Kerstin Kirsch. Slawen und Deutsche in der Uckermark: Vergleichende Untersuchungen zur Siedlungsentwicklung vom 11. bis zum 14. Jahrhundert. Stuttgart: Franz Steiner Verlag, 2004. 546 S. EUR 64.00 (cloth), ISBN 978-3-515-08604-2.
Reviewed by Frederik Felskau (Independent Scholar [Cologne])
Published on H-German (May, 2006)
Historische Siedlungsentwicklungen in der Uckermark
Die innerhalb eines Forschungsprojektes am Leipziger Geisteswissenschaftlichen Zentrum für Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas erstellte und als Dissertation an der Humboldt-Universität Berlin im Jahr 2000 eingereichte Studie über die archäologisch-historische Siedlungsentwicklung in der Uckermark vom 11. bis 14. Jahrhundert ist zunächst einmal als überzeugende Vertiefung der von Lieselott Enders verfassten Geschichte der Region zu lesen, die mit einer Abdeckung vom 12. bis 18. Jahrhundert allerdings wesentlich weiter ausholt.[1]
Bereits Kirschs forschungsgeschichtliches Resümee und die formulierten Erkenntnisziele in der Einleitung lassen zweierlei erkennen: die Fähigkeit der Autorin zu analytischer Erschließung und Handhabung ihrer Materialsammlung sowie der Anspruch, historische Siedlungsforschung mit mediävistischer Archäologie und deren jeweiligen Hilfswissenschaften in einer interdisziplinären Betrachtung der Historischen Siedelformen zusammenzuführen. Spürt man hier noch den innovativen Elan einer ausgewogenen Verknüpfung der für die Siedlungsgeschichte grundlegenden Disziplinen, wird spätestens in den quellen- und methodenbezogenen Ausführungen--ebenfalls stringent systematisiert--deutlich, daß der Schwerpunkt der Untersuchung auf der siedlungsarchäologischen Aufschließung der Funde liegt. Es entspricht denn auch dieser doch nicht ganz auf interdisziplinäre Gleichwertigkeit setzenden Gewichtung, wenn in dem die archäologisch-historischen Zusammenhänge der Siedlungsgefüge und -entwicklungen vom 6. bis zum 14. Jahrhundert beleuchtenden Auswertungsteil die Schriftquellen nur ausnahmsweise zitiert und meist auf die Sekundärliteratur zur Beschreibung siedlungspolitischer Hintergründe zurückgegriffen wird.
Gleichwohl dürfen diese wenigen kritischen Bemerkungen, die allenfalls um jene einer etwas vernachlässigten slawischsprachigen Forschung zu ergänzen wären, die außerordentlichen Leistungen der Arbeit nicht schmälern,[2] überzeugt doch der Kern der analytischen Ausführungen zur Siedlungsstruktur und ?"entwicklung vom 11. bis 14. Jhd. in mehrerlei Hinsicht: Zunächst ist es das überaus reiche Abbildungs- und Kartenmaterial, darunter selbstentworfene Graphiken, das sich als Ergebnis einer beindruckenden Durchdringung der Materie präsentiert und dem Leser zudem eine breite Palette veranschaulichter Synthesen an die Hand gibt.
Freilich könnte hier eingeworfen werden, die Lesbarkeit mancher Karten und die Kompaktheit der übermittelten Informationen samt ihrer Legendarisierungen stelle sich nicht immer unmittelbar ein (z.B. Abb. 7-9, 11), doch zielt diese Beobachtung mithin auf eine vom Lektorat zu verantwortende Gestaltung des Layouts.
Die Analyse, die die "spätslawische Siedlungsentwicklung im 11. und 12. Jahrhundert", die "hochmittelalterlichen ländlichen Siedlungen", die "Burgbefestigungen des 12. bis 14. Jahrhunderts", die "zentralen Orte" und schließlich die "klösterliche Rolle beim Landesausbau" in jeweils eigenen Abschnitten behandelt, zeichnet sich darüber hinaus durch Erkenntnisgewinne aus, die wegen des hohen Anteils von eingeschränkt zu beurteilenden Sammelfunden (ca. 95 Prozent) so vorsichtig wie stimmig ausfallen. Zu ihnen gehört insbesondere der differenzierte Blick auf wesentliche Siedlungsmerkmale, einmal hinsichtlich der spätslawischen Siedlungen nördlich und südlich der Welse, andermal in Bezug auf den pommeranisch-pomerschen und den askanischen Landesausbau.
Auch die Rolle der Klöster, der Prämonstratenser bei Granzow, des Spitals bei Barsdin, des Klosters bei Gottesstadt, des zisterziensischen Klosterhofes Kölpin, und der Nonnenklöster von Prenzlau (Maria-Magdalenerinnen), Seehausen (Zisterzienserinnen) sowie Marienvlete (Benediktinerinnen) wird gebührend gewürdigt.
Insgesamt sah sich Kirsch freilich mit der in erster Linie didaktischen, letzten Endes unerfüllbaren Forderung konfrontiert, zwischen Diachronie und Synchronie, zwischen Siedlungsstatik und -dynamik eine darstellende Balance zu halten. Gerade hier wird man sich dem in ein Bedauern gekleideten Kompliment eines anderen Rezensenten anzuschließen haben, weshalb sie mit ihren unzweifelhaften Pfunden nicht mehr gewuchert habe.[3] Denn die Ergebnisse der über verschiedene Forschungsansätze etwa zu den "zentralen Orten"[4] auch theoretisch unterlegten Analysen bleiben angesichts der gediegenen Materialerfassung zurückhaltend und vornehmlich auf Einzelaspekte bzw. ?"beobachtungen beschränkt.
Mitunter hat es den Anschein, die Autorin lasse lieber ihre aussagekräftigen Graphiken sprechen (z.B. "Umstrukturierung" S. 175, Abb. 36; "Burg-Siedlungs-Distanzen", S. 188, Abb. 38; "idealtypisches Hintergrundsystem" nach Bernbeck, S. 203, Abb. 46). Offenbar möchte die kurze Zusammenfassung dann nachholend eine Synthese liefern, in der Siedlungsgeschichte (Landesausbau und Wüstung) und -befund ( Archäologie), Schrift- und archäologische Quellen in jener Versöhnlichkeit gegenüberstehen, von der eingangs die Rede war.
Angesichts der Leistungen von Kirsch ist es denn auch weniger eine Versöhnung als vielmehr willkommene Frucht ihrer archäologischen Akribie von der der Leser im anschließenden Katalog, dem Herzstück der Arbeit, profitiert. Zusammen mit den Darlegungen enthält die Liste der insgesamt 1355 Fundstellen einschließlich Lokalisierungsdaten, Typik, Fundbeschreibung und Datierungsangaben sowie Schriftquellen- und Literaturhinweisen--und nicht zu vergessen: die beigeheftete Karte mit dem Gesamtüberblick über die Ortslagen und Wüstungen--eigentlich alles, was das Buch zu einem äußerst handhabbaren und in jeder Hinsicht grundlegenden Nachschlagewerk zur archäologisch-historischen Siedlungsstruktur der mittelalterlichen Uckermark werden läßt.
Anmerkungen
[1]. Lieselott Enders, Die Uckermark. Geschichte einer kurmärkischen Landschaft vom 12. bis zum 18. Jahrhundert (Weimar: Böhlaus Nachfolger, 1992).
[2]. Siehe etwa die deutsch-polnische Arbeit von Peter Donat und Blagoje Govedarica, "Die jungslawische Siedlung Falkenwalde, Fpl. 10 Lkr. Uckermark," Veröffentlichungen des Brandenburgischen Landesmuseums für Ur- und Frühgeschichte 32 (1998): S. 141-169.
[3]. Sebastian Brather, "Rez. Kerstin Kirsch: Slawen und Deutsche in der Uckermark," in: Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung 54 (2005): S. 269f.
[4]. Walter Christaller, Die zentralen Orte in Süddeutschland (Jena: G. Fischer, 1933); hier fehlt jedoch die Volltitelaufnahme und die Angabe der Neuauflagen; zuletzt die Besprechung bei Harm von Seggern, Die Theorie der "Zentralen Orte" von Walter Christaller und die Residenzbildung, in: Hof und Theorie. Annäherungen an ein historisches Phänomen, hg. von Reinhardt Butz et al. (Köln/Weimar/Wien: Böhlau, 2004), S. 105-144. Sodann: Winfried Schich, Stadtwerdung im Raum zwischen Elbe und Oder im Übergang von der slawischen zur deutschen Periode. Beobachtungen zum Verhältnis von Recht, Wirtschaft und Topographie am Beispiel von Städten in der Mark Brandenburg, in: Germania Slavica I (Berlin: Duncker & Humblot, 1980), S. 191-238.
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Citation:
Frederik Felskau. Review of Kirsch, Kerstin, Slawen und Deutsche in der Uckermark: Vergleichende Untersuchungen zur Siedlungsentwicklung vom 11. bis zum 14. Jahrhundert.
H-German, H-Net Reviews.
May, 2006.
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