Stuart Parkes, Fritz Wefelmeyer, eds. Martin Walser in Perspective: Seelenarbeit an Deutschland. New York: Rodopi, 2004. 470 pp. $130.00 (cloth), ISBN 978-90-420-1993-5.
Reviewed by Susanne Koch (Department of German Studies, University of Cincinnati)
Published on H-German (January, 2006)
Ausgangspunkt des vorliegenden Bandes war die Konferenz, die zu Ehren von Martin Walsers 75. Geburtstages im Mai 2002 am Institute of Germanic Studies der Universität London stattfand. Anliegen der Anthologie ist es, durch die Zusammenstellung von 25 überarbeiteten Konferenzbeiträgen und einem nachträglich verfassten Essay, der Forschung und Diskussion um Walser Perspektiven zu öffnen. Die beitragenden Mitarbeiter sind internationale Wissenschaftler, die mit Universitäten in Europa, den USA und Neuseeland verbunden sind. Die Anthologie beinhaltet eine detaillierte Einführung und ist in fünf Kapitel untergliedert, in denen sich durch die ausgewählten Beiträge eine Debatte spiegelt, die die Ambiguität Walsers zum Vorschein bringt. Die Beiträge sind, je nach Verfasser, in deutscher oder englischer Sprache geschrieben. Allen Essays geht eine kurze Zusammenfassung in englischer Sprache voraus, die dem Leser den thematischen Überblick erleichtert. Jeder Beitrag schließt mit einer ausführlichen Bibliographie. Ohne in ihrer Summe Anspruch auf eine chronologische oder vollständige Darstellung zu erheben, rangieren die Essays von den Anfängen Walsers zu seinen späteren Arbeiten. Mathäs beschäftigt sich mit Walsers Adaption von Kafkas Erzähltechnik und Thematik. Williams beleuchtet Walsers Stelle als Radioredakteur beim Süddeutschen Rundfunk und seinen politisierenden Einfluß auf die westdeutsche Literatur. Waine bearbeitet Walsers Theaterstücke der sechziger Jahre, und Menke wirft einen interessanten Blick auf Walsers Tätigkeit als Gastprofessor an der West Virginia University. Bullivant, Meier, Luckscheiter, Uecker, Fetz und Plumb behandeln einzelne Aspekte in Walsers Werken, während Walling, Heidsieck, Schödel, Hofmann und Kiesel Vergleiche zu anderen Autoren anstellen. Zu Walsers Rhetorik in seinen Essays und öffentlichen Reden äußern sich Willer, Hahn, Nölle und van der Will. Die Beiträge von Schödel, van der Will, Hofmann, Kiesel, Lorenz, Conard und Gay widmen sich der heißumstrittenen Erinnerungsthematik, während Taberner und Parkes auf die Kontroverse neuer Lesarten von Walsers Prosa aufmerksam machen. Durch diese Breite bietet die Anthologie auch einem interessierten Leser, der sich bislang nicht näher mit dem Autor beschäftigt hat, einen faszinierenden Einstieg in Walsers Werk, in die Forschung und die Debatte, die Walser 1998 durch seine Friedenspreisrede ausgelöst hat.
Alle Essays weisen, unabhängig von ihrer positiven oder negativen Kritik, interessante Sichtweisen auf. Die Texte sollten in einem größeren Kontext gelesen und abgewägt werden. Weit mehr als die Hälfte der Beiträge beschäftigen sich mit Walsers kritischer Haltung gegenüber dem Selbstverständnis und Gewissen Deutschlands, wobei umstrittene Begriffe wie "Heimat," "nationale Identität," "Holocaust," "Erinnerung" und "Öffentlichkeit" im Brennpunkt der Auseinandersetzungen stehen. Beim Lesen der Beiträge sollte man im Auge behalten, daß der Versuch einer historischen, politischen und moralischen Neuverortung eines wiedervereinigten Deutschlands und die damit einhergehende Verschiebung des Holocaustdiskurses eine bedeutende Rolle spielt. Gerald A. Fetz macht darauf aufmerksam, daß Walser seit Ende der achtziger Jahre versucht historisch-ideologisch suspekte Begriffe wie "Heimat," "Nation" und "Volk" zu rehabilitieren, was jedoch von vielen als rechtsideologische Kehrtwende abgelehnt und heftigst kritisiert wurde. Hans-Joachim Hahn nimmt ebenfalls Walsers Versuch wahr, ein positives Nationalgefühl zu konstruieren. Er wirft Walser allerdings vor, in seiner Friedenspreisrede, durch die rhetorische Konstruktion einer Wir-Gruppe, Andersdenkende auszugrenzen und damit den öffentlichen Diskurs, der auf dem dialogischen Austausch von Meinungen basiert, zu schädigen. Auch Mathias N. Lorenz nimmt zu Walsers Wir-Konstrukt Stellung und stellt fest, daß es bei Walser kein Miteinander von Deutschen und Juden gibt und daß durch einen Rückzug des Täterkollektivs der Dialog mit der Opfergruppe abgebrochen wird. Wilfried van der Will verwirft seinerseits eine rechtsideologische Neuverortung Walsers. Er erläutert, daß der Autor in seiner Friedenspreisrede weder den Zivilisationsbruch noch die dokumentarisch überlieferten Bilder in Frage stellt, sondern die Instrumentalisierung und Ritualisierung des Holocaust durch die Medien und den öffentlichen Diskurs anprangert. Darüber hinaus betont van der Will, mit einem Blick auf Walsers Roman Ein springender Brunnen, daß es dem Autor um eine subjektive Erweiterung des verkürzten deutschen Geschichtsbilds geht. Michael Hofmann macht dagegen, durch einen Vergleich von Ein springender Brunnen mit Uwe Johnsons Jahrestage und Ruth Klügers weiter leben, darauf aufmerksam, daß Walsers individuelle Geschichtsbilderweiterung die Vergangenheit harmonisiert und die jüdischen Erfahrungen aus dem kollektiven deutschen Gedächtnis streicht. Obwohl auch Kathrin Schödel eine vom öffentlich-politischen Kurs abweichende Behandlungsweise der NS-Zeit für fragwürdig hält, macht sie dennoch darauf aufmerksam, daß eine einseitige Geschichtskonstruktion einem demokratischen Erinnerungsdiskurs abträglich ist und daß Literatur durch ästhetische Verfahren vereinfachenden Geschichtsbildern durchaus entgegenwirken kann, wie ihr Vergleich von Bernhard Schlinks Der Vorleser und Walsers Ein springender Brunnen beweist. Robert C. Conard bezieht sich wiederum auf die Walser-Bubis Debatte und bringt einen weiteren Faktor in die Diskussion. Er verdeutlicht, daß Walsers Friedenspreisrede eine Reaktion auf ein nationales Bedürfnis nach Normalität darstellt. In diesem Zusammenhang lässt sich auch Helmut Kiesels Essay lesen. Er analysiert, anhand der Blechtrommel und Ein Springender Brunnen, Grass¹ und Walsers unterschiedliche Verarbeitung der NS-Zeit und begründet diese mit dem Zeitgeist und den politisch-moralisch aktuellen Normen. Kiesel kommt zu dem Ergebnis, daß Grass normenkonforme Erinnerungsarbeit leistet, während Walser eine Erinnerung bietet, die mit den Regeln des bisherigen Erinnerungsdiskurs kollidiert. Caroline Gay, die in ihrem Essay Post-Walser-Debatten analysiert, bringt meines Erachtens Walsers umstrittene Bearbeitung von deutscher Vergangenheit und Gegenwart am besten auf den Punkt. Sie weist darauf hin, daß es in einer Zeit, in der die NS-Vergangenheit Deutschlands Geschichte wird, nicht nur darauf ankommt was erinnert wird, sondern auch wie erinnert wird (S. 411). Daß es dabei auch um das Problem geht wer sich zu was äußert, verdeutlicht Matthias N. Lorenz in seinem Beitrag zur Walser-Bubis Debatte.
Es gelingt dem vorliegenden Band, wie in der Einführung versprochen, neue Sichtweisen anzuregen. Mir ist, beim Lesen der vielfältigen Blickwinkel, folgendes klar geworden. In einer Demokratie hat jeder Mensch das Recht zu freier Meinungsäußerung, wie umstritten seine Ansichten auch sind. Je nach Brisanz der Thematik, resultieren daraus Kontroversen, die ihren Weg in den literarischen, historischen, öffentlichen und politischen Diskurs finden, der bisweilen auch polemische Züge annehmen kann. Dabei finden aber nichtsdestotrotz Auseinandersetzungen mit konformen und nonkonformen Einstellungen statt, die der Polyphonie einer Demokratie zugute kommen, versteckte Intentionen aufdecken und neue Sichtweisen anregen. Wer besorgt ist, daß Walser seinen Einfluss als Schriftsteller oder Redner nutzt, um seine kontroversen Ansichten in der Gesellschaft zu verbreiten, sollte bedenken, daß Werke anderer Autoren, öffentliche Diskussionen und wissenschaftliche Publikationen dazu beitragen, Walsers Einfluss zu relativieren. Das Wichtigste der Debatte um Walser ist, meines Erachtens, das Interesse am Thema und der Gedankenaustausch. Ich denke, daß es Martin Walser wiedereinmal gelungen ist die Gewissensbefragung Deutschlands anzuregen. Solange die Bemühungen um einen adäquaten Holocaustdiskurs zur Debatte stehen, wie es bei der Walser-Kontroverse der Fall ist, solange wird kein Schlußstrich unter die deutsche Geschichte gezogen, ist die Betroffenheit nicht erloschen und die Nachwelt bemüht aus dem Zivilisationsbruch zu lernen.
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Citation:
Susanne Koch. Review of Parkes, Stuart; Wefelmeyer, Fritz, eds., Martin Walser in Perspective: Seelenarbeit an Deutschland.
H-German, H-Net Reviews.
January, 2006.
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