Marcus Ventzke. Das Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach 1775-1783: Ein Modellfall aufgeklÖ¤rter Herrschaft? Cologne: BÖ¶hlau, 2004. Bibliography + index. EUR 49.90 (cloth), ISBN 978-3-412-08603-9.
Reviewed by Martin Kagel (Department of Germanic & Slavic Studies, University of Georgia)
Published on H-German (September, 2006)
Weimar von unten
Marcus Ventzkes im Rahmen des Sonderforschungsbereichs "Ereignis Weimar--Jena. Kultur um 1800" entstandene Dissertation konzentriert sich auf die Anfänge der Regierungszeit des Herzogs Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach. Die im Untertitel rhetorisch gestellte Frage nach der Modellfunktion des Kleinstaates kann nach der Lektüre des Textes eindeutig negativ beantwortet werden. Ein Modellfall war das Herzogtum allerhöchstens in dem Sinne, daß sich aufklärerische Reformen hier aus der sozialpolitischen "Gemengelage" (S. 489) heraus entwickelten, nicht jedoch als zentral geleitete, auch staatstheoretisch fundierte Politik. So gesehen handelte es sich beim stückweisen Fortschritt des Kleinstaates eigentlich um ein komplexes Scheitern, und obschon Ventzke keineswegs als Chronist dieses Scheiterns fungieren will, kann er am Ende nicht umhin, den ersten Regierungsjahren Carl Augusts zumindest indirekt ein solches zu attestieren. "Wenn Weimar ein Modell war," so Ventzke im Resümee, "dann in den Hoffnungen, die viele Intellektuelle beim Regierungsantritt des angeblich philosophisch gebildeten, kunstbeflissenen und reformfreudigen Herzogs hegten. Die Hoffnungen waren jedoch bis Mitte der 1780er Jahre zum größten Teil verflogen" (S. 494).
Kulturgeschichtlich ist Weimar Mitte der siebziger Jahre neben dem Regierungswechsel durch die Ankunft Johann Wolfgang Goethes im Herzogtum charakterisiert, dessen exzessive Ausgelassenheit im Tandem mit dem jungen Herzog längst Legende ist. "Sitzt der junge Herzog am Regierungstisch und verschafft sich einen Überblick über die Lage seiner Länder?" fragte einst der Goethe Biograph Richard Friedenthal. "Er tut nichts dergleichen. Er tollt umher mit seinen Freunden, den 'Genies', er geht auf die Jagd, spielt Theater, fährt Schlitten, tanzt mit den Dorfmädchen und bricht sich wohlmöglich einmal den Hals bei unvorsichtigem Reiten über Stock und Stein."[1] In Ventzkes Arbeit spielen Kolportagen dieser Art eine dezidiert marginale Rolle. Vielmehr wird die Figur des späteren Geheimrats im wesentlichen im Kontext seiner politischen Funktion begriffen, mitunter auch recht kritisch und im Gegensatz zur in der Goethe-Hagiographie üblichen Überschätzung seines Einflusses auf die Weimarer Verhältnisse. Goethe war, obschon Favorit des Fürsten, nur einer unter vielen, wenn es um staats- und wirtschaftspolitische Fragen ging, deren Beantwortung kein 'Genie', sondern kleinteiliges und auf "alltägliche Verbesserungspolitik" (S. 479) gerichtetes Denken verlangte. Derart entfaltet Ventzke Stück für Stück die zumeist eher mühsamen Reformversuche der herzoglichen Regierung, und es ist fraglos ein Verdienst seiner umfangreichen, quellengestützten Untersuchung, sich dem Weimarer Alltag nicht aus der verklärten, post-klassischen Perspektive zugewandt zu haben, sondern so, wie er sich für die meisten seiner Bürger dargestellt haben mochte. Diese sorgten sich statt um persönliche Entgrenzung vornehmlich um Steuern, Schulden, Gebärhäuser, Wasserschläuche, Vagabunden und die nächste Ernte.
Katerstimmung dürfte beim Herzog schon unmittelbar nach dem Regierungsantritt aufgekommen sein, da ein auch nur flüchtiger Blick in die Bücher sofort belegen mußte, daß sich der Kleinstaat finanziell am Rande des Abgrunds bewegte. Sämtliche im Kontext des Regierungswechsels entstandene Denkschriften, schriftlich niedergelegte Reformpläne und Verbesserungsvorschläge verwiesen, denn auch "immer wieder auf die verheerende Situation der fürst-und landwirtschaftlichen Finanzen" sowie die daraus folgende "Verschuldung, Armut und Unterentwicklung des Landes" (S. 38). In drei umfassenden Kapiteln zu Staatsfinanzen, Steuerreformen und Wirtschaftspolitik im klassischen Weimar geht der Autor dieser Bestandsaufnahme und den zu ihrer Behebung entwickelten Maßnahmen nach. Die Finanzkrise, der sich der Fürst gegenüber sah, war grundsätzlicher Natur, nicht bloß das Resultat der politisch schwachen Vormundschaft Anna Amalias oder des Regierungswechsels selbst. Vielmehr "offenbarten sich im Finanzsystem des Landes strukturelle Probleme, die teilweise seit Jahrzehnten bestanden und sich sukzessive verschärft hatten" (S. 126). Nach ersten personalpolitischen Veränderungen reagierten der Herzog und die von ihm eingesetzten Kommissionen auf die Krise durch die Reform der Hoffinanzen, durch Um- und Entschuldungsbemühungen, schließlich durch Versuche der Steuerreform. Die Bemühungen um Entschuldung konzentrierten sich insbesondere auf die Reduzierung des Militärs, dessen Aufrechterhaltung um 1775 "zwischen dreißig und vierzig Prozent der landschaftlichen Einnahmen" (S. 50) ausmachte. In einem gesonderten Kapitel diskutiert Ventzke die Militärreformen als Teil der Finanzreform. Im Gegensatz zum expansionistisch eingestellten Großvater bestand die Funktion stehender Regimenter in den Augen Carl Augusts hauptsächlich in der Aufrechterhaltung der inneren Sicherheit. Diese Verantwortung wurde infolge des Regierungswechsels weitgehend bürgerlichen Milizen übertragen und die Mehrzahl der Regimenter im Zuge der Sparmaßnahmen ersatzlos abgeschafft.
Ventzkes Ausgangsthese ist es, daß die ersten Regierungsjahre Carl Augusts politisch durch die Spannung "zwischen obrigkeitlich-aufklärerischem Anspruch und tatsächlicher politischer Gestaltungskraft" (S. 6) gekennzeichnet sind. Die im Herzogtum unternommenen Reformen lassen sich demnach auch nicht allein aus der Perspektive eines obrigkeitsstaatlichen Absolutismus, wie immer aufgeklärt, beschreiben, sondern nur im Bewußtsein des Zusammenspiels von 'oben und 'unten,' wobei "Reformen keineswegs nur 'von oben' und Widerstände nicht nur 'von unten' kommen" (S. 11). Beispielhaft sichtbar wird dies in den Diskussionen um die Steuerreform, die sich zwischen größerer Effizienz der Eintreibung, Steuererleichterungen für die unteren Stände und Steuererhöhungen der "Privilegierten und Vermögenden" (S. 135) bewegte. Auch im Abschnitt zur Wirtschaftspolitik versucht Ventzke die vernachlässigte "Sicht von Untertanen, seien es bürgerliche Unternehmer, adelige Schafzüchter oder bodenbearbeitende Landleute" (S.192) einzubringen. Lesenswert ist hier insbesondere der Abschnitt über die Wasserschlauchfabrik der Johanna Maria Buchholz. Die Buchholzin war nicht nur eine frühkapitalistische Unternehmerin par excellence, die sich aus wirtschaftspraktischen Gesichtspunkten gegen die verknöcherten Strukturen der Weimarer Politik zur Wehr setzte, sie hatte als eigenständige Geschäftsfrau auch mit massiven geschlechtsspezifischen Vorurteilen zu kämpfen. Daß sie sich dennoch durchsetzen konnte und sich "als Glücksfall für das Weimarer Wirtschaftsleben" entpuppte, spricht nicht allein für ihr ökonomisches Geschick, sondern läßt auch Mut, Radikalität und enorme charakterliche Stärke auf ihrer Seite vermuten. "Die Schlauchfabrik der Frau Buchholz," war denn auch "eine der wenigen erfolgreichen Manufakturgründungen der aufklärerischen Reformepoche Weimars," deren Entwicklung zugleich belegte, "warum die Gratwanderung zwischen Staats- und Privatwirtschaft nur selten gelang" (S. 213). Dem Herzogtum, dies macht das Beispiel der Unternehmerin deutlich, fehlte es an einer theoretisch geleiteten Politik der Umwälzung. Neben dem wirtschaftlichen wurde auch im juristischen Bereich und in der Bildungs- und Wissenschaftspolitik ein umfassender gestalterischer Wille vermißt. So gab es beispielsweise kaum "Überlegungen zur Veränderung des Strafmaßes und der Prozeßformen" (S. 446) und Universität Jena war noch Anfang der achtziger Jahre eine "Universität der einfachen Leute" (S. 382), sprich: eine zweitklassige Institution. Die Reformbilanz ist gegen Mitte der achtziger Jahre denn auch dementsprechend schmal, zumal wenn man bedenkt, daß "viele der unter Carl August in Angriff genommenen Projekte ... bereits Jahre oder Jahrzehnte vorher diskutiert" (S. 486) worden waren.
Grundsätzlich ist der von Ventzke proponierte Perspektivenwechsel im Ansatz zu begrüßen, wenngleich das Zusammenspiel von 'oben' und 'unten' in seiner Untersuchung meiner Meinung nach eher punktuell als strukturell erkennbar wird. Auch scheint mir die Konzentration auf bisher vernachlässigte Gesichtspunkte ein methodisch unzureichender Rahmen, da dies eine beschreibende und keine analytische Eingrenzung ist. Die kritische Beantwortung der übergeordneten Frage, wie sich unter den gegebenen Umständen erklären läßt, daß dennoch Veränderung stattfand, oder worin die tieferen Ursachen des Scheiterns bestanden, bleibt die Untersuchung dem Leser weitgehend schuldig. Das Fehlen eines ausformulierten methodischen Ansatzes mag zum Teil dem Gegenstand geschuldet sein, es enthebt den Autor meiner Meinung nach jedoch nicht der Verpflichtung, daß von ihm versammelte Material jenseits des festgesetzten Zeitraums auch interpretatorisch zu verknüpfen. Es ist eigentlich erstaunlich, wie wenig dem Leser das Herzogtum als vielschichtig verbundenes System am Ende der Lektüre verständlich wird--und auch das wollte der Autor doch zeigen. Kennzeichnend sind in diesem Zusammenhang Ventzkes Einlassungen zu Daniel Wilsons Studie Das Goethe-Tabu (1999), deren Thesen zu widersprechen er sich offensichtlich verpflichtet fühlt. Ventzkes ausführlicher Rekurs auf Wilsons Ausführungen zum Soldatenhandel und zu polizeilichen Maßnahmen im Herzogtum (S. 319, 403) ist schon deshalb bemerkenswert, weil der Autor auf die Diskussion der Forschungsliteratur ansonsten weitgehend verzichtet. "Unlängst ist der Versuch gemacht worden," schreibt Ventzke in einem wohl nur deutschen Historikern verträglichen Passiv, "Herzog Carl August und seinen Geheimräten einen Verkauf von Soldaten für den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg nachzuweisen und Weimar in ein Reihe mit den berüchtigten Menschenhändlerstaaten Hessen-Kassel oder Württemberg zu stellen" (S. 410). Der stilistische Mangel offenbart hier einen methodischen. Denn es reicht ja nicht, Wilsons Thesen zu widersprechen. Entscheidend wäre eine Auseinandersetzung mit der kritischen Perspektive auf Goethes Weimar gewesen, die dieser in die Diskussion geworfen hat. Wilsons Kritik "außerhistoriographische Argumentationsabsichten" zu unterstellen, ist selbst "außerhistoriographisch" und im Sinne des in dieser Aussage implizierten Objektivitätsanspruchs naiv.
Was Ventzkes Arbeit an hierarchischer Strukturierung des Quellenmaterials mangelt, macht der Autor durch Detailreichtum und Genauigkeit der Darstellung in der Breite wett. Wer hätte beispielsweise gedacht, daß eines der vornehmlichen Reformprojekte des Herzogs die Brandschutzverordnung des Landes war. Nicht, daß Feuersbrünste und Brandstiftung keine echte Bedrohung darstellten, sie hatten durchaus katastrophale Wirkung; aber daß sich ausgerechnet der als Bonvivant und Hasardeur verschrieene junge Herrscher des Musenhofes, der zu Anfang seiner Regierungszeit selbst metaphorisch als Brandstifter fungierte, eines solchen Projektes annahm, entbehrt nicht einer gewissen Ironie und spricht Bände über die oft verstellte Realität des Kleinstaates, deren Rekonstruktion sich Ventzkes Untersuchung erfolgreich angenommen hat.
Note
[1]. Richard Friedenthal, Goethe. Sein Leben und seine Zeit, Bd. I (München: dtv, 1968), S. 215.
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Citation:
Martin Kagel. Review of Ventzke, Marcus, Das Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach 1775-1783: Ein Modellfall aufgeklÖ¤rter Herrschaft?.
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