Suzanne Kirkbright. Karl Jaspers: A Biography--Navigations in Truth. New Haven and London: Yale University Press, 2004. xxiii + 360 pp. $35.00 (cloth), ISBN 978-0-300-10242-0.
Reviewed by Daniel Morat (Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte, Universität Göttingen)
Published on H-German (September, 2005)
Gelebte Philosophie
Die historische Stunde von Karl Jaspers kam in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Als renommierter Philosoph und Quasiverfolgter des Naziregimes (da er in sogenannter "Mischehe" mit einer Jüdin verheiratet war, hatte er 1937 seine Professur in Heidelberg verloren) geno� er hohes Ansehen bei den amerikanischen Besatzungsbehörden und eine uneingeschränkte moralische Autorität. Diese nutzte er in den Jahren 1945-1948 nicht nur dazu, tatkräftig am Wiederaufbau der Heidelberger Universität mitzuwirken. Mit seinem 1946 erschienenen Buch über Die Schuldfrage und als Mitherausgeber der Zeitschrift Die Wandlung wandte er sich auch an die gesamte deutsche Nation und suchte zu deren sittlicher Erneuerung nach der "deutschen Katastrophe" beizutragen.[1] Gleichzeitig wurde die von ihm vertretene Existenzphilosophie zur philosophischen Mode der Nachkriegszeit, so da� man ohne �bertreibung sagen kann, da� Jaspers bis in die 1950er Jahre hinein einer der einflu�reichsten deutschen Philosophen und Intellektuellen war, auch wenn er im restaurativen Klima der frühen Bundesrepublik vielfach angefeindet wurde und es schon 1948 vorgezogen hatte, Heidelberg zu verlassen und eine Professur in Basel anzunehmen.
Von diesem Einflu� ist heute wenig übrig geblieben. Schon während der 1960er Jahre schwand Jaspers' Ansehen in der deutschen �ffentlichkeit, nicht zuletzt wegen seiner überzogenen Angriffe auf die Verfassung der Bundesrepublik (auch wenn er mit seiner Haltung zur deutschen Teilung einige Positionen der späteren Ostpolitik der Regierung Brandt vorweg nahm). Nach seinem Tod 1969 wurden zwar in mehreren Ländern Jaspers-Gesellschaften gegründet, und es etablierte sich eine Jaspers-Forschung, die aber überschaubar blieb und etwa bei weitem nicht mit der Nachwirkung seines langjährigen Weggefährten und Kontrahenten Martin Heidegger zu vergleichen ist, zumal Jaspers nie wie Heidegger schulbildend gewirkt hat. In dieser Situation mag es auch nicht überraschen, da� es bis vor kurzem keine umfassende Jaspers-Biographie gab (sieht man von der rororo-Monographie seines letzten Assistenten und Nachla�verwalters Hans Saner ab).[2] Dies hat sich nun geändert. Nachdem schon 2003 eine französische Biographie erschienen ist,[3] liegt nun auch die englische Darstellung der in Birmingham lehrenden Germanistin Suzanne Kirkbright vor.
Kirkbright konnte für ihre Biographie auf umfangreiche unveröffentlichte Materialien aus Jaspers' Nachla� zurückgreifen und hat auch die Erlaubnis erhalten, ausführlich daraus zu zitieren und viele der Briefe im Anhang im deutschen Original abzudrucken. Dabei handelt es sich in erster Linie um Familienkorrespondenz, d.h. um Briefe von Karl Jaspers an seine Eltern und Geschwister sowie an seine Frau Gertrud, aber auch um Briefe anderer Familienmitglieder an ihn. Da� sich Kirkbright bei ihrer Darstellung sehr weitgehend auf diese Familienkorrespondenz stützt, hat sowohl Vor- als auch Nachteile. Zu den Vorteilen gehört, da� sie auf diese Weise die intime Verwobenheit von philosophischer und biographischer Entwicklung, von philosophischem und Lebensethos bei Karl Jaspers sehr überzeugend herausarbeiten kann. Zu den Nachteilen gehört die Gefahr, Jaspers' Philosophie auf diese Weise zu ausschlie�lich auf ihren biographischen Hintergrund zurückzuführen und dabei ihre Einordnung in das geistige und politische Zeitumfeld zu vernachlässigen.
Karl Jaspers wurde am 23. Februar 1883 in eine gutsituierte Oldenburger Bürgertumsfamilie hineingeboren. Sein Vater, ein als Liberaler in der Landes- und Lokalpolitik engagierter Bankdirektor, und seine Mutter erzogen ihn im Geiste der Aufklärung und lie�en ihm eine klassisch-humanistische Bildung angedeihen. Durch den Rückgriff auf die ersten Jugendbriefe kann Kirkbright nicht nur Jaspers' frühe geistige Selbständigkeit aufzeigen, die unter anderem in seiner Renitenz gegenüber dem Schuldirektor zum Ausdruck kam, sondern auch die enge emotionale und intellektuelle Bindung an seine Eltern, die bis zu deren Tod 1940/41 andauerte. Vor allen Dingen war aber schon seine Kindheit und Jugend durch eine 1901 schlie�lich diagnostizierte unheilbare Lungenkrankheit überschattet, die sein gesamtes Leben nicht nur durch die Notwendigkeit einer disziplinierten Lebensführung, sondern auch durch die Aussicht auf einen frühen Tod prägte. Diese Erfahrung der eigenen körperlichen Gebrechlichkeit und zeitweiligen Todesnähe mag später zur Formulierung seiner Theorie der Grenzsituationen beigetragen haben. Zunächst spielte sie aber auch eine Rolle bei dem Entschlu�, das 1901 begonnene Jurastudium abzubrechen und zum Medizinstudium zu wechseln, das er 1908 nach Stationen in Berlin und Göttingen in Heidelberg abschlo�.
In Heidelberg lernte Jaspers nicht nur seinen lebenslangen Freund und Gesprächspartner Ernst Mayer kennen, sondern auch dessen Schwester Gertrud, die er 1910 heiratete. Da� dieser protestantisch-jüdischen Eheschlie�ung vor allen Dingen auf Seiten von Gertruds Familie nicht ohne Vorbehalte, dann aber auf allen Seiten herzlich zugestimmt wurde, macht Kirkbright durch eine ausführliche Rekonstruktion der Heiratsverhandlungen deutlich. Vor allen Dingen aber zeigt sie die gro�e Bedeutung dieser Ehe für Jaspers, der in Gertrud Mayer auch eine intellektuelle Partnerin gefunden hatte, die eng mit ihm an seinen philosophischen Werken zusammenarbeitete. Jaspers' philosophisches Ideal der rückhaltlosen Kommunikation und des "liebenden Kampfes" ist sicher nicht zuletzt am Modell der eigenen Ehe entstanden.
1913 habilitierte Jaspers in Heidelberg, wo er seit 1909 an der psychiatrischen Klinik gearbeitet hatte, für Psychologie. Nicht zuletzt unter dem Einflu� Max Webers, dem er in Heidelberg begegnet war und der zeitlebens eines seiner gro�en Vorbilder blieb, wandte sich Jaspers aber mehr und mehr der Philosophie zu. Nachdem er wegen seiner Krankheit nicht am Ersten Weltkrieg teilnehmen konnte, erschien 1919 sein Buch Psychologie der Weltanschauungen, das gemeinhin als erstes Dokument der deutschen Existenzphilosophie gilt. 1922 erhielt er einen Lehrstuhl für Philosophie in Heidelberg, den er bis zu seiner Zwangspensionierung 1937 und dann wieder von 1945 bis 1948 innehatte. Aufgrund seines ungewöhnlichen Werdegangs blieb er aber zeitlebens ein akademischer Au�enseiter innerhalb der universitären Schulphilosophie, gegen die sich sein philosophischer Impetus dann auch in erster Linie richtete. In dieser kritischen Haltung zur Schulphilosophie wu�te er sich mit Martin Heidegger verbunden, den er 1920 in Freiburg bei Edmund Husserl kennengelernt hatte und mit dem er in den 1920er Jahren eine "Kampfgemeinschaft" zur Erneuerung der Philosophie bilden wollte. 1932 erschien schlie�lich sein philosophisches Hauptwerk, die dreibändige Philosophie, an der er über zehn Jahre lang gearbeitet hatte, kurz nach der bekannten Schrift über Die geistige Situation der Zeit von 1931.
Diese Entwicklung vom Ersten Weltkrieg bis zum Ende der Weimarer Republik und auch die Beziehung zu Max Weber und Martin Heidegger schildert Kirkbright mit gro�er Anschaulichkeit. Gerade beim Verhältnis zu Heidegger hätte man sich aber gewünscht, da� sie weiter über die persönlichen Beziehungen hinausgeht und etwa auch die philosophische Beziehung von Heideggers Sein und Zeit zu Jaspers' Philosophie stärker in den Blick rückt. �berhaupt kommt die Darstellung von Jaspers' Philosophie und ihrer Position im geistigen Umfeld der Weimarer Republik vielfach zu kurz. Allerdings gibt es eine erhellende Passage über Jaspers' Verhältnis zu Freud sowie über die Bedeutung seiner Liebe zur Malerei (besonders zu der von van Gogh) für sein philosophisches Denken. Die Vorteile ihrer Einsicht in die Familienkorrespondenz kann Kirkbright dort besonders überzeugend zur Geltung bringen, wo sie die nicht immer einfache Beziehung von Karl Jaspers zu seinem Bruder Enno schildert, dessen Selbstmord Jaspers in seiner Philosophie verarbeitete.
Die Jahre der nationalsozialistischen Diktatur waren vor allen Dingen durch die ständige Bedrohung gekennzeichnet, der das Ehepaar durch die jüdische Herkunft von Gertrud Jaspers ausgesetzt war. Kirkbright schildert mit Hilfe der unveröffentlichten Korrespondenz auch das Schicksal der übrigen Familienmitglieder von Gertrud Jaspers, die mehrheitlich emigrieren mu�ten, während verschiedene Emigrationsbemühungen des Ehepaars Jaspers (u.a. nach Oxford) scheiterten. Die Freundschaft zu Martin Heidegger zerbrach endgültig, nachdem dieser sich 1933 für den Nationalsozialismus eingesetzt hatte und auch nach seinem Rückzug von der Politik kein Wort des Bedauerns darüber fand, da� Jaspers 1937 seines Lehrstuhls enthoben wurde. Im April 1945 stand das Ehepaar Jaspers bereits auf einer der letzten Deportationslisten und wurde nur durch den Einmarsch der amerikanischen Truppen gerettet.
Die oben bereits skizzierten Jahre von 1945 bis zu Jaspers' Tod 1969 schildert Kirkbright verhältnismä�ig knapp, wobei Jaspers' Thesen zur Schuldfrage sowie seine Teilnahme an den Rencontres Internationales de Genève 1946 besondere Aufmerksamkeit finden. Das letzte Kapitel widmet sich der Freundschaft zu Hannah Arendt, die auf Arendts Studienjahre bei Jaspers in Heidelberg zurückging, aber vor allen Dingen in der Nachkriegszeit für beide Seiten wichtig wurde.
Die Kürze in der Darstellung der letzten 24 Jahre und dabei auch von Jaspers' Rolle als neuer "praeceptor germaniae" ist durchaus entschuldbar, da dazu auch andere Untersuchungen vorliegen.[4] Innerhalb der Gesamtdarstellung entsteht dadurch aber ein gewisses Ungleichgewicht. Dieses Ungleichgewicht ist allerdings charakteristisch für den Fokus von Kirkbrights Biographie, denn diese ist in erster Linie an der Privatperson Jaspers und hier an dem Verhältnis von Leben und Philosophie interessiert. Zwar gibt sie selbst keine ausführliche Einführung in Jaspers' Denken, weshalb es gut ist, mit diesem schon in groben Zügen vertraut zu sein. Durch ihren Rückgriff auf die privaten Aufzeichnungen und Briefe kann Kirkbright aber überzeugend darlegen, da� Jaspers seine Existenzphilosophie tatsächlich mit seiner ganzen Existenz gelebt hat. Sie zeichnet so ein beeindruckendes (stellenweise vielleicht zu unkritisches) Lebensbild eines mit hohem Ethos ausgestatteten Wahrheitssuchers. Die Einordnung dieses Lebens in die geistig-politische Landschaft des 20. Jahrhunderts und in die Philosophiegeschichte im engeren Sinn wird dabei aber vielfach nur angedeutet und mu� vom historisch interessierten Leser selbst ergänzt werden.
Anmerkungen
[1]. Vgl. Mark W. Clark, "A Prophet without Honour: Karl Jaspers in Germany, 1945-48," Journal of Contemporary History 37 (2002): pp. 197-222.
[2]. Hans Saner, Karl Jaspers in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten (Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1970); vgl. au�erdem auch Jaspers' autobiographische Schriften: Karl Jaspers, Schicksal und Wille. Autobiographische Schriften. Hg. v. Hans Saner (München: Piper, 1967); Karl Jaspers, Philosophische Autobiographie. Erweiterte Neuausgabe (München: Piper, 1977).
[3]. Jean-Claude Gens, Karl Jaspers. Biographie (Paris: Bayard, 2003).
[4]. Vgl. etwa Ralf Kadereit, Karl Jaspers und die Bundesrepublik Deutschland. Politische Gedanken eines Philosophen (Paderborn: Schöningh, 1999).
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Citation:
Daniel Morat. Review of Kirkbright, Suzanne, Karl Jaspers: A Biography--Navigations in Truth.
H-German, H-Net Reviews.
September, 2005.
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