Uta Gerhardt. Zeitperspektiven: Studien zu Kultur und Gesellschaft--Beitrge aus der Geschichte, Soziologie, Philosophie und Literaturwissenschaft. Wiesbaden: Franz Steiner Verlag, 2003. 368 S. EUR 48.00 (cloth), ISBN 978-3-515-08229-7.
Reviewed by Georgi Verbeeck (Universiteit Maastricht)
Published on H-German (May, 2005)
Der Fall der Berliner Mauer hat sowohl in Europa als auch weltweit erneut das Interesse fr das Konzept Kultur geweckt. Der Kalte Krieg und die daraus resultierenden ideologischen Gegenstze, nahmen lange Zeit eine primre Position in der Politik ein und haben das Primat der Politik besttigt. In der angelschsischen Welt war dieser Trend lange sichtbar aber in Deutschland hat es bis zur Wende in Zentral- und Osteuropa gedauert bis ein Paradigmenwechsel einsetzte. In der Folge des Cultural Turn in England und in den Vereinigten Staaten, kam auch in Deutschland das Interesse fr die Kulturstudien auf. Deutschland kann darber hinaus auf eine alte Tradition hinsichtlich des Widerstreits um die Positionsbestimmung von Kulturgeschichte im besonderen und den Kulturwissenschaften im Allgemeinen verweisen. Um die vorletzte Jahrhundertwende wurde unter der Bezeichnung "Methodenstreit" eine hnliche Auseinandersetzung gefhrt, die durch Karl Lambrecht ausgelst wurde. In dieser Hinsicht ist die heutige Diskussion ber die Kulturwissenschaften in Deutschland strker als anderswo von historischen Erfahrungen beeinflusst. Der Streit um die Positionsbestimmung des Kulturbegriffes ist verbunden mit der Erinnerung an den Nationalsozialismus und die ideologisch-politischen Gegenstze whrend des Kalten Krieges.
Zeitperspektiven vereint Beitrge ber die Bedeutung der neuen Kulturwissenschaften in vier verschiedenen Fachdisziplinen: Geschichtswissenschaft, Soziologie, Philosophie und Literaturwissenschaft. Dadurch besteht zwischen ihnen eher ein loser Zusammenhang, der dennoch durch ein kraftvolles einleitendes Essay der Heidelberger Soziologin und Professorin Uta Gerhardt, die gleichzeitig eine zusammenfassende Analyse anbietet, sichtbar gemacht wird. Die unterschiedlichen Beitrge, die sich mit den verschiedenen fachspezifischen Disziplinen beschftigen, sind zu verschieden, um sie hier tiefgrndiger und zusammenhngend zu besprechen. Alle haben sie miteinander gemein, da sie die spezifischen kulturellen Erscheinungen als Teil einer bestimmten Zeit beschreiben. Die historische "Vogelperspektive"--eine Erbschaft des Hegelianismus in der Geschichtsschreibung--ist vorbei und wurde ausgetauscht gegen die Analyse "aus der Nhe". Programmatisch sind die Beitrge stets interdisziplinr, aber die Erfahrung lehrt, wie ambitis dieses Vorhaben meistens bleibt. Das Buch bleibt eine Sammlung von Konferenzreferaten ohne deutlichen Zusammenhang zwischen den unterschiedlichen Beitrgen.
Mit einigen Ausnahmen sind die meisten Beitrge stark ideenhistorisch orientiert. Karl-Ludwig Aly untersucht die Entwicklung des Max Weberschen Nation-Begriffs seit Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Zwischenkriegsjahre. James F. Tent untersucht den US-amerikanischen Einfluss auf die Berliner Freie Universitt, institutionell sowie auch politisch-ideologisch. Anhand literarischer Zeugnisse und autobiographischer Literatur untersucht Jrgen Reulecke das idealisierte Selbstbild des "neuen Menschen" und des "neuen Mnnlichkeitstypen" whrend der vorletzten Jahrhundertwende. Alexander Schmidt-Gernig analysiert die wissenschaflichtlichen Ansprche der Zukunftswissenschaft in den 1960er Jahren. Heinz-Gerhard Haupt reflektiert ber politische Umwlzungen in einer breiten makrohistorischen Perspektive. Aus der Perspektive der neueren Literaturwissenschaft analysiert Horst-Jrgen Gerigk das Russland-Bild bei Dostojevski. Mathias Bs untersucht die Querverbindungen zwischen den Sozialwissenschaften und der Brgerrechtenbewegung in den Vereinigten Staaten anhand des Einwirkens von Gunnar Myrdals Ideen. Gunnar Hindrichs reflektiert ber die Kritische Theorie und ihre Wechselbeziehung zu den geschichtlichen Erfahrungen mit dem Totalitarismus. Uta Gerhardt behandelt zum Schluss die Geschichte des Heidelberger Soziologentags 1964 und ihre Bedeutung fur die Rezeption Max Webers in den Sozial- und Kulturwissenschaften.
In einem einfhrenden und abschliessenden Essay pldiert Uta Gerhardt fr eine Differenzierung in Theorie und Praxis zwischen Kulturwissenschaften und Geisteswissenschaften. Die kulturwissenschaftliche Theorie bleibt ihrer Meinung nach einem Einheitsdenken mit autoritren und totalitren Grundzgen verpflichtet. Die Geisteswissenschaften dagegen sind antimonistisch und bercksichtigen die Pluriformitt kultureller Phnomene besser. Nicht zufllig spricht die Autorin deshalb von einer sogenannten "Perspektivitt" von Erkenntnisinteressen. Gerade das bestimmt ihren Ausgangspunkt fr die Geisteswissenschaften, sowohl in der Vergangenheit (seit Simmel und Dilthey) als auch in der Gegenwart. Zum Schluss bezieht auch die Autorin einen Standpunkt in der Diskussion um die politische Tragweite der kulturwissenschaftlichen Debatte. Sie wendet sich gegen die Gefahr des Kulturpessimismus und eines undemokratischen Politikbegriffes. Sie folgt dabei der Argumentation des amerikanischen Historikers Fritz Stern, der in seinem Politics of Cultural Despair auf die antidemokratischen Versuchungen der sogenannten Wertefreiheit hinweist. Webers Wertefreiheit dient Gerhardt folglich dazu, die politische Dienstbarkeit seitens der Wissenschaft zu verweigern und gleichzeitig die Mglichkeit des politischen Engagements der Wissenschaft fr die Demokratie zu bewahren.
Dieser Band ist wie die gegenwrtige Reflexion ber die Kultur- und Geisteswissenschaften selbst: kritisch, aber gleichzeitig auch eklektisch und chaotisch und stndig auf der Flucht nach vorn. Bereits der Titel Zeitperspektiven verrt, da es immer um einen mhsamen Prozess um neue Einsichten geht, die in Zusammenhnge gebracht werden mssen. Dem Band selbst fehlen diese Zusammenhnge mitunter. Eine Monographie mit einem deutlichen theoretischen Ausgangspunkt und angefllt mit verschiedenen Fallstudien die diesen illustrieren, htte dem Anliegen mglicherweise mehr entsprochen.
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Citation:
Georgi Verbeeck. Review of Gerhardt, Uta, Zeitperspektiven: Studien zu Kultur und Gesellschaft--Beitrge aus der Geschichte, Soziologie, Philosophie und Literaturwissenschaft.
H-German, H-Net Reviews.
May, 2005.
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