Stanley Rosen. The Mask of Enlightenment: Nietzsche's Zarathustra. New Haven and London: Yale University Press, 2004. xxii + 264 pp. $22.00 (paper), ISBN 978-0-300-10451-6.
Reviewed by Martin Liebscher (Institute of Germanic and Romance Studies, University of London)
Published on H-German (January, 2006)
Nietzsches doppelte Rhetorik und der Wille zur Macht
Ein Buch für Alle und Keinen untertitelt Friedrich Nietzsche sein opus magnum Also sprach Zarathustra. In Ecce Homo spricht er davon, daß seine Schriften posthum geboren würden, noch nicht an der Zeit wären. Es sei geradezu ein Widerspruch zu ihm selbst, wenn Nietzsche heute bereits Ohren und Hände für seine Wahrheiten erwarten würde.[1] Diese Aussagen suggerieren, daß der Untertitel des Zarathustra sich auf eine potentielle Leserschaft der Zukunft bezieht, denn in einer Zeit des letzten Menschen würden die Lehren Zarathustras nur auf taube Ohren stoßen.
Die Adressaten des Werkes zu bestimmen, ist für Stanley Rosens Anliegen, Nietzsches politische Intention in Also sprach Zarathustra herauszuarbeiten, von zentraler Bedeutung. In seiner Lesart des Alle und Keinen geht er zurück auf die Unterscheidung des Exoterischen vom Esoterischen, die bei Nietzsche mit der Frage der Rangordnung verknüpft ist: "Es gibt Bücher, welche für Seele und Gesundheit einen umgekehrten Werth haben, je nachdem die niedere Seele, die niedrigere Lebenskraft oder aber die höhere und gewaltigere sich ihrer bedienen."[2] Vor dem Hintergrund dieser Dichotomie betrachtet, wendet sich Nietzsches Schrift nicht an eine zukünftige Menschheit, sondern an den konkreten Leser, für den das Verstehen zum rangzuweisenden Kriterium im Moment der Auseinandersetzung mit dem Text wird.
Alles, was tief ist, liebt die Maske lautet demnach auch jener Gedanke aus Jenseits von Gut und Böse, auf den Rosen im Titel seines Buches anspielt.[3] Ihren Ausdruck fände die Maskierung in einer doppelten Rhetorik, der sich Nietzsche im Zarathustra bediene: Zunächst in einer Rhetorik der Zerstörung, die für Rosen eine Radikalisierung des aus den modernen Wissenschaften resultierenden Skeptizismus und Materialismus darstellt und bei Nietzsche in einer Auflösung der logischen und mathematischen Grundlagen im Chaos einer Welt als Wille zur Macht gipfelt. Dieser Rhetorik des Untergangs steht jene des Schaffens gegenüber. Auch sie läßt sich als Radikalisierung eines Strangs der europäischen Aufklärung begreifen, nämlich jenes eines liberalistischen Humanismus.
Hier geht Rosen auf seine früheren Ausführungen zum Nihilismus zurück, dessen Ursache er im Gegensatz zu Heidegger und Nietzsche nicht in der griechischen Metaphysik oder im Christentum annimmt, sondern in der cartesianischen Trennung von analytischem Denken und Einbildungskraft, von Mathematik und Dichtung.[4] Der Nihilismus nahm demzufolge seinen Ausgang in der Preisgabe eines vordiskursiven Begriffs von Intuition.
Das Bestreben der Moderne, den Menschen mithilfe der Wissenschaften zum Herrscher über die Natur zu machen, führte zu dem Problem, daß der Mensch, selbst ein Teil der Natur, sodann über sich selbst zu herrschen habe. Nach Rosens Verständnis erreicht dieser der Aufklärung von Beginn an inhärente Widerspruch seinen Höhepunkt im Denken Nietzsches. Auch dieses suche nach einer allem zugrunde liegenden Ordnung des Daseins, fände aber nur Chaos und ungezügelten Schaffensdrang vor. Die aufgeklärte Wissenschaft und ihr Anspruch, die Ordnung der Natur begreifen zu können, enden hier in einem Bild vom Chaos, in welchem es keine Wahrheit, sondern nur noch Willen zur Macht gibt: Wissenschaft schlägt an diesem Punkt in Dichtung um. Da aber Nietzsche erkannt hätte, daß der Mensch dieses Wissen nicht zu ertragen vermöge, hätte er die aufgeklärte Rhetorik des Fortschritts durch eine zweifache Rhetorik ersetzt, die einerseits Vernichtung, andererseits den Übermenschen als den Sinn der Zukunft propagiert.
Das bezeichnet Rosen als die vornehme Lüge Nietzsches und vermeint in der esoterischen Intention von Nietzsches Denken eine Verwandtschaft mit Platon entdecken zu können. Denn genau wie jener in der Politeia verfolge Nietzsche mit Also sprach Zarathustra revolutionäre Ziele, es sei eben sein Versuch, große Politik zu treiben. Während Platon die Philosophie zur Grundlage der europäischen Geschichte gemacht hätte, sei es Nietzsches Absicht gewesen, dieses Europa von den nihilistischen Konsequenzen eines geschwächten und historisch erschöpften Christentums zu befreien. Zugleich beschwört er die Erschaffung einer höheren Entwicklungsstufe der Menschheit, obgleich ihm bewußt ist, daß unter den Anhängern Zarathustras wohl kein Übermensch zu finden sei. Eine Rhetorik des Schaffens, der, so vermutet Rosen, sich Nietzsche trotz der ihm bewußten Erfolglosigkeit bedient, um die stagnierende Herrschaft des letzten Menschen zu durchbrechen.
Rosen geht aber noch einen Schritt weiter in seiner Beschreibung von Nietzsches angeblichem Platonismus. Zwar sieht er Nietzsches Ablehnung der platonischen Ideen, des Philosophen Rolle als Prophet und Gesetzgeber würde aber die Möglichkeit von Erkenntnis der menschlichen Natur voraussetzen. Nietzsches Perspektivismus, der dem entgegensteht, sieht Rosen als einen Bestandteil jener Rhetorik der Zerstörung, die das Resultat der Radikalisierung des aus den Wissenschaften der Moderne entstandenen Skeptizismus ist. Hinter der Maske aber treibe Nietzsche Philosophie für die wenigen, welche die Wahrheit des Chaos aushielten: "If philosophy is possible, or in other words if Nietzsche's teaching may speak some part of truth, then part of what it says is a lie. The noble cannot be reduced to power. The attempt so to reduce it is a sufficient explanation for the failure of Nietzsche's revolution" (S. 248f.).
Der Perspektivismus sei eine Doktrin, die abgelehnt oder akzeptiert werden könne, da sie wie jede andere einer philosophischen synopsis zugänglich sei. Jeder Blickwinkel sei durch Strukturen definiert, die ihn mit einer stabilen Identität ausstatten würden. Solange es möglich sei, diesen Standpunkt mitzuteilen, könne daraus kein Relativismus abgeleitet werden. Rosens Argument basiert dabei auf der problematischen Annahme, daß Gesichtspunkte sich zwar voneinander unterscheiden, "but not fundamentally or continously from themselves" (S. xiv). Mit der Behauptung dieser Identität fällt Rosen aber in den Bereich der von Nietzsche kritisierten Metaphysik zurück. Nimmt man aber die Einschränkungen "nicht grundsätzlich" und "nicht ununterbrochen" ernst, dann ist nicht einzusehen, wieso von einer Stabilität des jeweiligen Standpunkts die Rede sein kann.
"In no sense would I deny that for Nietzsche there are deep truths, perceptions, and experiences that are by their nature reserved for the rare of the view" (S. 248). Die wenigen Vornehmen, an die sich Nietzsches Wahrheit einer Welt als Wille zur Macht wenden würden, zeichneten sich dadurch aus, daß sie eben dieselbe zu ertragen vermögen. Hier sieht aber Rosen das Scheitern des revolutionären Anspruchs Nietzsches, da ein durch diese Wahrheit Ausgezeichneter nicht auf das Prinzip des Willens zur Macht reduziert werden könne. Damit hat Rosen aber in seiner Auslegung bereits eine Vorentscheidung zugunsten von Nietzsches Konzeption des Übermenschen gegenüber jener des Willens zur Macht und deren perspektivischen Konsequenzen getroffen. Ebenso ließe sich ja Nietzsches esoterische Wahrheit selbst als eine Interpretation verstehen. "Gesetzt, dass auch dies nur Interpretation ist--und ihr werdet eifrig genug sein, dies einzuwenden?--nun, um so besser.--"[5]
The Mask of Enlightenment ist bestimmt eine lesenswerte Untersuchung zu Nietzsches Also sprach Zarathustra. Insofern man mit Rosen den esoterischen Gehalt der Schrift Nietzsches als eine Wahrheit für die wenigen über den Inhalt dieser Wahrheit, nämlich die Welt als Chaos des Willens zur Macht, stellt, entgeht man dem Perspektivismus und beschreitet Rosens Weg eines Versuchs der "reconstitution of reason that enables us to perceive once more the common root of truth and goodness. That root was once known as philosophy" (S. 250). Dazu bedarf es jedoch einer Vorentscheidung gegen den Primat des Willens zur Macht.
Notes
[1]. Friedrich Nietzsche, Ecce Homo, in Sämtliche Werke: Kritische Studienausgaben in 15 Bänden (KSA), vol. 6 (Berlin and New York: de Gruyter, 1999), S. 298.
[2]. Friedrich Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse. KSA 5, S. 49.
[3]. Friedrich Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse. KSA 5, S. 57.
[4]. Stanley Rosen: Nihilism. A Philosophical Essay (South Bend: St. Augustine's Press, 2000).
[5]. Friedrich Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse. KSA 5, S. 37.
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Citation:
Martin Liebscher. Review of Rosen, Stanley, The Mask of Enlightenment: Nietzsche's Zarathustra.
H-German, H-Net Reviews.
January, 2006.
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