Christiane Crasemann Collins. Werner Hegemann and the Search for Universal Urbanism. New York: W.W. Norton & Company, 2005. 417 S. $50.00 (cloth), ISBN 978-0-393-73156-9.
Reviewed by Clemens Zimmermann (Historisches Institut, Universität des Saarlandes)
Published on H-German (June, 2006)
Walter Hegemann, Mittler zwischen den Kontinenten
Werner Hegemann ist in der heutigen intellektuellen Szene durch sein Diktum von Berlin als "größter Mietskasernenstadt der Welt" durchaus geläufig. Weil die "Mietskaserne" geradezu das Horrorbild einer brutalisierten kapitalistischen Stadtentwicklung darstellt, sicherte dies dem in der Bundesrepublik wieder aufgelegten Buch Hegemanns "Das steinerne Berlin" (1930) immer wieder Aufmerksamkeit. Auch die in diesem Buch enthaltenen Luftaufnahmen überaus kompakter Viertel wurden gerne und oft wieder abgedruckt, weil sie dem subjektiven "Bild" der Betrachter von der Metropole entsprachen. Doch viel mehr über Hegemann weiß man im allgemeinen nicht. Für das gegenwärtige Interesse sind indes weniger seine umfangreichen urbanististischen Dokumentationen und kaum seine eigenen Bauprojekte interessant. Vielmehr der zwischen den Kontinenten verlaufende Lebensweg, Hegemanns herausragende, aktive Rolle in der internationalen urbanistischen Kommunikation des frühen 20. Jahrhunderts, sein Eintreten für Stadtplanung als "Wissenschaft" und seine ambivalente Haltung gegenüber der Moderne gilt es wieder zu entdecken. Dazu leistet die Biographie von Christiane Crasemann Collins gute Dienste.
Hegemann wurde 1881 in Mannheim in einer Fabrikantenfamilie geboren. Schon früh wendet sich sein Interesse dem Städtebau zu. 1904/5 hält er sich zum ersten Mal für eine längere Zeit in den Vereinigten Staaten auf und bekommt dort allmählich Kontakt zu wichtigen Stadtplanern, die an Deutschland als Musterland kommunaler Leistungsverwaltung stark interessiert sind. Die Fragen von Stadtplanung, Stadtverschönerung und kommunaler Reform werden diskursiv noch eng miteinander verknüpft. 1910 fungiert Hegemann als Sekretär der Städtebauausstellungen in Berlin und Düsseldorf, deren Inhalte und Design er aufgrund der unmittelbar vorangegangenen Ausstellung in Boston 1909 mit bestimmt. Zu dieser Zeit steht die Schaffung einer einheitlichen Berliner Großgemeinde, eines großen Stadtraums zur Debatte, mit dem es möglich sein soll, die Wohnungsfrage zu lösen. An der Agitation beteiligt sich Hegemann aktiv. Die Kriegszeit verbringt er in den USA, wo man ihn als Deutschen und Pazifisten in seiner Bewegungsfreiheit einengt. Dennoch steigt er in die aktive Planung ein, etwa die der landschaftsbezogenen Siedlung Wyomissing Park. Zwei große Handbücher über amerikanische Architektur, die er in den USA und in Deutschland herausbringt (1922, 1925-26), haben wenig Erfolg, auch weil die "Wolkenkratzer" fehlen und das Frühwerk Frank Lloyd Wrights verkannt wird. 1922 bis 1933, seine Hauptschaffensperiode, verbringt er in Berlin, wo er die Zeitschriften "Wasmuths Monatshefte für Baukunst" und "Der Städtebau" herausgibt und so in eine Schlüsselposition in den aktuellen städtebaulichen Debatten gelangt, sich aber auch den Rivalitäten der Architektenschulen nicht mehr entziehen kann. Seine aktive Gegnerschaft zum Nationalsozialismus zwingt ihn zum Exil. Eine Einbuße an öffentlichen Wirkungsmöglichkeiten und physischer Stress sind die Folgen, auch wenn er an der New School for Social Research in New York lehren kann und neue Projekte verfolgt. Hegemann stirbt schon 1936.
Hegemann transportierte, und das muss man wortwörtlich nehmen, Stadtpläne, Stadtbilder, Entwürfe und Begleittexte zwischen den Ländern. Immer wieder trat er mit den Protagonisten in Kontakt, sorgte dafür, daß Muster- und Vergleichsprojekte auf den Ausstellungen veröffentlicht wurden, die selbst neue Medien für die Professionalisierung der internationalen Stadtplanungsdisziplin darstellten. Hegemann war vor und nach dem Ersten Weltkrieg ein hervorragender Mittler zwischen den Kontinenten, doch scheint dies weniger wahrgenommen worden zu sein als seine inhaltliche Rolle als "nonconformist critic". Er erwarb sich schillernden Ruhm als "an adversary of modern architecture" (p. 9). In Wahrheit argumentierte er differenzierter, wollte historisches, gewordenes mit rationaler, großräumiger Planung verbinden, ein Anliegen, das man heute wieder mehr schätzt als in den Zeiten "klassischer Moderne" und des "Amerikanismus". Teils tadelte er das Bauprogramm der (einen Meilenstein in der Siedlungsgestaltung setzenden) Stuttgarter Weißenhof-Siedlung 1927, teils lobte er es. Hegemann befand sich zwischen den Fronten der Liebhaber von Kleinhäusern und der Protagonisten von Zeilenbauten.
Für die Autorin ist es zurecht ein ironischer Zug, daß das antimodernistische Image Hegemanns, das ihm aber bei den harten Traditionalisten keine Freunde einbrachte, mit seiner modernen, interkulturell vermittelnden Funktion kontrastierte. Solche Pointen sind in dem Buch eher rar gesät. Die Arbeit der Architekturhistorikerin Crasemann Collins beruht auf einem eingehenden Studium aller Schriften, der handschriftlichen Quellen, der Entwürfe Hegemanns, insbesondere auch auf den hinterlassenen Papieren. Die Autorin investierte jahrzehntelange Arbeit, klärte sehr präzise die Fakten, soziale Beziehungen und Netzwerke. Sie setzte die städtebaulichen Schriften Hegemanns in Beziehung zu den Schriften anderer und ist den Spuren der praktischen Tätigkeit Hegemanns nachgegangen. Kurzum, das Werk ist an Solidität vorbildlich, als Ressource für weitere Forschungen ist es mustergültig zu nennen. Allerdings müssen die Leser für diese Solidität mitunter den Preis der Langatmigkeit bezahlen. Allzu ausführlich werden dann Episoden erzählt, während gegnerische Positionen auffallend kürzer und wenig prägnant vorkommen. Einen wissenschafts- und disziplinengeschichtlichen Zugang zum Kontext und Objekt "universal urbanism" sucht man vergebens. Vorteilhaft wirkt bei dem Buch die Ausklammerung allzu privater Details. Die gute Bebilderung gehört zu den weiteren Vorzügen dieser Biografie, mit der eine Periode des Städtebaus wieder entdeckt werden kann, in der man immerhin bereit war, sich auseinander zu setzen und voneinander zu lernen.
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Citation:
Clemens Zimmermann. Review of Crasemann Collins, Christiane, Werner Hegemann and the Search for Universal Urbanism.
H-German, H-Net Reviews.
June, 2006.
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