Christiaan Janssen. Abgrenzung und Anpassung: Deutsche Kultur zwischen 1930 und 1945 im Spiegel der Referatenorgane Het Duitsche Boek und De Weegschaal. Münster: Waxmann Verlag, 2003. 390 S. (gebunden), ISBN 978-3-8309-1335-1.
Reviewed by Georgi Verbeeck (Universiteit Maastricht)
Published on H-German (January, 2006)
Zwischen 1930 und 1944 erschienen in den Niederlanden die Zeitschriften "Het Duitsche Boek" ("Das Deutsche Buch," 1930-33) und "De Weegschaal" ("Die Waagschale," 1934-1944). Ihr Anliegen war es, die niederländische Leserschaft mit der deutschen Literaturproduktion sowie der deutschen Kultur im weiteren Sinne vertraut zu machen. Die beiden Zeitschriften erschienen in einer niedrigen Auflage und wurden von einer Gruppe niederländischer Germanisten herausgegeben, die das Interesse für das kulturellen Leben des großen Nachbarlandes wach halten wollten. Dies geschah zu einem Zeitpunkt, als Politik und Gesellschaft in Deutschland stürmischen Entwicklungen ausgesetzt waren. Nach dem Krisenjahr 1929 setzte der unaufhaltsame Zerfall der Weimarer Republik ein. Den endgültigen Todestoss erhielt sie mit der Machtübernahme Hitlers. Die konservative Kulturströmung überschwemmte alle Institutionen und alle Gebiete, die bis dahin als "progressiv" galten. Vom fortschrittlichen kulturellen Klima, das die Periode zwischen dem 1. und 2. Weltkrieg gekennzeichnet hatte, war kaum noch etwas zu spüren. In einer umfangreichen Studie beschreibt der niederländische Wissenschaftler Christiaan Janssen, auf welche Weise sich diese kulturelle Situation Deutschlands in den Niederlanden widerspiegelte. Janssen konzentriert sich dabei auf das Grenzgebiet von Geschichts- und Literaturwissenschaft. 2003 legte er die Studie als Dissertation an der Katholischen Universität von Nijmegen--jetzt Radboud Universität--vor. Das Buch ist innerhalb der Serie "Geschichte und Kultur Nordwesteuropas" erschienen, die auf eine Initiative des deutschen Niederlande-Experten und Historiker Horst Lademacher zurückgeht. Die Studie unterstreicht das Interesse an der Region "Nordwesteuropa", das insbesondere an verschiedenen wissenschaftlichen Einrichtungen in Nijmegen, Duisburg und Münster besteht.
Im Mittelpunkt der vorliegenden Forschungsarbeit steht die Art und Weise, wie die "völkische," nationalistisch gefärbte Literatur Deutschlands und Österreichs in den Niederlanden rezipiert wurde. Janssens Verdienst liegt darin, dass er die klassische Gegenüberstellung von "guter" und "schlechter" Literatur in den Zeiten der NS-Diktatur versucht zu durchbrechen. Für gewöhnlich wird davon ausgegangen, dass die "progressive" und antifaschistische Exilliteratur positiv bewertet wurde und es für die konservative, nationalistische Literatur kein Interesse gab. Janssen problematisiert diese Schwarz-Weiss-Betrachtung und rückt vor allem das graue Zwischenfeld ins Zentrum seiner Betrachtungen.
Zwischen den äußersten Polen der deutschen Emigrantenliteratur und der öffentlichen Nazipropaganda findet sich eine große Anzahl von Autoren, die zur dogmatischen "völkischen" Ideologie Abstand hielten und einer gemäßigten Form von traditioneller Heimatliteratur anhingen. "Het Duitsche Boek" und "De Weegschaal" interessierten sich vor allem für diese Literatur. Offene Propaganda für die Nazi-Ideale war eher selten, denn sie wäre beim breiteren Publikum auf wenig Gegenliebe gestoßen. Dennoch wurde auch die Exilliteratur nicht gerade mit offenen Armen aufgenommen, da man befürchtete, dadurch das Verhältnis zum grossen Nachbarland zu trüben. Dies festigte das Bild der niederländischen Germanistik, die in ihren Grundzügen durchaus konservativ und traditionalistisch war, eine offene kulturelle Kollaboration jedoch übertrieben fand.
"Het Duitsche Boek" und "De Weegschaal" versuchten sich so gut es ging, politischen Stellungnahmen gegenüber den Entwicklungen in Deutschland zu enthalten. Diese politische Neutralität verbarg eine gewisse Sympathie für die konservative Strömung. Die meisten Autoren und Rezensenten beider Zeitschriften teilten die Kritik über das "moralische Chaos" sowie die "gesellschaftliche Unruhe", die die Periode der Weimarer Republik gekennzeichnet hatte und näherten sich so der Kulturkritik, die von der Nazi-Propaganda ausgeübt wurde. Aber für die nationalistischen Kriegs- und Geschichtsromane bestand relativ wenig Interesse. Lebensphilosophie, Kulturpessimismus und Skepsis gegenüber den Ideen der Aufklärung waren in den 20er und 30er Jahren weit verbreitet. Dennoch hielten beide Zeitschriften Abstand gegenüber der Rassenideologie und anderen Inhalten des Nationalsozialismus. Mit ästhetischen Argumenten und einem Diskurs, der sich an die Deutsche Klassik anlehnte, wurde versucht, dem Dritten Reich ein menschliches Antlitz zu verleihen.
Die Sympathien für das Dritte Reich blieben bis 1940 unausgesprochen. Mit der deutschen Besatzung bekam "De Weegschaal" ein propagandistischeres Profil. Janssen charakterisiert sie als "gemäßigte Propaganda", die mehr und mehr Raum einnahm. Stellungnahmen hinsichtlich der Judenverfolgung, der Rassenideologie oder der Auswirkungen des Antisemitismus kamen im Allgemeinen nicht vor. Dafür fehlte in den besetzten Niederlanden der öffentliche Konsens. Nichts desto trotz wurde über die "Notwendigkeit besserer Beziehungen zwischen Deutschland und den Niederlanden" gesprochen sowie über eine "geopolitische Neugestaltung Europas". Angesichts der kulturellen "Verwandtschaft" zwischen den Niederlanden und Deutschland huldigte man mit Lippenbeweisen einem vagen "pangermanischen" Ideal. Diese Strategie einer gemäßigten Propaganda sollte auch bei den skeptischen Lesern der "Waagschaal" ein Verständnis für die Besetzer wecken. Eine harte pro-Nazi-Propaganda hätte allein das Gegenteil bewirkt. Da die deutschen Besatzer die Vorteile eines gemäßigten Propagandablattes erkannten, blieb "De Waagschaal" bis August 1944 bestehen. Mit der Befreiung verschwand sie, und es sollte noch ein Jahrzehnt dauern, bis die niederländische Germanistik begann, die schwer gestörte Beziehung zu Deutschland wieder aufzunehmen.
Fokusiert auf zwei Zeitschriften mit einer begrenzten Auflage, hat Janssen eine Detailstudie herausgebracht, die ein Licht auf kulturelle Aspekte der Beziehungen zwischen den Niederlanden und Deutschland kurz vor Ausbruch des 2. Weltkrieges werfen soll. Sein Verdienst liegt in der nuancierten Darstellung des Kulturtransfers in der Zeit des Nationalsozialismus. Damit folgt er der Linie der neueren Forschungen über den Nationalsozialismus und seiner Rezeption im Ausland. "Abgrenzung" und "Anpassung" dienen als Kernbegriffe der Charakterisierung des Kulturtransfers und der beidseitigen Vorstellungen in dieser Periode. In dieser Hinsicht passt die Forschungsarbeit hervorragend zum internationalen Wissenschaftstrend der letzten Jahre. Allerdings entspricht der große Umfang des Buches nicht dem Inhaltsgehalt. Dass die Untersuchung begrenzt bleibt, liegt am Thema selbst. In einer Periode zunehmender Polarisierung ist für eine "gemäßigte Germanistik" in den Niederlanden kaum Platz. Ein großes "unpolitisches" Interesse für die Früchte einer "freundlichen" deutschen Kultur unter extremen Bedingungen wie der Zeit der deutschen Besatzung, ist schwer vorstellbar.
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Citation:
Georgi Verbeeck. Review of Janssen, Christiaan, Abgrenzung und Anpassung: Deutsche Kultur zwischen 1930 und 1945 im Spiegel der Referatenorgane Het Duitsche Boek und De Weegschaal.
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