Jörg Magenau. Martin Walser: Eine Biographie. Reinbek: Rowohlt Verlag, 2005. 624 S. + zahlr. Abb. EUR 24.90 (cloth), ISBN 978-3-498-04497-8.
Reviewed by Katrin Polak-Springer (Department of Germanic, Russian and East European Languages and Literatures, Rutgers University)
Published on H-German (September, 2006)
Die erste groÖŸe Wasler-Biographie
Spätestens seit seiner Paulskirchenrede vom 11. Oktober 1998 steht Martin Walser unter Antisemitismusverdacht. Die Diskussion darüber, wie in Deutschland mit der faschistischen Vergangenheit umgegangen werden soll, war schon durch den Historikerstreit der achtziger Jahre ausgelöst worden, in dem man erstmalig die historische Einzigartigkeit des Holocausts in Frage stellte.[1] 1985 ging es in hitzigen Debatten um das Fassbinder-Stück Der Müll, die Stadt und der Tod (Skript 1975, Erstaufführung 1985) darum, wer in Deutschland die moralische Autorität besitzt, wenn es um Fragen des adäquaten Umgangs der Deutschen mit ihrer Vergangenheit geht. Dreizehn Jahre später nun machte Walser als "Autor der deutschen Einheit" (S. 482) in der Rede zur Verleihung des Friedenspreises den "paradoxen Versuch, eine Gewissensöffentlichkeit herzustellen" (S. 485).
Da das Gewissen für Walser etwas ausschließlich Privates, eine innere Gefühlsangelegenheit ist, sprach er sich hier gegen kollektive Schuldrituale, wie im Falle des Berliner Holocaust-Mahnmals, aus. Von Ignatz Bubis, dem Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, daraufhin als "geistiger Brandstifter" bezeichnet, löste sein Roman Tod eines Kritikers (2003) schon vor der Veröffentlichung eine Welle der Empörung aus. Die Satire auf den Medienbetrieb, in der der angeblich ermordete Medienstar Ehrl-König allzu deutlich an Literaturkritiker jüdischer Herkunft, Marcel Reich-Ranicki, erinnert, wurde von Jan Philipp Reemtsma in der F.A.Z. als "antisemitisches Pamphlet" gebrandtmarkt.[2] Dies festigte Walsers Ruf als Antisemit. Im Nachhinein wurden seine Werke nach antisemitischen Tendenzen abgesucht, oder gar von vornherein entsprechend eingestuft.[3] Auf diese Weise kam Walsers Lebenswerk in Gefahr, auf eine einzige Lesart reduziert zu werden.[4]
Angesichts dieser Vorgeschichte will Jörg Magenau in der vorliegenden Biographie verständlich machen, wie bestimmte Reden und Werke des umstrittenen Autors und Dramatikers zustande kamen, welche Denkmuster ihnen zugrunde liegen und wie sie folglich interpretiert werden können und sollen. Einen Großteil des Buches machen Analysen der Werke Walsers aus, die Magenau in die schriftstellerische Gesamtentwicklung des Autors einordnet. Immer wiederkehrenden Figuren werden miteinander in Beziehung gebracht und auf den Autor zurückgeführt. Schließlich spielen auch die Geschichte des Suhrkamp-Verlages, die Beziehung zum Freund und Verleger Peter Unseld und zu den mit Walser konkurrierenden Schriftstellern Uwe Johnson und Günter Grass eine entscheidende Rolle. Dadurch, daß sich der sensible Autor nie fest engagieren ließ, dabei aber eine sechsköpfige Familie zu versorgen hat, ist ihm Erfolg nicht nur psychisch, sondern auch finanziell wichtig. Gewinne aus einzelnen Werken, Preisgelder und größere Ausgaben listet Magenau deshalb akribisch auf, waren sie doch oft der Antrieb zu bestimmten Arbeiten, wie beispielsweise für Radio und Theater.
Ganz nebenbei erzählt das Buch die Kulturgeschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert aus der Perspektive des westdeutschen Intellektuellen. Seine Werke reflektieren immer auch den Zeitgeist und Walsers Existenz darin (S. 320). So half er in den 50er Jahren mit seinen sozialkritischen Hörspielen beim Aufbau einer demokratischen Gesellschaft in Nachkriegsdeutschland. In den sechziger und siebziger Jahren galt er als extremer Linker, der sich für die Sozialisierung der Schriftsteller einsetzte und mit der DKP sympathisierte.
Magnenau verzeichnet einen Bruch in Walsers Leben und Schaffen ab 1976: "Mit dem Schwinden der sozialistischen Perspektive wuchs für Walser die Bedeutung des Nationalen." (S. 339) Auch hatte der Schriftsteller erst jetzt "das Gefühl, richtige Romane zu schreiben", indem er in der dritten Person die nötige Distanz zu seinen Figuren schuf. Es entstand zunehmend Heimatliteratur, die fest in der Bodenseeregion wurzelt.
"Deutschland" bedeutet für Walser in erster Linie eine Sprachgemeinschaft, die für ihn schon in den frühen achtziger Jahren auch Ostdeutschland einschloß. Diese Auslegung von "Volk" war damals nicht ungefährlich, bedeutete die Teilung Deutschlands doch gerechte Sühne für den Holocaust. Sich für die deutsche Einheit aussprechend, landete Walser nun im rechten Lager.
Bei allen scheinbaren Widersprüchen dieser Persönlichkeit wird es für Magenau unumgänglich, das Gleichbleibende der Gedankenwelt Walsers nachzuweisen. Ein "Unschärfebild" soll die Biographie sein, wie er im Anhang ausführt (S.570). Durchaus überzeugend stellt Magenau im Verlauf seines Buches klar, daß es vielmehr die Meinungstendenzen der Öffentlichkeit zu den verschiedenen Zeiten sind, die den Schriftsteller als schwankend erscheinen lassen. Wie ein Stimmungsseismograph nehme Walser die Umschwünge in der Öffentlichkeit wahr, sei seiner Zeit immer einen Schritt voraus, und deshalb immer wieder in Konflikt mit seiner Umgebung.
Schon im ersten Kapitel werden die Grundlagen der Walserschen Denkweise, wie sie in seinen Werken zum Ausdruck kommt, dargelegt. Wasserburg am Bodensee, das den Schriftsteller ein Leben lang nicht losläßt, bildet den Mikrokosmos seiner Welt. Aufgewachsen in der Bahnhofsrestauration, wo die Dorfgeschichten ausgetragen wurden, lernte er früh die Wirkung öffentlichen Redens. Am Katholizismus der Mutter erklärt Magenau Walsers Verlangen nach Sicherheit und Glauben. Den Ausführungen zufolge hat Walser auch seine Existenzängste und das Konkurrenzdenken von damals, als er für den Familienbetrieb zum Gäste-Zählen bei der Konkurrenz losgeschickt wurde.
Die Kindheitsanekdoten sind teilweise direkt aus dem Roman Ein springender Brunnen [(1998)] entnommen, was mitunter problematisch sein könnte. Aus den Wasserburger Kindheitsgeschichten zieht der Biograph eine direkte Linie zu den späteren Eifersüchteleien im Suhrkamp-Verlag, in dem Walser mit der Zeit den Anspruch erhob, ewige Nummer eins zu sein. Dieses Konkurrenzdenken sollte ihm später unter anderem die Freundschaft mit Uwe Johnson und Peter Unseld verderben.
Die zum Konkurrenzdenken gehörige Charakteristik Walsers beschreibt Magenau als das Gefühl von Hilflosigkeit gegenüber Machtausübung jeglicher Art. Von Ehen in Philippsburg [(1957)] bis Tod eines Kritikers geht es um unterdrückte und ausgeschlossene Gestalten, die laut Magenau immer wieder unterschiedliche Versionen des Schriftstellers selbst darstellen. Was fehlt, und was den Autor zum Schreiben animiert, sind Sicherheit und wirklicher Zusammenhalt einer Gemeinschaft. Diese sucht Walser bis zum Ende der siebziger Jahre im Sozialismus, später im deutschen Volk und der Heimat. In den neunziger Jahren macht Walser das Fehlen von deutscher Identität und Normalität im Umgang mit der eigenen Vergangenheit auch für den aufflammenden Ausländerhaß und die Neonazis verantwortlich.
Durchaus objektiv läßt Magenau in seinem Buch die verschiedensten Informanten, Freunde, Konkurrenten, Kollegen und Familienmitglieder zu Wort kommen, und hält sich selbst gerade soviel wie nötig zurück. Ein und dasselbe Ereignis wird dabei des Öfteren recht unterschiedlich von den verschiedenen Seiten eingeschätzt. Der Leser kann sich über weite Strecken des Buches eine eigene Meinung bilden, wer hier auf wen Druck ausübt, wer die Macht besitzt und wer Opfer ist. Insgesamt jedoch spürt man die Sympathie des Biographen für Walser, so daß am Ende ein positives Bild zurückbleibt. Auch derjenige, dem Walser bisher fremd war, bekommt ein Gefühl für Walsers Sprache und Weltanschauung. In vielen kleinen Anekdoten wird mal das Bild eines risikofreudigen Draufgängers gezeichnet, mal der sensible Dichtertyp vorgeführt und der öffentliche Redner vom introvertierten Romancier abgegrenzt.
In den Kapiteln über die neunziger Jahre, in denen Walser sich zunehmend als Opfer der Meinungsmache begreift und versucht, sich in die reine, meinungslose Sprache zurückzuziehen, wird Magenaus eigene Meinung deutlicher. Die ungerechte Behandlung von Tod eines Kritikers muß nun Schritt für Schritt bewiesen werden. Daß Magenau im Verlauf seines Buches systematisch auf Walsers Paulskirchenrede und Tod eines Kritikers hinarbeitet, merkt man an den vielen kleinen Randbemerkungen, die auf Widersprüche im Hinblick auf die späteren Kontroversen um den Schriftsteller hinweisen. Je mehr sich die chronologische Aufarbeitung Walsers Leben der Gegenwart annähert, umso weniger hält sich Magenau an seine eigenen, im Abspann formulierten Maßstäbe einer Biographie, denen zufolge er sich in "der Kunst der Zurückhaltung" üben will (S. 570).
Die heftige Verteidigung Walsers wäre nach allem, was der Leser in den vorangegangenen Kapiteln über dessen Prinzipien erfahren hat, nicht nötig gewesen. Vielmehr fragt man sich nach der Lektüre, die auch über persönliche und politische Seiten der Verlagsszene berichtet, ob die letzten zwei Kapitel nicht auch einen Seitenhieb des Verlagshauses Rowohlt, in dem Magenaus Buch erschien, in Richtung Suhrkamp beinhalten. Hierher nämlich wechselte Walser, nachdem er nach dem Tod Unselds keine Rückendeckung mehr in seiner alten Verlagsheimat spürte.
Notes
[1]. Rolf Augstein, Historikerstreit. Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistsischen Judenvernichtung (München und Zürich: Piper, 1987).
[2]. Jan Philipp Reemtsma, "Ein antisemitischer Affektstrum," Frankfurter Allgemeine Zeitung, Feuilleton, 27.6.2002.
[3]. Matthias Lorenz, Auschwitz drängt uns auf einen Fleck. Judendarstellung und Auschwitzdiskurs bei Martin Walser (Stuttgart: Metzler Verlag, 2005); Wolfgang Benz, Was ist Antisemitismus? (München: C.H. Beck, 2004).
[4]. Literatur zur Debatte um Tod eines Kritikers: Torsten Gellner, Ein antisemitischer Affektsturm? Walser, Schirrmacher, Reich-Ranicki und der Tod eines Kritikers (Marbug: Tectum, 2004); Joanna Jablkowska, Zwischen Heimat und Nation: Das deutsche Paradigma? Zu Martin Walser (Tübingen: Stauffenburg Verlag, 2001); Dieter Borchmeyer und Helmuth Kiesel, hrsg., Der Ernstfall. Martin Walsers Tod eines Kritikers (Hamburg: Hoffmann und Campe, 2003).
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Citation:
Katrin Polak-Springer. Review of Magenau, Jörg, Martin Walser: Eine Biographie.
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