Sandra L. Singer. Adventures Abroad: North American Women at German-Speaking Universities, 1868-1915. Westport: Praeger, 2003. xii + 268 pp. $75.00 (cloth), ISBN 978-0-313-32371-3.
Reviewed by Holger Impekoven (International Office, University of Bonn)
Published on H-German (September, 2006)
Akademische Abenteurerinnen in Deutschland
Die große Bedeutung des deutschen, genauer des Humboldtschen Universitätsmodells für die Entwicklung des US Hochschulsystems und die Etablierung der graduate education ist eine lange bekannte und von der Geschichtswissenschaft ausführlich behandelte Tatsache.[1] Zugleich ist die allmähliche Übernahme und Adaption des Prinzips der Einheit von Forschung und Lehre in den USA ein exzellenter Beleg für den (Rück-)Wirkungsgrad studentischer Migration nicht nur hinsichtlich des allgemeinen Wissenstransfers, sondern auch bezogen auf strukturelle und wissenschaftspolitische Aspekte. Seit 1830 und insbesondere nach dem amerikanischen Bürgerkrieg hatten immer mehr Absolventen amerikanischer Colleges begonnen, statt der bisher bevorzugten englischen deutsche Universitäten aufzusuchen, um sich dort in der Forschung ausbilden zu lassen. Bis zur Jahrhundertwende war die Zahl der Amerikaner, die an deutschen Universitäten studiert hatten, bereits auf neun- bis zehntausend angewachsen. Es waren diese Wissenschaftler, die nach ihrer Rückkehr nicht mehr auf die fruchtbare Verbindung von Forschung und Lehre verzichten wollten und daher das deutsche Modell nicht nur mit Nachdruck als Vorbild für ein amerikanisches Graduiertenstudium propagierten, sondern auch bei dessen Implementierung halfen. Als klassisches Beispiel hierfür gilt allgemein Daniel Coit Gilman, der erste Präsident der Johns Hopkins University, die--insbesondere auch in ihrer Medizinerausbildung--bewußt nach deutschem Muster organisiert worden war. Auch auf kanadische Hochschulen, namentlich die University of Toronto, übte das deutsche Modell seine Anziehung und seinen Einfluß aus, wenn auch erst verspätet, in geringerem Ausmaß und niemals unter Verdrängung britischer (oder französischer) Vorbilder.
Auf diese Erfolgsgeschichte ist in jüngster Zeit freilich durch die in der Hauptsache von James C. Albisetti formulierte These ein gewisser "Schatten" gefallen, wonach gerade die Adaption des deutschen Universitätsmodells in den USA für die Hochschulbildung amerikanischer Frauen einseitig negative Konsequenzen gezeitigt habe.[2] Da die deutschen Universitäten Frauen den Hochschulzugang verwehrten, hätten sich auch die ansonsten fortschrittlichen "germanophilen" Professoren, Dekane und Hochschulpräsidenten gegen eine weitergehende Koedukation ausgesprochen (die es im undergraduate Bereich ja vielfach schon gab); einige seien sogar so weit gegangen, die wissenschaftliche Exzellenz deutscher Universitäten gerade auf den Ausschluß von Frauen zurückzuführen und daher entsprechendes auch für die amerikanischen Hochschulen einzufordern.
Sandra L. Singer hat nun eine detailreiche Studie vorgelegt, in der es ihr gelingt, diese einseitig negative Interpretation zu revidieren, indem sie die etwa 1.350 US-amerikanischen und kanadischen Studentinnen in den Blick nimmt, die zwischen dem Ende des Bürgerkriegs und dem Beginn des Ersten Weltkriegs an deutschsprachigen Universitäten studierten, und nach den Auswirkungen dieser bisher wenig beachteten Migration fragt. Dabei kann die Autorin überzeugend belegen, daß die Universitäten im deutschsprachigen Raum amerikanischen Gasthörerinnen Möglichkeiten einer akademischen (Aus-)Bildung boten, die ihnen in ihrer Heimat zu dieser Zeit entweder generell nicht offen standen oder aber überhaupt nicht auf einem entsprechenden Niveau aufzufinden waren. Ferner gelingt Singer der Nachweis, daß es gerade jene Auslandsstudienerfahrungen in Deutschland waren, welche amerikanische Studentinnen nach ihrer Rückkehr motivierten und befähigten, als Förderer des Graduiertenstudiums von Frauen in den USA aufzutreten. Als überzeugendes Beispiel hierfür führt Singer etwa die Biographie M. Carey Thomas' an, die später als Präsidentin des Bryn Mawr College die erste graduate school für Frauen einrichten sollte und dabei bewußt ihre Studienerfahrungen in Leipzig und Zürich einbrachte--"a classic example of the positive effects of German-speaking universities on higher education of North American women" (S. xiv). Singers Verdienst ist es freilich, daß sie ihre Untersuchung nicht auf einige wenige herausragenden Persönlichkeiten beschränkt und deren Bedeutung überbetont, sondern vielmehr in eine Kollektivbiographie einordnet, in welcher Frauen wie M. Carey Thomas nicht als rühmliche Ausnahme, sondern vielmehr als Repräsentantinnen einer ganzen Generation von amerikanischen Deutschlandstudentinnen erscheinen, die gerade in ihrer Gesamtheit entscheidenden Einfluß ausüben und Bedeutung für die weitere Entwicklung des Frauenstudiums in den USA (und Kanada) entwickeln konnten.
Singer geht zudem noch einen entscheidenden Schritt weiter, indem sie nicht nur nach den Auswirkungen der Auslandsstudienerfahrung auf die amerikanischen Studentinnen und das amerikanische Hochschulsystem fragt, sondern zugleich auch den Blick auf die Wechselwirkungen zwischen Gaststudentinnen und Gastland richtet und damit eine entscheidende These des akademischen Austauschs mit berücksichtigt, wonach das Ausländerstudium nicht nur die einzelnen ausländischen Studierenden betrifft, sondern zugleich auch Konsequenzen für die jeweilige Gastuniversität bzw. das jeweilige Gastland zeitigt. In diesem Kontext stellt Singer die auf den ersten Blick sehr weitgehende These auf, daß gerade auch die Anwesenheit amerikanischer Gasthörerinnen an deutschen Universitäten zu deren Öffnung für Frauen beigetragen habe, und zwar "by being part of the opening wedge" (S. 11), als Ausnahme die allmählich die Regel geworden sei. Tatsächlich gehörten amerikanische Studentinnen zu den ersten Frauen, denen ein außerordentlicher Gasthörerinnenstatus an deutschen Universitäten gewährt wurde. Singer verweist zudem auf ihre Beobachtung, daß die Gruppe der amerikanischen Studentinnen in der deutschen akademischen und allgemeinen Öffentlichkeit wesentlich positiver wahrgenommen worden sei als die weitaus größere Gruppe der russischen Studentinnen. Diese konnte zwar mit der Verleihung des Doktorgrades an die auch heute noch berühmte Mathematikerin Sofia Kovalevskaia im Jahre 1874 schon weitaus früher als die Amerikanerinnen beeindruckende akademische Leistungen vorweisen; aber dennoch dominierten ihnen gegenüber die Vorurteile, die zum Teil antisemitisch begründet waren, zum Teil auf den politischen Radikalismus, aber auch die geringere akademische Qualifikation der russischen Studierenden zurückgingen. Wenn sich auch der Beitrag amerikanischer Studentinnen in diesem Zusammenhang nicht genau bemessen lassen wird, so ist der Hinweis auf die unterschiedliche Wahrnehmung der verschiedenen Gruppen ausländischer Studierender gleichwohl wichtig und die These, daß dies der Öffnung deutscher Universitäten zumindest nicht geschadet hat, gleichwohl bedenkenswert.
Der Hauptteil von Singers Studie ist nach akademischen Disziplinen gegliedert. Am Beispiel der Medizin weist Singer dabei eindrucksvoll nach, wie amerikanische Studentinnen an deutschsprachigen Universitäten Forschungsmöglichkeiten vorfanden, die ihnen in den USA und Kanada noch verwehrt waren, und daß die Anerkennung, die amerikanischen Wissenschaftlerinnen etwa in Heidelberg entgegengebracht wurde, dazu beitrug, auch amerikanische Medical Schools nach und nach für Frauen zu öffnen.
Die meisten Studentinnen wurden von den Geisteswissenschaften angezogen. Am Beispiel dieser wichtigen Gruppe zeigt die Autorin auf, wie beschränkt die Möglichkeiten zur wissenschaftlichen Betätigung häufig nach der Rückkehr aus Deutschland waren, und in welch starkem Maße und mit wie viel Einsatz sich die Rückkehrerinnen dennoch--oder vielmehr gerade deshalb--die Förderung des Frauenstudiums zur Aufgabe machten, nicht zuletzt auch durch die Etablierung von Auslandsstipendien an einigen Frauencolleges wie Bryn Mawr.
Ähnliches galt auch für die Naturwissenschaften, an deren Beispiel Singer zudem die Bedeutung akademischer Mentoren--amerikanischer wie deutscher--aufzeigt, die vielfach erst einen Studienaufenthalt an einer deutschsprachigen Universität ermöglichten. Das Beispiel des Mathematikers Felix Klein, der im Zusammenwirken mit Friedrich Althoff dazu beitrug, daß die Universität Göttingen 1895 als erste deutsche Universität den Doktorgrad an eine amerikanische Frau verlieh, zeigt überdies, daß positive Erfahrungen mit amerikanischen Studentinnen in der Tat zumindest gewisse Präzedenzfälle für die Öffnung der preußischen Universitäten liefern konnten.
Die stärkste Politisierung macht Singer hingegen unter den Studentinnen der gerade im Entstehen begriffenen Sozialwissenschaften aus. Viele von diesen setzten sich während ihres Auslandsstudiums in Deutschland intensiv mit sozialistischen Ideen auseinander und schlossen sich nach ihrer Rückkehr der Emanzipations- und Friedensbewegung an. Als prominentestes Beispiel kann Singer hier auf Emily Greene Balch verweisen, die in Berlin studiert hatte und 1946 für ihr Engagement in der "Women's International League for Peace and Freedom" mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde.
Den amerikanischen Studentinnen der "Fine Arts" widmet sich Singer in einem letzten Kapitel, das jedoch in gewisser Weise aus dem Rahmen der Untersuchung herausfällt, da sich die Studentinnen in diesem Bereich--mit Ausnahme der Kunstgeschichte--nicht an Universitäten, sondern vielmehr an Akademien und Konservatorien aufhielten.
Die Einteilung der Studie nach Disziplinen ist im Hinblick auf die unterschiedlichen Fächerkulturen so sinnvoll, wie sie im Hinblick auf die allgemeinere Fragestellung zum Teil im Wege steht, da sie, wie die Autorin selbst zugesteht, wesentliche fächerübergreifende Gemeinsamkeiten und kollektive Erfahrungen weniger leicht nachvollziehbar macht bzw. dort, wo sie thematisiert werden, zwangsläufig zur Redundanz führen kann. Singer faßt daher die grundsätzlichen Ergebnisse ihrer detaillierten Untersuchung in einem 26-seitigen allgemeinen Teil ("Studying Abroad") zusammen, welchen sie als erstes Kapitel den fünf fachspezifischen voranstellt. In der Konsequenz teilt sich die Studie damit in zwei ungleiche Hälften, wobei die erste gut lesbar und mit argumentativer Suggestivität die Kernthesen der Studie birgt, die zweite wiederum einen reichen Fundus biographischer Details bietet, der freilich in seiner Fülle und in mitunter simpler Aneinanderreihung ohne allgemeinere Einordnung eine hier und da ermüdende Lektüre sein kann.
Kritisch ließe sich weiter anmerken, daß die Eingrenzung--oder besser: Erweiterung--des Untersuchungsgegenstands auf "deutschsprachige" Universitäten zwar vor dem germanistischen Hintergrund der Autorin nachvollziehbar ist, aber historisch und im Sinne der Fragestellung mitunter Probleme aufwirft. So bleibt dabei weitgehend außer Acht, daß die Universitäten in der Schweiz selbst erst das deutsche, sprich: das preußische Universitätsmodell adaptierten und dabei durchaus spezifische Varianten schufen, zu denen auch die vergleichsweise frühe Liberalisierung des Ausländer- und Frauenstudiums gehörten. Die Universitätsstädte lagen nämlich so nahe beieinander, daß sie leicht von kantonsfremden Studierenden aufgesucht werden konnten, was wiederum den Wettbewerb untereinander schärfte. Zudem stellte sich das Problem der Finanzierung der Umwandlung der alten Akademien in forschungsorientierte Universitäten nach Humboldt'schem Modell. Die Aufnahme ausländischer Studenten (gegen entsprechende Gebühr) bot sich somit als zwangsläufige Lösung an, und die vergleichsweise frühe Einführung des Frauenstudiums steht als originell Schweizer Ansatz ebenfalls in diesem Zusammenhang von Wettbewerb und Finanzierungsdruck.[3] Singer erwähnt diese Unterschiede durchaus und verweist auf die für ihre Gesamtfragestellung wichtige Tatsache, daß Studentinnen in der Schweiz nicht um ihr Recht zur Einschreibung kämpfen mußten. In der Gesamtanalyse aber hätte man sich gewünscht, daß auf der Grundlage dieser fundamentalen Unterschiede noch stärker danach differenziert worden wäre, wie sich die Erfahrungen des Auslandsstudiums in der Schweiz von denen an deutschen Universitäten unterschieden (ganz abgesehen von einer Binnendifferenzierung zwischen etwa preußischen und badischen Universitäten) und ob die positiven "deutschen" Einflüsse, die Singer gegenüber Albisetti betont, nicht hier und da einen Umweg über die Schweiz genommen hatten.
Trotz dieser--teilweise äußerlichen--Kritikpunkte muß betont werden, daß es Sandra L. Singer gelungen ist, der Geschichte des deutschen Einflusses auf amerikanische Studierende und das amerikanische Hochschulsystem einige wichtige neue Facetten hinzuzufügen. Albisettis These von der negativen Auswirkung der Adaption des preußischen Hochschulmodells hält sie entgegen, daß dieses Modell im Grunde auch für das amerikanische Frauenstudium--wenn auch mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung und über gewisse Umwege--eine ganz ähnliche Bedeutung hatte wie für das amerikanische Universitätssystem allgemein: das Auslandsstudium in Deutschland eröffnete zunächst neue, in den USA nicht vorhandene Möglichkeiten; und die Auslandsstudienerfahrung selbst wirkte positiv auf das Heimatland zurück, indem sie zur Etablierung neuer Strukturen, zur Öffnung der graduate schools für Frauen und schließlich auch zur allgemeinen Emanzipation von Akademikerinnen beitrug. Bei aller positiven Gesamtbewertung verschweigt Singer jedoch nicht die immensen Schwierigkeiten und Diskriminierungen, denen die Studentinnen in Deutschland und auch nach ihrer Rückkehr mitunter begegneten, und belegt diese immer wieder mit kleinen, erhellenden Anekdoten. Singers Gesamtargumentation überzeugt daher nicht zuletzt auch durch ihre Fundierung auf detailgenauer und zugleich differenzierter Fleißarbeit.
Den studentischen Migrationsbewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts ist in den vergangenen Jahren eine größere Aufmerksamkeit in der Geschichtswissenschaft zuteil geworden. Sie sind inzwischen zum Gegenstand eines internationalen Forschungsnetzwerks geworden, das sich u.a. der Untersuchung von Wissenschaftspolitik im internationalen Vergleich widmet, zudem aber auch Geschlechtergeschichte im transnationalen Kontext betreibt.[4] Sandra Singers Studie bietet in diesem Zusammenhang einen reichen Fundus an Material, dem vielleicht eine stärker quantitative Aufbereitung der Daten gut getan hätte, um--wie es die Autorin möchte--zukünftig als "central reference source" (S. xv) für weiterführende Untersuchungen dienen zu können, dem aber gleichwohl zu wünschen ist, daß er in dem beschriebenen Forschungskontext gebührend rezipiert wird.
Notes
[1]. Eine knappe Zusammenfassung der Erkenntnisse auf der Basis jüngerer Forschungsergebnisse bieten nun Edward Shils und John Roberts, "Die Übernahme europäischer Universitätsmodelle," in Geschichte der Universität in Europa. Bd. III. Vom 19. Jahrhundert zum Zweiten Weltkrieg (1800-1945), hrsg. Walter Rüegg (München: Beck, 2004), S. 146-156.
[2]. James C. Albisetti, "German Influence on the Higher Education of American Women 1865-1914," German Influences on Education in the United States to 1917, hgg. Henry Geitz, Jürgen Heideking und Jürgen Herbst (Cambridge: Cambridge University Press, 1995).
[3]. Siehe hierzu Christophe Charle, "Grundlagen," in Rüegg, hrsg., Geschichte der Universität in Europa, S. 68-73.
[4]. Siehe hierzu: http://www.geschichte.uni-halle.de/russ-stud/internationalesnetzwerk/pr1v1/index.htm (Accessed July 10, 2006).
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Citation:
Holger Impekoven. Review of Singer, Sandra L., Adventures Abroad: North American Women at German-Speaking Universities, 1868-1915.
H-German, H-Net Reviews.
September, 2006.
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