Axel Janowitz. Die Lüneburger Saline im 18. und 19. Jahrhundert. Bielefeld: Verlag für Regionalgeschichte, 2003. 416 S. EUR 29.90 (broschiert), ISBN 978-3-89534-435-0.
Reviewed by Jakob Vogel (Centre Marc Bloch, Berlin)
Published on H-German (December, 2006)
Das Salz in der Industrialisierung
In der Geschichte der Industrialisierung im neunzehnten Jahrhundert, die üblicherweise mit Kohle und Stahl, mit der Dampfkraft oder den Innovationen der Chemieindustrie verbunden wird, erscheint die Salzherstellung auf den mitteleuropäischen Salinen als ein seltsames Fossil: eine zwar in vieler Hinsicht industrialisierte, großtechnische Produktion eines außerordentlich wichtigen Wirtschaftsgutes, die aber in zentralen Bereichen durch eine vormoderne Technik und Arbeitsorganisation sowie eine stark kameralistisch geprägte Wirtschaftsordnung gekennzeichnet war. Mehrheitlich hat daher die Wirtschafts- und Sozialgeschichte des neunzehnten Jahrhunderts lange Zeit einen großen Bogen um diesen Wirtschaftszweig gemacht, zumal sich dieser nur schwer in die klassische Interpretation des Industrialisierungsprozesses einordnen ließ. Doch selbst die spezialisierte Salzgeschichte vernachlässigte die Veränderungen der Industrialisierungsepoche, da sie ihren Schwerpunkt auf die Blütezeit der mitteleuropäischen Salinen in der Frühneuzeit legte. Erst seit einigen Jahren haben die bislang weitgehend ausgesparten Bereiche der Salinengeschichte eine stärkere Aufmerksamkeit erhalten, wobei oftmals noch ein stark lokalgeschichtlicher Blick vorherrscht.[1]
Die lokalgeschichtliche Perspektive kennzeichnet auch die Studie von Axel Janowitz über die Lüneburger Saline im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert, die aus der 1998/99 in Göttingen verteidigten Dissertation des Autors hervorgegangen ist. Das Hauptaugenmerk des Autors gilt dabei der tiefgreifenden Reform, die Ende des achtzehnten Jahrhunderts vom Landesherrn, dem Kurfürsten von Hannover und König von England, Georg III., angestoßen wurde. Diese Maßnahmen prägten die wirtschaftliche Entwicklung der örtlichen Salzherstellung im neunzehnten Jahrhundert so entscheidend, daß der große Raum, dem der Autor diesem Ereignis und seinen Auswirkungen widmet, weitgehend gerechtfertigt erscheint. Tatsächlich hatte die Umgestaltung des Salinenreglements zur Folge, daß sich die seit dem ausgehenden Mittelalter vom Magistrat der Stadt dominierte Lüneburger Saline zu einer staatlich gelenkten Fabrik wandelte, die durch ihre neue Arbeitsorganisation und modernisierte Technik einen weit größeren Ertrag erzielen konnte.
Die komplizierten Besitzverhältnisse der frühneuzeitlichen Salzherstellung wurden von den Behörden allerdings nicht angetastet--eine Situation, mit der sich die privaten Anteilseigner zunächst problemlos arrangieren konnten. Erst die wirtschaftliche Krise des Salzhandels in den 1850er Jahren hatte zur Folge, daß sie ihren Druck auf die staatliche Beamtenschaft erhöhten und um ein größeres Mitspracherecht bei der Salinenverwaltung drängten. Die verschiedenen Verwaltungsreformen des neunzehnten Jahrhunderts blieben jedoch eher kosmetische Operationen, so daß sich erst zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts mit dem Rückzug des Staates aus der Salinenverwaltung die Direktion den tatsächlichen Besitzverhältnissen anpaßte. Die Beschäftigten, so Janowitz, waren derweil die hauptsächlichen Leittragenden der Reform, nicht nur weil eine große Zahl älterer Berufe der neuen Arbeitsorganisation in der Saline zum Opfer fielen, sondern auch weil die Exklusivität und Solidarität der alten Korporationen nach und nach durch die Einführung einer neuen Hierarchie der Tätigkeiten vor allem im Umfeld des eigentlichen Siedeprozesses zerstört wurden.
Das von Janowitz auf der Basis der lokalen und regionalen Aktenüberlieferung gezeichnete Bild der Reform des Lüneburger Salinenreglements und ihrer Auswirkungen auf die soziale und technologische Organisation der Salzherstellung bietet auf diese Weise wichtige Einblicke in die Entwicklung der Salzherstellung im Kurfürstentum und Königreich Hannover im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert. Dennoch bleiben durch den außerordentlich engen Fokus der Arbeit eine ganze Reihe von Fragen offen, welche ihren Wert letztlich entscheidend einschränken.
So geht Janowitz beispielsweise nicht ausführlicher auf die Gründe ein, welche den Landesherren dazu bewegten, gegen die Widerstände seiner Ministerialbeamten in Hannover in den 1790er Jahren die Pläne einer Reformfraktion zu unterstützen, die sich um den Direktor der Lüneburgschen Landschaft Friedrich Ernst von Bülow scharten. Welche wirtschaftspolitischen Vorbilder und Ziele leiteten den vor allem in England weilenden Georg III. bei seiner Entscheidung und wie rechtfertigten die Hannoveraner Beamten ihren Widerstand gegen die Reform? Hier wie an anderen Stellen erweisen sich die Grenzen einer Arbeit, deren Darstellung fast ausschließlich auf den Rechtfertigungsdiskursen der Reformfraktion aufbaut. Zentrale Informationen und Einschätzungen über die wirtschaftliche und technologische Entwicklung der Saline in den Jahrzehnten vor der Reform übernimmt Janowitz daher auch einer Denkschrift, die 1788 von dem Mitstreiter Bülows, Gebhardi, für die Verwaltung angefertigt wurde, um durch einen "historischen" Abriß die gedanklichen Grundlagen für das Reformvorhaben zu legen. Die Reform erscheint auf diese Weise in der Schilderung von Janowitz als mehr oder weniger unvermeidliche Folge eines Entwicklungsprozesses im achtzehnten Jahrhundert, ohne daß die von den Zeitgenossen durchaus diskutierten Alternativen und Gegenkonzepte gewürdigt werden.
Vor allem vermißt der Leser aber eine breitere Einbettung der Lüneburger Detailstudie in die Forschungen und Literatur zur Entwicklung anderer Salinen im mitteleuropäischen Raum im neunzehnten Jahrhundert. Dies liegt nicht nur daran, daß sich der Forschungsstand des Buches fast ausschließlich auf die vor 1998 veröffentlichte Literatur bezieht und damit die reichhaltigere neuere Forschung etwa zu den alpenländischen oder mitteldeutschen Salinen außen vor läßt. Ein Vergleich mit anderen Salinen, etwa mit der zweiten großen pfännerschaftlich-städtischen Saline Mitteldeutschlands in Halle, hätte jedoch wichtige Parallelitäten und Ähnlichkeiten der Entwicklung in anderen staatlichen Kontexten zu Tage gefördert. Deutlich geworden wäre beispielsweise, wie sehr auch anderenorts Ende des achtzehnten Jahrhunderts eine kameralistisch gebildete Beamtenschaft unter dem Banner der landesherrlichen Salzregie die wirtschaftliche und technische Leitung über das äußerst lukrative Salzwesen übernahm und die ständische Ordnung der alten pfännerschaftlichen Salinen den Anforderungen der kameralistischen Staatswirtschaft anpaßte. Ein derartiger Vergleich, den Janowitz durchaus auf der Basis der recht reichhaltigen älteren Literatur hätte anfertigen können, hätte die Erkenntniskraft der Arbeit entscheidend erhöht und ihre Ergebnisse auch über den lokal- bzw. regionalgeschichtlichen Rahmen heraus nutzbar gemacht. Denn tatsächlich ist die Geschichte der Lüneburger Saline im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert weit exemplarischer für die Entwicklung der mitteleuropäischen Salzherstellung in der Zeit der Industrialisierung, als dies aus der Studie von Janowitz hervorgeht.
Note
[1]. Vgl. jedoch die Ansätze zu einer stärkeren übergreifenden, systematisierenden Gesamtschau in: Werner Freitag, ed., Die Salzstadt. Alteuropäische Strukturen und frühmoderne Innovation (Bielefeld: Verlag für Regionalgeschichte, 2004); Thomas Hellmuth und Ewald Hiebl, eds., Kulturgeschichte des Salzes: 18. bis 20. Jahrhundert (Vienna: Verlag für Geschichte und Politik, 2001).
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Citation:
Jakob Vogel. Review of Janowitz, Axel, Die Lüneburger Saline im 18. und 19. Jahrhundert.
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