple trap" an: Ausgangspunkt der Studie ist die Hypothese, sowohl die europäischen Juden als auch die Allierten und die Juden außerhalb des deutschen Machtbereichs hätten sich in einer Situation befunden, die sich als vielfältige Falle beschreiben lasse. Das taktische Handeln der Deutschen und die internationalen politischen Beziehungen während des Zweiten Weltkrieges hätten Versuche zur Rettung der Juden ausweglos gemacht; oft führten solche Versuche fast zwangsläufig zu einer Verschlimmerung der Lage.
Zwanzig Jahre nach der Veröffentlichung eines Aufsatzes in den Vierteljahresheften für Zeitgeschichte, der bereits die "Fallen"-Hypothese aufstellte,[1] hat Aronson diesen Ansatz monografisch ausgearbeitet. Grundsätzlich ist es Aronsons Ziel, eine Synthese der Forschung vorzunehmen, zusätzlich hat er amerikanische und britische Geheimdienstakten eingesehen, die erst seit kurzem zugänglich sind. Aronson spricht von der "kaleidoskopischen Methode," die darin bestehe, über abgefangene und dekodierte Nachrichten zu rekonstruieren, was die Geheimdienste über die Absichten der unterschiedlichen Parteien wußten. Drei der fünf Hauptkapitel untersuchen folglich Versuche zur Rettung der Juden unter Verwendung nachrichtendienstlicher Quellen. Einleitend bespricht Aronson den kumulativen Aufbau der "multiple trap"; abschließend behandelt er die Rückkehr der Deutschen zur Geiseltaktik am Ende des Krieges.
Im ersten Teil geht es Aronson darum, nachzuvollziehen, wie sich nach und nach die Falle schloß, in der die Juden sich befunden hätten. In der Holocaustforschung verortet sich Aronson dabei zwischen Funktionalisten und Intentionalisten, Hitler sei mit ideologischen Vorgaben und taktischem Handeln die entscheidende Instanz gewesen, gleichzeitig betont Aronson aber das Moment der kumulativen Radikalisierung. Die erste Falle habe sich um die deutschen Juden geschlossen, als sie ihre Bürgerrechte verloren und wirtschaftlich entrechtet wurden. In dieser Situation war eine eigene Handlungsfähigkeit nicht mehr gegeben, sie waren von der Hilfe anderer Staaten abhängig. Dazu kamen die Expansionspläne der Nazis nach Osteuropa. Hitler hätte kalkuliert, daß eine große Anzahl von Juden, die in den Westen hätte fliehen müssen, dort zu einem Anwachsen des Antisemitismus geführt hätte.
Diese Überlegungen seien in den USA insofern geteilt worden, als erweiterte Flüchtlingquoten politisch nicht durchsetzbar waren. Mit Beginn des Krieges hätten die Briten vor dem Problem gestanden, daß sie, um den Krieg in Europa erfolgreich führen zu können, Ruhe im Nahen Osten benötigten. Folglich sei aus Furcht vor arabischem Widerstand die jüdische Einwanderung nach Palästina erschwert worden. Die Zionisten selbst dagegen mußten die Briten als zu diesem Zeitpunkt einzigen Kriegsgegner Deutschlands unterstützen und konnten sich deshalb nicht gegen die restriktive Einwanderungspolitik im Mandatsgebiet zur Wehr setzen. Um den innenpolitischen Konsens nicht zu gefährden sei es in der ersten Kriegsphase in Großbritannien weiterhin notwendig gewesen, den Eindruck zu vermeiden, ein Einsatz für die Juden stehe im Zentrum des Krieges gegen Deutschland. Mit dem deutschen Angriff gegen die Sowjetunion und der Ausdehnung des Krieges zum globalen Konflikt sei der Weg zur Vernichtung der europäischen Juden eingeschlagen gewesen. Spätestens die deutsche Hoffnung auf einen japanischen Angriff gegen die USA habe die Juden jedes Wertes als Geiseln beraubt. Aronson betrachtet zu diesem Zeitpunkt "the unfolding of the trap for the Jews as a sort of unstoppable doomsday machine" (S. 29).
Aronson interpretiert in diesem Sinne den Holocaust als das Ergebnis einer radikalisierten deutschen Judenpolitik im Kontext des Verhaltens der Alliierten nach dem "Battle of Britain," wie Hitler es wahrgenommen habe. Gleichzeitig stellt Aronson die Vernichtung der europäischen Juden als gezieltes politisches Handeln Hitlers dar. Die Nazis hätten Sympathie für den Völkermord unter der Bevölkerung der Alliierten und der besetzten Gebiete erhofft, den alliierten Krieg gegen Deutschland als Krieg der Juden erscheinen lassen wollen und das Bewußtsein einer Kollektivschuld erzeugt, um die eigene Bevölkerung noch fester an sich zu binden.
Die USA und Großbritannien hätten sich in dem Dilemma befunden, daß Versuche zur Rettung der Juden nicht mit dem Ziel vereinbar waren, den Krieg möglichst schnell erfolgreich zu beenden: "The Jews may become an obstacle on the road to destroying the machine, which was in fact destroying them, more than others while being blamed by the engineers of that machine for the efforts undertaken by third parties to destroy the German state altogether" (S. 62). Die Alliierten hätten Erpressbarkeit verhindern müssen; mit dem Grundsatz der bedingungslosen Kapitulation seien dann Verhandlungen mit den Deutschen zum Schicksal der Juden nicht mehr möglich gewesen.
Im zweiten Teil untersucht Aronson Rettungsversuche in globaler Perspektive und die Rolle der Geheimdienste in ihrer regierungsberatenden Funktion. Grundsätzlich wendet er sich gegen die Einschätzung, es habe einen goldenen Weg zur Rettung der europäischen Juden gegeben und die damit verbundenen vereinfachenden Vorwürfe gegen die jüdische Führung in Palästina und den USA sowie gegen die Westalliierten.[2] Die Rettungsversuche der Zionisten hätten scheitern müssen, da ihnen alliierte Interessen entgegen standen. Die britischen und amerikanischen Nachrichtendienste hielten latent den Verdacht, es gebe einen gemeinsamen Nenner zwischen Nazis und Juden, Juden während des Krieges nach Palästina zu bringen. Vor der geplanten Landung in Nordafrika war allerdings eine Wahrung der arabischen Neutralität unabläßlich, weshalb die Ruhe im Nahen Osten gewahrt werden mußte. Zudem habe unter einem Teil der alliierten Geheimdienstler eine gewisse Sympathie für die Araber und eine gleichzeitige Ablehnung der Zionisten geherrscht.
Im anschließenden dritten Kapitel stellt Aronson die Rettungsversuche am Beispiel der slowakischen und der ungarischen Juden als einen "self-defeating mechanism" (S. 157) dar. Der Aufbau zionistischer Rettungsorganisationen in verschiedenen europäischen Städten außerhalb des deutschen Machtbereichs sei notwendig gewesen, da aber die Gestapo von ihrem allgegenwärtigen Informantennetz über alle entscheidenden Schritte informiert wurde, war eine Rettung in größerem Umfang nicht möglich. Aronson relativiert scheinbare Erfolge der Rettungsbemühungen, wie den zeitweiligen Stopp der Deportationen aus der Slowakei. Nicht die Bestechung von deutschen SS-Männern habe dazu geführt, sondern die pragmatische Haltung der slowakischen Regierung, die die Juden aus wirtschaftlichen Gründen bis Ende des Krieges nicht deportieren lassen wollte. Allerdings räumt Aronson ein, daß die Bestechung slowakischer Beamter zu diesem Schritt beigetragen haben könne.
Das vierte und das fünfte Kapitel analysieren die gescheiterten Versuche zur Rettung der ungarischen Juden unter Berücksichtigung des Kriegsverlaufs. Zionistische Verhandlungen mit dem SD, die darauf abzielen sollten, den Deutschen Lastwagen für die Freilassung von Juden zu geben, seien unter doppeltem Gesichtspunkt aussichtslos gewesen. Zum einen konnten die Alliierten nicht auf ein Geschäft eingehen, das den Kriegsausgang gefährdete, zum anderen sei ein Freikauf von Juden in großem Umfang nie von den Deutschen beabsichtigt gewesen. Auch die Wehrmacht und die ungarischen Faschisten hätten darauf bestanden, die ungarischen Juden vollständig zu deportieren. Aus Sicht der Westalliierten seien Rettungsversuche von zionistischer Seite als Fallen der Deutschen angesehen worden: als Versuch einerseits, einen Keil zwischen die Westalliierten und die Sowjetunion zu treiben, zum anderen als deutschen Propagandaversuch, der darauf zielte, der alliierten Bevölkerung zu suggerieren, das Schicksal der Juden sei ihren Regierungen wichtiger als der Ausgang des Krieges.
Auch in der Nachkriegszeit sieht Aronson die "Falle" wirken. Jüdische Rettungsversuche hätten in politischen Auseinandersetzungen als Kollaboration dargestellt werden können, da jeder Versuch zur Rettung Verhandlungen mit den Nazis notwendig gemacht hatte. Vor allem seien die Rettungsagenten tragischerweise in die eigene Falle gegangen: Während des Krieges sei es unvermeidbar gewesen, den Alliierten zu suggerieren, daß die Deutschen über das Schicksal der Juden verhandlungsbereit gewesen seien. Nach dem Krieg seien auf dieser Basis insbesondere in politischen Konflikten in Israel Vorwürfe gegen die zionistische Arbeiterpartei und die Alliierten erhoben worden, sie hätten Chancen zur Rettung der europäischen Juden vertan.
Shlomo Aronson hat die Holocaustforschung mit neuen Impulsen versehen. Der Politikwissenschaftler betont zu Recht die oft an den Rand gerückte Bedeutung von Wechselwirkungen zwischen dem Handeln internationaler Akteure. Eine Fehleinschätzung unterläuft Aronson allerdings in der Einschätzung, es gebe in der Holocaustforschung eine "ongoing debate" (S. 44) zwischen Funktionalisten und Intentionalisten. In den letzten zehn Jahren hat die Forschung diese recht festgefahrenen Positionen überwunden und ist zu überzeugenden Synthesen gelangt. So plausibel Aronson grundsätzlich argumentiert, besteht doch in einigen Passagen die Gefahr, daß er sein Konzept der „multiple traps" überdehnt. So ist es doch sehr zweifelhaft, ob die Gründung des amerikanischen War Refugee Board zur deutschen Entscheidung beigetragen hat, die Deportationen aus Ungarn zu forcieren (S. 272).
Notes
[1]. Shlomo Aronson, "Die dreifache Falle. Hitler, die Aliierten und die Juden," Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 1 (1984): 29-65.
[2]. Ähnlich bereits: Yehuda Bauer, Rethinking the Holocaust (New Haven: Yale University Press, 2001), 213-241.
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Citation:
Karsten Uhl. Review of Aronson, Shlomo, Hitler, the Allies, and the Jews.
H-German, H-Net Reviews.
December, 2006.
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